26.04.1999

DOPINGPille im Getränk

Die Polizei in Thüringen hat Dokumente über den Einsatz von Anabolika im Wintersport entdeckt. In der Stasi-Akte eines Arztes steht auch Jens Weißflog.
Ob Biathleten, Skilangläufer oder Nordische Kombinierer - den gestrengen Olympia-Arzt Hans-Joachim Kämpfe konnte niemand überzeugen: überall sah er Fehler in der Vorbereitung auf die Winterspiele 1984 in Sarajevo; die von ihm betreuten Sportler holten gerade mal vier Medaillen.
Einzig der kleine Mann aus Oberwiesenthal galt dem Doktor als musterhaftes DDR-Produkt aus Trainingswissenschaft und ärztlicher Kunst. In der Vorbereitung hätten die Mediziner Anabolika eingesetzt, um "die Kraftfähigkeit zu verbessern" - auch beim "Olympiakader J. Weißflog". "Die erzielten Ergebnisse", schrieb Kämpfe in kühlem Ton an den Ski-Verband, "können als gut bezeichnet werden." Jens Weißflog holte Gold und Silber.
Die jetzt aufgefundenen Aufzeichnungen des Dresdner Verbandsarztes bringen eines der letzten Sportidole der DDR, das stets als unbescholten und dopingfrei gegolten hat, in Mißkredit. Auch der schmächtige Sachse hat zumindest seinen ersten Olympiasieg offenbar mit unlauteren Mitteln errungen.
Detailliert gab Kämpfe nach den Winterspielen 1984 dem Ski-Verband der DDR Rechenschaft darüber ab, wie die Sportler medikamentös für Olympia aufgerüstet worden waren. Die Berichte von Kämpfe, der als IMS "Schmied" für die Stasi arbeitete, gelangten auch ans Ministerium für Staatssicherheit.
Dort wurden sie sorgfältig archiviert, nachdem der Doktor 1986 in einem Trainingslager in Schweden verstorben war - und überlebten die umfassenden Vernichtungsaktionen der Dopingdokumente zur Wendezeit.
Der späte Fund der Kämpfe-Akte ist sportpolitisch bedeutsam: Sie belegt, daß auch der Wintersport der DDR extrem dopingverseucht war. Die ungewöhnlich präzisen Berichte sind darüber hinaus kriminalistisch von hohem Wert. Für die Fahnder des Landeskriminalamts Thüringen gelten sie als eine Art Schlüsseldokument.
Seit eineinhalb Jahren ermitteln die Kripo-Beamten wegen des Verdachts der vorsätzlichen Körperverletzung gegen über 60 Trainer und Ärzte, die Athleten mit männlichen Hormonen gemästet haben sollen. Unter den Beschuldigten sind mit Sportdirektor Thomas Pfüller hochrangige Amtsträger des vereinten Deutschen Skiverbandes.
In Hans-Joachim Kämpfes Stasi-Akte werden auf rund 300 Seiten Dosierungen, Anwendungskonzepte und Wirkungsweisen erklärt - und es werden Namen genannt wie die von späteren Biathlon-Olympiasiegern. Die Menge der aufgelisteten Anabolika gilt als authentisch, denn die Pillen wurden in den meisten Fällen vom Lehrgangsarzt Kämpfe selbst ("täglich persönlich") ausgegeben. Nur die Biathleten und Skilangläuferinnen, die keine Tabletten einnehmen wollten, hätten eine Sonderbehandlung erfahren. Bei ihnen, schreibt Kämpfe, "erfolgte die Einnahme mit dem Entmüdungstrunk".
Weißflog, notierte Kämpfe, habe zur letzten Wettkampfvorbereitung auf die Spiele in Sarajevo in der Zeit vom 5. Oktober bis 9. Dezember 1983 immerhin 250 Milligramm der DDR-Hausmarke Oral-Turinabol geschluckt - in der "Phase des verstärkten Krafttrainings" wollten die DDR-Experten dem Skispringer dringend benötigte Muskeln zur Erhöhung der Sprungkraft antrainieren.
Ausführlich berichtete Kämpfe dem Verband über die Probleme beim Dopen der Frauen. Weil Mitte der achtziger Jahre Gerüchte kursierten, daß ehemalige Kolleginnen behinderte Kinder zur Welt gebracht hatten, verweigerten einige Athletinnen die Einnahme der Hormone. Die spätere Biathlon-Olympiasiegerin Antje Misersky unterbrach wegen des Zwangs zum Dopen sogar ihre Karriere.
In seinem Bericht an den Verband mahnte Kämpfe eine stärkere Kontrolle der Pillengabe an. Auch die "Aufklärungs- und Erziehungsarbeit" müsse verstärkt werden, "um zu sichern, daß die geplanten Maßnahmen exakt realisiert" würden.
Das Beharren auf hohen Anabolikadosen hatte Folgen. Einige der von Kämpfe erwähnten Olympiasportler leiden noch heute unter schwerwiegenden Schäden. Die LKA-Beamten fanden heraus, daß es unter den Athletinnen Fälle von "fehlentwickelten Föten, Tot- und Fehlgeburten, erzwungenen Schwangerschaftsunterbrechungen" gegeben habe.
Im Vergleich zu derartigen gesundheitlichen Schädigungen sind die Konsequenzen der späten Enthüllung für Weißflog, 34, eher gering. Der heutige Hotelbesitzer und TV-Kommentator wird nur Probleme mit seiner Glaubwürdigkeit bekommen.
Noch im Februar letzten Jahres hatte Weißflog jede Dopingeinnahme energisch abgestritten. "Ich wurde nie darauf angesprochen. Die hatten nämlich schon gemerkt", erzählte der dreimalige Olympiasieger, "was hilft mir ein Muskelpaket, wenn er's nicht im Kopf hat."
Zumindest wissentlich habe er nie gedopt, betonte Weißflog auch, als er vom SPIEGEL über den Inhalt der Kämpfe-Akte erfuhr. Ihm sei "absolut schleierhaft", wie sein Name auf die Dopingliste gelangt sei. Kämpfe kenne er nur vom Namen her. Wenn man von solchen Dingen erfahre, sagt Weißflog, "ist man erst mal richtig schockiert". UDO LUDWIG
Von Udo Ludwig

DER SPIEGEL 17/1999
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