14.07.2014

IslamistenDie verlorenen Söhne

Warum ziehen junge deutsche Männer in den Dschihad nach Syrien? In Dinslaken hinterlassen sie Väter voller Scham. Ein Ortsbesuch. Von Özlem Gezer und Fidelius Schmid
Das Nest der Lohberger Terrorzelle ist umgeben von einem Ponyhof und dem "Verein für Deutsche Schäferhunde". Eine lange Straße führt in das Viertel hinein, vorbei an der stillgelegten Zeche, vorbei an einer türkischen Teestube, auf den Marktplatz von Dinslaken-Lohberg.
Dort sitzt Ahmet Balci(*), 72, auf einem grünen Plastikstuhl und versteht nicht, warum seine beiden Söhne nicht mehr da sind, versteht nicht, warum sie fortgegangen sind, um zu kämpfen, in diesem fremden Land, wo dieser grausame Krieg herrscht, mehr als 3000 Kilometer entfernt. "Die Syrer schließen ihre Türen ab und fliehen in die Welt hinaus. Sie irren ohne Wasser, ohne Essen an den Grenzen herum. Was machen meine Söhne da? Warum ziehen sie in die verlassenen Häuser? Mitten ins Feuer, um für die Geflohenen zu kämpfen?", fragt er. Seine Stimme zittert, seine farblosen Augen tränen. Sein Gehstock lehnt an dem Plastikstuhl. "Warum?", fragt Ahmet Balci immer wieder.
Eigentlich hatte Ahmet Balci alles richtig gemacht, damals. Er hatte 1973 sein Dorf an der türkischen Schwarzmeerküste verlassen, war als Gastarbeiter nach Deutschland gekommen, in eine Porzellanfabrik
im Süden. Er holte seine Frau nach, irgendwann die drei Kinder. Sie zogen nach Lohberg, weil es dort Wohnungen gab, auch für Türken.
Balci wurde Bergmann, ging unter Tage und träumte vom Aufstieg. Seine Kinder sollten eine bessere Zukunft haben, fünf weitere wurden in Deutschland geboren. Sicher sollten sie aufwachsen, in diesem Europa, das für ihn Wohlstand bedeutete. Sein Jüngster wurde der Stolz der Familie: Fatih(*) studierte Maschinenbau in Düsseldorf, war höflich und nett, für seine Mutter hängte er die Wäsche an die Leine, auch wenn er den Bus zur Vorlesung verpasste. Er trainierte seine Kommilitonen in Mathe, er war schon immer der Schlaueste, als Kind konnte er Koransuren auswendig. Fatih hatte kein Interesse an Frauen, er feierte nicht, trank keinen Alkohol. Er würde für seine Eltern sorgen, eines Tages. Ahmet Balci war sich sicher. Bald.
Es war im April vergangenen Jahres als Fatih, damals 27, nach Hause kam und von diesem Praktikum in Katar erzählte. Einen Monat müsse er dort bleiben, wichtig sei es, für sein Studium. Katar, das schien weit weg. Aber Vater Balci wusste, wer ein großer Mann werden will, muss reisen.
Ahmet Balci erinnert sich noch genau an jenen Tag, an dem sein Sohn Lohberg verließ. Fatih habe keinen Appetit gehabt, bereits die ganze Woche nicht, er erzählt es immer wieder: Fatih nahm das Brot in die Hand, legte es wieder hin. Er rief seine ältere Schwester, "komm", sagte er, "setz dich zu uns. Wer weiß, wann wir uns wiedersehen?" Ahmet Balci küsste Fatih die Stirn, küsste ihn auf die Wangen, sagte: "Mein Sohn, sei doch nicht so traurig, nur weil du wegmusst. Guck dir die Deutschen an, die gehen jeden Sommer in die Ferne. Du kommst doch bald wieder."
Knapp einen Monat später, als Vater Balci mit der Rückkehr von Fatih rechnete, sagte ihm sein ältester Sohn, Hakan(*), 42, dass auch er ins Ausland reise, nach Saudi-Arabien; Hakans Schwiegersohn, frisch angeheiratet, ein deutscher Konvertit, habe jetzt einen Studienplatz in Medina, der heiligen Stadt.
Seitdem hat Ahmet Balci seine Söhne nicht mehr gesehen. Inzwischen weiß er, dass sein Jüngster nie in Katar ankam, sein Ältester nie mit seiner Familie nach Medina reiste. Die Brüder zogen in den Dschihad, von Lohberg nach Syrien.
Während Ahmet Balci versucht zu verstehen, warum das alles geschah, geht die Mutter von Mustafa K. über den Marktplatz, an Balci vorbei, verschwindet im türkischen Gemüseladen nebenan. Auch Mustafa kämpft in Syrien, gemeinsam mit Philip B. hat er Lohberg bundesweit bekannt gemacht. Der Grund ist ein Foto, das Philip B., ein Pizzabote, ins Internet stellte. Das Bild zeigt seinen Freund Mustafa K., wie er lächelt, am Straßenrand im syrischen Asas steht und einen abgetrennten Kopf in die Kamera hält; ein weiterer liegt ihm zu Füßen.
Seitdem ist Lohberg kein gewöhnlicher Ort am nordwestlichen Rand des Ruhrgebiets mehr. Seitdem ist Lohberg in der Öffentlichkeit die "Hochburg der heiligen Krieger", das "Nest der Salafisten". Mustafa K. und Philip B. gehörten zu den ersten Lohbergern, die in den Krieg nach Syrien zogen. Es folgten weitere, die wie Balcis Söhne ihre Eltern anlogen und plötzlich weg waren. Manche, die mit dem Gedanken spielten, sich aber nie trauten. Andere, die in den Kampf zogen, sind wieder in die alte Zechensiedlung zurückgekehrt.
Wer im Viertel fragt, wie viele junge Männer aus Lohberg derzeit in Syrien kämpfen, bekommt keine eindeutige Antwort. Die einen sagen, es seien zwei Handvoll, die anderen sagen, es seien viel mehr. Nicht mal die Sicherheitsbehörden kennen die genaue Zahl.
In Lohberg wird jeder, der eine Woche nicht auftaucht, in Syrien vermutet, wer unentschuldigt in der Schule fehlt, wer sich auf der Arbeit nicht abmeldet, lange keinen Döner am Marktplatz bestellt. Lohberg hat seinen Frieden verloren. Eltern suchen die Schuld bei sich, schämen sich für ihre Söhne, erzählen, dass sie gerade ein Praktikum in der Türkei absolvierten, während die Söhne mit Kalaschnikows im Internet posieren.
Mit dem Fortzug seiner Söhne begann auch für Ahmet Balci jene Zeit der Scham, die Zeit, in der die Menschen am Marktplatz sagten: "Hast du gehört? Auch Ahmets Söhne sind in Syrien, sogar der Schwiegersohn ist mit." Ahmets Frau verlässt nur noch selten das Haus. Sie will nicht mehr auf Beerdigungen, nicht auf Hochzeiten. Ahmet Balci sagt, sie habe ihren Lebenssinn verloren. Sie trauert um ihre verlorenen Söhne, um das einstige Ansehen der Familie im Viertel, in dem jeder jeden kennt.
Formal ist Lohberg ein Stadtteil von Dinslaken, aber eigentlich ist es mit seinen knapp 6000 Einwohnern ein eigenes Dorf, ein türkisches Dorf, mitten in Deutschland. Die Siedlung wurde vor 100 Jahren errichtet, die Bergleute sollten einen kurzen Weg zur Arbeit haben, sich wohlfühlen im eigenen Garten, mit Schwein im Hinterhof und Hühnern auf der Wiese. Heute stehen dort Wäscheständer und Plastikstühle, Grillkohle und Autoteile.
In den Siebzigerjahren zog eine türkische Familie nach der anderen in das Viertel, die meisten stammen aus Dörfern an der Schwarzmeerküste. Die Frauen tragen Kopftuch, gehen regelmäßig in die Moschee, sie sind klassische Traditionsmuslime. Der Johannesplatz ist das Zentrum ihres Dorfs, er gehört den Männern und ihren Söhnen.
Seit der Schließung der Zeche 2006 stehen die Männer am Marktplatz, sitzen in den Teestuben und klagen. Ihr patriarchalisches Selbstbild ist gebrochen. Auch ihre Söhne finden seit dem Wegfall von knapp 400 Ausbildungsplätzen kaum noch Arbeit. In Lohberg lebt jeder Fünfte von Hartz IV. Lohberg ist arm, aber es ist anders arm, nicht so sichtbar, nicht wie Berlin-Neukölln oder Duisburg-Marxloh. Lohberg ist nicht gepflastert mit Wettbüros und Sonnenstudios. Lohberg ist voller Linden und Platanen. Mit Eisdiele, Dönerbude und ein paar Trinkhallen. Ein Idyll, aber eines ohne Perspektive.
Und so war Lohberg ein ideales Viertel für islamische Menschenfänger, die bundesweit Männer erst zum Islam bekehren und dann für den Dschihad rekrutieren. Die Fänger trafen auf junge Muslime mit einem latent schlechten Gewissen, weil sie trinken und feiern, weil sie nicht leben, was ihnen die Religion ihrer Eltern vorschreibt, was ihnen die Großeltern einst vorlebten.
Die Fänger waren vor vier Jahren einfach da, sie waren die Neuen, die plötzlich am Dorfplatz standen. Knapp zehn Männer, zwischen 20 und 30 Jahre alt, praktizierende Muslime. Einige sahen asiatisch aus, andere arabisch, auch Deutsche waren darunter. Sie waren keine Türken, kannten den Koran besser als die Söhne der Kopftuchmütter aus Lohberg. Einige zogen sogar ins Viertel.
Menschen, die nicht aus der Türkei stammten und sich dennoch für ihre Religion interessierten, die ihnen mit Respekt begegneten, das kannte man in Lohberg nicht. Es gefiel ihnen. Mit dem Einzug der Fremden begann eine Art Wettkampf am Marktplatz. Es ging vielen nicht mehr darum, wer das schnellste Auto fuhr, sondern wer mehr Suren aus dem Koran rezitieren konnte. Die meisten der jungen Lohberger waren an der Hauptschule gescheitert, nun konnten sie sich anders beweisen. Nachts klickten sie sich durch digitale Korane und Videos. Jeder wollte den Neuen imponieren, mitreden am Marktplatz. Man vertraute ihnen, schließlich hatte Mustafa T., dieser Ältere aus dem Viertel, sie angeschleppt. Jeden Tag zahlten die Fremden die Rechnung, spendierten Döner und Ayran, Pizza und Cola.
Irgendwann sagten die Neuen den Kellnern der Dönerbude, sie sollten den Weihnachtsbaum wegstellen. Der Baum blieb, die Gruppe ging. Sie suchte sich einen anderen Ort, fragte in der Moschee nach einem Raum, aber deren Vorstand schickte sie fort. Die Neuen gründeten ihren eigenen Verein in Räumen der Stadt, zwei Schritte vom Marktplatz entfernt. Sie trafen sich dort für "Sohbats", religiöse Gesprächsrunden. Sie machten Ausflüge in größere Moscheen, in kleinere Wohnungen, zu anderen Glaubensbrüdern.
Mustafa T. ist bis heute als Vorsitzender des Vereins eingetragen. Manche sagen, er habe das Unheil in ihr Dorf gebracht. Andere sagen, er sei so nett und habe so eine leise Stimme, er könne nichts für das Geschehene. Laut der Tätigkeitsbeschreibung fördert der Verein "die wissenschaftliche, politische und berufliche Aus- und Fortbildung von Jugendlichen, die schulische Bildung durch gezielten, auf die Bedürfnisse des Einzelnen zugeschnittenen Nachhilfe- und Förderunterricht - den interreligiösen Dialog sowie den Abbau von Missverständnissen und Vorurteilen zu den Religionsgemeinschaften". In Lohberg findet sich niemand, der in diesem Verein Nachhilfe bekam, zumindest keine schulische.
Zweiter Vorsitzender der Bildungseinrichtung ist laut Vereinsregister Fatih Balci, der heute in Syrien kämpft. Und als Kassenwart ist sein Kampfkumpan Philip B. eingetragen, der im Netz zum Dschihad aufruft. Mustafa T. bestreitet, dass er oder sein Verein Gotteskrieger rekrutiere. Auf Anfragen antwortet er schriftlich, sofort und freundlich: "Hören Sie nicht auf unsere Leute. Ich habe nichts zu sagen."
In Sicherheitskreisen gilt Mustafa T. als einer der "wenigen in der Szene, die führen können". Insider bezeichnen ihn als "die zentrale Figur" in jenem Prozess, der zur Ausreise der "Lohberger Gruppe" führte.
Ahmet Balci sagt, er erinnere sich an die neuen Freunde seines Sohnes Fatih. "Aber warum sollte ein Vater, der tiefreligiös ist, sich wehren, wenn sein Sohn anfängt zu beten?" "Wenn er nachts den Koran liest in seinem Zimmer, anstatt Wodka zu trinken und Frauen hinterherzujagen?"
Anfangs habe er noch mit seinem Sohn in Syrien telefonieren können, sagt Ahmet Balci, er habe ihn angefleht: "Ich kann Geld besorgen und dich dort rausholen, ich bin dein Vater." Doch Fatih habe geantwortet: "Baba, wir sind Soldaten, wir sind hier im Krieg, warum sollten wir hier rauskommen? Hör auf zu warten." Später habe Fatih ausrichten lassen, er werde nicht mehr mit dem Vater sprechen. Das mache ihn traurig, und er finde einen Monat lang nicht zu sich, nicht zurück, in seinen Kampf.
Seitdem wartet Ahmet Balci auf das Klingeln des Telefons, versteht nicht, warum seine Söhne nicht zurückkehren, so wie die Söhne seiner Nachbarn. "Sie haben es doch auch rausgeschafft aus diesem Krieg", sagt er.
Jeden Tag sieht er die anderen, er sieht sie in ihren Autos vorbeirasen, er sieht sie am Marktplatz schwatzen und lachen, rauchen und rumstehen. Es sind vier junge Lohberger, die Fatih Balci im Mai 2013 nach Syrien folgten. Um ihre Reise gibt es viele Mythen im Dorf. Dass sie ihre Konten leer räumten, in ihre geleasten BMW stiegen und über die Türkei nach Syrien fuhren.
Der erste Abend dort sei schön gewesen, so herzlich, so warm und brüderlich. Sie hätten gemeinsam gegessen, geredet. Doch in den folgenden Tagen seien die Männer, die im Camp das Sagen hatten, nicht mehr so nett gewesen, sie hätten die Neuen hin und her gescheucht, ihnen immer die Kalaschnikows zurechtgerückt, und abends gab es Essen aus Konserven.
Das entsprach nicht den Erwartungen. Die Vorgereisten aus Lohberg, junge Dschihadisten wie Philip B. und Mustafa K., sollen Bilder von Villen gepostet haben, mit Swimmingpools, wenn auch ohne Wasser, mit coolen Jeeps, "kommt Brüder", habe es geheißen, kommt alle.
Angesichts der Realität im Camp, so heißt es in Lohberg, hätten es die vier jungen Männer mit der Angst bekommen. Der eine soll geweint haben, der andere habe sich nach seiner Mutter gesehnt, ein Dritter nur nach Hause gewollt. Die Ausbilder hätten ihnen gedroht, dass sie in verschiedene Lager geschickt würden, daraufhin hätten sie einen Hilferuf nach Deutschland abgesandt, per Handy. Der große Bruder sei aus Lohberg angereist und habe sie an der türkischen Grenze wieder abgeholt.
Die Aussagen der vier Heimkehrer, die bei der deutschen Polizei protokolliert wurden, weichen von dieser Darstellung erheblich ab. Demnach hätten sie nur Kleidung und Hilfsgüter nach Syrien bringen wollen - und seien dann in die Hände von Extremisten geraten. Mit vorgehaltener Waffe habe man sie aufgefordert, die Fahrzeuge abzugeben. Sie hätten in andere Autos umsteigen müssen, ihnen seien die Augen verbunden worden.
Die Staatsanwaltschaft Düsseldorf schenkt den vier jungen Männern nur eingeschränkt Glauben: Das Verfahren gegen sie wegen der Unterstützung einer staatsgefährdenden Gewalttat ist bis heute nicht eingestellt. Das Gerücht, wonach die Familien der vier den Islamistengruppen in Syrien viel Geld gezahlt hätten, konnte bislang durch nichts belegt werden.
Nicht jeder in Lohberg hat die vier willkommen geheißen, als sie wenige Wochen nach ihrem Verschwinden wieder auftauchten. Etliche Mütter haben ihren Söhnen verboten, mit den Rückkehrern zu reden, aus Angst, dass sie sie radikalisieren könnten. Auf dem Marktplatz haben die jungen Männer viel über Syrien sprechen müssen, es gab viele Fragen, die Neugier war groß. Doch inzwischen hat sich die Gruppe ein Redeverbot verordnet. Sie sagen den anderen im Dorf allenfalls noch, sie sollten den Krieg nicht so feiern, sollten wissen, dass dieser Krieg nicht richtig sei, dass dort Muslime Muslime töten und dass sie als gute Muslime lieber in Deutschland helfen sollten.
Einer der vier fährt heute Taxi, ein anderer hat geheiratet, seine Frau erwartet das erste Kind, der Jüngste verkauft Brötchen. In Lohberg träumt man nicht vom Auslandsjahr in Amerika oder vom Rucksacktrip durch Thailand. "Leiharbeit ist Bombe, wenn das klappt", sagt einer der jungen Männer am Marktplatz. Sie haben in einem Bewerbungsheft ihre Wünsche und Ziele formuliert: "In fünf Jahren will ich eine Familie und ein Haus", "Ich will eine erfolgreiche Ausbildung machen", "Ich will meinen Hauptschulabschluss erreichen", "Kfz-Mechatroniker", "Lagerlogistiker", "Bäcker", "Lackierer".
Der Kinderschutzbund am Lohberger Marktplatz ist ihre einzige Anlaufstelle - und ihre Hoffnung. Das Büro dient als Arbeitsamt, Freizeitklub und Sozialberatung zugleich. "Wir haben kein Salafismus-Problem in Lohberg, sondern ein Strukturproblem", sagt Quartiersmanager Önay Duranöz. Laut dem Sozialbericht der Stadt gingen 2009 nur zwölf Prozent der Lohberger Schüler aufs Gymnasium. "Wir haben Probleme, die Jugendlichen in Ausbildungen zu vermitteln", sagt Duranöz - und seit Lohberg als Hort der heiligen Krieger in die Medien gelangte, sei die Vermittlung noch schwieriger. "Kommst du aus Lohberg, hast du drei Barthaare und einen türkischen Namen, dann bist du im Raster", sagt Duranöz. Die Lohberger Postleitzahl scheint ein Fluch.
In Bewerbungsgesprächen müssten die jungen Männer erklären, was los ist in Lohberg. Und egal wo sie auftauchten, würden sie gefragt: "Hast du auch einen Bruder in Syrien?"
Neulich hat der nordrhein-westfälische Innenminister Ralf Jäger mal wieder vor den radikalisierten Rückkehrern aus Syrien gewarnt - und vor der Gefahr für Deutschland, die von ihnen ausgehe. Quartiersmanager Önay Duranöz findet das weder hilfreich noch gerecht.
Deutschlandweit gibt es Präventionskampagnen, um zu verhindern, dass junge Menschen sich radikalisieren und in den Dschihad ziehen. Diejenigen, die freiwillig aus Syrien zurückkehren, erwartet hingegen kein Reintegrationsprogramm, sondern nur der Rechtsstaat: mit Ermittlungsverfahren.
Es sind die ersten Tage im Fastenmonat Ramadan, die jungen Männer sitzen in der Dönerbude am Marktplatz, aus einem Handy erklingt der Muezzinruf, Algerien spielt gegen Deutschland. Sie gucken das Spiel auf TRT 1, einem türkischer Sender, mit türkischem Kommentar, das ZDF finden sie nicht, irgendwie nicht eingespeichert. Die meisten der jungen Männer wenden sich von dem WM-Spiel sowieso schnell wieder ab, gehen nach draußen und rauchen. Am Marktplatz ist Mesut Özil ein Verräter, weil er für die Deutschen spielt, die einfach zu arrogant sind. Die Jungs aus Lohberg halten zu Algerien, das sei eine muslimische Mannschaft.
Seit "diese Sache" mit Syrien war, sagt einer der Jungs vom Marktplatz, fahre die Polizei immer um den Platz und kontrolliere ihre Ausweise. Dabei wohnten sie doch hier. Die Polizisten sollten sich lieber um die "asozialen Deutschen" kümmern, die in den vergangenen Monaten hierhergezogen seien, von der Stadt Wohnungen vermittelt bekommen hätten - und jetzt ihr Viertel "verdrecken". Die jungen Männer von Lohberg wollen ihr kleines türkisches Dorf zurück, sie wollen keine Menschenfänger mehr, sie wollen, dass der Dschihad verblasst, wie ein Unwetter vorüberzieht an ihrem Viertel.
Ahmet Balci hat den Fernseher an diesem Abend nicht eingeschaltet, er liest auch keine Zeitung. Aber er erkundigt sich fast täglich bei den Vätern der anderen Kämpfer, ob die etwas von ihren Söhnen gehört hätten. Ein Verwandter von Mustafa K., sagt Balci, habe ihm heute erklärt: "Mach dir keine Sorgen! Hast du nicht gehört? Unsere Jungs haben gerade den Irak übernommen! Die sind jetzt bei ISIS."
Balci weiß nicht, dass diese Abkürzung für "Islamischer Staat im Irak und in Syrien" steht, er weiß nicht, dass ISIS eine der brutalsten Terrorgruppen im syrischen Bürgerkrieg ist.
"ISIS", sagt Ahmet Balci immer wieder. "Ich dachte, Fatih ist Salafist, ich habe nicht verstanden was dieses ISIS jetzt ist." Dann sagt er: "Mein Fatih ist jetzt ISIS."
* Name von der Redaktion geändert.
Von Özlem Gezer und Fidelius Schmid

DER SPIEGEL 29/2014
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