07.06.2014

SchicksaleEine Liebe in Gaza

Ahmed, 15, und Tamara, 14, sind seit vergangenem Herbst verheiratet. Sie versuchen, ein Kind zu bekommen - für Palästina. Ihre Eltern drängen. Im Weg steht dem jungen Paar nur eines: die eigene Kindheit. Von Barbara Hardinghaus
Er weiß nicht, wie oft er sich in den vergangenen Wochen schon gewünscht hat, dass ein Israeli kommt, um ihn zu erschießen. Aber der Israeli kam nicht, noch nicht, und so geht das Leben weiter für Ahmed Soboh, 15 Jahre alt, aus Beit Lahija im Norden von Gaza-Stadt, und für Tamara, seine Frau, die 14 ist.
Er stößt das Holztor im Hof seiner Eltern auf, er hebt die großen, vernarbten Hände zu einem Gruß: "Salam!" Er hat den ganzen Tag lang Steine gesammelt, seine Haut ist verdreckt, das dunkle Haar verklebt, das T-Shirt zerrissen, er sieht abgekämpft aus. Auf dem Boden sitzt sein Vater, mit vollem Bart, und raucht. Seine Mutter hockt auf einem bunten Teppich, sie tut nichts.
Um sie herum spielen Kinder. Ahmed hat zwei jüngere Schwestern, die Nachbarin vier Töchter und zwei Söhne, von der anderen Seite des Hauses sind auch noch Jungs gekommen, sie laufen durcheinander, und wenn sie kurz stoppen, für einen Augenblick nur, setzen sich Fliegen auf sie, fallen Regentropfen durch das lichte Dach auf ihren Kopf. Es ist die erste Begegnung mit Ahmed und Tamara, November. Die kühle Luft am Abend kündigt den Winter an.
Im Lärm der vielen Leute, der Kinder, der Nachbarn, zeigt Tamara Fotos; Fotos ihrer Hochzeit zwei Monate zuvor und auch das Bild, das sie und Ahmed ein wenig berühmt gemacht hat.
Auf dem Bild trägt Ahmed ein weißes Oberhemd, eine Krawatte, die an ihm hängt wie ein Gewicht, und eine schwarze, feine Hose. Der Fotograf einer Nachrichtenagentur war gekommen, denn es waren Kinder, die da heirateten, und das ist auch in Gaza ungewöhnlich. Sie halten sich an den Händen fest. Sie sehen aus wie verkleidet, wie ein Scherz oder eine Sensation. Seltsam stolz und unsicher zugleich.
Es ging um die Welt, dieses Bild, in Deutschland tauchte es auf in einem Frauenmagazin. Ahmed kennt diese anderen Länder nicht, er kennt auch Deutschland nicht. Aber zumindest ergab es sich so, dass sich zum ersten Mal in seinem Leben jemand für ihn interessierte.
Tamara lächelt über das Bild, sie versteckt ihr langes Haar unter dem Schleier. Sie spricht klar, laut, fast wie ein Junge. Ihr gefallen die Bilder besser, die sie selbst in einem Fotostudio der Stadt machen ließen. Das Brautpaar sieht glücklich aus auf diesen Bildern, über ihren Köpfen steht "I love you!" oder "White Angel!". Tamara trägt blauen Lidschatten, auf ihr Kleid sind silberne Blumen genäht.
Sie feierten sieben Stunden lang, mit 100 Gästen, sie tanzten, aßen gekochte Tomaten und Chili, sie tranken starken schwarzen Tee mit Zucker. Ahmed hielt die Hand von Tamara noch fest, bis es dunkel wurde, er flüsterte in ihr Ohr: "Hab keine Angst!"
Dabei war er es, der Angst hatte. Er wusste, dass mit jedem Tanz auch die Nacht ein Stück näher kam. Er wusste, er würde zum ersten Mal nicht mit seinen Geschwistern auf dem Boden schlafen. Er würde in dem großen Bett schlafen, das seine Eltern ihm hingestellt hatten. Sie hatten eine rote Decke dazugelegt, Make-up, Deo und ein transparentes Nachthemd für Tamara. Die kleinen Eheleute sollten ein Kind zeugen, noch in der ersten Nacht.
Ahmeds Eltern hatten schon lange von diesem Baby geredet. Sie erklärten dem Sohn in langen Gesprächen, wie man das macht, so ein Baby. Aber nun hatte Ahmed Angst, weil er ja noch nicht einmal jemanden richtig geküsst hatte. Er hatte immer nur Tamaras Hand gehalten.
Er kannte diese Hände gut, sie waren zu groß und auch vernarbt von der vielen Arbeit, wie seine eigenen. Ihre Mütter waren zur selben Zeit schwanger gewesen, sie waren Nachbarn. Er sah, wie sie wuchs, ihr Gesicht ovaler wurde und ihre Lippen, die Brüste voller. Sie spielten Verstecken, und irgendwann erzählten sie sich ihre Geheimnisse durch das Loch in der Wand, die ihre Häuser trennte.
An seinem 15. Geburtstag fragte Ahmed Tamara, ob sie ihn heiraten wolle. Er fand sie süß und schön, und er wollte tun, was seine Eltern ihm sagten. Er entschied sich gegen die Kindheit, vielleicht weil er verstanden hatte, dass es unmöglich ist, ein Kind in Gaza zu sein. Der Gazastreifen ist arm, der schmale Strich Landschaft am Meer, durch Israel isoliert vom Rest der Welt. Viele Erwachsene sind ohne Arbeit. Gaza ist vor allem aber arm an Kindheit und reich an Kindern. 780 000 Kinder gibt es in Gaza, mehr als die Hälfte aller Einwohner ist jünger als 18 Jahre.
Dass das so ist, sei nur ein Zufall, sagen die einen, eine gute Altersversicherung, auch das seien Kinder. Andere sagen, es sei eine Strategie, mit der die Palästinenser eines Tages doch noch die kinderärmeren Israelis besiegen würden.
Ahmeds Eltern wollten unbedingt, dass er und Tamara jetzt ein Baby bekommen. Sie erklärten Ahmed auch, warum. Ein Kind könne arbeiten gehen und Geld verdienen. Auch das verstand er. Er war ja selbst ein Kind und arbeitete. Wenn es gut lief, dann fand er an der Grenze viele Steine und viel Holz, das er verkaufte an Leute, die daraus etwas bauten. An solchen Tagen brachte er seinem Vater abends 10 Schekel, manchmal 20, keine fünf Euro.
Ahmed verstand etwas von Arbeit und Geld. Er hatte von Fischern gehört, die keinen guten Fang mehr machten, weil draußen im Meer die Kanonenboote der Israelis auf sie zielten. Er sah, dass es mit den Straßen nicht voranging, weil Zement fehlte. In der Nacht fielen Bomben auf die Zitronen- und Orangenhaine. Er hörte sie fast jede Nacht.
Er hörte seine kranke Mutter, die viel weinte, er sah seinen Vater, der, seit er selbst seine Arbeit verloren hatte, nur noch auf dem Boden saß und rauchte.
Irgendwann war der Tag gekommen, an dem Ahmed sich also sagte, er sei jetzt bereit für eine Hochzeit und für ein Kind. Aber dann, als er in der Nacht nach dem Fest in dem großen Bett neben Tamara lag, die jetzt seine Frau war, sah er nur lange an der Wäscheleine vorbei durch das Fenster in den Himmel.
Am nächsten Morgen nahm er das Pferd, spannte es vor den Karren, lenkte es mit heftigen Hieben durch die Straßen bis an die Grenze. Hier hoffte er das erste Mal auf den Feind und auf dessen Gewehr.
Nichts ist passiert. Zwei Monate lang ist schon nichts passiert. Nicht mit ihm, aber auch nicht im Bett mit Tamara. Zwei Monate sind vergangen, aber Tamara ist noch immer nicht schwanger.
An diesem Tag im November, bei der ersten Begegnung, hat Ahmed genug von den Fotos. Die Hochzeit war schön, "natürlich!", sagt er, aber sie war keine richtige Party. Zu einer richtigen Party gehören gegrillte Hühner, ein Restaurant, Geld, und nichts von alldem hatten sie. Sie haben jetzt Schulden. 700 Schekel hat die Hochzeit gekostet, 200 Schekel allein, um Tamaras Kleid zu leihen. Ahmed holt seine Sachen und geht zum Duschen. Als er zurückkommt, macht er ein Feuer, so wie jeden Abend.
Dann setzt er sich zwischen seine Schwestern und malt ein Bild mit einem Schiff. Darauf ist er der Kapitän. Er schreibt seinen Namen dazu. Sein Name ist alles, was er schreiben kann. Er weiß nicht, wie viel sieben plus sieben ist. Er geht nicht mehr in die Schule, seit er elf Jahre alt wurde. Seine Eltern sagten ihm, er sei zu dumm. Sie wollten lieber ein Kind, das arbeitet.
Jetzt fragen sie ihn jeden Tag nach Geld. Und nach dem Baby. Sie reden nicht mit ihm über die Bomben, nicht über den Feind, sie sagen ihm nicht, wie lange das noch gehen wird oder wann es aufhört. Sie reden nie vom Frieden, vielleicht haben sie sich selbst schon zu sehr an dieses Leben gewöhnt, sagt Ahmed.
So ist er aufgewachsen. Er war acht Jahre alt, als die Hamas im Gazastreifen die Macht übernahm. Er war zehn, als 22 Tage lang die Bomben der israelischen Armee in seine Nachbarschaft fielen und auch 300 Kinder töteten. Er war 14, als die Israelis im Jahr 2012 wieder jeden Tag Luftangriffe flogen.
Während beider Kriege war Ahmed mit seiner Familie in eine Schule der kleinen Stadt gelaufen, um sich zu schützen. Nach beiden Kriegen kam er zurück zum Haus seiner Eltern und sah, dass das Dach wieder ein Stück mehr zerborsten war. Und wenn es heute am Himmel brummt, dann erkennt er, ob es eine F-16 ist oder nicht. Wenn das Bild im Fernsehen verschwimmt, weiß er, dass eine Drohne über ihnen fliegt.
Er weiß nicht, wann er Geburtstag hat. Er glaubt, dass Erez, der Checkpoint, der Israel mit dem Gazastreifen verbindet, ein Flughafen ist. Und er glaubt auch, dass der Auftrag, den er zu erfüllen hat, seine Familie retten wird. Aber wie sie, wie seine Eltern, wundert er sich jetzt auch, dass es nicht klappt. Er möchte, dass Tamara zum Arzt geht und sich untersuchen lässt. Er möchte sagen können, dass mit seiner Frau alles in Ordnung sei.
Am nächsten Morgen sammelt er Steine, allein, an der Grenze, während Tamara im Wartezimmer sitzt und hört, dass der Arzt noch schnell einem Baby auf die Welt hilft, dem zehnten dieser Frau, einem Mädchen. Als der Arzt Tamara ihr Ultraschallbild zeigt, ein Bild, mit dem sie nichts anfangen kann, weil sie nichts darauf erkennt, ist Ahmed draußen bei den Steinen.
Der Arzt erklärt, dass die Frauen im Gazastreifen im Schnitt fünf Kinder bekommen oder mehr, weil sie glauben, dass die Kinder sie eines Tages schützen werden gegen den Feind. Er schickt Tamara nach Hause. Es stimme alles mit ihr. Und trotzdem steht sie nach der Untersuchung vor der Tür der Praxis und weint.
Sie hat längst aufgehört, Ahmed ihre Geheimnisse zu erzählen. Nun ist sie es, die nachts an der Wäscheleine vorbei durch das Fenster in den Himmel sieht, weil Ahmed Sex will, aber sie nicht, nicht jede Nacht.
Einen Tag später gehen sie gemeinsam an den Strand. Da waren sie zuletzt am Tag ihrer Hochzeit, vor zwei Monaten. Tamara macht seitdem jeden Tag die Wäsche, sie kocht und fegt. Die beiden sagen, am Strand seien sie frei. Da hören die Eltern nicht zu, da löst sich der Druck auf.
Ahmed rennt los, sobald er den ersten Fuß in seiner schwarzen Sandale in den Sand setzt. Er rennt Richtung Meer, er wirft Flaschen und Dosen. In diesem Augenblick ist sein Lachen das eines Kindes.
Früher, sagt er, als der Vater noch Arbeit hatte, sei er oft an den Strand gekommen, er legte sich zum Schlafen in den warmen Sand. Früher besaß er einen Hund, Jolie. Ahmed hatte ihn gefunden und aufgezogen mit Milch und Zitronenlimonade. Der Hund hatte kleine Augen und ein großes Maul. Sie waren immer zusammen. Ahmed erzählt das zum ersten Mal, hier draußen am Strand. Der Hund hat ihn beschützt, bis jemand kam und den Hund vergiftete.
Jetzt beschütze er sich selbst, mit seinen Armen, mit seiner Kraft. Er wirft seinen Kopf kühn zurück. Er spricht laut. Er sieht auf das Meer, auf ein Fischerboot, in die Weite, die dort endet, wo ein israelisches Schiff gerade Schüsse abgibt.
Tamara malt mit einem Stock zwei Buchstaben in den Sand: A+T. Auf dem Weg zurück kurbelt Ahmed auf der Rückbank das Fenster im Auto herunter, er lehnt seinen Oberkörper in den Fahrtwind. Er fährt sonst nicht Auto. Er schreit Dinge hinaus. Er sagt, er würde gern mitkommen nach Deutschland. "Wäre das nicht möglich?", fragt er.
Er bleibt in seinem Leben. Er wird weiter Steine sammeln. Es wird Winter werden.
Im Dezember schreibt Ahmed einen Brief, er hat sich dabei helfen lassen. Er schreibt kurze Sätze: "Ich sammle Plastik und keine Steine mehr ... Es ist kalt, der Regen kommt durch das Dach in unser Bett ... Ich will Tamara einen Lippenstift kaufen ... Meine Mutter ist schwanger und im Krankenhaus ..."
Auch Tamara berichtet: "Ich habe das erste Mal Schnee gesehen, und ich war wieder beim Arzt. Er sagt, ich bin noch zu jung für ein Kind ... Aber ich bin alt genug für ein Baby, ich möchte es, es würde mich sehr glücklich machen ... Ahmed wird manchmal böse, er ist wie sein Vater ..."
Im März schickt Ahmed einen weiteren Brief: "Meine Mutter hat das Kind verloren, es war ein Junge ... Ich möchte, dass Tamara bald schwanger wird, wir sind nicht zu jung, wir sind alt genug ... Die Bomben machen Pause ... Es ist ruhig, die Luft ist wärmer, aber nichts macht mich richtig glücklich ..."
Und Tamara: "Ich arbeite jeden Tag im Haus, ich koche, aber die Arbeit will niemals enden ... Ich helfe Ahmeds Mutter, sie will, dass ich endlich schwanger werde. Wir arbeiten hart daran, aber es hat noch nicht geklappt ... Ich liebe Ahmed, aber immer, wenn er an der Grenze ist, habe ich Angst, dass jemand ihn erschießt ..."
Sechs Monate nachdem die beiden zusammen an den Strand gegangen sind, acht Monate nach ihrer Hochzeit, sitzen sie wieder im Hof ihrer Eltern, und Ahmed sagt: "Salam!" Es ist die nächste Begegnung; die meisten Tunnel, die Gaza bislang mit Ägypten verbanden, sind mittlerweile zerstört. Die Hamas zahlt ihren Angestellten nur noch die Hälfte der Gehälter; die Polizisten sind in schlechter Stimmung. Es fehlt Benzin in diesen Tagen. In der Woche darauf fliegen wieder Bomben.
Ahmed sitzt auf einer Liege vor seinem Haus. Er hält in der Hand eine Peitsche, die er sich aus zwei Stöcken und Draht gebaut hat. Er schlägt sie durch die Luft. Er hat noch mehr Wunden im Gesicht und an den Händen als im Herbst, unter dem rechten Kinn wächst ein Ausschlag, der juckt. Er weiß nicht, woher der Ausschlag kommt.
Was hat sich verändert?
"Nichts", sagt Ahmed und schlägt die Peitsche. Er beobachtet seine Eltern. Sie lachen. Sie küssen ein Baby, es ist Saja, seit Januar das Kind seines Bruders, der 17 ist. Er lebt zusammen mit seiner Frau im Haus seiner Eltern, und jetzt ist er der gute Sohn.
Die Schwägerin, seine Mutter und Tamara reden fröhlich darüber, warum Kinder für sie so wichtig sind: "Sie sollen arbeiten und mir helfen", sagt Ahmeds Mutter. "Der Koran sagt, dass Kinder Geld sind", sagt die Schwägerin. "Sie verdienen das Geld und versorgen uns", sagt Tamara. Sie redet jetzt wie eine Erwachsene.
Tamara ist inzwischen auch einverstanden mit dem Sex in jeder Nacht. Aber nun will Ahmed nicht mehr. Er hält sie nachts nicht mehr fest. Er kauft sich manchmal Nüsse, und obwohl er weiß, wie gern Tamara Nüsse isst, gibt er ihr keine einzige.
Inzwischen war auch Ahmed beim Arzt. Er wollte ja zunächst nicht gehen, er war sich sicher, dass er perfekt ist, "mia mia", zu hundert Prozent. Dann ist er doch in eine Praxis gegangen, um sich untersuchen zu lassen, die Frauen drängten ihn, sagt er.
Der erste Arzt schickte ihn wieder nach Hause, das, was er abzugeben hatte, war zu wenig für das Labor.
Der zweite Arzt gab ihm einen Zettel mit. Darauf stand das Resultat. Farbe: weiß/grau. Zähflüssigkeit: normal. Geißeln: abwesend. Spermienkonzentration: 17 500 000 pro Milliliter. Aktiv nach einer Stunde: 35 Prozent, tot nach einer Stunde: 40 Prozent.
Der Arzt sagte ihm, er solle Honig essen und viel Milch trinken. Er solle, das vor allem, älter werden. Das Resultat lautete: Es lag an ihm. Es würde noch ein wenig dauern.
Als er am nächsten Tag zurück an die Grenze kam, jetzt, um Plastik zu sammeln, dachte er wieder an den Israeli, der ihn hoffentlich erschießen würde. Andere hatten sie doch auch getroffen, einen im vergangenen Jahr, einen in diesem Jahr. Oder sollte er versuchen, einfach über den Zaun zu klettern und loszurennen?
Als sich im vergangenen Jahr andere Kinder aus dem Gazastreifen der Grenze nach Israel näherten, wurden 35 von ihnen eingesperrt, eins starb. Darüber, wie viele flohen und Freiheit fanden, gibt es keine Zahlen.
Ahmed steht auf von seiner Liege vor dem Haus, er will zur Apotheke und fragen, was das für ein Ausschlag ist. Der Apotheker erkennt ihn, und er fragt Ahmed: "Bist du nicht der Junge, der mit 15 geheiratet hat?"
Das Bild, das ihn bekannt gemacht hat, tauchte nicht nur in der fernen Welt auf, auch in seiner Nachbarschaft. Der Apotheker schüttelt den Kopf. Er sagt, andere heiraten doch auch erst mit 18 oder 19 Jahren. Er gibt ihm eine Salbe gegen den Pilz. Er solle besser essen, sagt der Apotheker. Er solle besser aufpassen, beim Sex.
Ahmed geht nach Hause. Mit seiner schwarzen Plastiktüte in der Hand läuft er die Straße hinab, und kurz vor dem Tor bleibt er stehen, er schlägt das Pferd.
Es ist Abend, als die beiden noch einmal an den Strand fahren, wieder mit dem Auto, wieder kurbelt Ahmed das Fenster herunter. Aber er sagt nichts.
Im Fahrtwind hört er nicht, dass Tamara hinten auf der Rückbank über ihn redet. Dass sie sich beschwert über ihn und auch, dass sie sich Sorgen macht.
"Er ist so, seit er beim Arzt war", sagt sie und kratzt an einem Rest roten Lacks auf ihren Fingernägeln.
Er hört nicht, dass sie sagt: "Ich glaube nicht, dass er noch die gleichen Gefühle für mich hat wie früher." Sie sagt: "Ich bin zu scheu, um es ihm zu sagen." Sie sagt: "Ich verstehe nicht, welchen Sinn eine Ehe haben soll." Sie sagt: "Ich sehne mich nach ihm, er soll wieder sein wie früher." Und: "Nur ein Baby kann das ändern."
Das Auto fährt durch die große Stadt, Gaza, in Richtung Strand. Sie fahren an Schulen vorbei, in denen Kinder zur Schule gehen, die in der 6. Klasse lernen, wo Deutschland liegt. Sie gehen hier in zwei Schichten in den Unterricht. 250 Schulen fehlen im Gazastreifen, schätzt die Uno, und wenn die Bevölkerung weiter so wächst, wird sie bald noch mehr brauchen. Bis 2020 werden auch 1000 zusätzliche Ärzte fehlen, 2000 Schwestern, 800 Betten in Krankenhäusern und Wasser. Bis 2020 ist Saja, das Baby von Ahmeds älterem Bruder, gerade sechs Jahre alt. Es sieht nicht so aus, als wären die Kinder die Rettung.
Das Auto fährt mit Ahmed und Tamara am Regierungsgebäude vorbei, dem Sitz der Hamas. Wenn man Hamas-Leute nach der Zukunft der Kinder im Gazastreifen fragt, sagen sie, die Kinder selbst seien die Zukunft.
Am Strand von Gaza hält das Auto an. Ahmed steigt aus und rennt los. Am Meer bleibt er stehen.
Liebt er Tamara noch?
"Sehr, aber ich habe mit der Situation nichts mehr zu tun. Ich habe kein Geld. Ich kann ihr nichts kaufen."
Warum gibst du ihr keine Nüsse?
"Weil sie mich sowieso verlassen wird."
Und was ist der Plan?
"Ich habe keinen Plan. Mein Vater schickt mich immer wieder los an die Grenze, und wenn ich wiederkomme, fragt er nur, was ich gefunden habe und wie viel Geld ich verdient habe. Sonst nichts."
Er redet jetzt viel, er ist bockig, er schreit, er weint.
Er sieht lange auf das Wasser hinaus. Ein paar Jungs in Shorts springen hinein, sie fangen eine Qualle und werfen sie mit viel Schwung an den Strand.
Erinnerst du dich an das Herz vom Herbst, mit den Buchstaben A+T?
"Ja. Aber ich denke gerade nicht an sie. Und auch nicht an das Baby", sagt Ahmed. Er denkt gerade an sich.
Am Horizont liegt ein dünner grauer Strich. Er trennt das Meer vom Himmel, die Luft ist dunstig, alles liegt wie in einer riesigen weißen Blase. Ein Mann führt sein Pferd in das Meer und schaufelt mit beiden Händen Wasser auf den Rücken des Tieres.
Ahmed schweigt, dann steht Tamara neben ihm. Er hört, wie sie sagt, dass sie schon wisse, wie es heißen solle, das Baby. Wenn es ein Mädchen werde, Fathaja. Wenn es ein Junge werde, Mohammed.
Von Hardinghaus, Barbara

DER SPIEGEL 24/2014
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