14.07.2014

EssayGefrorene Zeit

Warum das Konservieren von Eizellen Frauen Freiheit verschafft V on Nicola Abé
Social Freezing bezeichnet das Einfrieren unbefruchteter Einzellen aus sozialen Gründen. Frauen, die aktuell kein Kind bekommen wollen, haben damit eine höhere Chance auf Schwangerschaft in späteren Jahren. Hunderte Frauen in Deutschland nutzten die umstrittene Methode im vergangenen Jahr.
Ich habe mir Eizellen einfrieren lassen. 16 Stück lagern in einer kleinen Plastikröhre, bei minus 196 Grad in einer Münchner Klinik. Dank neuester medizintechnischer Verfahren besteht eine gute Chance, dass eines Tages mein Kind aus ihnen entsteht - wenn ich das so will. Die Eizellen geben mir ein Gefühl von Freiheit. Weil ich mich jetzt, mit 34 Jahren, nicht für oder gegen eine Familie entscheiden muss. Weil ich noch Dinge tun kann, die ich mit einem Kind vielleicht nicht tun möchte - etwa aus Krisengebieten berichten. Weil ich nicht zwanghaft den richtigen Mann finden muss.
Als ich vor Kurzem die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung aus meinem Briefkasten zog, ärgerte ich mich über einen Artikel, in dem es um das sogenannte Social Freezing ging. Unter der Überschrift "Eizellen einfrieren für bessere Zeiten" (wieso bessere Zeiten?) wurde darin von ein paar Experten erklärt, was in meinem Leben alles falsch laufen könnte. Als Social-Freezing-Kundin hätte ich typischerweise gerade eine gescheiterte Beziehung hinter mir. Eigentlich sei ich ohnehin schon ziemlich alt fürs Kinderkriegen. Nun würde ich mir von geschäftstüchtigen Ärzten das Geld aus der Tasche ziehen lassen. Ich sei Teil eines Lifestyle-Phänomens, das Ganze gehe in Richtung Schönheitsoperation. Man appellierte an mein Verantwortungsgefühl und empfahl psychosoziale Beratung.
Es ist nicht das erste Mal, dass ich so etwas höre oder lese. Frauen, die ihre Eizellen einfrieren lassen, werden in Deutschland wahlweise als verblendete Egoistinnen oder verwirrte Opfer beschrieben. Die einen, so die Erzählung, folgen gnadenlos und wider die Natur dem Weg der Selbstoptimierung. Die anderen sind ohnehin nicht zurechnungsfähig, weil die drohende Unfruchtbarkeit ihnen den Verstand raubt.
Tatsache ist: Social Freezing ermöglicht Frauen, auf eine noch umfassendere Art über den eigenen Körper zu verfügen. Wir drehen an der biologischen Uhr. Wir halten sie an, zumindest für ein paar Jahre. Das ist schockierend. Es birgt Risiken. Eine Garantie auf Erfolg gibt es nicht. Trotzdem bin ich davon überzeugt, dass die Entscheidung für Social Freezing wohlüberlegt, klug und verantwortungsvoll ist.
Den Vorwurf der egoistischen Selbstoptimierung verstehe ich nicht. Was spricht dagegen, das Beste aus seinem Leben herausholen zu wollen? Solange ich andere damit nicht ins Unglück stürze, kann ich nichts Unmoralisches erkennen. Wem schade ich, wenn ich mir Eizellen einfrieren lasse? Wessen Grenzen überschreite ich? Die der Natur, ja. Das tun wir alle. Wer möchte schon auf medizinische Fortschritte verzichten, auf Herzschrittmacher und Viagra? Es ist ein zutiefst menschlicher Zug, die Grenzen der Natur herauszufordern. Im Streben nach dem Besten liegt eine im Kern gesellschaftsbejahende Haltung. Der menschliche Fortschritt gründet auf diesem Prinzip.
Unsere Lebenserwartung ist heute so viel höher als noch vor 50 Jahren. Eizellen aber verfallen relativ früh. Wieso sollten wir also die neue Methode nicht nutzen und das Kinderkriegen um ein paar Jahre nach hinten verlegen? Dass das Leben ohnehin unberechenbar ist, steht auf einem anderen Blatt.
Die Gesellschaft erwartet von mir als Frau heute, dass ich arbeite und finanziell unabhängig bin. Sie erwartet auch, dass ich Kinder bekomme. Die Modelle, beides miteinander zu vereinbaren, sind noch immer dürftig. Da verbitte ich mir jede Vorschrift, wann und wie ich für Nachwuchs sorgen will. Ich finde, dass man sich freuen kann, wenn ich 3000 Euro in das Einfrieren meiner Eizellen investiere und nicht in einen Bausparvertrag oder einen Wellness-Urlaub in der Karibik.
Wer sich darum kümmert, auch in späteren Jahren noch ein Kind bekommen zu können, betreibt nichts anderes als Familienplanung. Es geht nicht darum, sich ein Lifestyle-Produkt zu leisten, das dem perfekten Leben das letzte i-Tüpfelchen verpasst. Es geht um einen Menschen, für den man Verantwortung übernehmen will. Sicher ist ein Kinderwunsch stets auch egoistisch. Allerdings sehe ich nicht, wieso er bei Frauen, die sich Eizellen einfrieren lassen, egoistischer sein soll als bei anderen.
Merkwürdig erscheint die häufige Kritik, Social-Freezing-Kundinnen hätten nicht einmal einen konkreten Kinderwunsch. Es stimmt, dass die meisten den wohl aktuell nicht haben. Ich auch nicht. Daher hat man sich ja für diese Methode entschieden. Das bedeutet, dass ich keinem unmittelbaren emotionalen Bedürfnis folge, das ich sofort befriedigen muss. Meine Entscheidung ist eben gerade nicht unüberlegt. Ich abstrahiere und denke in die Zukunft.
Frauen, die Eizellen einfrieren, sind auch keine Verzweiflungstäterinnen. Sie treten gerade aus der Opferrolle heraus. Mit Social Freezing entziehen sie sich ein Stück weit einer biologischen Bestimmtheit und den damit verbundenen sozialen Folgen. Sie halten sich die Möglichkeit offen, später noch ein Kind zu bekommen.
Damit geht eine Machtverschiebung in zwischengeschlechtlichen Beziehungen einher. Das Privileg, noch ein paar andere Dinge tun zu können, bevor man eine Familie gründet, fällt nicht mehr nur Männern zu. Auch Frauen können ihre Entscheidung jetzt ein wenig aufschieben und unter anderen Voraussetzungen in Beziehungen eintreten. Man mag von dieser Einstellung halten, was man will, in meiner Generation ist sie weit verbreitet.
Nun also nehmen sich Frauen das Recht heraus, ihre Eizellen zu konservieren und bei Bedarf wieder aufzutauen. Das ist ein emanzipatorischer Schritt. Auch 70-jährige Männer werden noch Vater. Es liegt in der Verantwortung des Einzelnen, die eigenen Kräfte einzuschätzen und ein vertretbares Alter für die Elternschaft zu wählen. Ich persönlich sehe Social Freezing als eine Möglichkeit, ein paar Jahre Zeit und Entspanntheit zu gewinnen.
Inzwischen ist es für Frauen sogar denkbar, ihren Kinderwunsch ganz ohne Mann zu realisieren. Das ist für viele kein Ziel, aber eine Option. Wäre es angesichts der Scheidungsraten, der Patchwork-Welt um uns und der Vielfalt der Lebensmodelle nicht ohnehin ein wenig naiv, den eigenen Kinderwunsch von einer romantischen, auf Ewigkeit angelegten Liebe abhängig zu machen? Das muss nicht bedeuten, sich von diesem Ideal zu verabschieden. Aber ein bisschen Pragmatismus ist angesichts der Realität schon angebracht: Vielleicht trifft man den Menschen, mit dem man den Rest seines Lebens verbringen will, auch erst nach einem oder zwei Kindern. In Zeiten serieller Monogamie muss das Gelingen von Partnerschaft neu definiert werden. Vielleicht könnte ein Kriterium sein, ob beide verantwortlich mit Nachwuchs umgehen, auch wenn sie keine Liebespartner mehr sind.
Social Freezing ist eine Art Gegenstück zur Antibabypille - wenn auch aufgrund der Kosten weniger massentauglich. Frauen können eine Schwangerschaft nicht mehr nur verhindern, sondern auch herbeiführen - zu einem Zeitpunkt, der in ihre Lebensplanung passt. Die Pille wurde nach ihrer Zulassung Anfang der Sechzigerjahre von Geistlichen als "Bombe" verteufelt und stand im Verdacht, die natürliche Schöpfungsordnung zu stören. Man befürchtete ein Aussterben der Nation. Vielleicht kann sich Deutschland jetzt über ein paar mehr Geburten einfach freuen, auch wenn die Mütter etwas älter sind.
Beide Stereotype, das der egoistischen Selbstoptimiererin und das des verwirrten Opfers, beruhen letztlich auf dem alten deutschen Leitbild von Mutterschaft, das Selbstlosigkeit zum Ideal erhob. Dieses Leitbild gründete auf zwei Säulen: Erstens werden Frauen nur in ihrer Rolle als Mutter wirklich glücklich und zur Frau. (Und wenn die Kinderlosigkeit droht, drehen sie durch.) Zweitens erschafft die Mutter-Kind-Beziehung eine Idylle, die im Kontrast zur harten kapitalistischen Wettbewerbswelt steht. In dieser Welt müssen sich die Männer durchschlagen, denen die Selbstverwirklichung außerhalb des Familiären vorbehalten ist.
Während bei unseren französischen Nachbarn eine Mutter selbstverständlich immer auch eine Frau mit eigenem Leben blieb, sollte sie in Deutschland am besten 24 Stunden am Tag für ihr Kind da sein, sonst, so der noch immer verbreitete Glaube, schadet sie ihm. Die deutsche Familienpolitik hat Jahrzehnte verschlafen und ist hinter europäischen Nachbarn zurückgeblieben. Statt neue Lösungen zu schaffen, hat sie einseitig das Ernährer-Modell unterstützt - eine auch volkswirtschaftlich ziemlich ungünstige Angelegenheit. Das Umsteuern erfolgte spät, erst vor knapp zehn Jahren.
Die Unvereinbarkeit nicht nur von Familie und Beruf, sondern auch von Frausein und Mutterschaft hat in Deutschland dazu geführt, dass viele gut ausgebildete Frauen, die etwas älter sind als ich, kinderlos blieben. Für meine Generation heißt es, dass Kinder oft erst relativ spät einen Platz in der Lebensplanung haben. Noch immer bedeutet die Gründung einer Familie nicht selten einen Rückfall in das alte Modell, vor dem auch viele Männer zurückschrecken.
Grundsätzlich habe ich Respekt vor allen, die es wagen, ein Kind in diese Welt zu setzen und es zu erziehen. Die Bundesrepublik sollte kein Land sein, in dem neuerdings Frauen verurteilt werden, weil sie ihr Berufsleben aufgeben und Vollzeitmütter sein wollen. Sie sollte aber auch kein Land sein, durch das weiterhin das Feindbild der karrieregeilen Frau wabert. Die Freiheit, sich zu entscheiden und dafür Verantwortung zu tragen, ist eine Grundsäule unserer modernen Gesellschaft. Zuletzt wurde wieder das moralische Diktat der Natürlichkeit angeführt, als die Schriftstellerin Sibylle Lewitscharoff aus künstlicher Befruchtung entstandene Kinder als "Halbwesen" bezeichnete und Reproduktionsmediziner als "Frau Doktor und Herr Doktor Frankenstein".
Social Freezing ist ein weiterer Schritt in eine Welt, die es Frauen erlaubt, selbst über ihr Leben zu bestimmen. Nur in einer solchen Welt möchte ich eine Familie gründen. Die Beschwörung der Natur und des alten Mutterbildes verhindert, dass in diesem Land mehr Kinder geboren werden. Wir sollten die neue Methode begrüßen und nicht gleich wieder die gestrigen Bewertungsschablonen anlegen. ■
Es geht nicht um ein LifestyleProdukt, das meinem Leben das letzte i-Tüpfelchen verpasst.
Die deutsche Familienpolitik hat Jahrzehnte verschlafen. Sie hinkt europäischen Nachbarn hinterher.
Von Abé, Nicola

DER SPIEGEL 29/2014
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