07.06.2014

Arbeitsmarkt„Das blöde Ding macht mir Angst“

Die Zahl der Menschen ohne Job ist so niedrig wie seit Jahren nicht. Nur die Langzeitarbeitslosen profitieren nicht vom Boom: Warum ist das so? Von Bruno Schrep
Er hat keine hohe Meinung von sich, der Johann T. aus Frankfurt am Main. "Ich bin eine verkrachte Existenz", sagt er, "ich bin ein Versager."
Da hat er nun, ach, Philosophie, Geschichte, Publizistik, Germanistik studiert mit heißem Bemühen. Und nun steht er da mit seinem Intelligenzquotienten von 130, nicht mehr gesund, 61 Jahre alt, arbeitslos seit über zehn Jahren. Empfänger von Hartz IV. Meldet sich zweimal im Jahr im Jobcenter und lässt sich von einer jungen Mitarbeiterin erklären, was für ihn noch infrage kommt, nämlich: nichts.
"Ich bin bedürftig", sagt der kräftige Mann mit dem hessischen Zungenschlag, "schon der Begriff ist demütigend."
Johann T. ist einer von 6,1 Millionen Menschen, die in Deutschland Hartz IV beziehen. Mehr als zwei Millionen der Betroffenen gelten nicht als arbeitslos, darunter alleinerziehende Mütter, Kranke, nicht mehr Vermittelbare. Die übrigen Hartz-IV-Empfänger werden in Fortbildungsmaßnahmen geschult, arbeiten als Ein-Euro-Jobber oder versuchen, sich etwas dazuzuverdienen.
Für Arbeitslose beträgt die durchschnittliche Bezugszeit von Hartz IV anderthalb Jahre. Als Langzeitarbeitslose gelten Menschen, die bereits seit mehr als einem Jahr einen Job suchen - Johann T. gehört schon viel länger dazu.
Er sitzt mit traurigem Lächeln in einem Frankfurter Café und zieht eine bittere Bilanz. Die Beziehung? Mehr oder weniger gescheitert. Die finanzielle Situation? Desolat. Der Rentenanspruch? Null. Die Gefühlslage? Geprägt von Verzweiflung und Scham. Die Perspektive? Altersarmut.
Früher, da hatte Johann T. große Pläne. Wollte zuerst die Welt verbessern, später als Unternehmer die Mietwagenbranche aufmischen. Sein Studium - er schloss die Fächer Germanistik und Geschichte mit dem Magister ab - finanzierte er mit nächtlichem Taxifahren, geriet dabei in die linke studentische Taxifahrerszene, in der Leute wie Joschka Fischer den Ton angaben. "Man hat sich jede Nacht getroffen", erinnert sich Johann T., "geredet, geraucht, Strategien ausgeheckt."
Student T. machte mit bei den großen Taxidemos gegen die Frankfurter Startbahn West, sympathisierte mit Hausbesetzern, klebte Plakate, verteilte Flugblätter. Für eine bürgerliche Existenz, die als spießig galt, war er nicht zu haben.
"Ich wollte mich nie unterordnen, nie vor einem Chef kuschen, nie abhängig sein", sagt er. Stattdessen überführte er gebrauchte Lastwagen in die Türkei oder nach Osteuropa. Verdiente gut, sorgte sich wenig um die Zukunft. Rentenversicherung? "So was brauch ich nicht." Krankenversicherung? "Ich bin kerngesund."
"Bewirb dich doch als Lehrer", beschwor ihn seine Mutter, "warum hast du sonst studiert?" Doch Johann T. lachte nur. "Hätte ich bloß auf sie gehört", sagt er heute.
Nach der Wende wollte er als Unternehmer groß rauskommen. Zunächst im Osten, später im Rhein-Main-Gebiet gründete er Autovermietungen, nahm hohe Kredite auf, stellte Personal ein, warb mit Sonderrabatten.
Anfangs hatte er Erfolg, dann kam es zum Desaster. "Diesem knallharten Geschäft war ich nicht gewachsen", hat Johann T. inzwischen erkannt, "ich war einfach zu naiv."
Er musste Privatinsolvenz beantragen. Fortan bestritt die Freundin, mit der er zwei Kinder hat, mit ihrem Bürojob den Lebensunterhalt für die Familie. T. saß meist zu Hause, konnte sich zu nichts aufraffen, zu keiner Umschulung, zu keinem Neubeginn. Lautstarke Auseinandersetzungen um Geld bestimmten den Alltag.
"Geh doch zum Sozialamt", forderte ihn die Freundin auf. Doch Johann T. wehrte sich lange, aus Stolz - bis er schließlich nachgab, in ein kleines Zimmer zog und sich mit Anfang fünfzig einreihte in die Schlange vor dem Jobcenter, resigniert, geschlagen. Seither lebt T. von Hartz IV und schämt sich dafür.
Beim Klassentreffen, wenn die ehemaligen Mitschüler mit ihren Erfolgen prahlen, sitzt er still in einer Ecke, wimmelt Nachfragen mit vagen Angaben ab. Wenn er Bekannte von früher sieht, Studienfreunde oder Kumpel vom Fußballverein, dreht er sich um und geht schnell in eine andere Richtung.
Selbst vor seinen inzwischen erwachsenen Kindern fühlt sich der Erwerbslose minderwertig. "Der Respekt ist weg", vermutet er. Und glaubt zu wissen, was sie über ihn denken: "Der Alte hockt den ganzen Tag in seiner Bude, starrt auf den PC und qualmt."
Um wenigstens etwas dazuzuverdienen, entwickelt Johann T. Software für kleine Autofirmen, davon versteht er noch was von früher. Zwar kommt nicht viel dabei herum. Doch offiziell gilt er als Selbstständiger, als sogenannter Aufstocker. Die Differenz zwischen dem kleinen eigenen Verdienst und seinem Anspruch, also den größten Teil seines Einkommens, zahlt der Staat.
Die selbstständige Tätigkeit bewahrt ihn davor, dauernd Bewerbungen verfassen zu müssen, Vorstellungsgespräche zu führen oder sich umschulen zu lassen. Sein schlimmster Albtraum: Er wird verdonnert, Laub im Park zu fegen, und Joschka Fischer kommt vorbei und macht eine süffisante Bemerkung.
Als sie erstmals in ihrem Leben vor einem Computer sitzt, überfällt Barbara S. eine Art Panik. Die 45-Jährige zittert, schwitzt heftig, kriegt kaum noch Luft. Sie drückt auf eine Taste, der Bildschirm, zuvor hell, wird plötzlich schwarz, es erklingt ein kurzes Summen. "Ich kann das nicht", sagt sie leise, "das blöde Ding macht mir Angst."
"Alles halb so schlimm", sagt der Ausbildungsleiter, "die anderen lernen es doch auch." Im Computerkurs für Arbeitslose über vierzig, vom Jobcenter Bremerhaven organisiert, wird es still. Die übrigen Kursteilnehmer starren verwundert oder belustigt auf die Frau mit den rötlichen Haaren, die mit den Tränen kämpft. Es ist der Moment, in dem Barbara S. aufspringt, davonläuft und nicht wiederkommt.
Es ist nicht das erste Mal, dass Barbara S. vor Herausforderungen flüchtet. Sich selbst etwas zuzutrauen, sich einen Ruck zu geben, um etwas Neues zu beginnen, hat sie nie gelernt.
Als sie mit 14 aus der Hauptschule entlassen wurde, mit überwiegend schlechten Noten, kümmerte sich niemand um einen Ausbildungsplatz. Die Mutter starb, als Barbara gerade sechs Jahre alt war. Der Vater, ein Bauarbeiter und meistens auf Montage, steckte die Tochter als Dienstmädchen in eine Handwerkerfamilie. Sie musste schrubben, waschen, bügeln, kochen, und an den Wochenenden führte sie auch beim Vater den Haushalt.
Weil sie keinen Beruf gelernt hat, blieben ihr später, oft unterbrochen von Arbeitslosigkeit, nur schlecht bezahlte Aushilfsjobs: Barbara S. ölte Räder in einem Fahrradladen, räumte schmutziges Geschirr weg in einer Nordsee-Filiale, putzte Büros, sortierte Gemüse und Obst in einem Einkaufszentrum.
Mit 18 Jahren heiratete sie, kurz danach kam das erste Kind. Ehemann Uwe S., ein gelernter Maurer, wurde im Alter von 28 Jahren erstmals arbeitslos, seine Firma machte Konkurs. Die Werftenkrise traf Anfang der Achtzigerjahre auch die Baubranche, in Bremerhaven gingen viele Unternehmen kaputt. Familie S. hielt sich mühsam mit Gelegenheitsjobs über Wasser. Mal ergatterte sie eine Stelle als Aushilfsverkäuferin, mal wurde er für ein paar Monate auf einer Baustelle gebraucht.
Lange her. Seit vor knapp zehn Jahren die Hartz-IV-Regelung eingeführt wurde, stehen die Eheleute S. auf der Liste der sogenannten Langzeitbezieher. Ihre Miete wird von der Stadt bezahlt, beide kassieren jeweils 353 Euro monatlich. "Luftsprünge kann man damit nicht machen", sagt Barbara S., deren zwei erwachsene Söhne längst ausgezogen sind.
In der kleinen Parterrewohnung, blitzsauber geputzt, penibel aufgeräumt, stehen viele alte Möbel. Die Schrankwand stammt aus dem Nachlass einer verstorbenen Schwester, die weiße Ledergarnitur spendierte die Mutter von Uwe S., als sie sich eine neue zulegte. Sie sprang auch ein, als der alte Gefrierschrank kaputtging.
Uwe S., der amerikanische Countrymusik liebt, auch selbst Gitarre spielt, hat an der Wand des ehemaligen Kinderzimmers mehrere Reklamespiegel für amerikanische Whiskeysorten aufgehängt, die ihm ein Verwandter aus Übersee mitbrachte, dazu alte Gitarren. Seinen Traum von einer USA-Reise symbolisiert ein Straßenschild mit der Aufschrift "Route 66".
Seit ihrer Hochzeit vor 33 Jahren sind Barbara und Uwe S. kein einziges Mal in Urlaub gefahren, sind nie aus der Siedlung herausgekommen, in der sie aufwuchsen. Sie lernten sich dort in der einzigen Kneipe kennen, auch ihre wenigen Freunde leben in den Wohnblocks am Bremerhavener Stadtrand. Beide Eheleute besitzen nicht mal den Führerschein.
Das Leben mit Hartz IV wäre einfacher, wenn es die anderen nicht gäbe. "Trifft man Menschen, die arbeiten, fühlt man sich sofort minderwertig", gesteht Uwe S., "als Mensch zweiter Klasse." Als kürzlich bei einer Geburtstagsfeier ein Gast sagte, Arbeitslose seien alle Drückeberger, sei er aufgestanden und wortlos gegangen. "Die Leute würden ganz anders denken, wenn sie selbst in dieser Lage wären."
Wie schnell das passieren kann, hat die Familie 1999 erlebt. Uwe S. war 42 Jahre alt, als Ärzte eine chronische Krankheit feststellten. Seitdem wurde er 17-mal operiert - und hatte nie mehr eine feste Anstellung. "Ich würd ja gern noch etwas tun", sagt er, "doch einen wie mich will niemand." Früher habe er sich noch öfters auf offene Stellen bewerben müssen, aber heute, mit 58, lasse man ihn in Ruhe - im Gegensatz zu seiner sechs Jahre jüngeren Frau. Sie gilt als schwer vermittelbar.
Barbara S. sträubt sich gegen alles, was sie nicht kennt. Forderungen von Mitarbeitern des Jobcenters, sich neuen Aufgaben zu stellen, empfindet sie als Bedrohung. Nachdem sie vom Computerkurs davongelaufen war, drohte ihr richtig Ärger. Um eine Kürzung der Bezüge zu verhindern, schilderte sie einem Psychiater ihre Versagensfantasien, ihren Widerwillen gegen eine Technik, die für die meisten Menschen zum Alltag gehört. Der Mediziner attestierte ihr Angststörungen, das ersparte ihr lästiges Nachhaken vom Amt.
Auch andere Angebote lehnte Barbara S. ab, wehrte sich gegen eine neunmonatige Ausbildung zur Altenpflegerin. Begründung: "Ich klammere bei Beziehungen. Wenn dann so ein altes Mütterchen stirbt, heul ich mir die Augen aus." Im Tierheim hielt sie es nur einen Tag aus. "Was da passiert, ist so grausam", fand sie, "diese winzigen Käfige, diese vielen eingesperrten Tiere." Nein und nochmals nein.
Bei einer von der Stadt finanzierten Beschäftigungsgesellschaft hat Barbara S. vor Kurzem einen Job gefunden, dem sie sich gewachsen fühlt. Im Lager eines Sozialkaufhauses spült und poliert sie viereinhalb Stunden pro Tag gespendete Gläser, Vasen und Porzellanfiguren - eine Tätigkeit, die sie an ihre Kindheit erinnert. Den Verdienst, monatlich rund hundert Euro, darf sie behalten.
Manchmal sage ich einem auf den Kopf zu, dass er ein Arschloch ist", verrät Klaus Marschall, "ich rede ganz offen mit den Leuten." Wenn jemand Einnahmen von 1600 Euro verheimliche, um weiter Stütze zu kassieren, könne er richtig sauer werden. Aber dies, schränkt Marschall ein, sei "die absolute Ausnahme".
Der 55-Jährige, ein drahtiger Hobbyradler, sitzt im dritten Stock des Jobcenters Frankfurt-Höchst, Zimmer 346, zuständig für die Anfangsbuchstaben A, C und E. Vor sich auf dem Schreibtisch ein paar Akten, schräg hinter sich einen gläsernen Kühlschrank mit Joghurt, Milch, Zitronensaft und der Aufschrift "Immer schön wach bleiben". Der Mann mit dem Frankfurter Dialekt und der hohen Tenorstimme, der mehr singt als spricht, rechnet als sogenannter Leistungssachbearbeiter aus, was den einzelnen Hartz-IV-Empfängern zusteht. Er kürzt, genehmigt, prüft. Gewährt Umzugskosten, zieht Einkünfte ab, studiert Wirtschaftspläne auf Plausibilität.
Es ist ein täglicher, oft zermürbender Kampf um kleine und große Vorteile. Müssen für die Fahrt zur alten Mutter wirklich Kosten erstattet werden? Und wie oft? Wurde dem Kunden, wie Leistungsempfänger inzwischen höflich genannt werden, wirklich von der Firma gekündigt, oder hat er den Nebenjob selbst geschmissen, weil er ihm lästig war?
Es gibt viele Tricks, und Marschall, der früher bei der Post als Fernmeldehandwerker arbeitete, kennt inzwischen die meisten. Aber er weiß auch um die Not vieler Bezieher. Neulich pumpte er einem seiner Klienten 30 Euro aus eigener Tasche, weil der kein Geld mehr besaß, um sich Lebensmittel zu kaufen. "Und er hat pünktlich zurückgezahlt."
Den Anteil der Menschen, die keinerlei Initiative mehr zeigen, schätzt Marschall auf 15 Prozent. Meist Leute, die schon vor der Einführung von Hartz IV die früher übliche Sozialhilfe bezogen hätten. Die Zahl von Kunden, die unbedingt aus der Abhängigkeit rauswollten, sei ungleich größer. Marschalls Lieblingsbeispiel ist eine afghanische Flüchtlingsfamilie. Das Ehepaar habe es mit jeweils drei Putzstellen geschafft, so viel zu verdienen, dass es keinerlei Hilfe mehr benötigte.
Eine Ausnahme. "Ich kenne viele Menschen, die schuften mehr als 60 Stunden die Woche, und das Geld reicht trotzdem nicht", berichtet Michaela Ehrhardt. Die resolute Endvierzigerin sitzt ein paar Zimmer neben Klaus Marschall und versucht, Arbeitslose wieder in Lohn und Brot zu bekommen, die Willigen und die Unwilligen, die Netten und die Stinkstiefel. Sie bemüht sich, für jeden Arbeitslosen das Passende zu finden - und erntet doch oft Unzufriedenheit, manchmal auch Krawall.
Die Menschen, die zu ihr kommen, fühlen sich häufig ausgegrenzt, gedemütigt, zu kurz gekommen, überfordert, manche zu Recht, andere zu Unrecht. Einige sind einfach nur wütend.
Besonders elend fühlt sich die Vermittlerin, wenn sich vor ihren Augen eine Tragödie ereignet. Dieser Reiseleiter aus Barcelona, arbeitslos aufgrund der Pleite seiner Agentur, war bei seinen ersten Besuchen modisch gekleidet, gut gelaunt, voller Tatendrang. Als dem Mittfünfziger nach vielen vergeblichen Anläufen klar wurde, dass in seiner Branche nur flotte junge Leute gesucht werden, ging es bergab. "Zuletzt kam er nur noch im Trainingsanzug", sagt Ehrhardt, "er roch nach Alkohol, hatte zerzauste Haare, war unrasiert." Inzwischen ist der Mann erwerbsunfähig, bezieht Sozialgeld.
Über ihre unangenehmsten Erfahrungen spricht die Sachbearbeiterin ungern, sie will keine Vorurteile schüren, keinen Beifall von der falschen Seite. Doch Erlebnisse mit jungen männlichen Migranten empören und verbittern sie. "Die treten mit unfassbarer Arroganz auf", berichtet sie.
Vor allem ein junger Türke, 25 Jahre alt, habe sie behandelt wie Dreck. "Mit Frauen konnte der gar nicht", erzählt sie, "Menschen wie mich hat der total verachtet." Der Mann ohne Schulabschluss und ohne Ausbildung, der noch keiner Tätigkeit nachgegangen sei, immer nur Hartz IV kassierte, habe sie geduzt, ausgelacht, als "Schlampe" beschimpft. Als sie ihm bei einem Besuch 30 Prozent seiner Bezüge strich, weil er sich nirgends beworben hatte, kam es zum Eklat. Der junge Mann baute sich vor ihr auf, schlug auf den Tisch, drohte mit Schlägen. Er musste schließlich von vier Polizisten abgeführt werden.
Immer öfter wird die Sachbearbeiterin auch mit Menschen konfrontiert, die im Jobcenter am falschen Platz sind: Drogenabhängige, psychisch Kranke, Gewaltopfer. Dem jungen deutschen Junkie, der in ihr Büro torkelte, konnte sie ebenso wenig helfen wie dem verwirrten Afrikaner, der auf die harmlose Frage nach seinem Ausweis zu zittern begann, unverständliche Worte schrie und den Schreibtisch umwarf.
Einfach nicht vergessen kann Michaela Ehrhardt den Flüchtling aus Pakistan, der mitten im Beratungsgespräch sein T-Shirt hochzog, ihr stumm seinen von Folterspuren gezeichneten Oberkörper zeigte: Schussverletzungen, Stichwunden, Brandnarben. Eine Woche später bekam sie die Nachricht, dass sie die Akte schließen könne. Der Mann war im Krankenhaus an Spätfolgen der Misshandlungen verstorben. "Daraufhin musste ich mich drei Tage krankschreiben lassen."
Wenn er morgens aufwacht, meist gegen acht Uhr, stellt sich für Stefan M. stets die gleiche Frage. Soll er hoch oder sich noch mal umdrehen? Meistens entscheidet er sich fürs Weiterschlafen, so bis gegen zehn. "Warum soll ich früh aufstehen, wenn es sowieso nichts zu tun gibt?"
Stefan M., 41 Jahre alt, alleinstehend, ist seit Jahren arbeitslos. Und er hat sich irgendwie daran gewöhnt. Zwar fühlt er sich nicht glücklich, häufig plagt ihn ein schlechtes Gewissen. Doch mit jedem Tag geht ihm ein Stück Kraft verloren. "Manchmal fühle ich mich wie gelähmt", sagt er.
Dabei war er doch mal ein begeisterter Journalist. Einer, der jedes Wochenende arbeitete, einer, für den der Job auch Hobby war. Der für den Traumberuf die angepeilte akademische Laufbahn schmiss, einfach so, nach sieben Semestern Politologie. Und der jetzt nicht mehr weiß, wie er die Kurve kriegen soll.
Die Karriere beim Mainzer Fernsehsender 3sat begann 1998 mit einem sechswöchigen Praktikum. Stefan M. stellte sich so geschickt an, dass er sofort für ein Ratgebermagazin engagiert wurde. "Freier Autor, das hörte sich nach etwas an", erinnert er sich heute, "ich war richtig stolz." Der junge Journalist, Seiteneinsteiger ohne Ausbildung, drehte Filme über Verkehrsthemen, drei bis fünf Minuten lang. Testete neue Autos, stellte neue Berufe in der Kraftfahrzeugbranche vor. Er verdiente rund 2500 Euro monatlich. Nebenbei schrieb er für die Frankfurter Allgemeine.
Als das TV-Magazin 2007 eingestellt wurde und alle freien Mitarbeiter ihren Job verloren, machte sich Stefan M. keine Sorgen: "Ich kannte so viele Leute, war so gut vernetzt, ich sah da kein Problem." Doch im Rhein-Main-Gebiet, wo inzwischen viele arbeitslose Journalisten lebten, waren alle Türen zu. Auch das tolle Zeugnis nutzte nichts. Stefan M. schulte zum Versicherungsfachmann um, ein Jahr lang.
Weil er bei seiner ersten Anstellung versagte, zu wenig Policen verkaufte, bekam er Druck von Vorgesetzten. Den hielt er nicht aus. "Das ist nichts, was ich die nächsten 30 Jahre machen möchte", erklärte er im Jobcenter. Er traf auf Verständnis und bekam eine Ausbildung zum Onlineredakteur finanziert. Lernte neue Schneidetechniken, Tricks bei der Bildbearbeitung und verschiedene Redaktionssysteme kennen, paukte Medienrecht.
Seitdem verschickte Stefan M. viele Bewerbungen, vergebens. Die meiste Zeit verbringt er in seiner kleinen Frankfurter Hochhauswohnung. Schaut fern, raucht, liest Zeitung. Betrachtet von seinem Balkon aus die Wolkenkratzer von Mainhattan, die Symbole einer pulsierenden Metropole. Den Hartz-IV-Regelsatz, 391 Euro plus Miete, stocken die Eltern, beide Rentner, manchmal mit ein paar Scheinen auf. 100 Euro zusätzlich kassiert der Exjournalist, weil er mittwochs in seinem Stadtbezirk ein Anzeigenblatt verteilt. Es ist sein einziger fester Termin in der Woche.
"Mir fehlt die Struktur", gibt er zu. Zeit dehnt sich endlos und wird doch knapp. Die Wohnung muss sauber gemacht werden, klar. Aber wann? Heute? Nee, lieber morgen. Oder, besser noch, übermorgen. Sicher, bei der Frachtabfertigung am Flughafen könnte er sofort als Hilfskraft anfangen, das weiß er. Und er ahnt auch, dass es viele Menschen gibt, die genau dies von ihm erwarten. Aber bisher hat ihn niemand zu so einer Tätigkeit gedrängt.
"Noch macht meine Sachbearbeiterin keinen Stress", sagt Stefan M. Die Vorstellung, etwas Ähnliches wie seinen früheren Traumjob zu finden, hat er zwar aufgegeben. "Doch es muss etwas sein, was mir annähernd Spaß macht."
Weil Stefan M. ungern aus Frankfurt weg möchte, hat er sich bisher auf Angebote in der Region beschränkt. Künftig will er seine Suche auf ganz Deutschland ausdehnen. Er weiß: Die meisten offenen Stellen für Onlineredakteure gibt es in Hamburg, München und Berlin. ■
Von Bruno Schrep

DER SPIEGEL 24/2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 24/2014
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Arbeitsmarkt:
„Das blöde Ding macht mir Angst“

Video 01:12

Dashcam-Video Fahrt auf zugefrorenem See endet dramatisch

  • Video "Anklage eines Fahrlehrers: Zur Unselbstständigkeit erzogen" Video 04:22
    Anklage eines Fahrlehrers: "Zur Unselbstständigkeit erzogen"
  • Video "Streit um Grenzmauer: Das muss gestoppt werden" Video 02:27
    Streit um Grenzmauer: "Das muss gestoppt werden"
  • Video "Endlich verständlich: Wann kann in den USA der Notstand ausgerufen werden?" Video 01:46
    Endlich verständlich: Wann kann in den USA der Notstand ausgerufen werden?
  • Video "Feuerwehreinsätze in Berlin: Alarm rund um die Uhr" Video 48:27
    Feuerwehreinsätze in Berlin: Alarm rund um die Uhr
  • Video "Twitter-Beef zwischen Kevin Kühnert und Herrn Wang: Arroganter Politikerschnösel!" Video 02:21
    Twitter-Beef zwischen Kevin Kühnert und Herrn Wang: "Arroganter Politikerschnösel!"
  • Video "Wladimir Putin: Malheur beim Judo" Video 00:44
    Wladimir Putin: Malheur beim Judo
  • Video "Amateurvideo: Kreuzfahrtschiff rammt Anleger" Video 01:17
    Amateurvideo: Kreuzfahrtschiff rammt Anleger
  • Video "Grenze USA-Mexiko: Lebensgefährliche Flucht" Video 01:47
    Grenze USA-Mexiko: Lebensgefährliche Flucht
  • Video "Airbus  A380: Scheitern eines Giganten" Video 02:33
    Airbus A380: Scheitern eines Giganten
  • Video "Video aus Delta-Airlines-Maschine: Verletzte nach Turbulenzen" Video 01:14
    Video aus Delta-Airlines-Maschine: Verletzte nach Turbulenzen
  • Video "Syrerin heiratet Deutschen: Wenn Liebe Grenzen überwindet" Video 05:09
    Syrerin heiratet Deutschen: Wenn Liebe Grenzen überwindet
  • Video "Video aus Delta-Airlines-Maschine: Verletzte nach Turbulenzen" Video 01:14
    Video aus Delta-Airlines-Maschine: Verletzte nach Turbulenzen
  • Video "Hohe Durchfallquote: Woran Fahrschüler scheitern" Video 02:25
    Hohe Durchfallquote: Woran Fahrschüler scheitern
  • Video "Auftragsflaute: Airbus stellt Produktion des A380 ein" Video 00:35
    Auftragsflaute: Airbus stellt Produktion des A380 ein
  • Video "Dashcam-Video: Fahrt auf zugefrorenem See endet dramatisch" Video 01:12
    Dashcam-Video: Fahrt auf zugefrorenem See endet dramatisch