14.07.2014

EssayAuf Wiedersehen, Israel

Lange habe ich gehofft, dass ich mit Schreiben etwas ändern kann. Jetzt gebe ich auf. Von Sayed Kashua
Der Palästinenser Sayed Kashua , 38, ist einer der bekanntesten Schriftsteller Israels, er schreibt auf Hebräisch und lebt in Westjerusalem. Mit seinem autobiografischen Roman "Tanzende Araber" gab er einer jungen Generation arabischer Israelis eine Stimme, die sich in ihrer Heimat oft wie Fremde fühlen.
Bald gehe ich von hier weg. In einigen Tagen verlassen wir Jerusalem, verlassen wir das Land. Gestern haben wir für das Gepäck der Kinder kleine Koffer gekauft. Wir brauchen nicht viele Kleider mitzunehmen, die Winterkleidung lassen wir hier, sie ist ohnehin angesichts der Kälte von Illinois in den USA nicht warm genug. Wir nehmen einige wenige Kleider mit, und ich dachte, vielleicht sollten die Kinder auch einige Bücher mitnehmen, zwei bis drei in Arabisch und noch einige in Hebräisch, damit sie die Sprache nicht vergessen. Ich weiß jedoch nicht, was eigentlich meinen Kindern von diesem verfluchten und zugleich geliebten Ort in Erinnerung bleiben soll.
Ursprünglich war der Plan, in einem Monat für ein einjähriges oder vielleicht sogar kürzeres Sabbatical ins Ausland zu gehen, doch vergangene Woche habe ich verstanden, dass ich nicht länger hierbleiben kann. Ich bat die Mitarbeiterin im Reisebüro, schnellstmöglich unsere Ausreise zu organisieren, "und bitte, stellen Sie uns ein Einfachticket aus", habe ich der Frau dort gesagt. In einigen Tagen werden wir in Chicago landen, und ich weiß nicht einmal, wo wir im ersten Monat unterkommen werden, doch wir werden schon irgendwie zurechtkommen. Ich habe drei Kinder, die Älteste ist 14, und die beiden Jungs sind 9 und 3 Jahre alt. Wir wohnen im Westteil von Jerusalem, wir sind die einzige arabische Familie in unserem Viertel, in das wir vor sechs Jahren gezogen sind. "Du kannst dir zwei Spielsachen aussuchen", sagten wir unserem Jüngsten auf Hebräisch, als er in seinem Zimmer vor der Spielzeugkiste stand und anfing zu weinen, obwohl wir ihm gesagt haben, dass wir ihm in Amerika alles kaufen, was er will.
Auch ich muss mich entscheiden, was ich mitnehme. Ich darf nur zwei Bücher auswählen, sagte ich mir, als ich diese Woche vor den Bücherregalen in meinem Arbeitszimmer stand. Außer einem Gedichtband von Mahmud Darwisch und einer Geschichtensammlung von Khalil Gibran besitze ich nur hebräische Bücher. Als ich 14 Jahre alt war, sah ich zum ersten Mal in meinem Leben eine Bibliothek. Denn vor 25 Jahren kam mein Mathematiklehrer im Dorf Tira, wo ich geboren wurde, zu meinen Eltern nach Hause und sagte ihnen, dass die Juden bald eine Schule für Hochbegabte in Jerusalem eröffnen würden. Er riet meinem Vater, ich solle die Aufnahmeprüfung ablegen, "dort wird es ihm besser gehen", das waren seine Worte, an die ich mich erinnere. Ich habe die Prüfungen bestanden, wurde in Gesprächen ausgefragt und von Kommissionen begutachtet, und als ich im Alter meiner Tochter war, verließ ich zum ersten Mal mein Heim in Tira, um auf ein jüdisches Internat in Jerusalem zu gehen.
Das war unvorstellbar schwer, fast grausam. Ich erinnere mich, wie ich geweint habe, als mein Vater mich umarmte und am Eingang zur neuen, prächtigen Schule zurückließ, nichts ähnelte dem, was ich aus Tira kannte. Einmal habe ich geschrieben, dass meine erste Woche in Jerusalem die schwerste in meinem ganzen Leben war. Ich war anders, trug andere Kleider, sprach eine andere Sprache. Der Unterricht, Naturwissenschaften, Bibel, Literatur, war ausschließlich in Hebräisch. Ich saß da und verstand kein Wort. Als ich versuchte zu sprechen, lachten meine Mitschüler. Ich wollte nur weg, nach Hause, zu meiner Familie, in mein Dorf, zu meinen Freunden, zurück zur arabischen Sprache. Ich bat meinen Vater weinend am Telefon, er solle mich abholen. Er sagte, nur der Anfang sei schwer, und in einigen Monaten werde mein Hebräisch besser sein als das meiner Mitschüler.
Ich erinnere mich, dass meine Lehrerin für Literatur uns in der ersten Woche aufforderte, den "Fänger im Roggen" von J. D. Salinger zu lesen. In Tira gab es keinen Literaturunterricht, es gab dort keine Bibliothek, es gibt sie bis heute nicht. Der "Fänger im Roggen" war das erste Buch, das ich jemals auf Hebräisch gelesen habe, es war der erste Roman meines Lebens. Ich brauchte einige Wochen dafür. Als ich fertig war, hatte ich zwei Dinge verstanden, die mein Leben veränderten: Erstens, ich war fähig, ein Buch auf Hebräisch zu lesen, und zweitens, ich war zu der tiefen Einsicht gelangt, dass ich mich in Bücher verliebt hatte. Seit diesem Moment, seit ich die Literatur entdeckt hatte, interessierten mich die Naturwissenschaften nicht mehr. Ich setzte mich in die Bibliothek und begann zu lesen, und weil es dort nur hebräische Bücher gab, las ich die israelischen Autoren, Samuel Agnon, Meir Shalev, Amos Oz. Ich las Bücher über den Zionismus, das Judentum, die jüdischen Pioniere, über den Holocaust, über die Kriege. Sehr schnell beherrschte ich das Hebräische perfekt. Und sehr schnell verstand ich die Kraft des Schreibens.
In diesen Jahren begann ich auch meine eigene Geschichte zu verstehen, und ohne dass ich es geplant hätte, fing ich an, über Araber zu schreiben, die in einem israelischen Internat leben, in einer westlichen Stadt, in einem jüdischen Staat. Ich begann zu schreiben, weil ich glaubte, dass, um etwas zu ändern, ich lediglich über die andere Seite schreiben, die Geschichten erzählen müsste, die ich von meiner Großmutter gehört hatte. Wie mein Großvater im Krieg um Tira im Jahre 1948 gefallen war, wie meine Großmutter ihr ganzes Land verlor, wie sie meinen Vater allein großzog, der im Alter von einigen Monaten zur Waise geworden war, und wie sie ihren Lebensunterhalt damit bestritt, den Juden bei der Obsternte zu helfen. Ich wollte auf Hebräisch erzählen, wie mein Vater viele Jahre wegen seiner politischen Ansichten im Gefängnis saß, ohne dass ihm der Prozess gemacht wurde. Ich wollte den Juden eine andere Geschichte erzählen, eine palästinensische Geschichte. Denn durch die Lektüre würden sie verstehen, würden sie sich ändern, ich brauchte nur zu schreiben, und die Besatzung würde zu Ende gehen. Ich brauchte nur ein guter Schriftsteller zu sein, und dadurch würde ich die Angehörigen meines Volkes aus den Gettos befreien, in denen sie leben. Noch ein paar gute Geschichten auf Hebräisch, und ich bin geschützt, noch ein Buch, noch ein Film und noch ein Zeitungsartikel oder ein Fernsehbericht, und die Zukunft meiner Kinder würde eine bessere sein. Dank der Geschichten würden wir eines Tages zu gleichberechtigten Bürgern, fast wie die Juden.
25 Jahre schreibe ich schon auf Hebräisch, und geändert hat sich gar nichts. 25 Jahre klammere ich mich an die Hoffnung und glaube daran, dass Menschen nicht so blind sein können. 25 Jahre, in denen es nicht viele Gründe gab, optimistisch zu sein, doch habe ich weiterhin geglaubt, es könnte eines Tages möglich sein, dass Juden und Araber eine Geschichte hätten, welche die Geschichte des jeweils anderen nicht leugnet. Dass eines Tages die Juden aufhören würden, die Nakba und die Besatzung und das Leiden des palästinensischen Volkes zu leugnen. Dass eines Tages die Palästinenser verzeihen und wir zusammen einen Ort aufbauen, an dem es sich zu leben lohnt, wie in den Geschichten, die ein Happy End haben.
In den 25 Jahren, in denen ich schreibe, habe ich harte Kritik von beiden Seiten erfahren, doch in der letzten Woche habe ich aufgegeben. In der letzten Woche ist etwas in mir zerbrochen. Als jüdische Jugendliche in Jerusalem "Tod den Arabern" schrien und Araber angriffen, nur weil sie Araber sind, habe ich verstanden, dass ich meinen kleinen Krieg verloren habe. Ich habe den Politikern und den Medienvertretern zugehört und verstanden, dass sie zwischen Blut und Blut, Mensch und Mensch unterscheiden. Personen, die zu einer bedeutenden Kraft im Land geworden sind, sagen vollmundig, was die meisten Israelis glauben, nämlich, dass "wir bessere Menschen als die Araber sind". Sie sagen in Gesprächsrunden, an denen ich teilgenommen habe, dass sie das erhabenere, das lebenswürdigere Volk seien. Eine entscheidende, zum Verzweifeln große Mehrheit erkennt das Lebensrecht der Araber nicht an, zumindest nicht in diesem Land.
Infolge meiner letzten Artikel rief ein Teil der Leser dazu auf, mich nach Gaza zu vertreiben, mir die Beine zu brechen, meine Kinder zu entführen. Ich wohne in Jerusalem und habe wunderbare jüdische Nachbarn und großartige Schriftsteller- und Journalistenfreunde, doch kann ich meine Kinder nicht zusammen mit ihren jüdischen Freunden auf Ferienfreizeiten schicken. Meine älteste Tochter protestierte und sagte wütend, wegen ihres perfekten Hebräisch würde niemand erfahren, dass sie Araberin sei, doch war ich nicht bereit nachzugeben. Sie schloss sich in ihr Zimmer ein und weinte.
Bald gehe ich von hier weg. Jetzt stehe ich vor meinem Bücherregal und halte das Buch von Salinger in der Hand, das ich mit 14 gelesen habe. Ich habe beschlossen, dass ich überhaupt keine Bücher mitnehmen will. Ich muss meine Kraft in die neue Sprache investieren, ich weiß, wie schwer das ist, wenn nicht unmöglich, doch muss ich eine andere Sprache zum Schreiben finden. Meine Kinder müssen eine neue Sprache zum Leben finden. "Komm nicht rein", schrie meine Tochter wutentbrannt, als ich an ihre Zimmertür klopfte. Ich betrat das Zimmer trotzdem. Ich setzte mich neben sie aufs Bett, und obwohl sie mir den Rücken zuwandte, wusste ich, dass sie zuhörte. "Hörst du", sagte ich zu ihr, bevor ich ihr den gleichen Satz sagte, den mein Vater zu mir sprach, als er mich vor 25 Jahren vor dem Eingang zur besten Schule des Landes verließ. "Erinnere dich, was immer du tun wirst, für sie wirst du für immer, wirklich für immer Araber bleiben. Hast du verstanden?"
"Ich habe verstanden", sagte mein Kind, und ich umarmte es fest. "Papa, das habe ich schon seit Langem verstanden."
"Bald gehen wir von hier weg." Ich strich ihr das Haar über den Kopf, auf diese Art, die sie hasst. "Solange wirst du das hier lesen", sagte ich und gab ihr den "Fänger im Roggen".
Aus dem Hebräischen von Nicholas Yantian
Von Kashua, Sayed

DER SPIEGEL 29/2014
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