30.06.2014

Aussteiger„Ich bin Tatunca. Punkt“

Ein Deutscher behauptet, Indianerhäuptling am Amazonas zu sein. Seine Erzählungen von Eldorado beeindruckten Steven Spielberg und Jacques Cousteau. Dabei ist sein Leben das wahre Abenteuer.
Ende der Sechzigerjahre tauchte in Brasiliens Bundesstaat Acre, tief im Amazonasgebiet, ein Mann auf. Er trug einen Lendenschurz, seinen Bogen und eine Feder und erklärte, er sei Tatunca Nara, Häuptling der Ugha Mongulala. Niemand hatte je von einem Indianerstamm dieses Namens gehört. Auch hatte der Mann keinerlei Ähnlichkeit mit einem Indio. Im Gegenteil: Er war weiß und sprach mit starkem fränkischem Akzent.
Den Akzent habe er von seiner Mutter, sagte der Mann im Lendenschurz, einer deutschen Nonne, die von Indios geraubt worden sei. Sein Volk lebe in einer unterirdischen Stadt Akakor, auch dort würde Deutsch gesprochen, sagte er. Das liege an den Nachkommen von 2000 Nazi-Soldaten, die einst mit U-Booten den Amazonas hinaufgefahren seien.
Anderswo wäre nach dem Arzt gerufen worden. Im Amazonasgebiet wuchern auch die absonderlichsten Geschichten, und so ließ man Tatunca Nara erzählen. Der Mann machte ansonsten einen freundlichen Eindruck. Es wäre auch weiter nichts passiert, wenn nicht der damalige ARD-Korrespondent Karl Brugger von dem Vorfall gehört hätte. Er besuchte Tatunca Nara in Manaus und ließ sich zwölf Tonbänder volldiktieren; "die außergewöhnlichste Geschichte", urteilte Brugger, "die ich jemals gehört habe". Es ging um außerirdische Besucher, geheime Riten der "Altväter" und den Einfall der "weißen Barbaren", alles detailliert beschrieben, wortreich und lückenlos "vom Jahre null bis zur Gegenwart".
Noch außergewöhnlicher war, dass Bruggers 1976 erschienene "Chronik von Akakor - erzählt von Tatunca Nara" einen gewissen Erfolg hatte. In New-Age-Zirkeln wurden Tatuncas Erzählungen wie die Qumran-Rollen studiert: "Fünf leere Tage am Ende des Jahres sind der Verehrung unserer Götter geweiht."
Aber auch der Meeresforscher Jacques Cousteau heuerte Tatunca als Führer an, als er mit seiner "Calypso" 1983 das Gebiet erkundete. Und im Mai 2008 kam "Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels" in die Kinos. Es ging um eine versunkene Amazonasstadt Akator und ein Indianervolk namens Ugha Mogulala. Die zugehörige Actionfigur trägt nur einen Lendenschurz und eine Feder.
Gibt es das Original? Lebt Tatunca?
Der Flussdampfer "Almirante Azevedo II" dieselt seit gut 30 Jahren den Rio Negro hoch und wieder herunter, 35 Stunden stromaufwärts von Manaus bis Barcelos. Es ist eine Fahrt durch schwarzes, vom verrottenden Laub sauer gewordenes Wasser, das jetzt in der Regenzeit den Wald flutet und den Rio Negro in ein sintflutliches Netzwerk von Flussarmen und fauligem Morast verwandelt.
"Tatunca?"
Raimundo Azevedo, der Kapitän, hockt neben einem Reifenstapel im Unterdeck und lässt sich den massigen Rücken kneten, von einer Physiotherapeutin, die irgendwann an Bord gekommen ist. "Der Indianer aus Deutschland. Natürlich kenne ich ihn. Jeder am Fluss kennt ihn. Klar lebt er noch. Sofern ihn letzte Woche niemand erschossen hat." Die "Almirante Azevedo II" ist durch stockdunkle Nacht gefahren, in einer Blase aus dem Rauschen des Wassers und dem betäubenden Tuckern des Diesels. Die Geräusche zurückgeworfen von der Pflanzenmauer am Ufer, einer wuchernden, ineinanderverstrickten Masse. Kapitän Azevedo zieht sich ein Hemd über und stemmt sich die Stiege zum Oberdeck hinauf, Karten spielen.
Die paar Dutzend Passagiere hängen in ihrer Matte, dicht an dicht wie Würste in der Räucherkammer. Ein Pfingstkirchler betet kreuzschlagend, der Junge neben ihm ist in Vaginalansichten auf seinem Handy vertieft. Jeder beginnt seinen Tag. Der Kapitän hat von Tatuncas Urwaldfestung gehört: "Keiner traut sich hin. Weil er Sprengfallen montiert hat und Gewehre an die Bäume. Niemand weiß, was er dort verbirgt." Das Ufer zieht vorbei, ab und zu steigt etwas Krächzendes auf.
"Da war ein Deutscher", sagt der Kapitän. "Der hat ein Buch über Tatunca geschrieben. Der hat sich sogar eine Schildkröte übers Herz tätowieren lassen, genau wie Tatunca. Den haben sie dann in Rio umgebracht."
"Die Kugel genau in die Schildkröte", ergänzt Lucio, ein Taxifahrer mit fettem Bauch, dem ein Stück Ellenknochen aus dem Handgelenk ragt, Motorradunfall.
"Aber das war nicht Tatunca."
"Vielleicht nicht."
Der Flussdampfer kriecht den Strom hoch, schiebt sich durch vorgeschichtliche organische Masse, und je länger er den treibenden Baumstämmen und schwimmenden Inseln ausweicht, desto mehr Gerüchte tauchen auf, über diesen Deutschen stromaufwärts. Und umso finsterer werden sie.
Knochen habe man gefunden, vor sieben Jahren, sagt Lucio: "Lange Knochen. Das war kein Amazonier. Ein Deutscher wahrscheinlich." Tatunca habe ihn getötet, um an sein Geld und seine Frau zu kommen. "Das sagen die Leute. Aber Tatunca sagt, er sei das nicht gewesen."
"Vielleicht nicht. Er soll vor der Polizei seines Landes weggelaufen sein." Sagt der Kapitän. Tatunca muss jetzt weit in den Siebzigern sein. Aber er sei immer noch stark und fit, sagt der Kapitän. Ein anderer sagt: "Er hasst Gringos." Kleine Pause, Blicke: "Ihr seid Gringos."
Sinnlos und verheißungsvoll gleitet das Ufer vorbei. Manchmal huscht ein kurzer Schatten aus dem Wasser, einer der rosa Delfine, die es im Rio Negro gibt und die nachts an Land gehen und Frauen schwängern sollen.
Auch der Abenteurer Rüdiger Nehberg traf diesen weißen Indio Tatunca Nara bei einer Expedition zu den Yanomami-Indianern. Die beiden Männer hassten einander auf den ersten Blick, warfen sich gegenseitig Lüge, Mord und Wahn vor. Anscheinend bis heute. "Tatunca will mich persönlich im Rio Negro ersäufen", mailt Nehberg noch im Mai.
Das liegt daran, dass Nehberg 1991 ein Buch namens "Der selbstgemachte Häuptling" veröffentlicht hat. Darin deckte er auf, dass Tatunca Nara eigentlich Hansi Richard Günther Hauck heißt und 1941 in Grub am Forst geboren wurde. In der Nähe von Coburg und nicht am Rio Negro. Hauck habe als kleiner Junge viele "Tarzan"-Hefte gelesen und 1966 Frau und Kinder sitzen lassen, um auf dem Frachter "Dorthe Oldendorff" anzuheuern und in Brasilien abzutauchen. Ehemalige Freunde erzählten, als Kind habe er einmal die Landung von Außerirdischen gemeldet. All das wäre harmlos, wenn es nicht drei bis heute unaufgeklärte Todesfälle geben würde. Alle geschahen am Oberlauf des Rio Negro. Alle Opfer waren vom Buch "Die Chronik von Akakor" angelockt worden und hätten einen gewissen Tatunca Nara gebeten, sie zu der versunkenen Stadt zu führen. Und allen dreien hätte er nach Zeugenaussagen versprochen: "Ich zeige euch Akakor."
Das Bundeskriminalamt nahm Ermittlungen wegen des Verdachts der Tötung und des Verschwindenlassens dreier Personen auf "gegen den deutschen Staatsangehörigen Günther Hauck, der unter falscher Identität in Brasilien lebt". Daraus wurde nicht viel.
Nach 35 Stunden käferhaftem Geschiebe, 500 Kilometer jenseits von Manaus taucht Barcelos am linken Ufer auf wie eine Verheißung. 15 000 Einwohner und 30 evangelikale Kirchen, die mit ihren auf Pick-ups montierten Soundsystemen Erlösung verkünden in die reglose, erdige Luft der Stadt: "Gott verwehrt euch kein Wunder!" Es ist die Religion für die Aufstrebenden, die nicht ans Jenseits, sondern an die Zukunft glauben wollen.
Der Amazonas und seine Nebenflüsse hatten immer schon eine Wirkung auf Menschen, denen das Übliche zuwider war. Glücks- und Goldsucher, Klaus Kinski und Alexander von Humboldt, einen Entdecker-Nazi namens Otto Schulz-Kampfhenkel und ungezählte Regenwaldretter. Der jüngste Zugang ist ein spindeldürrer Texaner mit wässrigen Augen, der von Freunden "The Amazing Falterman" genannt wird und gerade sein Fahrrad am Café Regional vorbeischiebt.
Patrick Falterman verließ mit 20 Jahren sein Elternhaus im tief konservativen Bibelgürtel der USA, trampte in die Amazonasstadt Belém und tauschte dort seinen Laptop gegen ein Kajak. Dann begann er, den Amazonas hochzupaddeln. Auf die altmodische Art, wie er sagt. Ohne GPS, gegen den Strom, im Gepäck kaum mehr als Teddy Roosevelts "Through the Brazilian Wilderness". Stockfinstere Einsamkeit, Rasierklingengras, Gift spuckende Spinnen, tagelange Irrfahrten. Nun, vier Jahre später, hat Falterman 4500 Kilometer hinter sich gebracht und sagt: "Ich habe Tatunca vor vier Wochen noch getroffen. Er muss Mitte siebzig sein, aber er ist zäher als ich. Die Leute scheinen Angst vor ihm zu haben, right?"
Tatunca habe seine Hütte im Wald mit Dynamit gespickt, erzählt Falterman. "Er hat Freunde beim Militär. Das hilft. Denn viele würden ihn am liebsten erschießen. Einem Mädchen soll er gesagt haben, er sei sein Vater, und es müsse mitkommen, in sein Boot. Unheimlich, der Mann."
Es ist heiß, manchmal kommt ein kühler Hauch vom Fluss wie ein Fächerschlag. Falterman macht eine weitere Dose Skol-Bier auf, lässt einen Tieflader vorbeidonnern und sagt: "Seine Geschichten klingen nach einer Menge Bullshit. Und sein Portugiesisch ist lausiger als meins. Großer Egotrip. Aber er kennt das Gebiet besser als irgendjemand sonst. Und er ist da einer Sache auf der Spur, im Indianergebiet, oben am Rio Araçá."
Einer Sache? "Eldorado. Es soll oben bei den beiden Bergzinnen sein, oberhalb des Wasserfalls. Tatunca ist der Einzige, der schon da war." In Barcelos scheint "Eldorado" ein Ort zu sein wie jeder andere.
Bis vor Kurzem war Barcelos die Welthauptstadt für den Zierfischfang und unter Aquaristikern so bekannt wie Cognac unter Weinbrandfreunden. In den Brackgewässern um Barcelos entdeckte der österreichische Forscher Johann Natterer 1831 jenen Symphysodon discus, der als "König der Aquarienfische" heute millionenhaft die Wohnzimmer bevölkert, meist zusammen mit dem Roten Neon, dem beliebtesten Zierfisch überhaupt und ebenfalls im Rio Negro zu Hause.
So sind auch alle Telefonzellen Barcelos als Zierfisch gestaltet, und zum Karneval teilt sich die Bevölkerung in zwei Gruppen, die Neons und die Discusse, um in selbst geklebten Fischkostümen aufeinander loszugehen.
Seit aber in Asien Zierfische in großem Stil nachgezüchtet werden, ist der Handel um 70 Prozent zurückgegangen.
Zwei deutsche Aquarienfreunde sind vor einiger Zeit wegen Biopiraterie festgenommen worden. Sie hatten den Ver-
sicherungen ihres Führers Glauben geschenkt, eines Einheimischen, der zu ihrer Überraschung fließend Deutsch sprach und sich Tatunca Nara nannte.
Im Rathaus, einem modrig angelaufenen Bau am Ufer, heißt es, die "Chronik von Akakor" habe einen eigenen Tourismus in Gang gesetzt. Nicht mehr nur Aquaristiker, sondern diverse Dschungel- und Indianerfreunde seien angereist. Allerdings nur, bis sich Meldungen über drei Todesfälle verbreiteten.
Zuerst verschwand ein junger US-Amerikaner, John Reed. Das war Ende 1980.
Drei Jahre später der Schweizer Forstwirt Herbert Wanner. Ein Jahr später fand man seine Turnschuhe, Knochen und einen Schädel mit Einschussloch. Von diesen Knochen hatten sie auf dem Flussdampfer erzählt.
Reed hatte die "Chronik" als Gebrauchsanweisung für sein Leben gelesen. In seinem letzten Lebenszeichen, einem Brief an die Eltern, schrieb er: "Ich glaube mehr denn je an Tatuncas Ehrlichkeit."
Die dritte Verschwundene ist eine Christine Heuser, Yogalehrerin aus Kehl am Rhein. Auch sie hatte die "Chronik von Akakor" verschlungen und war überzeugt, in einem früheren Leben Tatunca Naras Ehefrau gewesen zu sein. Im Sommer 1986 besuchte sie ihn. Es gibt ein Foto, auf dem Christine Heuser barbusig an einer Liane schaukelt. Ansonsten fehlt von ihr jede Spur.
Seit der Handel mit Zierfischen quasi zum Erliegen gekommen ist, haben sich die Bootsleute am Oberlauf des Rio Negro nach anderen Beschäftigungen umsehen müssen. Viele lauern auf US-amerikanische Hobbyangler, die wegen der Pfauenaugenbuntbarsche hierherkommen. Andere schippern den Rio Negro hoch bis in die Verästelungen an der kolumbianischen Grenze und lassen sich Kokainpäckchen unter den Kiel montieren.
"Ich habe Tatunca gefragt, ob er die drei umgebracht hat. Er sagt Nein", damit ist die Sache für Mamá erledigt. Mamá trägt Seepferdchen-Tattoo und Kopftuch, ein abgezehrter Mann, der in Barcelos als "o Pirata" gegrüßt wird. Er hat eine Totenkopfflagge am Boot und ist in allen trüben Gewässern zu Hause: "Nur Drogen nicht", präzisiert Mamá ungefragt. Sein Grinsen zeigt oben rechts einen Eckzahn aus roter Keramik.
Mamá sagt, er sei der einzige Freund des Tatunca. "Ich habe ihm gesagt, dass mich seine Geschichten nicht interessieren. Ich möchte nur vom Gold etwas abhaben." Im November seien sie zusammen den Rio Araçá hochgefahren.
"Bis hinter den Wasserfall. Da siehst du zwei Höhleneingänge. Vielleicht waren das auch Tunnel von den Nazis. Wir haben vergebens versucht, uns von oben abzuseilen. Tatunca fing auch an, wirklich komische Sachen zu reden." Was mag einem Piraten namens Mamá komisch vorkommen? "Er sagte: Da kommt gleich König Salomon rausgeritten." Und dann? "Ich sollte ihn abknallen." Aber der König blieb aus. Muss der falsche Eingang gewesen sein. "Tatunca sitzt jetzt vermutlich in seiner Hütte. Ich fahre euch hin."
Nach den nächtlichen Regengüssen ist die Piste nach Ajuricaba kaum passierbar. Bei Kilometer acht liegt eine Schlange auf dem Weg, zwei Kilometer weiter endet die Piste in kniehohem rotem Morast. Wenn Tatunca Nara wirklich in seinem Urwaldsitz sein sollte, dann führt kein Weg zu ihm. "Vielleicht besser so für euch." Sagt Mamá, der Pirat.
Allerdings gebe es ja noch Tatuncas Schwiegermutter, Elfriede Katz.
Ihr Haus liegt in der Estrada de Nazaré, direkt am Flussufer, am Rande der Stadt. Am Türrahmen ist, wie in allen jüdischen Häusern, eine Mesusa angenagelt, das Behältnis mit Thoraversen. Elfriede Katz sitzt gut gelaunt im Schaukelstuhl auf ihrer Veranda. "Tatunca? Nee, der is nich hier." Die 88-jährige Dame hat ihren Bremer Tonfall mit in den Dschungel genommen. Ihre Eltern seien kurz nach ihrer Geburt nach Brasilien ausgewandert. Dort heiratete sie einen Klavierbaumeister, dessen Familie vor dem Holocaust geflohen war.
Elfriede Katz wurde Sopranistin und sang in "La Traviata" an den Opern von São Paulo und Porto Alegre. Nichts wies darauf hin, dass sie eines Tages in der Welthauptstadt des Zierfischwesens alt werden würde, mit einem Deutschindianer als Schwiegersohn, der erzählte, sein Name sei Große Wasserschlange.
"Meine Tochter kam und sagte, sie hätte einen deutschen Indianer getroffen. Tatunca schickte ihr Liebesbriefe per Militärpost. Topsecret stand da drauf. Dann zogen die beiden an den Rio Negro und lebten jahrelang mit den Yanomami-Indianern, bis ihre beiden Kinder in die Schule mussten." Elfriede Katz scheint keinen Zweifel an der Herkunft ihres Schwiegersohns zu haben. Sie und ihr Mann folgten ihrer Tochter nach Barcelos und machten ein kleines Hotel auf. Die meisten von Tatuncas Kunden sind hier abgestiegen. Auch jene drei, die nicht mehr aus dem Wald zurückkehren sollten.
Im Übrigen, sagt Elfriede Katz, sei Tatunca gerade nicht in der Gegend, sondern mit seiner Frau Anita den Fluss hinuntergefahren, nach Manaus. Nein, sie wisse nicht, wann er wiederkomme, sagt sie und summt mit hoher Stimme die Arie der Violetta: "È strano ...".
Wie schwer muss dies Erzählen sein. Gerade ein Lügengebäude will unterhalten werden, und sei es auch noch so gekonnt erdacht. Da muss umgebaut, angebaut, renoviert werden. Manche Räume sind nicht mehr zu retten, neue kommen hinzu. All das erfordert ständige Aufmerksamkeit. Besonders, wenn neue Besucher kommen. Die müssen herumgeführt werden und stellen Fragen. Es ist Vorsicht geboten, bevor jemand in ein neues, womöglich noch fantastischer ausgestattetes Zimmer geführt wird. Erzählen kann noch schwerer sein als das Leben.
Und das Leben spielt, wie es will. Es inszeniert die Begegnung mit Tatunca Nara nach seinen unwahrscheinlichen Gesetzen: Wir entdecken ihn im "Amazonas", einem Einkaufszentrum in Manaus, zwischen "Bob's Burgers" und "C&A". Er trägt eine Einkaufstüte. Aber er ist es. Das Schauspielergesicht, die Hände, die Lederhaut, das immer noch volle Haar. Und der fränkische Zungenschlag: "Bom dia, ich bin Tatunca."
Es ist, nach all den Geschichten, den Gerüchten und Dämonisierungen, als stünde man Winnetou gegenüber. Oder Jack the Ripper. So geht die Geschichte dieser Begegnung: Fotograf Johannes Arlt hat ein neues Hemd gebraucht, und Tatunca hat seine Frau Anita zu einer Augenoperation begleitet, zeitgleich. Zum ersten Mal seit sechs Jahren, sagt er, sei er wieder in Manaus. Es ist ein Zufall, der wie eine Geschichte von Tatunca klingt.
"Setzen wir uns", sagt er. "Ich bin nicht gern in der Stadt. Ich bin am liebsten im Wald, bei meinen Indianern."
Es scheint gleichgültig, wer ihm gegenübersitzt. Er will keine Geschichten hören, er will erzählen. Er berichtet von seiner Zeit bei den Yanomami-Indianern, als Anita und er eine Krankenstation und eine Schule betrieben haben. Wie er von den Indianern das Überleben im Wald gelernt hat. Und dann, nach einem prüfenden Blick, wie weit der Zuhörer ihm zu folgen bereit ist, wird abgebogen in ein Labyrinth von Fantastereien: "Im November habe ich die Häuptlingswürde abgegeben. Der Chefpriester hatte zwei von diesen drei Meter großen Dienern der Götter bei sich. Er sagte, die Altväter kehren zurück, sie haben den Tunnel geöffnet." Er erzählt von Mauern in Gestalt einer Schildkröte. Von einer Höhle mit dem Davidstern daran.
Bei solchen Sätzen legt Anita, seine Frau, ihm die Hand aufs Knie: "Schatzi", sagt sie dann, und er verstummt.
Vielleicht hätte man diesen Mann einfach nur reden lassen sollen. So wie er jetzt erzählt, in einem Strom aus Erinnerungen und Fantasien, Fabulierungen, wilden Lügen und detaillierten Schilderungen. Die "Chronik von Akakor" sei doch zu großen Teilen fantasiert, sagt er: "Brugger wollte einen neuen ,Papalagi' schreiben."
Der "Papalagi" war Pflichtlektüre in der Hippiezeit; ein ausgedachter Südseehäuptling hält zivilisationskritische Reden an sein Volk. Tatunca könnte jetzt die komplette "Chronik" als Spinnerei abtun. Aber nein. An Kernaussagen kann er natürlich nicht rütteln. Weil sie ja wahr sind: "Es gibt Deutsche in meinem Volk. Natürlich sind sie nicht mit U-Booten gekommen. Dazu ist das Wasser dort zu niedrig. Sie müssen vorher umgestiegen sein."
Am nächsten Morgen treffen wir Tatunca noch einmal, diesmal ohne Anita, am Fischmarkt von Manaus, direkt an der schwarzen Brühe des Rio Negro. "Wollt ihr nach Eldorado?", fängt er an. "Das ist keine Legende. Ich habe Mauern gefunden wie die von Machu Picchu. Ich kann euch hinführen." Ohne Zögern nimmt er Stift und Notizblock und beginnt, den Weg nach Eldorado aufzuzeichnen. Es liegt irgendwo auf einem Hochplateau zwischen Rio Araçá und Rio Demini.
Seines ist ein endloses, gewundenes Erzählen, und recht bald taucht ein Verdacht auf: Die versunkene Stadt des Tatunca Nara liegt nicht im Regenwald. Sie liegt am Füllbach in Oberfranken, in Grub am Forst. Von hier ist Günther Hauck einmal geflohen, möglichst weit fort, bis in die letzten Verästelungen des Amazonas, in eine neue Existenz, die mit der alten nichts mehr zu tun haben durfte.
In brasilianischen Ermittlungsakten ist von einem offenkundig verwirrten Deutschen namens Günther Hauck die Rede, der von einem Landgang nicht zurückgekehrt ist. Ein Psychiater stellte Schizophrenie fest, und die deutsche Botschaft schickte den Mann zurück in die Heimat.
Kennt er, Tatunca, Günther Hauck? Nicht persönlich, sagt er. Einmal sei er nach Deutschland gereist. Da hätten sie ihn als diesen Günther Hauck angesprochen, und eine Frau gab es auch dazu, und er wollte keine Scherereien und ist mit ihr ins Bett gegangen. Aber das war alles komplett falsch: "Ich bin Tatunca. Punkt."
"Günther Hauck" ist nur eine herumliegende und abgelegte Haut. Und wie als letzten Beweis zieht Tatunca einen brasilianischen Personalausweis heraus. "Indianer" steht da - und ein Stempel der brasilianischen Indianerbehörde. Er muss als Indio sehr überzeugend gewesen sein.
Hätte man diesen Mann einfach nur reden lassen, wäre wohl nichts passiert. Aber seine Geschichten holten ihn ein. Da kamen Leute. Und sie wollten nicht nur Geschichten hören. Sie wollten sehen und den Fluss hinaufgeleitet werden und die unterirdische Stadt betreten.
Es vermischten sich Welten, die er bislang getrennt hatte. Vielleicht fühlte er sich in die Enge gedrängt, von all den Bewunderern und Schatzsuchern und Nachfragern. Am schlimmsten Rüdiger Nehberg. Der mit Akten kam und alten Fotos und ganz genau wissen wollte, wer er wirklich sei. "Der ist schizophren, der Nehberg. Ein Lügner."
Dann diese Yogalehrerin, die auch behauptete, seine wahre Frau zu sein.
Vielleicht ließ er sie alle, als keine Ausreden, Warnungen, Beschwörungen mehr halfen, allein mit ihren Erwartungen. Ließ sie einfach weiterlaufen im Dickicht aus Gift und Dornen. Im Wald überlebt man ohne Erfahrung nicht lange, auch nicht mit der "Chronik von Akakor" im Gepäck.
Auf die Verschwundenen angesprochen, sagt Tatunca: "Ich lebe mit meinem Gewissen. Ich habe viele umgebracht, aber als Soldat, die hatten eine Waffe in der Hand. Ich bin nicht unschuldig. Aber ich habe die drei nicht umgebracht, wie sie mir vorgeworfen haben."
Was mit John Reed und den anderen wirklich geschehen ist, wird nicht mehr aufzuklären sein. Das deutsche Verfahren gegen Günther Hauck, alias Tatunca Nara, ist eingestellt: wegen Abwesenheit des Beschuldigten. So bleibt nur ein Verdacht.
Und ein beiläufiger Satz auf dem Fischmarkt von Manaus, während ringsum Kammbuntbarsche entgrätet werden: "Mein Name Tatunca bedeutet Große Wasserschlange. Die hat zur Gewohnheit, ihr Opfer nur anzugreifen, wenn weit und breit nichts stören kann."
Was bleibt, außer einem Verdacht, von einem Fantasten, einem Blender und begnadeten Selbsterfinder, einem Menschen, dem seine Geburtsurkunde nicht mehr war als eine bloße Möglichkeit?
Eines Morgens, in Barcelos, liegt ein blau-weiß gestrichenes Flussboot am Steg neben der Eisfabrik. Es ist mit Ballen von Piaçaba beladen, einer Palmfaser, aus der man Besen macht. Einige Indianer dösen auf dem Kahn, bis sie von einem massigen Mann mit Sonnenbrand aufgescheucht werden und die Ballen an Land wuchten.
Es ist das Boot von Seder Helio. Er ist der Sohn des Tatunca. Ein 36-Jähriger, der kein Deutsch mehr spricht. Er weiß nichts von Grub am Forst. Aber er erinnert sich, mit Indios aufgewachsen zu sein. "Mein Vater mag eine Menge Mist erzählt haben. Aber er ist mein Vater. Nichts von den Mordvorwürfen ist je bewiesen worden. Nur sein Geschäft mit den Touristen ist ruiniert worden."
Und das sei nicht gerecht. "Ich habe den Film ,Indiana Jones' gesehen", sagt Seder, der Sohn des Tatunca. "Das klingt sehr wie die Akakor-Geschichte meines Vaters. Er hat nie einen Cent dafür bekommen. Einige Geschichten mag er sich ausgedacht haben. Aber er hat mit seinem Leben dafür bezahlt."
Seder Helio hat auch Indianergeschichten zu erzählen. Es geht dann um die staatliche Behörde Funai und wie die Ureinwohner geschützt werden, indem man ihnen Lohnarbeit verbietet und sie stattdessen mit Wohlfahrtsschecks versorgt. Dass sein Unternehmen eigentlich illegal sei, weil er seinen Leuten nicht die gewerkschaftlich vorgeschriebenen Arbeitsverhältnisse bietet, Unterkünfte, feste Zeiten. Das Problem sei, dass Indios ungern in Containern schlafen und nur zur Arbeit kommen, wenn es nichts zu sammeln oder jagen gibt. "Sie wollen die Yanomami wie im Zoo halten. Ich gebe ihnen Geld, damit sie sich etwas kaufen können."
So ist aus dem Sohn eines Fantasten aus Franken, der nicht Günther Hauck, sondern Indianer sein wollte, selbst kein Häuptling geworden. Sondern ein Vorarbeiter. Jemand, der ein Urvolk aus dem Naturzustand in die Monetärwirtschaft geleitet. Und weil er es auf faire Weise tut, schätzen ihn die Yanomami, und vielleicht verehren sie ihn sogar. Ganz ohne Kontakt zu Außerirdischen, zu Altvätern und nach Eldorado. Mitarbeit: Jens Glüsing
* In Barcelos.
Von Alexander Smoltczyk

DER SPIEGEL 27/2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 27/2014
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Aussteiger:
„Ich bin Tatunca. Punkt“

Video 00:51

Mars-Animation Gibt es in dieser Schlucht Spuren von Leben?

  • Video "Mars-Animation: Gibt es in dieser Schlucht Spuren von Leben?" Video 00:51
    Mars-Animation: Gibt es in dieser Schlucht Spuren von Leben?
  • Video "Ihr Kinderlein, jauchzet! Eigenbau-Achterbahn im Garten" Video 01:23
    Ihr Kinderlein, jauchzet! Eigenbau-Achterbahn im Garten
  • Video "Musik mit Knalleffekt: Solo auf der Schrotflinte" Video 00:43
    Musik mit Knalleffekt: Solo auf der Schrotflinte
  • Video "Neuer Spider-Man-Trailer: Jetzt hat er auch noch Flügelchen" Video 02:15
    Neuer Spider-Man-Trailer: Jetzt hat er auch noch Flügelchen
  • Video "Überwachungsvideo aus Berliner U-Bahn: Polizei sucht Angreifer" Video 00:54
    Überwachungsvideo aus Berliner U-Bahn: Polizei sucht Angreifer
  • Video "Freiburgs Trainer über Fremdenhass: Man muss große Angst haben" Video 01:38
    Freiburgs Trainer über Fremdenhass: "Man muss große Angst haben"
  • Video "Virales Video aus Österreich: Was machen die da?" Video 00:57
    Virales Video aus Österreich: Was machen die da?
  • Video "Filmstarts der Woche: Hi, ich bin Frank Zappa" Video 05:00
    Filmstarts der Woche: "Hi, ich bin Frank Zappa"
  • Video "Tierrettung: Eine Flasche für die Teufel" Video 00:43
    Tierrettung: Eine Flasche für die Teufel
  • Video "Slackline-Weltrekord: Wackelpartie in 247 Meter Höhe" Video 01:07
    Slackline-Weltrekord: Wackelpartie in 247 Meter Höhe
  • Video "Basketball-Kunststück: Korb aus 178 Meter Höhe" Video 00:58
    Basketball-Kunststück: Korb aus 178 Meter Höhe
  • Video "Syrische Flüchtlinge: Justin Trudeau - zu Tränen gerührt" Video 01:15
    Syrische Flüchtlinge: Justin Trudeau - zu Tränen gerührt
  • Video "Boxkampf mit Känguru: Video sorgt für Empörung" Video 00:52
    Boxkampf mit Känguru: Video sorgt für Empörung
  • Video "Cabrio-U-Boot: Oben ohne unter Wasser" Video 00:46
    Cabrio-U-Boot: Oben ohne unter Wasser
  • Video "Glatteis-Unfall: Massenkarambolage im Zeitlupentempo" Video 01:48
    Glatteis-Unfall: Massenkarambolage im Zeitlupentempo
  • Video "Barack Obama: Letzte Rede zur nationalen Sicherheit" Video 01:54
    Barack Obama: Letzte Rede zur nationalen Sicherheit
  • Video "Werbevideo der US-Polizei: May you be with the force" Video 01:28
    Werbevideo der US-Polizei: "May you be with the force"