16.06.2014

Digitale Welt (II)Stimmen im Schattenreich

Der Künstler Stan Douglas hat eine App entwickelt, die eine Reise in die Vergangenheit erlaubt und die Bilder zukunftsfähig macht.
Blaugraue Abenddämmerung. Eine schmale Straße aus Schotter. Zweistöckige Holzhäuser, klapprige Zäune, rostige Fässer. Kläffen, Knurren von Hunden. Jemand klopft an eine Tür. Das Geräusch ist laut, nah. Doch man sieht keinen Menschen. Ein Blick nach oben. Dicke Kabel ziehen sich von Mast zu Mast tief durch den Himmel: wie lang gezogene Gitterstäbe, die den Ausblick begrenzen. Als wäre diese Gegend ein einziges Gefängnis.
Das soll Vancouver in der Nachkriegszeit sein - so, wie es wirklich aussah. Wer die Szenerie betreten will, braucht ein iPhone oder ein iPad und muss eine 1,3-Gigabyte-Applikation laden, eine sogenannte App. Der kanadische Künstler Stan Douglas erfand diese neue, alte Welt, und er nannte sie "Circa 1948". Alles ist hyperrealistisch und zugleich irreal, betont altmodisch in der Anmutung und gemacht für den Sehnerv der Smartphone-Zeit.
Indem man über das Display streicht, biegt man in weitere Wege und Straßen ein, gleitet über Hinterhöfe und Veranden hinweg, tritt in Häuser ein, in ein Bordell mit viel rotem Satin, in illegale Bars, so etwas. Plötzlich befindet man sich in einer anderen Gegend, in einem heruntergekommenen Grandhotel. In der weitläufigen Lobby ertönt eine Radiostimme. Immer mal wieder leuchten Objekte auf, eine Kaffeetasse zum Beispiel, eine Zeitung. Tippt man sie an, flackern lichte Erscheinungen auf, Gespräche sind zu hören. Mit dem Fahrstuhl geht es in ein anderes Geschoss, ein Zimmer mit einer Matratze ist zu sehen, zwei Krücken lehnen an der Wand, eine hölzerne Beinprothese liegt herum. Wieder geisterhaftes Flackern. Eine traurige Stimme spricht, erzählt von damals, von der Front.
Douglas hat "Circa 1948" mit viel Aufwand produziert. Bei der Gestaltung der App wirkten ein Autor für Theaterstücke und Spezialisten für 3-D-Rendering vom renommierten National Film Board in Kanada mit.
Die Nutzer sollen sich an zwei Schauplätze zurückversetzt fühlen, die es in Vancouver tatsächlich gab, die aber längst verschwunden sind. Zum einen in das armselige Viertel rund um die Straße Hogan's Alley, wo Arbeiter und Einwanderer lebten, wo sich das Rotlichtmilieu ausbreitete und "Chinatown" ein Begriff für eine eigene Großmacht war. Zum anderen ins Hotel Vancouver, einen dem Abriss geweihten Hotelpalast, in dem nur noch Gauner, Brautpaare ohne Geld und Veteranen abstiegen. Douglas, der aus dieser Stadt stammt, holt alles zurück. Er erklärt, und das macht er passenderweise via E-Mail, es gehe darum, "die Vergangenheit zu kondensieren, damit sie vom Publikum erlebt werden kann".
Douglas, 53, ist eine Größe der Gegenwartskunst, er wurde es mit Fotografien und Filmprojektionen. Er nahm mehrfach an der Documenta teil, hat viele Auszeichnungen erhalten. Von dieser Woche an widmet ihm das Haus der Kunst in München eine Ausstellung. Dort zeigt sich, wie bei ihm alles mit allem zusammenhängt.
Häufig beschwört er mit seinen Werken Momente, vor allem aber Stimmungen der Geschichte herauf. Und wie nur wenigen anderen Künstlern gelingt es ihm, für komplexe Inhalte charismatische, geradezu betörende Bilder zu finden. Viele seiner Fotos könnten Filmstills aus Kinoklassikern sein, man spürt Hitchcock-Spannung, das Vibrieren der Nouvelle Vague. Er sucht sich selbst Rollen: Die Bilder seiner Serie "Midcentury Studio" sollen wirken, als hätte nicht er, sondern ein eifriger Fotoreporter der Nachkriegszeit sie geschaffen.
In seiner App, die in der Münchner Ausstellung genutzt werden kann, bedient er sich der visuellen Möglichkeiten der populären Computerspiele - des Gaming. Eigentlich mochte er diese interaktiven Abenteuer nie, "weil der Spieler gezwungen ist, Entscheidungen zu treffen, und aus der Story hinausgeworfen wird".
Bei ihm sammelt der Nutzer keine Punkte, er läuft nicht als kämpfender Ego-Shooter los, er schaut sich um in der virtuellen Räumlichkeit. Er lauscht dem Alltag der Vergangenheit, versucht, die versteckte Story zu verstehen, die ohne zwingenden Anfang und Ende ist. Douglas lässt korrupte Polizisten sprechen, die Geld einsammeln, auch einen Typen von der Mafia. Zwei Prostituierte streiten sich, schlagen Türen zu. "Geld kommt und geht", heißt es an einer Stelle. Jede Glückssträhne, jede Chance auf ein paar Dollar gilt es auszunutzen.
Der Künstler sagt, zur Normalität des Zweiten Weltkriegs hätten auch Schwarzmärkte und Laster gehört, zu den Fünfzigern die moralische Sauberkeit. Ihn interessierten die vergessenen Jahre dazwischen, die Jahre des Übergangs. Er arbeitet regelrecht mit Zeit und Wirklichkeit, dehnt oder komprimiert beides, als wären es Materialien mit besonderen Eigenschaften.
In seiner Münchner Schau wird ein Film präsentiert, der ebenfalls ein bewegtes Historienbild ist. Es handelt sich um den fiktiven Mitschnitt einer Plattenaufnahme in den Siebzigern. Sechs Stunden verbringen die Jazzmusiker (und die Betrachter des Videos) in einem Studio, es ist eine dichte Atmosphäre, die da entsteht, die Geschichte der schwarzen Musik ist wie eingewebt, sie und der Titel des Films "Luanda/Kinshasa" verweisen auf eine noch nicht überwundene koloniale Weltordnung.
In den Münchner Kammerspielen wird parallel zur Schau und ergänzend zur App das von Douglas konzipierte Bühnenstück "Helen Lawrence" aufgeführt. Eine Witwe sucht darin ihren Liebhaber, der zum Mörder ihres Mannes wurde. Erneut ist man im Vancouver des Jahres 1948, in der Hogan's Alley und im Grandhotel. Den Begriff "Bühnenbild" nimmt Douglas wörtlich. Die Schauspieler agieren vor einem raumhohen Gewebe, auf das Bilder projiziert werden: gefilmte Sequenzen, die das Spiel auf der Bühne im Großformat wiedergeben, auch die virtuelle Kulisse aus der App erscheint dort.
Cool und postmodern mixt Douglas alles mit allem: Nachkriegskino, Fotografiegeschichte, alte Radiomitschnitte und Rendering-Ästhetik. Die Wahrnehmung an sich ist seine grundlegende Fragestellung. Verändert sich der Raum der Fantasie durch bahnbrechende Erfindungen der Technik? Douglas meint, es passiere etwas mit uns, wenn wir vergäßen, dass wir mit einer Maschine kommunizierten, wenn wir sogar zur Verlängerung des Apparats würden.
Die typische (und eigentlich immer erfolglose) Internetkunst hatte oft sich selbst zum Thema. Künstler produzierten vor ein, zwei Jahrzehnten digitale Collagen oder wie geschreddert wirkende Homepages. Douglas fängt neu an, er, der Mann der App, füllt das Netz mit Inhalt und Emotionen.
Es sind Legenden, deren Leben und Werke ihn inspirieren und die er seine Helden nennt. Den Regisseur Jean-Luc Godard, den Jazzmusiker Miles Davis, den Dramatiker Samuel Beckett. Becketts Drehbuch für das surreale Kinowerk "Film" von 1965 war auch so ein Ausgangspunkt für die App. Douglas also geht zurück, aber er macht die Bilder zukunftsfähig, passt sie neuen Gewohnheiten an.
Natürlich wäre es möglich, historische Fotos aufzutreiben, wenn man wissen möchte, wie Vancouver früher aussah. Der Künstler aber will die Archiv-Recherche zu Leben erwecken. Jemand schlürft viel zu laut Tee, jemand kichert, es wird geflucht. Immer wieder erklingt Jazz. Man kann Gegenstände nicht nur von einer, sondern von allen Seiten betrachten. Nie sind in "Circa 1948" Personen zu erkennen, aber man sieht sie vor sich, denn Stan Douglas nutzt auch die Bilder in unserem Kopf. Die Herstellung der für das Publikum kostenlosen App, gesponsert vom kanadischen Filmfonds, kostete einige Hunderttausende Dollar. Sie ist eine unkonventionelle Erweiterung der Kunstwelt. Es gibt nichts Vergleichbares. Wahrscheinlich, so meint Douglas, sei es auch falsch, von Kunst zu sprechen - "in gewisser Weise ist wohl etwas Besseres entstanden".
Nun also München, ein großer Auftritt. Douglas' deutscher, in New York und London ansässiger Galerist David Zwirner finanziert die Ausstellung mit. Vor 20 Jahren wäre diese Nähe einer Kunstinstitution zu einem Vertreter des Kunstmarkts umstritten gewesen. Douglas wird seit Langem von Zwirner repräsentiert, sie sind zusammen erfolgreich. Sie haben Erfahrung darin, Chancen nicht nur zu nutzen, sondern sie selbst zu schaffen.
Von Ulrike Knöfel

DER SPIEGEL 25/2014
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