30.06.2014

Zeitgeschichte„... und da saß Mandela“

Die bald 90-jährige Journalistin Ruth Weiss emigrierte 1936 als Kind jüdischer Eltern nach Südafrika. Ein Gespräch über Antisemitismus und Apartheid, Heimatlosigkeit und ihr Leben zwischen Beruf und Kind.
Weiss wanderte als Zwölfjährige mit ihrer jüdischen Familie aus dem nationalsozialistischen Deutschland nach Johannesburg aus. Später war die Journalistin und Buchautorin eine der ersten Frauen, die auch für europäische Medien über die Unabhängigkeitsbewegungen im südlichen Afrika berichteten. Wegen ihrer kritischen Haltung durfte sie ab 1966 mehr als 20 Jahre lang nicht mehr nach Südafrika einreisen, später auch nicht mehr in das damalige Rhodesien. Mittlerweile lebt die praktizierende Jüdin wieder in Deutschland. Sie gehört zu jenen 1000 Frauen, die 2005 von einer Schweizer Initiative für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen wurden.
SPIEGEL: Frau Weiss, Sie haben in Johannesburg, Harare, Lusaka und London gelebt - und nun, nach all diesen Stationen Ihres fast 90-jährigen Lebens, sind Sie ausgerechnet in Lüdinghausen gelandet. Was zieht Sie in die westfälische Provinz?
Weiss: Mein Sohn hat das zu verantworten. Er ist in Dänemark verheiratet, und ich wollte in seiner Nähe wohnen. Ursprünglich hatte ich an Hamburg gedacht. Aber als die Entscheidung anstand, besuchten mich gerade Freunde aus Lüdinghausen, Friedensaktivisten, die ich einst während einer politischen Bildungsreise durch Sambia begleitet habe. Sie schlugen mir vor, erst eine Station in Lüdinghausen einzulegen. Ich bin dann geblieben. Es beruhigt mich, Freunde in meiner Nähe zu wissen; ich habe so viele Jahre im Exil verbracht, dass Freunde mir Heimat bedeuten. Und ich bin auf sie angewiesen. Ich gehe schlecht, in der Ecke dort stehen Stock und Rollator, manche Reisen kann ich nur noch in Begleitung unternehmen.
SPIEGEL: Warum sind Sie nicht einfach zu Ihrem Sohn gezogen?
Weiss: Ein alter Mensch wie ich sollte nicht zusammen mit seinen erwachsenen Kindern am selben Ort leben. Sascha und seine Frau hätten ihren Alltag nach mir ausgerichtet, das würde ich nicht wollen. Und ich führe hier ein interessantes Leben. Ich lese aus meinen Büchern und halte Vorträge in Schulen, ich lerne als alte deutsche Jüdin ganz unerwartet noch eine neue deutsche Generation kennen. Und dank Internet und E-Mails kann ich mich darüber informieren, was in der Welt passiert. Man darf im Alter nicht so tun, als ob es das Ende wäre. Das Ende kommt irgendwann. Bis dahin muss man versuchen mitzumachen.
SPIEGEL: In diesen Tagen erscheint Ihre Autobiografie in der erweiterten englischen Fassung, eine frühere deutsche Auflage ist vergriffen(*). Die Literaturnobelpreisträgerin Nadine Gordimer hat das Vorwort geschrieben, sie ist eine Ihrer besten
Freundinnen und sieht in Ihrem Leben drei bestimmende Strömungen des 20. Jahrhunderts gespiegelt: Nationalsozialismus, Rassismus, Kommunismus.
Weiss: Sie hat recht. Wir sind 1936 aus dem fränkischen Fürth nach Johannesburg ausgewandert. Viele Juden flüchteten in den Jahren nach der "Machtergreifung" wie wir ans Kap; der südafrikanische Staat hielt die Grenzen für Einwanderer mit weißer Hautfarbe bis Ende 1936 offen, danach durften Juden im Grunde nicht mehr einwandern. Es war eine geteilte Emigration: einerseits kleinbürgerliche Leute wie meine Eltern, andererseits Großstädter aus Hamburg, München und Berlin. Zu ihnen gehörten Künstler und Schriftsteller, aber auch Kommunisten, die zusammen in Johannesburg einen Kulturverband gegründet hatten. Dort trafen auch wir Jugendlichen uns. Wir suchten im Exil die deutsche Atmosphäre. Wir haben diskutiert und gelesen, Exilschriftsteller wie Thomas Mann, und wir wurden dort auch politisiert.
SPIEGEL: Inwieweit hat die Gruppe Ihr politisches Denken beeinflusst?
Weiss: Ich war begeistert und wollte unbedingt der Kommunistischen Partei beitreten. Aber Hans Weiss, mein späterer Mann, warnte mich, und ich habe auf ihn gehört. Ich hatte ihn im Kulturverein kennengelernt, er war ein ehemaliger Kommunist und meinte, dass ein Parteieintritt mich für mein ganzes Leben behindern würde. Viele Kommunisten unterstützten später die Befreiungsbewegung der Schwarzen, den ANC, doch die Partei war in Südafrika anfangs sehr stalinistisch ausgerichtet. Man durfte kaum eigene Gedanken äußern. Und Hans wusste, was Unfreiheit bedeutet. Auch er war ein deutscher Jude; er hatte den Terror der Nationalsozialisten kennengelernt.
SPIEGEL: Und Sie selbst? Wie haben Sie den Nationalsozialismus erlebt?
Weiss: Mein Vater hat 1933 bereits seinen Job verloren. Er war Kaufmann in der Spielwarenbranche, ein kleiner Angestellter nur. Aber der Gauleiter Julius Streicher veränderte die Atmosphäre in Franken nach der Machtübernahme sehr schnell und legte den arischen Firmen nahe, die Juden zu entlassen. Alles veränderte sich rasant. Ich ging in der Nähe von Nürnberg in eine Dorfschule, dort unterrichtete ein einziger Lehrer alle Kinder zusammen in einem Raum. Dieser Lehrer, der auch unser Nachbar war, grüßte meinen Vater mit dem Tag der Machtübernahme nicht mehr. In der Schule ordnete er an, dass kein Kind mehr mit mir sprechen und spielen sollte.
SPIEGEL: Sie hatten von einem Tag auf den anderen keine Freundin mehr?
Weiss: Als ich in die Schule kam, saß niemand mehr in meiner Bank. Und wenn ich mich im Unterricht meldete, ignorierte mich der Lehrer. Ich existierte einfach nicht mehr. Ich war darüber schrecklich traurig, ich habe mich im Wald verkrochen und mein Poesiealbum mit den Freundschaftsschwüren der Klassenkameradinnen weggeschmissen. Ich hatte einen Hund, in dessen Fell habe ich geweint. Zu Hause hat mich dann meine Mutter in den Arm genommen. Sie hat nicht viel gesagt, aber ich spürte, dass sie aufgeregt war.
SPIEGEL: Lebten noch andere Juden in dem Dorf?
Weiss: Wir waren die einzigen. Die anderen Kinder hatten mich immer beneidet, weil ich an den jüdischen Feiertagen nicht in die Schule gehen musste. Wir verbrachten diese Tage in Fürth bei den Großeltern. Dort wohnten wir auch eine Zeit lang, als mein Vater schon nach Südafrika aufgebrochen war, um dort eine neue Arbeit anzunehmen. Rückblickend kommen mir diese drei Jahre in Fürth wie Leben in einem Getto vor. Die jüdische Schule war überfüllt, sie war nicht größer als ein Wohnhaus und für 40 Kinder gedacht, wir waren aber 250 Jungen und Mädchen. Selbst in den Pausen durften wir das Gelände nicht verlassen. Die jüdischen Kinder wurden immer wieder von johlenden Fürthern angegriffen. Besonders schlimm war das für die Jungen, sie spielten so gerne draußen Fußball.
SPIEGEL: Erinnern Sie sich an andere Repressionen?
Weiss: Ich hatte einen Onkel, der eines Abends verletzt zu uns gebracht wurde. Er war in Nürnberg mit seiner christlichen Freundin ausgegangen und zusammengeschlagen worden. Mein Vater marschierte in derselben Nacht in den Wald und schmiss den Revolver weg, den er als Souvenir aus dem Ersten Weltkrieg behalten hatte. Ein Jude mit Waffe, das war plötzlich verdächtig.
SPIEGEL: War Ihr Vater Soldat im Ersten Weltkrieg?
Weiss: Mein Vater war ein guter Deutscher, er hatte sich mit 17 Jahren freiwillig gemeldet. Anders als mein orthodoxer Großvater hatte er auch nicht so viel Zugang zur Religion. Nach der Schlacht von Verdun wurde ihm das Eiserne Kreuz verliehen, er war verwundet worden und trotzdem in den Krieg zurückgekehrt. Er wäre nie auf die Idee gekommen auszuwandern, bloß weil ihm eine Regierung nicht passte. Er war kein politischer Mensch. Aber er hatte eben seinen Job verloren, und ein Verwandter aus Südafrika hatte ihn angeschrieben und sich als Bürge angeboten, falls mein Vater eine neue Existenz in Johannesburg wagen wolle. So hat er dann das nächste Schiff genommen. Es war ein immenser Zufall, dass unsere Familie dem Terror in Deutschland entgangen ist.
SPIEGEL: Mit welchem Gefühl blicken Sie heute auf den Nationalsozialismus?
Weiss: Das ist wohl vor allem Entsetzen. Und Schuld. Jedes Mal, wenn ich an Anne Frank denke, frage ich mich: Warum die - und nicht ich? Wir hatten Glück, unser Überleben war Umständen geschuldet, die wir nicht gesteuert haben. Allerdings ahnten wir lange kaum etwas von unserem Segen. Das ist vielleicht das Schlimmste: Wir hatten dieses Glück und wussten vom Leid der Juden in Europa nichts.
SPIEGEL: Sie standen mit niemandem in Kontakt?
Weiss: Wir hatten keine Möglichkeit. Wir haben 1945 in der BBC die ersten Berichte über Konzentrationslager gehört, und wir haben sie nicht geglaubt. Dann wurde über die Befreiung Dachaus berichtet. Das kannte ich aus meiner Kindheit, und erst jetzt konnte ich mir vorstellen, was mit unseren Freunden und Verwandten geschehen sein könnte. Mein Vater hat daraufhin an seinen Bruder in der Nähe von Aschaffenburg geschrieben. Der Brief kam zurück. Es war niemand übrig geblieben.
SPIEGEL: Haben Sie Fürth anschließend noch einmal besucht?
Weiss: Ich war in den Siebzigerjahren dort, damals arbeitete ich ja schon als Journalistin und für kurze Zeit bei der Deutschen Welle in Köln. Henry Kissinger, der ja aus Fürth stammt, sollte eine Auszeichnung erhalten, und ich wollte ihn interviewen.
SPIEGEL: Kissinger war damals amerikanischer Außenminister ...
Weiss: ... ja, und er war mit meiner Schwester in eine Klasse gegangen. Aber ich ertrug es kaum, mich in der Altstadt aufzuhalten. Ich sprach nicht einmal mit seiner Mutter, die früher mit meiner Großmutter immer in die Synagoge gegangen war. Henry wurde vom amerikanischen Geheimdienst zudem derart abgeschirmt, dass ich nicht zu ihm durchdrang. Aber ich wollte auch abreisen. Wie ich mich in Fürth fühlte, war etwas, das ich nicht erfahren mochte. Erst 1995 konnte ich mich dem aussetzen, da hatten die Fürther mich zum Gedenken an das 50. Jahr nach Kriegsende eingeladen. Ein anderes Mal haben sie mir das Goldene Kleeblatt verliehen.
SPIEGEL: Was bedeutet Ihnen eine Auszeichnung der Stadt Fürth?
Weiss: Ich betrachte sie als Eingeständnis, dass wir Juden dazugehörten und dass es nicht richtig war, was uns geschehen ist. Vielen Überlebenden, die ich kenne, ist es wichtig, dass dies im Nachhinein bezeugt wird. Einige sind auch richtiggehend heimatsüchtig. Dieses Gefühl kenne ich nicht. Vielleicht konnte ich mich nur deshalb so lange in Afrika wohlfühlen.
SPIEGEL: Der Rassismus eines Apartheidregimes hat Sie daran nicht gehindert?
Weiss: Es ist ein Zwiespalt, den ich seit 1936 in mir trage, seit der Reise von Hamburg nach Kapstadt. Wir fuhren mit einem Frachtschiff, mindestens sechs Wochen lang, zwischendurch wurden Güter auf- und abgeladen, und jedes Mal kamen auch Afrikaner an Deck. Die Juden reisten in der dritten Klasse. Wir durften keinen Kontakt mit den Passagieren der ersten und zweiten Klasse aufnehmen, und so spielten wir mit den afrikanischen Kindern an Deck, wo die Mütter kochten und uns zum Essen einluden. Meine Schwester und ich freuten uns richtig auf Afrika, wir dachten, wir würden eine neue Kultur kennenlernen. Aber als uns die Tante in Kapstadt abholte, strich sie erst einmal über unsere Wangen und lobte die schöne weiße Haut.
SPIEGEL: Was geschah dann?
Weiss: Nach zwei Tagen kamen wir nach Johannesburg. Die Verwandten hatten meinem Vater dort in einem der ärmeren weißen Vororte einen Laden eingerichtet, wir bezogen die Räume neben dem Geschäft. Weil meine Mutter im Laden helfen wollte, hatte er eine junge Frau als Haushaltshilfe engagiert. Sie stellte sich vor und brachte ihr Baby mit, das sie auf der Veranda ablegte. Meine Schwester und ich spielten mit dem Kind, meine Mutter nahm es zum Abschied auf den Arm. Am selben Tag noch hatten wir Besuch von unseren Nachbarn, die uns zur Rede stellten: Es gehöre zu den Sitten dieses Landes, dass ein Weißer kein schwarzes Kind anfasse.
SPIEGEL: Wie haben Sie reagiert?
Weiss: Ich fühlte mich, als grenzte ich mich selbst aus. In Deutschland durften die Kinder nicht mit mir spielen, und jetzt sollte ich nicht mit einem schwarzen Kind spielen dürfen. Das kam mir absurd vor. Offiziell hatte die Apartheid ja noch nicht einmal begonnen, die Gesetze wurden erst ab 1948 eingeführt. Aber sie schrieben im Grunde nur fest, was längst Wirklichkeit war. Mein Vater hatte mich auch in der Schule angemeldet, ich freundete mich dort mit einem Mädchen namens Nelly an. Sie lud mich nie zu sich nach Hause ein. Einmal aber klopfte ich doch bei ihr an die Tür, und es öffnete eine sogenannte Coloured, eine farbige Frau. Ab dem nächsten Tag kam Nelly nicht mehr zum Unterricht. Die Frau war ihre Großmutter, ich hatte mit meinem Besuch das Geheimnis der Familie enttarnt. Nelly wollte, genau wie ich, den Schulabschluss machen. Natürlich fühlte ich mich schuldig.
SPIEGEL: Als Sie später Journalistin waren, haben Sie in Ihren Texten Rassismus und Antisemitismus gleichgesetzt. Sehen Sie keine Unterschiede?
Weiss: In den Ausprägungen gibt es die natürlich. Aber gedanklich ist es das Gleiche, einen Menschen zu verurteilen, weil er schwarz ist oder weil er Jesus nicht anerkennt. Die Apartheid fußte zum Teil ja auf ähnlichen Gesetzen wie der Antisemitismus der Nationalsozialisten. Der Immorality-Act von 1950 ist in Teilen vergleichbar mit den Nürnberger Rassengesetzen; wegen angeblicher Rassenschande verbot er Paarbeziehungen zwischen Weißen und Nichtweißen. Aber auch als Journalistin konnte ich der schwarzen Bevölkerung Südafrikas nicht einfach so begegnen. Ich musste nach Ghana oder Nigeria reisen, um den Alltag und die Kultur Schwarzafrikas kennenzulernen. In Südafrika waren Freundschaften schwierig, ich bekam allenfalls Hausangestellte und, zu Interviews, politische Aktivisten zu Gesicht.
SPIEGEL: Einer von ihnen war Nelson Mandela. Wie verlief Ihre erste Begegnung?
Weiss: Ich erinnere mich genau, das war kurz vor seiner Verhaftung Anfang der Sechzigerjahre. Damals unterstützten viele meiner Freunde, die meisten weiße kommunistische Juden, den ANC. Dem Innenarchitekten Arthur Goldreich gehörte die Liliesleaf-Farm im Johannesburger Vorort Rivonia, auf der auch konspirative Treffen stattfanden. Zeitweilig lebte Mandela dort im Verborgenen, aber ich wusste von alldem nichts. Erstmals getroffen habe ich ihn bei anderen Freunden, ich war zum Abendessen eingeladen, und die Gastgeberin tippte an meine Schulter und bat mich in die Küche. Das war in Südafrika eigentlich nicht zu erwarten - die Küche war ein Ort der schwarzen Angestellten. Ich ging hinein, und da saß Mandela.
SPIEGEL: Worüber haben Sie gesprochen?
Weiss: Ich erinnere mich nicht mehr an den Wortlaut, es war ein kleines Interview, er war auf der Flucht. Er hatte eine Mütze über den Kopf gestülpt, saß am Tisch und löffelte Suppe. Ich war natürlich beeindruckt. Aber sein großes Charisma hat sich mir erst erschlossen, als ich ihn nach seiner langen Haft in größeren Gruppen erlebte.
SPIEGEL: Erzählen Sie uns davon.
Weiss: Einmal hielt er in seinem Haus im Township eine spontane Pressekonferenz ab; es war so eng, dass wir beinahe auf seinem Schoß saßen, aber er ging so achtsam mit all den Fragenden um, wie ich es noch auf keiner anderen Pressekonferenz erlebt habe. Ein anderes Mal habe ich ihn beobachtet, als ihm bald nach dem Ende der langen Haft eine Ehrendoktorwürde in Simbabwe verliehen werden sollte. Lauter wichtige Leute schwangen Reden, und Mandela saß in der Mitte auf einem Stuhl und rutschte darauf über die Bühne. Er hatte in einer Ecke Kinder entdeckt, mit denen wollte er Augenkontakt aufnehmen. Er war ein Menschenfreund.
SPIEGEL: Wegen Ihrer Kritik am Apartheidregime erhielten Sie 1966 ein Einreiseverbot nach Südafrika, arbeiteten aber, in Ihrer Haltung unbeirrt, als Journalistin weiter - in Rhodesien, dem späteren Simbabwe, dann auch in Großbritannien und Sambia. Wenige Frauen Ihrer Generation blicken auf ein vergleichbar erfülltes Berufsleben zurück. Sind Sie stolz auf Ihre Laufbahn?
Weiss: Als mein Sohn klein war, habe ich einmal einen Kuchen für ihn gekauft, damit er den in den Kindergarten mitnehmen konnte. Er hat bitterlich angefangen zu weinen, weil ich diesen Kuchen nicht selbst gebacken habe. Was ich damit sagen will: Ich habe vieles eben auch nicht erlebt und nicht gekonnt. Meine beiden Beziehungen zu Männern waren unglücklich, und ich habe mich vor weiteren gefürchtet. Die Arbeit, all die Länder, haben mir geholfen auszugleichen, dass mein Selbstbewusstsein als Frau wirklich sehr gestört war. So sehe ich meinen Weg heute. Dafür bin ich dankbar.
SPIEGEL: Wie sind Sie mit Ihren männlichen Kollegen klargekommen?
Weiss: Zum Glück gab es keine, die mich behindert hätten. Meine Interviewpartner waren manchmal sehr erstaunt, wenn ich bei ihnen aufkreuzte; viele konnten sich nicht vorstellen, dass eine Frau über Wirtschaft, Politik und das südliche Afrika berichtet. Aber dass ich meinen Beruf überhaupt ergriffen habe, verdanke ich letztlich der Bequemlichkeit eines Mannes, meines Mannes.
SPIEGEL: Inwiefern?
Weiss: Ganz am Anfang meiner Laufbahn, in den Fünfzigerjahren in Südafrika, bin ich oft an seiner Stelle gereist, um zu berichten. Weil er unter einem Pseudonym schrieb, fiel das nicht weiter auf. Hans Weiss war ein guter Journalist. Aber wenn er keine Lust hatte, schickte er mich. Solch ein dominantes Auftreten habe ich von anderen Journalisten nie erlebt. Das war sicherlich unserem Privatleben geschuldet. Meine Beziehung mit ihm war sehr schwierig. Einmal erhielt er den Auftrag, nach Italien zu reisen, und teilte mir mit, er habe eine Italienischlehrerin um Privatstunden gebeten. Ich beglückwünschte ihn zu seinem Elan, aber er antwortete nur: "Nein. Du lernst Italienisch!" Das war Hans. Aber es hatte auch sein Gutes. Als ich mich von ihm trennte, konnte ich etwas Italienisch und Auto fahren.
SPIEGEL: Sie haben dann Ihren Sohn, der einen anderen Vater hat, allein großgezogen. Dafür haben Sie Ihren Traumjob beim britischen Guardian aufgegeben und gegen einen Posten bei der Times of Zambia eingetauscht. Lässt sich ein Kind in Lusaka besser erziehen?
Weiss: In Afrika ist vieles möglich, was in Europa undenkbar wäre. Ich habe mein Kind in London fast nur noch morgens gesehen; allein der Weg zur Arbeit kostete mich täglich drei Stunden. In Sambia aber war er meistens bei mir. Hinter meinem Büro war Platz zum Spielen, und Sascha konnte jederzeit zu mir kommen. Kinder nehmen in Afrika selbstverständlicher ihren Raum ein. Ich habe Sascha auf den Rücksitz ins Auto gesetzt und bin mit ihm zum Interview beim Präsidenten gefahren, wo er dann wartete. Kaunda kannte meinen Sohn. Stellen Sie sich vor, Sie würden mit Ihren Kindern bei der Frau Merkel antreten.
SPIEGEL: Ist Afrika Ihre Heimat?
Weiss: Ich fühle mich in Sambia heute noch sehr zu Hause. Bei meinem letzten Aufenthalt vor vier Jahren hat mich ein Sicherheitsbeamter im Palast des Präsidenten wiedererkannt, das hat mich natürlich gefreut. Aber im Grunde empfinde ich mich als heimatlos. Es gibt kein Land, von dem ich sage: Es ist mein Land.
SPIEGEL: Hat Ihnen der Gedanke, sich wieder in Deutschland niederzulassen, Beklemmungen bereitet?
Weiss: Ich habe es mir jedenfalls sehr genau überlegt. Es gab ja immer wieder Situationen, in denen ich mich als Jüdin angreifbar fühlte. Ein Moment hat sich mir besonders eingeprägt. Als ich Mitte der Siebzigerjahre bei der Deutschen Welle arbeitete, suchte ich eine Wohnung in der Kölner Altstadt. Ich hatte mich bereits entschieden, da erzählte die Eigentümerin mir, ihr Vater habe das Haus von den Juden kaufen können. Und die Wohnung, in die ich einziehen wollte, habe den letzten gehört. Der Vater habe immer gesagt, es sei nur eine Frage der Zeit, bis sie abgeholt werden würden. Da konnte ich natürlich nicht einziehen.
SPIEGEL: Erleben Sie heute noch Verhaltensweisen, die Sie als antisemitisch einstufen?
Weiss: Im Februar sind auf dem jüdischen Friedhof in Lüdinghausen Steine zerstört worden. Und neulich hat mich der Schulleiter eines Gymnasiums angerufen, weil zwei Schüler aus der sechsten Klasse mit erhobener Hand herumgelaufen sind und Parolen gerufen haben. Sie fanden das lustig und stellten sich unter Hitler einen der üblichen Parteivorsitzenden aus Berlin vor. Ich habe mit den beiden gesprochen, sie waren unbedarft. Aber manchmal, bei Lesungen, sagen Leute Sätze wie: Irgendwas muss doch an all dem dran sein! So viele Menschen können sich doch nicht irren! Das finde ich verstörend.
SPIEGEL: Und was haben die Deutschen aus ihrer Geschichte gelernt?
Weiss: Viel. Hitlers Kinder sind nicht mehr da. Und ich kann mir nicht vorstellen, dass die extrem Rechten oder auch die extrem Linken noch einmal wirklich den Ton angeben.
SPIEGEL: Und können Sie als Jüdin in Deutschland Ihrer Religion so nachgehen, wie Sie es wünschen?
Weiss: In Münster ist eine Gemeinde, dorthin fahre ich manchmal in die Synagoge, aber heute fällt mir die Anfahrt im Bus schwer. Ich bin eine der wenigen, die dort noch eine deutsche Tradition des Judentums verkörpern. Vor einiger Zeit habe ich mit dem Vorsitzenden über meinen Tod gesprochen; er hatte mich gebeten, ihn dafür im alten jüdischen Friedhof zu treffen, mitten in der Stadt, es stehen dort lauter alte Bäume und Grabsteine. Er hat mir auf dem Gelände einen der letzten beiden Plätze reserviert. Das freut mich wirklich. Der neue jüdische Friedhof hat mit dem Judentum, das ich kenne, nur noch wenig zu tun. Es gibt Blumenschmuck, und in den Grabsteinen sind Fotos eingelassen, da zeigt sich der Einfluss der osteuropäischen Zuwanderer. Das, was das jüdische Leben meiner Kindheit ausgemacht hat, die Geisteshaltung, die Traditionen, all das habe ich tatsächlich nicht mehr gefunden.
SPIEGEL: Frau Weiss, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
* Ruth Weiss: "A Path through Hard Grass". Basler Africa Bibliographien; 276 Seiten; 25 Schweizer Franken. Bis August 2014 zeigt eine Ausstellung in Basel Stationen ihres Lebens.
* Klaus Brinkbäumer und Katja Thimm in Lüdinghausen.
Von Klaus Brinkbäumer und Katja Thimm

DER SPIEGEL 27/2014
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