07.06.2014

ZeitgeschichteEin letzter Gruß für Gustav Schulz

Fast siebzig Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg erfährt ein norddeutscher Klempnermeister vom Schicksal seines verschollenen Vaters. Die Nachricht verändert sein Leben - und das seiner Familie. Die Geschichte einer späten Suche.
Als das Papier aus Moskau in dem kleinen Ort eintrifft, oben im Norden Deutschlands, scheint erste Frühlingssonne auf die roten Backsteinhäuser, und über den Äckern kehren die Vögel zurück. Gerhard Schulz aber, Mitbegründer des Schützenvereins und der Dorfkapelle "Dörpskapell" in Hagen bei Stade, fällt heraus aus seiner Welt. Er betrachtet die kyrillischen Buchstaben, liest den deutschen Brief, der das Papier begleitet. Es ist, nach 67 Jahren, die erste Nachricht vom Verbleib seines Vaters.
"Wir freuen uns, Ihnen die Rehabilitierungsbescheinigung für Ihren Angehörigen zustellen zu können", steht da. "Nun besteht auch die Möglichkeit, in seine Akte in Moskau Einsicht zu nehmen und Kopien vom Urteil und den Verhörprotokollen anzufordern."
Akteneinsicht. Moskau. Verhörprotokolle. Nichts von alldem habe er an jenem Tag begriffen, sagt der Meister für Klempner- und Installationsarbeiten heute, drei Jahre später. "Ich war ja ahnungslos. Aber alles, was sich aus diesem Brief ergab, hat mein Leben mit fast achtzig Jahren noch einmal völlig verändert."
Man könne jetzt endlich mit ihm über all das reden, so sagt es seine Frau. Er wirke wie genesen, findet sein Sohn. Das Explosive sei weg, auch die manchmal formelhafte Starre, meinen die Zwillingstöchter. Und überhaupt die Lebensangst.
Zehn Jahre alt war Gerhard Schulz, als er den Vater zum letzten Mal sah. März 1945, er saß mit Eltern und Geschwistern in der Wohnstube zu Hause im brandenburgischen Raumerswalde an der Warthe. Im Türrahmen erschien eine Maschinenpistole, dann eine Fellmütze mit Sowjetstern; "rabotti, rabotti!" - "arbeiten, arbeiten!", riefen die Soldaten der Roten Armee und nahmen den Vater auf ihrem Pritschenwagen mit.
Am Abend wies die Mutter den Jungen an zu beten, dass der Vater wiederkomme, und der Junge betete jeden Tag. Das Dorf wurde polnisch, sie mussten es verlassen, eine Stunde hatten sie dafür Zeit, Richtung Berlin, wo die Arme und Beine der Toten aus dem Geröll stachen und einmal auch die Mutter mit einem Sprung von einer Brücke ihr Leben beenden wollte. Der Junge hielt sie ab und betete; noch als sie längst im Norden Deutschlands angekommen waren, betete er, dass der Vater wiederkomme. Aber irgendwann legte er die Vergangenheit mit der gleichen umtriebigen Tatkraft ab wie seinen Brandenburger Dialekt.
Als einen "Hansdampf in allen Gassen" kennen ihn die Leute im Ort; ein Kegelbruder, Jäger, Jagdhornbläser und Chorkamerad, auch stellvertretender Bürgermeister war Herr Schulz einmal. Noch immer probt mit ihm am Mikrofon und Schlagzeug jeden Montag seine Dörpskapell. Noch immer wirkt er, trotz der weißen Haare, drahtig und agil.
Und trotzdem hatten ihn, wie viele Männer und Frauen seines Alters, gegen Ende des Lebens die offenen Fragen bedrängt. Immer quälender, immer unnachgiebiger hatten sie sich auf sein Gemüt gelegt, bis er schließlich Nachforschungen angestellt hatte, angetrieben von seiner Familie, die sich von mehr Gewissheit auch endlich mehr Ruhe versprach. Ämter und Archive erhielten Post aus Hagen bei Stade, der Suchdienst des Deutschen Roten Kreuzes, all die Auskunftsstellen, die Vergangenes bewahren: Was wurde aus den Großeltern? Wo liegt die ältere Schwester begraben? Aber, vor allem: Was geschah dem Vater?
"Ich hätte es nie für möglich gehalten, dass mich meine Kindheit noch einmal derart beschäftigen könnte", sagt der Klempnermeister, er klingt noch immer erstaunt. Seine Frau hat eine Kaffeetafel auf dem Sofatisch im Wohnzimmer gedeckt. In einer Vase treiben Zweige weiße Blüten, an den Wänden die Fotos der erwachsenen Kinder, ein heimeliger Ort. "Nun ja", widerspricht sie ihrem Mann freundlich, "ein Ereignis gab es, da war eigentlich klar, dass du die alten Geschichten nie losgeworden bist. Es fiel uns nur nicht auf, damals."
Ein Verwandter war gestorben, damals, und die Töchter von Herrn Schulz hatten ihren Vater am Tag der Beerdigung umarmt: "Papa, wie gut, dass du noch da bist!" Am nächsten Morgen ergriff Gerhard Schulz eine nie gekannte Panik. Der erschrockene Hausarzt wies den Mann in eine psychosomatische Klinik ein, "Trauma-Aktivierung" hieße die Diagnose heute: die plötzliche, unerwartete Wiederkehr eines vergessen geglaubten Gefühls elementarer Hilflosigkeit. Doch damals, vor fast zwanzig Jahren, dachte niemand an das vaterlose Kind und seine ohnmächtigen Gebete von einst. Nicht einmal Hildegard Schulz kannte das Ausmaß der frühen Verlorenheit. Ihr Mann hatte, wenn überhaupt, nur formelhaft von Leid und Unheil berichtet. Viel lieber aber erzählte er von dollen Kindheitsabenteuern an der Warthe.
Bedächtig verteilt die dunkelblonde Frau den Apfelkuchen. "Nach diesem Klinikaufenthalt", sagt sie vorsichtig, wurde "das, was vorher schon schwierig war, immer schwieriger". Seine Unduldsamkeit, Wut und Ärger wegen nichtiger Anlässe; die bodenschwere Stimmung, die manchmal unvermittelt durchs Haus zog, nicht fassbar, aber trotzdem da. Die wiederkehrenden diffusen Beschwerden; Herzrasen, wenn ein Heiligabend nicht verlief wie erhofft, Taubheitsgefühle in den Beinen, wenn die Familie nicht um ihn war. Einmal verbrachte Hildegard Schulz einen Urlaub ohne ihn, da machte er sich beinahe täglich auf, um am Flughafen zu kontrollieren, dass ihrer Rückreise nichts im Wege stand. Herr Schulz knetet die Finger, während seine Frau erzählt. "Du hast wohl recht mit deiner Betrachtung", sagt er dann. "Aber diese Klinik war für mich das Schlimmste. Sieben Wochen war ich weg von euch, weg von zu Hause."
Verlustängste, den Menschen und den Dingen gegenüber, so sieht er es heute. Der betagte Klempnermeister ist bei der Suche nach seiner Geschichte auf Sachverständige gestoßen, die ihm vorher fremd, auch suspekt waren: Altersforscher, Historiker, Psychologen. Gerhard Schulz, das weiß er nun, gehört zu jenen 12,5 Millionen noch lebenden Deutschen der Jahrgänge 1931 bis 1945, die seit einiger Zeit als "Kriegskinder" späte Aufmerksamkeit erfahren. Mindestens dreieinhalb Millionen dieser ehemaligen Jungen und Mädchen des Zweiten Weltkriegs gelten als traumatisiert. Ein Großteil musste, genau wie er, sein Zuhause zurücklassen und sah eine Schwester oder einen Bruder nie wieder. Wie er verlor fast jeder Vierte den Vater im Krieg. Und wie er setzen sich viele erst jetzt, sieben Jahrzehnte später, mit ihrer Geschichte auseinander.
Ein Aktenordner steht neben dem Sofatisch platziert, den zieht Herr Schulz nun auf die Knie. Das erste Moskauer Schreiben ist darin abgeheftet, auch all die anderen Papiere, die Briefe, Zettel und Informationen, die nach jenem einschneidenden Tag im Frühling vor drei Jahren hinzugekommen sind. Er hat damals sofort entschieden - er würde die Akten einsehen. "Alles russische Ablichtungen", sagt er und nimmt neun eng beschriebene Fotokopien aus dem Ordner: kyrillische Schrift mit dicken Stempelvermerken, sie stammen aus dem Archiv des Moskauer Inlandsgeheimdienstes FSB. Haftbefehl, Verhörprotokoll, Urteil.
FALL Nr. 0062, 28. März 1945. Im Namen der Union der Sowjetischen Sozialistischen Republiken hat das Kriegstribunal geurteilt, Schulz Gustav Friedrichowitsch auf Grundlage von Artikel 1 des Erlasses des Präsidiums des Obersten Rates der UdSSR vom 19. April 1943 zur höchsten Kriminalstrafe zu verurteilen - dem Erschießen.
"Sie haben ihn erschossen, meinen Vater", sagt Gerhard Schulz. "Ohne Rechtsbeistand und nach einer geschlossenen Gerichtssitzung. Die russische Militärjustiz hält das heute für Unrecht. Deshalb haben sie ihn rehabilitiert." Er schluckt, die Tränen, so zahlreich nach so langer Zeit, überraschen ihn noch jedes Mal.
"Es ist doch gut so", sagt seine Frau und greift nach seinem Arm. "Wir hätten doch nie geahnt, dass man das überhaupt herausfinden kann."
Dresden, Universitätsviertel. In der weißen Villa schräg gegenüber der Alten Mensa stehen im Keller Registrierschränke. In den Räumen stapeln sich auf den Tischen blaue Dokumentenmappen, im Flur hat jemand ein Postpaket aus Moskau abgestellt. Das ehemalige Wohnhaus beherbergt die "Dokumentationsstelle der Stiftung Sächsische Gedenkstätten"; sie ist in Deutschland als eine offizielle Anlaufstelle auch für die Fragen nach dem Verbleib ehemaliger Kriegsgefangener auf russischem und russisch besetztem Gebiet zuständig. Tausende Anträge sind hier bereits bearbeitet worden, auch der Antrag von Familie Schulz.
Fast siebzig Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs gelten mehr als eine Million ehemalige deutsche Kriegsgefangene noch als vermisst. Und nach wie vor forschen jedes Jahr Zehntausende Angehörige nach deren Verbleib. Das Bedürfnis nach Belegen für die oft nur bruchstückhaft überlieferten Familiengeschichten scheint sogar zu wachsen. Bei der Deutschen Dienststelle für die Benachrichtigung der nächsten Angehörigen von Gefallenen der ehemaligen deutschen Wehrmacht (Wast) hat sich die Zahl der Anfragen seit 2010 um fast ein Drittel auf 43 000 erhöht. An den Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge wandten sich allein im vergangenen Jahr 30 000 Menschen.
Die Größe der Datenbanken, auch der in Dresden, ist immens. Ute Lange hat die "archivarische Strafsache Nr. P-2342" herausgesucht. "Der Vorgang Schulz ließ sich rasch abschließen", sagt die Sachbearbeiterin nach einem kurzen Blick in die Papiere. "Uns lag der Rehabilitierungsbescheid aus Moskau bereits vor; in solchen Fällen erhält man sofort Einblick in die Akte. Normalerweise dauert es Monate."
Seit 1992 gelten diese Regeln, seither ist die russische Hauptmilitärstaatsanwaltschaft verpflichtet, die Rechtmäßigkeit von Urteilen zu überprüfen, in denen Deutsche als Staatsfeinde der Sowjetunion schuldig gesprochen worden sind - auch Kriegsgefangene. So hatten es der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl und der russische Präsident Boris Jelzin zum Ende des Kalten Kriegs vereinbart. Rund 17 000 Anträge auf Rehabilitierung hat die Moskauer Militärjustiz seither bearbeitet. Sobald sie einen Fall positiv entschieden hat, darf der Antragsteller die gesamte Strafakte im zentralen Archiv des russischen Inlandsgeheimdienstes einsehen. Er hat seinen Sitz in der Moskauer Innenstadt, im Gebäude des berüchtigten früheren KGB-Gefängnisses Lubjanka.
"Und dann", sagt die Sachbearbeiterin, "schlägt die Stunde von unserem Herrn Haritonow. Ich hole ihn gleich mal."
Ein kräftiger Mann in robuster Kleidung, ein fester Händedruck. Alexander Haritonow ist promovierter Historiker, aber mindestens so hilfreich für seine Arbeit ist wohl, dass den Muttersprachler die Gepflogenheiten eines russischen Geheimdienstarchivs nicht überraschen. Ausgestattet mit den Vollmachten der Antragsteller aus Deutschland reist er alle paar Monate in die Hauptstadt seines Heimatlandes. Mehrere Tage lang zieht er sich dann im großen Lesesaal zurück, fotokopiert die Urteile und die Hauptprotokolle der Verhöre, und was er nicht vervielfältigen darf und dennoch für wesentlich hält, schreibt er aus den Akten ab.
Einmal, im August 2004, kam es zum Skandal, da war unstrittig ein Kriegsverbrecher rehabilitiert worden. Die Entscheidung wurde zurückgenommen, als Zeitungen berichteten und die Öffentlichkeit entsetzt reagierte. In der Regel, sagt der russische Geschichtsforscher, lasse sich schon erklären, warum Moskau einem Antrag stattgebe oder eben nicht. Und im Fall der Familie Schulz? Die Sachbearbeiterin reicht ihm die Dokumentenmappe. Die sogenannte Smersch habe Schulz Gustav Friedrichowitsch verhaftet, referiert Haritonow; sie wurde auch "Tod den Spionen" genannt, ein Aufklärungstrupp, der hinter der Front operierte. Hilfsarbeiter sei der Verurteilte gewesen, Mitglied der NSDAP seit 1935, offenbar freigestellt vom Militärdienst; er sollte die Warthe mit einem Saugbagger für das kriegerische Deutschland schiffbar halten.
"Vielleicht waren Leute in dem Trupp, die ihre ganze Familie wegen der Nazis verloren hatten", sagt der Historiker. "Und vielleicht meinten die, so ein Mann gehöre allein deshalb erschossen, weil er in der NSDAP war. Heute sagen wir: Er war einfaches Parteimitglied und kein politischer Überzeugungstäter. Und welche Verbrechen hat er begangen? Keine. Also gibt man ihm den guten Namen zurück."
Jeder, so lautet die Vereinbarung, kann über die Dresdner Dokumentationsstelle die Rehabilitierung der ehemals Verurteilten beantragen. Zuweilen lassen Forscher die Urteile ganzer Gruppen in Moskau überprüfen. Und so lagern auch eine Menge Bescheide in der weißen Villa, von denen Angehörige wie Gerhard Schulz nichts ahnen. Ungefähr 13 000 Anträge hat die russische Militärstaatsanwaltschaft in den vergangenen Jahren bewilligt. Doch in mindestens der Hälfte dieser Fälle hat sich bisher noch niemand in Dresden gemeldet.
Hildegard Schulz wirtschaftet in der Küche. Hinter dem Fenster erstreckt sich der Garten, üppige Blüten und Stauden, alles ihr Werk; ihr Mann hantiert lieber im Anbau des Hauses. Dort versammelt er sein Werkzeug und an den Wänden, zu Hunderten, auch die Geweihe.
"Ohne die Kinder hätte er heute keine Gewissheit", sagt Frau Schulz. Ohne die Kinder, da ist sie ziemlich sicher, hätte er sich mit den beiden abgegriffenen Fotografien begnügt, die ihm von seinem Vater geblieben sind. Vor allem hätte er sich wohl kaum so heilsam mit seinem Leben beschäftigt, meint sie. "Er hat ihnen vertraut."
Die Kinder stehen mit Anfang und Mitte fünfzig mitten im Leben; Frank Schulz ist Schriftsteller in Hamburg, Anke Vollmers und Sabine Schuldt wohnen im Ort, beide sind berufstätige Mütter, Bürokauffrau die eine, Körpertherapeutin die andere. Nachdem sie erfahren hatten, dass sich Historiker und Therapeuten längst mit Menschen wie ihrem Vater auseinandersetzen, ließen sie nicht nach. Gemeinsam mit ihm schrieben sie Brief um Brief an Archive und Suchdienste, sie recherchierten im Internet, telefonierten durch Deutschland. Und sie zwangen ihn hinzusehen: Sie brachten ihm Bücher über die späten Folgen des Zweiten Weltkriegs; sie nahmen ihn mit in Seminare, in die Stuhlkreise der Erwachsenenbildung; unter ihrer Obhut vertraute er sich schließlich sogar einer Psychologin an und ließ sich für einen Fernsehfilm befragen. Und immer wieder redeten sie ihm seine Sorge aus, was die Nachbarn, die Leute im Ort denn nun von ihm, dem Jäger, Schlagzeuger, dem ganzen Kerl halten könnten.
Sie mussten so handeln, urteilen die Geschwister rückblickend - auch wenn sie anfangs unsicher waren, ob sie sich derart einmischen durften. Doch bei jedem ihrer Besuche im Elternhaus erschien ihnen der Vater trotz aller Geschäftigkeit zunehmend in seiner Vergangenheit gefangen. Der Zweite Weltkrieg hatte für sie Geschichtswissen bedeutet, eine entsetzliche Epoche der Barbarei. Nun setzten sie sich zum ersten Mal mit dem Gedanken auseinander, dass dieser Krieg auch ihren Vater beschädigt haben könnte.
"Wir waren wohl auch lange nicht in der Lage, das so zu sehen", meint Frank Schulz. "Wir wuchsen ja in einem ganz anderen Bewusstsein auf." Seine Generation musste lernen, dass neben der maßlosen deutschen Schuld deutsches Leid zum Erbe des Zweiten Weltkriegs gehört. Auch der bärtige Schriftsteller, den Literaturkritiker als brillanten Autor rühmen, hätte es lange nicht so formuliert. Als Kind der Bonner Republik lernte er früh, alter Zeit und alter Ordnung zu misstrauen. Manchmal knirschte es deshalb erheblich im Elternhaus. Die ausgedehnten Mußestunden des Jungen, die Ohrringe und die langhaarigen Freunde erschienen Herrn Schulz mehr als unpassend - und der Sohn hielt die Furcht seines Vaters um den guten Ruf der Familie für hysterisch und reaktionär. Heute weiß er, dass der Vater sein Kind bereits aus der Dorfgemeinschaft ausgestoßen sah, die er selbst so mühsam mit aufgebaut hatte.
"Aber damals erging es uns Geschwistern wie vielen", sagt Frank Schulz. "Wir ahnten zu wenig von den Hintergründen. Und schon gar nicht kamen wir auf die Idee, unsere Eltern könnten an ihrer kriegsversehrten Kindheit leiden. In dieser Hinsicht haben wir die Generation auch verkannt."
Vierzehn Monate nachdem das erste Schreiben aus Moskau in Hagen eingetroffen ist, steigt Familie Schulz in ein Auto. Sie fahren gut vierhundert Kilometer weit bis an die Oder. Nahe den Seelower Höhen, dort, wo die Rote Armee im April 1945 die entscheidende Schlacht vor Berlin führte, nehmen sie Quartier.
Platz der Beerdigung - befindet sich etwa einen Kilometer nördlich von Quartschen, auch das steht in der Akte des ehemaligen Kriegsgefangenen Gustav Friedrich Schulz verzeichnet. In Chwarszczany, dem einstigen Quartschen, empfangen verwitterte Bruchsteinmauern sie und ein sonniger Tag. Ein Pole heißt sie willkommen; der Mann hat ihnen geholfen, den Platz zu bestimmen, wo, wie man sich in seiner Heimat erzählt, deutsche Soldaten begraben liegen. Heute wächst dort ein lichter Kiefernhain rund um eine vereinzelte Buche.
Hier soll es sein. Der Klempnermeister greift zum Spaten, nach ein paar Stichen übergibt er an den Sohn. Eine Kamera zeichnet die Szene für die Erinnerung auf. Sonne sprenkelt über den Waldboden, in den Armen der Frauen leuchtet roter Mohn, ein letzter Gruß für Gustav Schulz.
Hinterher werden die Kinder sagen, dass sie es nie für möglich gehalten hätten, beim Abschied eines unbekannten Menschen so viele Tränen zu vergießen. Sie werden berichten, dass es nun allen besser gehe - dem Vater, der Mutter, den beiden zusammen, auch ihnen selbst und der ganzen Familie im Verbund. Und alle miteinander werden sie darüber staunen, dass tatsächlich eingetreten ist, was Altersforscher, Psychologen und Therapeuten für den Idealfall annehmen: dass ein Mensch spät im Leben noch seelisch gesunden kann.
Die Familie tritt an das Erdloch. Herr Schulz hält einen Kasten in den Händen, aus Kupfer gelötet und luftdicht verschlossen, ein Klempnermeister weiß, wie das geht. Er hat einen Abschiedsbrief hineingelegt und Fotos von der Familie. "Ruhe sanft", sagt Gerhard Schulz, dann verschwindet das Kupfer einen Meter tief in der Erde.
Weiter oben dürfe es auf keinen Fall stecken bleiben, hatte der Mann gewarnt, der sie an diesen Platz geführt hat. Weiter oben würde es sicherlich bald von den Detektoren der heimischen Schrottsammler erfasst. Und es sei doch bestimmt für die Ewigkeit gedacht.
Von Katja Thimm

DER SPIEGEL 24/2014
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