23.06.2014

FotografieFrau im Schatten

Der Dokumentarfilm „Finding Vivian Maier“ rekonstruiert das Leben eines amerikanischen Kindermädchens. Dass sie eine große Fotografin war, hat man erst nach ihrem Tod entdeckt.
Einmal wurde Vivian Maier von einem Bekannten nach ihrem Beruf gefragt. Es hätte verschiedene Möglichkeiten gegeben, darauf zu antworten. "Kindermädchen", hätte sie sagen können, denn das war der Job, mit dem sie ihr Geld verdiente. "Fotografin" wäre allerdings treffender gewesen, denn das war Maiers Passion, ihr wahrer Lebensinhalt. Über Jahrzehnte machte sie unzählige Fotos, von denen viele heute als Meisterwerke gelten. Maier hätte also auch "Künstlerin" sagen können, aber dazu fehlte ihr wohl das Selbstbewusstsein.
"Ich bin eine Art Spion", sagte Vivian Maier stattdessen, ein Scherz mit einem wahren Kern, denn sie sammelte und dokumentierte wie eine Besessene. Mehr als 100 000 Negative fand man in ihrem Nachlass, aber auch Tonbänder, Fahrkarten, Quittungen. Und dennoch hinterließ ihr Leben nur wenige Spuren. Keine Kinder, keine Freunde, nichts. Vivian Maier, eine Einzelgängerin, ein Mysterium.
Der Versuch, Maiers Leben und Werk zu rekonstruieren, gleicht einem Detektivspiel. Dass dieses Spiel überhaupt begann, dass Vivian Maier heute als eine der wichtigsten amerikanischen Fotografinnen des 20. Jahrhunderts gefeiert und mit Großmeistern wie Diane Arbus oder Garry Winogrand verglichen wird, ist einer Kette von Zufällen zu verdanken - und der Hartnäckigkeit von John Maloof, einem jungen Amerikaner. Er sorgte dafür, dass ihre Fotos heute in Museen und Galerien auf der ganzen Welt gezeigt werden, dass es prächtige Bildbände gibt und jetzt sogar ein Dokumentarfilm über sie produziert wurde, "Finding Vivian Maier", der diese Woche in den deutschen Kinos startet(*).
Maloof arbeitete als Immobilienmakler in Chicago, nebenbei war er Vorsitzender eines Vereins von Hobbyhistorikern, die die Geschichte ihres Stadtteils aufarbeiteten. Für ein Buch suchte er historische Fotos aus dem Viertel, er stöberte auf Flohmärkten und bei Haushaltsauflösungen
herum. In einem Auktionshaus ersteigerte er für 380 Dollar eine Blechkiste mit mehr als 30 000 Negativen. Der Name der letzten Besitzerin: Vivian Maier.
Flüchtig prüfte Maloof das Material. Enttäuscht stellte er fest, dass die Bilder für das Stadtteilbuch nicht zu gebrauchen waren. Er verstaute die Kiste in seinem Kleiderschrank.
Erst zwei Jahre später, 2009, holte er die Kiste wieder hervor. Diesmal guckte er sich die Fotos genauer an. Darunter waren viele Porträts von Menschen auf der Straße, aufgenommen in Chicago und New York, vor allem in den Fünfziger-, Sechziger- und Siebzigerjahren, Kinder, alte Damen, Arbeiter, Bettler. Die Bilder gefielen ihm, eine eigentümliche Faszination ging von ihnen aus. Maloof scannte rund hundert Aufnahmen und stellte sie ins Internet. "Gibt es häufig solche Bilder?", fragte er im Fotoportal Flickr.
Die Reaktionen im Netz waren euphorisch. Großartig, bitte mehr davon, lauteten die Kommentare, verbunden mit der Frage: Wer ist Vivian Maier?
Zu diesem Zeitpunkt ergab eine Suche bei Google genau einen Treffer, eine Todesanzeige in der Chicago Tribune: Vivian Maier, geboren 1926 in New York, von Beruf Kindermädchen, gestorben am 21. April 2009 in Chicago, "eine ganz besondere Persönlichkeit".
Zwischen den Negativen hatte Maloof auch eine Adresse entdeckt. Sie führte ihn zu einer Familie, für die Maier 17 Jahre lang gearbeitet hatte. Die Familie überließ Maloof die Schlüssel zu zwei Abstellkammern in einem Lagerhaus, in denen Maiers Habseligkeiten aufbewahrt wurden; altes Zeug, das eigentlich auf den Müll wandern sollte: ein paar Koffer mit Kleidung, Schuhen, Hüten, aber auch Kartons voller vergilbter Zeitungen, Briefe, Papierkram. Vor allem aber entdeckte Maloof weitere Fotos, sehr viele Fotos und noch mehr Negative, Zehntausende, sowie unzählige belichtete, aber noch nicht entwickelte Filme.
Seitdem ist Vivian Maier für John Maloof zur Lebensaufgabe geworden, zu einer Obsession. Bild für Bild erschließt er ihren Nachlass, er archiviert und kuratiert, er organisiert Ausstellungen und erforscht ihr Leben. Gemeinsam mit dem Produzenten Charlie Siskel dokumentierte er seine Schnitzeljagd für den Kinofilm "Finding Vivian Maier"; Maloof ist Regisseur, Rechercheur und Hauptdarsteller in einer Person.
Aus effektvoll montiertem Archivmaterial, Maiers Fotos und Interviews mit Menschen, die sie gekannt haben, entsteht in dem Dokumentarfilm nach und nach das Porträt einer einzigartigen, exzentrischen Künstlerin. Nicht, dass die Familien, für die Maier als Kindermädchen arbeitete und die jetzt von ihr erzählen, etwas davon geahnt hätten. Ja, Vivian habe immer ihre Kamera dabeigehabt. Aber ihre Bilder habe sie nie jemandem gezeigt. Warum auch? Sie war ja bloß die Nanny.
Ehemalige Ziehkinder, heute längst erwachsen, berichten, wie sie Maier auf Spaziergängen begleiten mussten, oft in üble Stadtteile. Dort fand Maier ihre Motive, die Verlierer des amerikanischen Traums, Obdachlose und Straßenhändler. Aber eigentlich fotografierte sie immer und überall, Damen im Pelzmantel auf der Fifth Avenue ebenso wie spielende Kinder im Park. Ihr Blick war empathisch und distanziert zugleich, manchmal humorvoll, nie herablassend, die Bilder waren immer perfekt komponiert. Sie war eine Fremde, die viele Menschen ungewöhnlich nah an sich heranließen.
Maiers Kamera war für dieses Sujet ideal. Gern arbeitete sie mit einer Rolleiflex, einer Mittelformatkamera, die der Fotograf etwa in Brusthöhe hält und dabei von oben in den Sucher blickt. Blickkontakt mit dem Porträtierten ist so jederzeit möglich, kein Apparat vor dem Auge stört.
Maier machte auch unzählige Selbstporträts, "Selfies" des Analogzeitalters. Sie fotografierte sich vor Spiegeln und in Schaufenstern. Die Bilder zeigen eine eigenwillige, kontrollierte Frau, auch wenn ihr Gesicht mitunter nur halb zu sehen ist oder ganz verzerrt. Einige Fotos zeigen auch nur ihren Schatten.
Diese Selbstbildnisse passen zu der geheimnisvollen Aura, die Maier auch sonst umgab. "Sie war eine sehr in sich gekehrte, auf ihre Privatsphäre bedachte Person", erzählt eine Frau, in deren Haushalt Maier jahrelang arbeitete. Maiers Zimmer im Dachgeschoss galt als "verbotene Zone", Zutritt unerwünscht. Als sich die Frau doch einmal heimlich dort umsah, betrat sie das Reich einer manischen Sammlerin, eines Messies. Überall im Zimmer stapelten sich meterhoch die Zeitungen, nur ein schmaler Gang blieb frei.
Eine Frage, die auch ihr Chronist Maloof nicht wirklich beantworten kann: Warum hat sich Vivian Maier - nach allem, was man weiß - nie darum bemüht, ihre Fotos auszustellen oder zu veröffentlichen? Traute sie sich nicht, aus Angst vor Kritik? Wollte sie ihre Bilder mit niemandem teilen? Und was zeichnet überhaupt einen Künstler aus? Nur das Werk an sich? Oder gehört dazu auch die Überzeugung, ja: der Größenwahn, die Welt müsse von diesem Werk erfahren?
Viele ihrer Fotos, die wir heute bewundern, hat Maier selbst nie gesehen, weil sie die Filme nicht entwickeln ließ. "Wenn das Bild erst einmal aufgenommen ist, interessiert mich überhaupt nicht, was dann damit passiert", hat der berühmte Fotoreporter Henri Cartier-Bresson einmal behauptet, "denn Jäger sind nun mal keine Köche."
John Maloof jedenfalls verdient mittlerweile gut an Maiers Beute. Über eine New Yorker Galerie werden Maier-Fotos für 2200 bis 5400 Dollar verkauft; auf jedem Abzug steht auch Maloofs Name. Über Erben, die ihm das Recht streitig machen, ist nichts bekannt. "Finding Vivian Maier" ist, eher unfreiwillig, auch eine Studie über den zeitgenössischen Kunstmarkt.
Maier selbst, da ist sich einer ihrer ehemaligen Arbeitgeber sicher, hätte den Rummel um ihre Person gehasst. Dass andere jetzt an ihren Arbeiten verdienen, hätte sie dagegen möglicherweise weniger gestört: In ihrem Nachlass fanden sich auch uneingelöste Schecks.
In ihren letzten Jahren saß Vivian Maier manchmal auf einer Parkbank am Ufer des Lake Michigan. Sie aß kaltes Pökelfleisch aus der Dose, sie fotografierte nicht mehr, aber sie beobachtete noch immer ihre Umgebung.
"Wir müssen anderen Menschen Platz machen", sagt Maier auf einer Tonbandaufnahme aus ihrem Nachlass, das Leben sei "ein Rad. Man springt auf und fährt bis zum Ende, und dann hat jemand anders die Gelegenheit, bis zum Ende zu fahren, und wird seinerseits von einem anderen abgelöst. Es gibt nichts Neues unter der Sonne".
Es sei denn, jemand ersteigert eine Kiste mit alten Fotos.
* John Maloof (Hg.): "Vivian Maier - Street Photographer". Verlag Schirmer / Mosel, München; 136 Seiten; 39,80 Euro. Ein weiterer Vivian-Maier-Bildband ("Das unbekannte Meisterwerk") erscheint im Oktober.
Von Martin Wolf

DER SPIEGEL 26/2014
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