30.06.2014

PolenWer ist „Patriot“?

In der Abhöraffäre ermittelt die Polizei gegen einen der reichsten Männer des Landes. Die Frage ist, wer warum die Aufnahmen in Umlauf brachte.
Im Hintergrund plätschert ein Springbrunnen, Jazzmusik läuft, Besteck klirrt. Die beiden Herren im VIP-Separee des Warschauer Restaurants Amber Room sind beim Du. Die Stimme von Außenminister Radek Sikorski ist zu hören. Es geht um Europa: "Cameron ist inkompetent", sagt Sikorski und führt aus, wie töricht der Premier in London unter dem Druck der britischen EU-Gegner agiere.
Sein Gesprächspartner, der ehemalige Finanzminister Jacek Rostowski, macht einen Witz, die Aufnahme knarzt, übersteuert im Gelächter. Das Mikrofon muss sehr nahe bei den Politikern positioniert gewesen sein. Wahrscheinlich war es in einer elektronischen Klingel versteckt, die dazu dient, den Kellner zu rufen.
Als Nächstes ist Polens Verhältnis zu den USA Thema. Warschaus Treue zu Washington sei "nichts wert", sagt Sikorski: "Wir bekommen Streit mit den Deutschen und den Russen, nur weil wir den Amerikanern einen geblasen haben." Dann trinken die beiden auf "unseren geliebten Führer", Premier Donald Tusk.
Es ist das übermütige Gespräch zweier Männer, die rauslassen, was sie sich in der Öffentlichkeit verkneifen müssen. Im Amber Room sind sie unter sich, glauben sie.
Vergangene Woche hat das Warschauer Magazin Wprost den Mitschnitt des Dialogs veröffentlicht. Es ist nur eine von vielen Aufnahmen, die dem Blatt zugespielt wurden. Zu hören sind Politiker und Unternehmer, die sich oft vulgär und fast immer mit zynischem Unterton unterhalten.
Zurücktreten musste im Zuge der Abhöraffäre bisher niemand. Washington ließ erklären, die polnisch-amerikanischen Beziehungen seien in bestem Zustand. Seine Ausfälle gegen die Briten dürften Sikorski bei vielen EU-Regierungschefs sogar heimliche Sympathien einbringen. Am vergangenen Mittwoch versicherte sich Premier Tusk des Vertrauens im Parlament. Die Affäre sei ein Angriff von "Verbrechern" auf seine Regierung, sagte Tusk und deutete an, es gehe dabei wohl auch um russische Exportinteressen nach Polen.
Die Polizei hat im Zusammenhang mit der Affäre die Redaktion von Wprost durchsucht, was Tusks Gegner gleich zur "polnischen Spiegel-Affäre" deklarierten. Ferner nahmen die Ermittler vier Männer fest, darunter zwei Kellner aus Warschauer Luxusrestaurants und einen Millionär.
Diesen, Marek Falenta, verdächtigen sie offenbar, Hauptdrahtzieher der "Bänder-Affäre" zu sein. Er könnte die beiden Restaurantangestellten für die Mitschnitte bezahlt haben. Falenta lässt über seinen Anwalt alle Vorwürfe zurückweisen, am Donnerstag kam er auf Kaution frei. Auch die anderen Verdächtigen sind auf freiem Fuß.
Den USB-Stick mit dem Gespräch zwischen Nationalbankpräsident Marek Belka und Innenminister Bartlomiej Sienkiewicz bot vor rund zwei Wochen ein freier Journalist der Redaktion von Wprost an. Nachdem Wprost-Chefredakteur Sylwester Latkowski diesen ersten Dialog veröffentlicht hatte, erhielt er eine SMS mit einem Link, Absender: "Patriot". Latkowski hatte zehn Minuten Zeit, die übrigen Aufzeichnungen, darunter das Gespräch Sikorski-Rostowski, aus einer Cloud herunterzuladen. Seitdem fragen sich Ermittler und Journalisten: Wer ist Patriot? Und warum macht er das?
Den ersten Hinweis gab Lukasz N., einer der verdächtigen Kellner. Seine Stimme ist auf einer Aufzeichnung zu hören. Die Polizei fand bei ihm eine Breitling-Uhr - der Lohn dafür, dass Lukasz N. das Aufnahmegerät in der Nähe prominenter Gäste platziert hatte? Im Verhör soll Lukasz N. den Namen Marek Falenta erwähnt haben, berichten Warschauer Medien.
Falenta ist 39 Jahre alt und einer der reichsten Männer Polens. 2013 schätzte Wprost sein Vermögen auf 110 Millionen Euro. Seine Firma Falenta Investments gibt auf ihrer Internetseite eine Adresse auf Zypern und eine in der exklusiven Warschauer Francesco-Nullo-Straße an.
Falentas Karriere begann im Jahr 2000, "ich hatte so gut wie kein Geld in der Tasche, meine Vorbilder waren Richard Branson und George Soros", sagte er später. Tatsächlich gelang ihm ein Aufstieg, wie er wohl nur in jenen ersten Jahren nach der Wende möglich war. Falenta gründete die Investmentgesellschaft Electus. Diese erwarb Forderungen von Banken und Energieunternehmen an Krankenhäuser und Kommunalbehörden. Die waren günstig, da die Gläubiger überzeugt waren, ihr Geld nie wiederzusehen.
Electus betätigte sich dann als rigoroser Schuldeneintreiber: So blockierte die Firma 2004 einer Kinderklinik monatelang die Konten. 2006 verkaufte Falenta Electus für 110 Millionen Euro. Im vergangenen Jahr erwarb er Anteile an dem Kohlehandelsunternehmen Sklady Wegla.
Das war wohl ein Fehler, vor Kurzem nahm die Polizei die gesamte Führung der Firma fest. Der Vorwurf: Die Manager sollen russische Kohle von schlechter Qualität zu polnischer umdeklariert und zu überhöhten Preisen verkauft haben.
Ferner wird ihnen Steuerhinterziehung und Geldwäsche vorgeworfen. Warschauer Medien mutmaßen nun, dass die Abhöraktion ein Racheakt gewesen sein könnte, mit dem Ziel, die Regierung in Misskredit zu bringen oder Neuwahlen zu provozieren.
Falenta stritt am vergangenen Freitag erneut öffentlich jede Verbindung mit dem Abhörskandal ab. Tatsächlich passt die zeitliche Abfolge schlecht zu der Rachetheorie: Die ersten Aufnahmen sind älter als der Skandal um die Kohlefirma.
Möglicherweise aber haben die beiden Kellner zunächst auf eigene Faust gehandelt, um die Aufnahmen nachher an Journalisten, Geschäftsleute oder Politiker verkaufen zu können. So jedenfalls spekulieren Warschauer Medien.
Chefredakteur Latkowski hat die Bänder inzwischen der Staatsanwaltschaft übergeben. Ob er noch weitere Veröffentlichungen wagt, war am Freitag nicht klar. Ziemlich sicher ist, dass die Unterhaltungen von Rostowski und Sikorski die spektakulärsten sind. Alles andere soll leider sehr viel langweiliger sein.
Von Jan Puhl

DER SPIEGEL 27/2014
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