07.07.2014

Umwelt„Früher war alles besser“

Grauhörnchen, Riesenbärenklau, Schwarzkopfruderente - Europa will eingeschleppte Arten wieder vertreiben. Ökologen erstellen eine schwarze Liste der gefährlichsten Bio-Invasoren. Kritiker halten den Feldzug für teuer und aussichtslos.
Dark Strauch wollte eine Oase erschaffen. "Die perfekte Symmetrie, das Rauschen der Pflanzen im Wind", schwärmt er, "das ist einfach gut für die Seele." Rund 4000 Bambusgewächse hat der Ingenieur in den vergangenen fünf Jahren angepflanzt, darunter Schirm-, Goldrohr- und Zauberbambus. Manche der Gräser ragen mehr als fünf Meter empor. "Hier hat man schlagartig das Gefühl, gar nicht mehr in Europa zu sein", sagt Strauch.
Genau das ist das Problem.
Seine 1,2-Hektar-Plantage liegt nicht in Japan, sondern in Nordniedersachsen, unweit von Hamburg im Moorweg zwischen Sprötze und Kakenstorf. Und da haben die ursprünglich in Asien beheimateten Süßgräser nichts zu suchen, findet das Bundesamt für Naturschutz: Die von Strauch kultivierten Bambusarten seien allesamt "potenziell invasiv". Spätestens Mitte November sollen die Pflanzen weichen.
Zwar kann jeder Hobbygärtner das verdächtige Ziergrün im Fachhandel kaufen und auf privatem Grund anbauen. Doch Strauchs Bambuspark ist offiziell eine landwirtschaftliche Nutzfläche, außerdem sind darauf zwei Biotope eingetragen. "Ich werde in die kriminelle Ecke gedrängt", klagt Strauch. Seine Pflanzen könnten sich schon deswegen gar nicht ungebremst ausbreiten, weil er rund um sein Pachtgrundstück Wassergräben gezogen habe.
Der Kakenstorfer Bambusstreit hat mit einem Glaubenskrieg der Biologen zu tun: Wie viel Zuwanderung vertragen unsere Ökosysteme?
Invasionsbiologen halten die sogenannten Neobiota - Tiere, Pflanzen und Mikroorganismen, die sich in Gebieten ausbreiten, in denen sie ursprünglich nicht vorkommen - für eine der weltweit größten Bedrohungen der Artenvielfalt. Denn oft seien sie den natürlich vorkommenden Pflanzen und Tieren überlegen. Die Einwanderer schnappten diesen die Nahrung weg - oder futterten arglose Ureinwohner gleich ganz auf.
Auch der Mensch hat unter den Bio-Invasoren zu leiden. Ambrosia artemisiifolia etwa, einst unbeabsichtigt aus Nordamerika eingeschleppt, ist der Albtraum vieler Pollenallergiker. Und der wegen seiner imposanten Blüten aus dem Kaukasus importierte Riesenbärenklau überwuchert hierzulande vielerorts die heimische Flora; sein Saft kann verbrennungsähnliche Hautschäden verursachen.
Asiatische Marienkäfer, wegen ihrer Vorliebe für Blattläuse bis vor einiger Zeit als natürliche Schädlingsbekämpfer willkommen, haben sich durch die gnadenlose Verdrängung ihrer heimischen Verwandten unbeliebt gemacht. Verrufen ist auch die Schwarzkopfruderente, die ursprünglich aus Amerika stammt. Die Erpel vergnügen sich gern mit spanischen Weißkopfruderenten. Eines Tages, fürchten Vogelkundler, könnte es unter den Entenküken nur noch Mischlinge beider Arten geben - das Ende der stark gefährdeten Weißkopfruderente in Europa wäre damit besiegelt.
Wieder andere Eindringlinge sind Ärgernisse für die Wirtschaft: Vor vielen Jahren gelangten Larven der Chinesischen Wollhandkrabbe in Europas Häfen. Mit ihren Scheren kappen Nachkommen nun gern Fischernetze.
Auf mindestens zwölf Milliarden Euro pro Jahr beziffern Experten die durch Öko-Aliens verursachten Schäden in Europa. Nun hat die EU den Invasoren den Kampf angesagt: Mitte April beschloss das Europaparlament eine neue Verordnung. Einschleppung und Verbreitung invasiver Arten können künftig sanktioniert werden.
Zu diesem Zweck sollen Forscher eine Rangliste der gefährlichsten Bio-Invasoren erstellen - ein Großprojekt angesichts von mehr als 12 000 gebietsfremden Arten. Noch kniffliger wird Teil zwei der EU-Mission: Experten sollen Strategien vorschlagen, mit denen man die Invasoren wieder loswird. Und die EU will Frühwarnsysteme installieren, damit es erst gar nicht zur Ausbreitung ungebetener Gäste kommt.
Ursprünglich wollte sich die EU-Kommission auf den Kampf gegen die 50 schlimmsten Eindringlinge beschränken, auch um die Kosten im Rahmen zu halten. Doch das stieß auf Widerstand: 235 Forscher und Organisationen verlangten in einem Aufruf, dass der Feldzug gegen die Einwanderer nach streng wissenschaftlichen Kriterien geführt werden soll - auch wenn dann mehr Arten bekämpft werden müssten.
"Teuer wird es sowieso", sagt Ingolf Kühn, Botaniker am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Halle. Gemeinsam mit anderen Forschern hat Kühn die Grundlage für eine schwarze Liste erarbeitet, ein einheitliches Schema, das gebietsfremde Arten nach dem Ausmaß der Schäden klassifiziert, die sie anrichten. Wie stark konkurrieren sie mit den bereits vorhandenen? Übertragen sie Krankheitserreger? Handelt es sich um Parasiten oder um Fressfeinde der schützenswerten einheimischen?
Doch es gibt auch Biologen, die den Kampf gegen die Invasoren für überzogen halten. Fast jede Lebensform, so die Kritiker, sei irgendwann mal irgendwoher eingewandert. "Arten nach ihrer Herkunft zu klassifizieren ist eine fundamentalistische Sichtweise", sagt etwa Mark Davis, Biologe am Macalester College im US-amerikanischen Saint Paul. "Danach war früher grundsätzlich alles besser, und das wichtigste Ziel ist es, frühere Zustände wiederherzustellen."
Davis fürchtet, dass Ressourcen für sinnlose Kämpfe gegen Arten verschwendet werden, die gar keine ernsthafte Bedrohung darstellen. "Gebietsfremde Pflanzen unterscheiden sich nicht automatisch von einheimischen", sagt er, "auch sie spenden Schatten, verhindern Erosion oder ernähren andere Spezies."
Nach Kalifornien eingeschleppte Schlickgräser etwa böten heute einem einheimischen Vogel, der Klapperralle, neuen Lebensraum. Ein Programm zur Ausrottung der Gräser wurde deswegen zeitweise gestoppt. "Die Menschen sind sehr gut darin, sich über die falschen Dinge zu sorgen", so Davis. "Eingeschleppte Krankheitserreger sind viel gefährlicher als invasive Arten: Sie können Menschen, Nutztiere und Kulturpflanzen töten."
Ähnlich argumentiert auch der britische Biologe Ken Thompson, der soeben eine unterhaltsame Kulturgeschichte der Invasionsbiologie veröffentlicht hat(*). Ökosysteme, sagt er, seien nie stabil, nie isoliert, und sie seien es nie gewesen. "Doch neuerdings nehmen die Regierungen die Aufgabe sehr ernst, uns vor eingeschleppten Arten zu schützen." Der Krieg gegen die vermeintlichen Eindringlinge aber sei ein "nicht zu beendender, nicht zu gewinnender und ruinös teurer".
Das dürfte tatsächlich auf viele Topkandidaten der künftigen schwarzen Liste zu-
treffen - wie das Beispiel vom Riesenbärenklau zeigt. Gewandet wie Astronauten, rücken ihm alljährlich nach der Blütezeit Freiwillige zu Leibe. Die Schutzanzüge sollen Hautkontakt mit dem Pflanzensaft verhindern. Es gilt, die Stauden zu köpfen, bevor ihre Samen reif sind. Maßgeblich eingedämmt haben die Aktionen den Siegeszug der Herkulesstaude nicht - ein paar der rund 20 000 Samen pro Pflanze werden eben meist doch freigesetzt.
Noch viel weniger wird den marinen Invasoren beizukommen sein. "Das Meer ist ein offenes System", sagt der Hamburger Meeresbiologe Stephan Gollasch, "wir können schlecht Taucher losschicken, die jede einzelne Krabbe einsammeln." Zu Wasser gelte es daher, vor allem künftige Eindringlinge fernzuhalten.
Das soll ein weiteres Regelwerk bewirken: Ein internationales Ballastwasserübereinkommen soll Betreiber von Handelsschiffen zwingen, jenes Meerwasser, das sie etwa bei Leerfahrten in ihre Tanks pumpen, frei von unerwünschten Mitreisenden zu halten - durch Filteranlagen, UV-Strahlen oder Chemikalien.
An einem Frühwarnsystem tüftelt in Wien der Biologe Franz Essl. Mithilfe internationaler Datenbanken will er jene Arten identifizieren, die in Zukunft zur Bedrohung für Ökosysteme werden könnten.
Geholfen hat das Prinzip Früherkennung bereits beim Asiatischen Laubholzbockkäfer, einem gefürchteten Schädling, der durch Verpackungsholz eingeschleppt werden kann. Als 2001 erste Exemplare gesichtet wurden, starteten die Behörden sofort einen Vernichtungsfeldzug. Befallene Gehölze wurden gefällt und geschreddert.
Inzwischen werden sämtliche Holztransporte in Österreich von speziell ausgebildeten Hunden untersucht, die den Käfer erschnüffeln können. Der Schädling hat sich nicht weiterverbreitet.
Umso besser dagegen gedeiht ein anderer Zuwanderer, an dessen Bekämpfung sich ein Grundproblem des Naturschutzes beobachten lässt: je possierlicher der Feind, desto größer seine Lobby.
Demnächst wollen Naturschützer Grauhörnchen in Großbritannien töten lassen - die Neubürger aus Nordamerika haben eine Populationsgröße von rund drei Millionen Exemplaren erreicht; die der einheimischen rostroten Eichhörnchen sank auf rund 140 000 Tiere.
Selbst Thronfolger Prinz Charles lobt das Vorhaben - doch die Tierschützer von Peta sind dagegen: Alle Hörnchenfamilien empfänden Schmerz und wollten leben - "egal welche Farbe sie haben".
In Italien ist ein ähnlicher Kampfeinsatz zur Eindämmung der Grauhörnchenplage bereits gescheitert. Nach Protesten von Tierfreunden wurde die Tötungsaktion in der Testphase abgebrochen.
* Ken Thompson: "Where do Camels belong? The Story and Science of Invasive Species". Profile Books, London; 272 Seiten; 10,99 Pfund.
Von Julia Koch

DER SPIEGEL 28/2014
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