16.06.2014

Nachruf„Es gibt keinen anderen wie ihn“

Der Publizist Frank Schirrmacher, Mitherausgeber der Frankfurter Allgemeinen, starb im Alter von nur 54 Jahren. Sein Tod löst eine tiefe Verstörung aus. Von Jakob Augstein
Über den Dichter Gottfried Benn schrieb Frank Schirrmacher einmal: ",Auf kurzes Leben angelegt' - so hat Gottfried Benn die Verfassung seiner Generation charakterisiert; einer Generation, die, ehe sie abtrat, alles umgeworfen, umgedacht und umgeschrieben hatte und uns noch heute rätseln lässt über die Gehirnströme, die diese Energie beförderten." Jetzt gilt das für ihn selbst. Frank Schirrmacher ist tot. Aber mit ihm starb keine Generation. Denn er war tatsächlich einzigartig. Man blickt sich um und erschrickt. Es gibt keinen anderen wie ihn. Wir alle sind - außer für die uns Nahen - ersetzbar. Er ist es nicht. Er wird fehlen.
Man liest das schon aus den Reaktionen auf diesen viel zu frühen Tod: eine Verstörung. In einer seltenen Einmütigkeit wird diesem Mann nachgerufen. Von der Bühne der Politik, von den Schreibtischen der Autoren, aus den Stuben der Redaktionen. Man könnte das als Trost für den Journalismus begreifen, der ja Trost in der Ära seiner Krise gut brauchen kann: Eine solche Wirkung kann einer von uns also noch haben! Und doch: So viele Zeitungen, Sender, Journalisten, Artikel, Bücher, aber von wem kann man sagen: Er wird gebraucht; und von was: Das muss bleiben? Schirrmacher wurde noch gebraucht, und seine Gedanken müssen bleiben. Es ist mehr als traurig, dass er gegangen ist. Es ist für den deutschen Journalismus eine Katastrophe.
Schirrmachers Werk ist eine Ermutigung. Wer seinen Weg beobachtete, der erlebte die Politisierung eines Ästheten. Die Radikalisierung eines Konservativen. Der Experte für Dichter wie Benn und George wandte sich der Technologie zu. Der Literaturwissenschaftler kümmerte sich um die Demokratie. Der Kulturkritiker wurde zum Gesellschaftskritiker.
Schirrmacher, der mit 29 Nachfolger von Marcel Reich-Ranicki an der Spitze des Literaturteils der Frankfurter Allgemeinen wurde und mit 34 Nachfolger Joachim Fests als FAZ-Herausgeber, zuständig fürs Feuilleton, entwickelte sich zum Universalisten. Das ist eine seltene Spezies, und die deutsche Öffentlichkeit begegnet so einem erst einmal mit Misstrauen. Wer sich gleichzeitig mit Philosophie, Technologie, Soziologie und Heuristik befasst, arbeitet eher in der Redaktion der "Sendung mit der Maus" als in der Redaktion einer großen Zeitung. Aber Schirrmacher suchte die "Dritte Kultur", einen neuen Universalismus des Denkens, weil er erkannt hatte, dass die Spezialisten uns den Weg in den Untergang bereiten. Er begegnete unserer Entmündigung durch die Neugründung des öffentlichen Diskurses.
Schirrmachers großes Projekt war die Suche nach den Bedingungen der Identität. Darauf lief alles zu. Er schrieb Bücher über das Alter, über die Gemeinschaft, über die Digitalisierung im Informationszeitalter und über die Weltgefährdung durch den Egoismus eines computergesteuerten Kapitalismus. Alles Bestseller. Das ist keine Selbstverständlichkeit. "Das Methusalem-Komplott", sein erster Bestseller, war im Jahr 2004 der zweitbestverkaufte Sachbuchtitel. "Ego: Das Spiel des Lebens", sein letztes Buch, besetzte auf der SPIEGEL-Bestsellerliste fünf Wochen lang den ersten Platz. Man sieht schon an den Titeln seiner Bücher: Angst vor dem Boulevard hatte Schirrmacher nicht. Im Gegenteil. Im Erscheinungsjahr des "Methusalem-Komplotts" war er fünfmal der "Gewinner des Tages" der Bild-Zeitung. Das Blatt brachte einen Vorabdruck des Buches, in dem es um die Überalterung der Gesellschaft geht. Schirrmacher spielte sein Spiel. Der Mitherausgeber der Frankfurter Allgemeinen passte sich Deutschlands größter Zeitung an und schrieb: "Die Städte werden sich entvölkern. Unsere Kinder werden wieder zu Zeitgenossen der Wölfe. Bundesländer werden verwildern. Brandenburg, Meck-Pomm, Thüringen, Pfälzer Wald, Hunsrück."
Er musste sich nicht verstellen. Das Denken im katastrophalen Imperativ war er gewohnt. Schon 1991 hatte er der Fotografin Herlinde Koelbl, die ihn zu seinem Leben und zu seinen Wünschen befragte, gesagt: "Ich bin gespannt, was kommt. Es fängt ja erst an, und ich spüre es schon jetzt."
Im Jahr 2000 legte Schirrmacher sich und uns allen das Programm für die kommenden Jahre fest: "Fast wöchentlich werden wir von technologischen und wissenschaftlichen Innovationen überrascht wie kaum eine Generation zuvor, und Europa schweigt. (...) Der amerikanische Theoretiker und Computerexperte Ray Kurzweil verkündet unter dem Beifall des amerikanischen Publikums, dass Computer noch zu unseren Lebzeiten den menschlichen Verstand übersteigen werden, und in Deutschland kennt man noch nicht einmal seinen Namen. (...) Europa soll nicht nur die Software von Ich-Krisen und Ich-Verlusten, von Verzweiflung und abendländischer Melancholie liefern. Wir sollten an dem Code, der hier geschrieben wird, mitschreiben."
Man nennt solche Kurskorrekturen Paradigmenwechsel. Wir messen ja nicht das, was ist. Wir messen nur, was unsere Instrumente messen können. Wenn wir uns der Wirklichkeit mit anderen Instrumenten nähern, bekommen wir ein anderes Bild der Wirklichkeit, und Begriffe sind die Instrumente des Kopfes. Schirrmacher prägte Begriffe, damit prägte er Wirklichkeit.
Nach der großen Finanzkrise, die eine Vertrauenskrise des Kapitalismus war, stellte er fest: "Ein Jahrzehnt enthemmter Finanzmarktökonomie entpuppt sich als das erfolgreichste Resozialisierungsprogramm linker Gesellschaftskritik." Und dann druckte er die vielleicht besten Texte der Linken-Politikerin Sahra Wagenknecht über Europa und die Finanzen in der FAZ ab. SPIEGEL-Redakteur Jan Fleischhauer fragte ihn: "Würden Sie es als Beleidigung empfinden, wenn man Sie heute als links bezeichnet?", und Schirrmacher antwortete: "Beleidigung? Darauf käme ich sowieso nicht. Ich finde auch nicht, dass ich mich verändert habe. Ich bin wie wir alle nur Zeuge eines Denkens, das zwangsläufig in die Privatisierung von Gewinnen und die Vergesellschaftung von Schulden führte."
Schirrmacher war also zur Radikalität fähig. Als er auf sechs Seiten seines Feuilletons einen Teil der DNA-Sequenz abdruckte, da war das damals zugleich vollkommen sinnlos und unendlich bedeutungsvoll. Ein dramatischer und anarchischer Akt. Schirrmacher war auf sonderbare Weise unabhängig von der Gegenwart. Er schrieb einmal über Stefan George, einen seiner literarischen Helden: "Er hat vor allem durch die Attitüde seiner radikalen Weltmissbilligung gewirkt und jenen Kräften Sprache verliehen, die in dem Vorhandenen eine Beleidigung des Gewesenen und im Gewesenen eine Anleitung für das Mögliche sahen."
Leute, die weiterblicken können, werden üblicherweise von den Menschen nicht gemocht. Schirrmacher hatte viele Feinde. Für den Mächtigen, der es jung an die Spitze geschafft hatte, galt das Nietzsche-Wort: "Ich überspringe oft die Stufen, wenn ich steige - das verzeiht mir keine Stufe." Jetzt, da er tot ist, überschütten ihn auch jene mit Lob, die ihn zu Lebzeiten hassten. Ja, Hass ist schon das richtige Wort. Schirrmacher nannte das Feuilleton einmal ein "großartiges intellektuelles Spielzeug". Und wie sehr hassten ihn all jene dafür, die das Spielen vor langer Zeit verlernt haben!
Man muss sich klarmachen, dass trotz seines jungen Alters der Großteil der Journalisten des deutschen Gegenwartsfeuilletons Schirrmachers Weg gekreuzt hat, und diese Begegnungen hatten oft Folgen, zum Besseren oder zum Schlechteren. Legendär ist ja die große Feuilletonisten-Wanderung, die im Jahr 2001 zwischen den Kulturressorts der Süddeutschen Zeitung und der Frankfurter Allgemeinen stattfand. Eine neue Etappe im Generationen währenden Titanenkampf der beiden Blätter.
Über Nacht wechselte ein Großteil des deutschen Kultur- Personals die Seiten, darunter auch der Germanist und Musikwissenschaftler Thomas Steinfeld. Irgendwas muss bei Steinfeld hängen geblieben sein - er nahm jedenfalls viel später Rache an Schirrmacher und schrieb unter dem Pseudonym Per Johansson einen Schlüsselroman über den Großdenker, einen Krimi, in dem ein Journalist aus Deutschland, "kein einfacher Journalist, sondern ein mächtiger Mann - ein bisschen verrückt, aber ziemlich erfolgreich", umgebracht und von Dachsen aufgefressen wird: "Nur die Schuhe schienen ganz erhalten zu sein: schwarze, noch glänzende Brogues. In den eleganten Schuhen steckten ein paar abgenagte Beine." Über Schirrmachers Buch-Ego Christian Meier heißt es in dem Roman: "Er führte seine Zeitung wie ein Bankier einen Hedgefonds, als spekulatives Geschäft." Das war eine schöne und böse Beschreibung: Schirrmacher, der Themen-Kapitalist, der auf die Akkumulation von Fantasie setzt, ein Spekulant der Ideen, der in seiner Anlagestrategie auch über die Leichen der braven Kultur-Leute geht, die sich ihre Ideen mühsam vom Munde absparen müssen, dessen Rendite aber das beste Feuilleton des Landes ist.
So wie Martin Walser in seinem berühmten Buch "Tod eines Kritikers" Schirrmachers Vorgänger und Vorbild Reich-Ranicki zum Opfer eines Verbrechens hatte werden lassen, wurde nun Schirrmacher selbst zum Opfer. Und es gibt ja in der Kriminologie die Lesart, dass das Opfer sich seinen Täter schafft. So manchen seiner Feinde hat sich Schirrmacher redlich erarbeitet. Schirrmacher war einer, der die Menschen zu sich emporzog, sie neugierig betrachtete und wieder fallen ließ. Es ist kein Zufall, dass er den wunderbaren Nachruf, den er zu Rudolf Augstein verfasste, mit einem Zitat Walter Benjamins über Karl Kraus beginnen ließ: "Kind und Menschenfresser".
In Herlinde Koelbls Bildband "Spuren der Macht" konnte man in einer Fotoreihe das Kind Schirrmacher altern sehen. Da sprach er auch über seine Angst vor der Zeit: "Was mich immer schon beschäftigt hat, ist das Problem der Vanitas, der Vergänglichkeit." Schirrmacher war damals 32 Jahre alt. Im Jahr 2004 schrieb er in der Bild-Zeitungs-tauglich gemachten Kurzfassung seines "Methusalem"-Buches: "Wie oft berichten Menschen von der Plötzlichkeit, mit der das Alter sie wachrüttelt. Ungläubig schlägt man die Augen auf - und plötzlich ist man alt!"
Das ist für Schirrmacher, der über den Schriftsteller Franz Kafka promoviert hatte, keine zufällige Formulierung. Kafkas "Verwandlung" beginnt mit den Worten: "Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt." Hier ist es wieder, Schirrmachers Thema, Identität, das problematisch gewordene Selbstbewusstsein, Furcht vor Vergänglichkeit.
Zum Ende ihrer Gespräche hatte er 1999 zu Herlinde Koelbl über das Leben gesagt: "Das ist alles ein großer Roman, auch wenn man versucht, wahrhaftig zu sein. Das Ganze ist wie im Dorian Gray von Oscar Wilde. Das Bild altert, und man selber fühlt sich noch jung." Frank Schirrmacher starb am Donnerstag der vergangenen Woche an Herzversagen. ■
Von Jakob Augstein

DER SPIEGEL 25/2014
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