07.06.2014

Juli Zeh Die KlassensprecherinDas Jahr Snowden

Kinder, wie die Zeit vergeht. Vor einem Jahr, am 6. Juni, erschienen die ersten Dokumente aus dem geheimsten Inneren der NSA, an Journalisten weitergereicht von einem jungen Mann, der beschlossen hatte, die Welt über den grenzenlosen Datenhunger der Geheimdienste aufzuklären. Für diese Gewissensentscheidung opferte Edward Snowden, damals war er 29 Jahre alt, ein angenehmes Leben mit fester Freundin, gut bezahltem Job und Wohnung auf Hawaii. Er tauschte Freiheit gegen Verfolgung.
Seither haben wir, Enthüllung für Enthüllung, davon erfahren, wie hemmungslos wir durchleuchtet werden können. Wir haben lebhaft darüber diskutiert, was wir dagegen tun müssen, aber politisch ist nichts passiert. In Deutschland haben wir eine Kanzlerin, die das Abhören ihres Handys nicht gut findet und ansonsten keine Meinung zu "Big Data" hat. Wir sehen einem Parlamentarischen Untersuchungsausschuss zu, der den wichtigsten Zeugen immer noch nicht geladen hat und den die Regierung brüskiert. Dazu gibt es eine Öffentlichkeit, die sich wegen der schieren Größe des Problems irgendwo zwischen Überforderung und Resignation verliert.
So könnte man meinen, Edward Snowden habe sein Leben für nichts und wieder nichts aufs Spiel gesetzt. Sein Mitstreiter Glen Greenwald versichert allerdings, es gehe Snowden bemerkenswert gut.
Es stimmt ja auch, dass Snowden sein Ziel erreicht und eine weltweite Debatte ausgelöst hat. Der Lohn für die geopferte Zukunft ist die Sicherheit, dass er das Richtige getan hat. Deshalb sollten wir uns den Whistleblower als glücklichen Menschen vorstellen, auch wenn er nicht weiß, wo er nach dem Asyl in Moskau unterkommen kann.
Snowden hat unser Bewusstsein verändert. Datenschutz gilt jetzt nicht mehr als Spielfeld für paranoide Alarmisten. Die meisten Menschen haben verstanden, dass etwas passieren muss, auch wenn noch niemand weiß, was. Stammtischrufe nach mehr Überwachung und mehr Sicherheit haben an Durchschlagskraft verloren.
Die Sorge um digitale Überwachung hat den langen Weg vom Rand in die Mitte der Gesellschaft gefunden. Dank Snowdens persönlichem Einsatz kennen wir den Istzustand und sind in der Lage, uns darüber zu verständigen, wie unsere Welt im Kommunikationszeitalter aussehen soll. Das ist, zugegeben, ein langer Prozess, weil die Materie kompliziert ist.
Immer noch gibt es Streit darüber, ob Edward Snowden ein Held oder ein Verräter ist und ob er Asyl bekommen sollte. Aber am Jahrestag seiner ersten Enthüllung gibt es einen einfachen Satz, um ihm gerecht zu werden. Die Initiative "Rechtsanwälte gegen Totalüberwachung" hat sogar ein Flugzeug gechartert, um ein Banner über den Berliner Himmel zu ziehen: Thank you, Mr. Snowden.
An dieser Stelle schreiben drei Kolumnisten im Wechsel. Nächste Woche ist Jakob Augstein an der Reihe, danach Jan Fleischhauer.
Von Zeh, Juli

DER SPIEGEL 24/2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.

DER SPIEGEL 24/2014
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Juli Zeh Die Klassensprecherin:
Das Jahr Snowden