26.04.1999

USA„Ich werde alles vernichten“

Mörderischer Amoklauf amerikanischer Teens: Wie der Haß zweier verlachter Außenseiter auf die Clique der Sportskanonen unter den Schülern der High-School von Littleton zu einem Blutbad führte.
Villen, ein Golfplatz und auf der Columbine High-School jedes Jahr die besten Prüfungsarbeiten im ganzen Bundesstaat - Littleton, Colorado, galt bis vergangenen Dienstag als sicherer Fluchtpunkt vor dem Dreck und vor der Angst der großen Städte. So sicher, daß die Bewohner abends nicht einmal ihre Haustür absperrten.
Die Vorzeigeinstitution - unter den acht besten Schulen Nordamerikas - ist der Stolz des Ortes mit seinen rund 40 000 Einwohnern. Allein für den Abschlußball hatten die Eltern locker 50 000 Dollar gespendet. Um einen gesitteten Ablauf sicherzustellen, hatten sich die Schüler schriftlich verpflichtet, an diesem Abend keinen Alkohol zu trinken.
Auch Dylan Klebold trug auf dem Ball einen Smoking, flirtete mit seiner Begleiterin Devon Adams. Und als der Diskjockey den Song "Take my Breath away" aus dem Militärfilm "Top Gun" auflegt, "schwebten wir beide", so erinnert sich Adams, "in den Abend hinein. Alles war weit weg. Die Schule, der Ärger mit den Mitschülern, und vor uns lag nur eins: eine strahlende Zukunft".
67 Stunden später lag Dylan Klebold, 17, mit seinem Freund Eric Harris, 18, tot in der Bibliothek der Schule. Beide hatten sich mit Kopfschüssen selbst getötet.
Was sie vorher angerichtet hatten, wird in amerikanischen Medien als das "tödlichste Schulmassaker in der US-Geschichte" bezeichnet. Klebold und Harris hatten in einem einstündigen Amokspaziergang einen Lehrer und zwölf Mitschüler getötet, dazu 28 zum Teil schwer verletzt.
Gegen 11.30 Uhr, am 20. April, dem 110. Geburtstag Adolf Hitlers, waren die beiden auf dem Schulparkplatz aus Klebolds schwarzem BMW gestiegen, im Gepäck zwei abgesägte Schrotflinten, eine halbautomatische Neun-Millimeter-Pistole, einen Karabiner und etwa 30 selbstgebaute Sprengsätze. Außerdem fand man eine Zehn-Kilo-Bombe, mit der sie und vermutlich ihre Helfer die gesamte Schule in die Luft sprengen wollten. Dazu trugen sie Skimasken und ihr Erkennungszeichen: lange schwarze Trenchcoats. So stilisiert und ruhig sie ihre Wahn-Mission begannen, so kalt und höhnisch zelebrierten sie ihre Morde, gerade so, als seien sie auf dem Set von "Natural Born Killers". Ihre Ziele: Schwarze, Hispanics, Behinderte und vor allem Sportler.
Bombenwerfend und salvenfeuernd marschierten sie durch die Cafeteria, wo Schüler zu Mittag aßen, zu ihrem eigentlichen Ziel: der Bibliothek. Dort riefen sie: "Alle Sportler bitte aufstehen, denn alle Sportler sind gleich tot", erinnert sich Joshua Lapp, 18. Danach hätten sie aussortiert. "Jeder mit einer Baseballmütze ist tot. Jeder mit einem weißen T-Shirt ist tot."
Klebold und Harris machten keine großen Umstände. Vielen ihrer Opfer schossen sie direkt ins Gesicht. Einen Jungen, der sich unter dem Tisch versteckte, überraschten sie scherzhaft mit "kuckuck", bevor sie abdrückten. Einen schwarzen Schüler bedrohten sie mit den Worten: "Wo ist denn der kleine Nigger?" Dazu schossen sie dreimal. "Ist der kleine Nigger tot?" fragt einer. "Ja", bestätigt der andere. "Schau mal, so sieht also das Gehirn von einem Nigger aus. Seltsam." Dann sollen sie gelacht haben.
Ab 1.59 Uhr waren CNN und NBC live auf Sendung gegangen. Sie lieferten die Bilder des Grauens in jedes amerikanische Heim. Mitglieder einer schwerbewaffneten, schwarzgekleideten Spezialeinheit gegen Terroristen zerrten einen Jungen durch eine Glasscheibe; Mütter versuchten, mit Handys Kontakt zu ihren eingesperrten Kindern aufzunehmen. Dazwischen konnte man ganze Schulklassen mit erhobenen Händen über den Rasen vor der High-School rennen sehen. Verdächtig war jeder. Denn - so vermuteten die Einsatzleiter - die Amokläufer könnten auf die Idee kommen, sich unter die Flüchtenden zu mischen, um so zu entkommen.
Doch die lagen tot in der Bibliothek und können deshalb keine Antwort mehr geben auf ihr Motiv und die Frage, die für große Unruhe sorgt: "Wie konnte so etwas passieren in der heilen Welt von Littleton?"
Die Leute mußten sich erst mal zufriedengeben mit einem dürftigen Abschiedsbrief: "Verurteilt uns nicht. Auf diese Weise wollen wir uns verabschieden."
Dafür waren die üblichen Welterklärer mit ihren Theorien schnell zur Stelle. Die Christliche Rechte gab Hollywood, der Rockmusik und dem Internet die Schuld. Die Liberalen mäkelten am freien Verkauf von Schußwaffen herum. Präsident Clinton meinte, in der vierten Woche seines Kosovo-Bombardements, man müsse den Kindern beibringen, daß Gewalt keine Lösung sei. Zum Trost, so empfahl er ihnen, sollten sie beten. Zum seelischen Notstand kam der intellektuelle. Und der wurde übertroffen von einem schlechten Gewissen.
Daß nämlich Schüler auf Schüler und manchmal auf Lehrer schießen, ist schon lange nichts Neues mehr in den USA. Seit 1997 gab es neun Attentate, ausgeführt von Halbwüchsigen in kleinen, vermeintlich friedlichen Provinznestern wie Jonesboro, Arkansas, wo zwei Jungs im vergangenen Jahr vier Klassenkameraden und eine Lehrerin töteten. Oder Springfield, Oregon, wo ein 15jähriger mit einem Gewehr in die Cafeteria marschierte, zwei Mitschüler tötete und 22 verwundete. "Es ist nie South Central oder Harlem", bemerkte der CNN-Moderator Larry King ratlos, "es ist immer die Vorstadt."
Doch die Idylle von "Suburbia" trügt. Zwar heißen die Straßen noch "Greenwood Pines" und "Deer Creek Valley", so als würden rotbackige Familienväter mit ihren Söhnen sonntags mit der Bibel unterm Arm zum Fischen gehen. Aber hinter den nostalgischen Fassaden regieren längst in vielen Heimen die Fernbedienung und die Ehekrise. Nur zugeben will es keiner. Denn in Orten wie Littleton sind die Menschen zum Glücklichsein verdammt.
"Er war so ein netter Junge", sagte der Nachbar von Mörder Eric Harris. Dabei hatte er stundenlang mitangehört, wie Harris mit seinem Kumpel Klebold hinter dem hellblauen Garagentor Glas zerschlug, um daraus Splitterbomben zu bauen.
In einem nahe gelegenen Bachbett ließ Harris seine Sprengkörper zur Probe in die Luft gehen, in einem Eisenwarenladen kaufte er neues Zubehör.
So nette Jungs eben, die mit schwarzen Mänteln und Hakenkreuzen herumliefen, Adolf Hitler verehrten und Armbinden trugen, auf denen stand: "I hate people" - "Ich hasse die Menschen".
So nette Jungs auch, die im Kurs für kreatives Schreiben Texte entwarfen wie "Das Fleisch verrottet auf deinen Knochen, und der Himmel ist blutrot" und die in Video-Workshops Filme herstellten, in denen sie mit ihren abgesägten Schrotflinten posierten.
Und, weil es so nett ist unter netten Jungs, warum nicht noch andere nette Jungs treffen und sich die "Trenchcoat Mafia" nennen, was nach Gangstern klingt und Bogart und einem Ehrenkodex, den der Rest der Welt nicht verstehen soll. Und dann, wie Harris, auf eine Website schreiben: "Ich wohne in Denver und möchte fast jeden Einwohner dort umbringen. Ihr versteckt euch am besten alle in euren Häusern, aber ich werde jeden erwischen. Ich werde zielen, um zu töten, und ich werde alles vernichten."
Diesen Haß verbreiten nicht nur obskure Internet-Seiten oder Gewaltvideos, selbst derzeit laufende Kinoproduktionen wie "The Matrix" gehören vielleicht zu den mörderischen Vorlagen für das Schulgemetzel von Littleton: In dem Film ballert Hollywood-Star Keanu Reeves im schwarzen Trench aus einem Schnellfeuergewehr um sich, und in einer Traumsequenz von "The Basketball Diaries" schießt Leonardo DiCaprio auf Lehrer und Mitschüler.
So furchterregend Harris, Klebold und ihre Clique, die Trenchcoat Mafia, auftreten wollten - in der High-School von Littleton wurden sie für krank gehalten und einfach ausgelacht. Niemand hatte Angst vor ihnen. "In der Hierarchie von Columbine standen sie ganz unten", sagt der Mitschüler John Vandemark. "Sie waren Außenseiter. Oben standen die Sportler."
Wie an jeder anderen amerikanischen High-School gelten auch in Columbine die "Jocks", die Athleten, als die Chefs des kleinen Universums. Die Cheerleader jubeln ihnen zu, sie bekommen die hübschesten Mädchen, die gutbezahlten Jobs und später auch mit mittelmäßigen Noten einen Platz an Elite-Universitäten. Und Jocks wissen, was sie wert sind. "Am ersten Schultag habe ich mich an ihren Tisch in der Cafeteria gesetzt", erzählt ein eher unscheinbarer Schüler. Sie sagten: "Steh auf - das ist nicht dein Platz."
Harris, Klebold und ihre Clique haßten das selbstbewußte Getue der Sportskanonen, und je mehr sie versuchten, mit ihren
* Bei einer Debatte über das Massaker von Littleton an der Williams High-School in Alexandria (Virginia).
untrainierten Körpern und den angsteinflößenden Zeichen ihrer selbstgebastelten Subkultur aus Hitler, deutschem Techno, den Schockrockern Marilyn Manson und Rammstein, den Computerspielen "Doom" und "Quake" dagegen anzugehen, desto lächerlicher machten sie sich. "Sie riefen ,Jock, ich hasse dich'', wenn ich durch die Aula ging", sagte ein Sportler. "Warum sollte ich mich darüber aufregen. Sie waren ja keine Jocks."
Vor einigen Monaten, berichtet ein Footballspieler namens Matt Good, hatten die Sportler einem Kampf mit der Mafia zugestimmt. Aber die Trenchcoats seien zwei Stunden zu spät erschienen. Sie hätten außerdem noch Schwerter dabeigehabt. Ziemlich peinlich. Die Jocks sagten: "Vergeßt es", und seien gegangen.
Mit Verachtung und Hohn gestraft, fühlten sich Klebold und Harris immer mehr als Opfer. "Ich lasse es mir nicht länger gefallen, daß die Jocks auf uns herumtrampeln", sagte Harris. Und wie viele schlechte Verlierer haßte er Leute, von denen er glaubte, sie seien schwächer als er. Zum Beispiel schwarze Mitschüler. Von denen gab es an der von Weißen dominierten High-School gerade 14.
Wie die meisten Jugendlichen in der Pubertät waren Harris und Klebold den Erwachsenen längst entglitten. Weit fataler aber war: Sie verloren den Sinn für Realität. Stundenlang jagten sie Feinde in den Labyrinthen ihrer Computerspiele; putschten sich auf mit Kriegsgesängen der deutschen Band KMFDM ("Kein Mitleid für die Mehrheit") und Zeilen wie "If I had a shotgun, I''d blow myself to hell" - "Wenn ich ein Gewehr hätte, würde ich mich in die Hölle blasen". Und so wurde aus ihrer selbstangelegten kleinen Sammlung mieser Popzitate eine Welt. Für Harris und Klebold gab es die Grenze zwischen virtueller und echter Welt nicht mehr: Hitler in der High-School.
Am Tag nach dem Massaker hielten Menschen Kerzen in den Händen und sangen. Viele weinten, und noch mehr warteten darauf, im Fernsehen interviewt zu werden. Einige Schüler hatten schon vom belagerten Gebäude aus mit ihren Handys nicht die Polizei, sondern CNN angerufen.
Und weil in diesem Durcheinander die Dinge trotzdem ihre Kleinstadtordnung haben sollen, legten die Trauernden zwischen den Ü-Wagen der Fernsehstationen Blumen auf dafür bestimmten Flächen ab.
Erst nachdem die letzten von Harris und Klebold installierten Sprengfallen entschärft worden waren, konnten gegen Abend die Toten aus der bombenverminten Schule geborgen werden. In der Nacht begann es zu schneien.
Am darauffolgenden Tag waren wieder alle auf Sendung. Zwischen den Satellitenschüsseln debattierten ein paar Leute das Für und Wider des Verkaufs von Schußwaffen - vier Millionen pro Jahr.
Aber daraus wird wohl nichts werden. Amerikaner seien süchtig nach Gewalt, bekannte die "New York Times": "Wir machen sie aufregend. Wir feiern sie. Wir romantisieren sie. Wir erotisieren sie. Und vermarkten diese Geräte, die jedem von uns das Morden ermöglichen. Macht ja nichts. Steck einfach eine Pistole ein und fahr runter zum Videostore, um dir ein paar aufregende Videos zu besorgen, in denen Frauen umgebracht werden. Und, wenn dir jemand in den Weg kommt - knall ihn ab." MATHIAS MÜLLER VON BLUMENCRON,
THOMAS HÜETLIN
* Bei einer Debatte über das Massaker von Littleton an der Williams High-School in Alexandria (Virginia).
Von Mathias Müller von Blumencron und Thomas Hüetlin

DER SPIEGEL 17/1999
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