14.07.2014

Costa RicaSüß und giftig

Die Ananas ist das wichtigste Exportprodukt, doch der Anbau ruiniert das Land, das sich gern als Ökoparadies vermarktet.
Die Ananas für die Deutschen wurde vor etwa 15 Jahren in einem Labor des US-Konzerns Del Monte erfunden. Sie heißt MD-2, ist sattgelb und besonders süß. Sie wurde rasch zum Bestseller. Rund 70 Prozent der in Deutschland verkauften Ananas sind inzwischen MD-2 aus Costa Rica, sie sind so billig wie nie zuvor. Die MD-2 ist das wichtigste Exportprodukt Costa Ricas - und das vielleicht größte Problem.
Die Ananas ist Ursache für eine Plage von Stechfliegen der Art Stomoxys calcitrans. Im Norden des Landes bedroht sie die Existenzgrundlage Hunderter Milchbauern und Rinderzüchter. Zu Millionen fallen die Insekten über deren Tiere her und löschen ganze Herden aus.
Der Hof von Elías Quesada in San Rafael de Río Cuarto im Norden des Landes ist ein guter Ort, um zu beobachten, was die Stechfliegen anrichten. Die abgemagerten Kühe haben offene Stellen im Fell, Milch geben sie kaum. "Die Fliegen lassen die Tiere nicht zur Ruhe kommen", sagt der Bauer. Seine Ziegen hat er deshalb verkauft, die Kälber gehen ein.
Der Grund dafür liegt 200 Meter hinter Quesadas Hof: Ananasplantagen. Bis an den Horizont stehen die silbergrünen Pflanzen, umhüllt von süßlichem Geruch. Sie wurden vor Kurzem abgeerntet, die zurückgebliebenen Stauden faulen auf dem Acker, ein idealer Nährboden für die Stechfliegenlarven. Bis zu 800 Eier legt jedes Weibchen ab, nach rund zwei Wochen schwärmen die Blutsauger aus.
Eigentlich müssten die Plantagenbesitzer die Stauden nach der Ernte zerstückeln und unterpflügen, so schreibt es das Gesetz vor. Doch das macht kaum einer, und die Inspektoren des Agrarministeriums drücken meist beide Augen zu. Schließlich sind 27 000 Menschen in der Ananaswirtschaft beschäftigt, der Export bringt Devisen ins Land, und die Plantagenbesitzer bilden eine mächtige Lobby.
Doch die Stechfliegen sind nur ein Teil des Problems. Die Stauden werden zudem mit Pestiziden besprüht, die in Europa zum Teil längst verboten sind. Über Entwässerungskanäle gelangt das Gift in Flüsse, ins Grundwasser. Und es werden immer mehr Plantagen angelegt, denn die Ananas ist genügsam, sie gedeiht auf kargen Böden. 47 000 Hektar wurden in den vergangenen zehn Jahren bepflanzt, mit bis zu 60 000 Stauden pro Hektar.
Langsam werden auch die Folgen für die Menschen deutlich. In den Städtchen Milano und El Cairo im Osten des Landes versorgt die Regierung die Bevölkerung mit Tankwagen, weil das Leitungswasser als verseucht gilt.
Gleich hinter Milano erstrecken sich die riesigen Plantagen von Del Monte. Im Jahr 2009 wurde der Betrieb vorübergehend geschlossen, nachdem hohe Anteile des Herbizids Bromacil im Grundwasser festgestellt worden waren. Del Monte ließ Filter in seine Entwässerungsanlagen einbauen, doch die Regierung schickt weiter Tankwagen.
Viele Ananaspflanzer behandeln die organischen Abfälle mit dem Entlaubungsmittel Paraquat, um den Stechfliegen den Nährboden für die Eiablage zu entziehen. Doch bei unsachgemäßer Anwendung kann es schwere gesundheitliche Schäden verursachen. "Die Regierung schreibt zwar vor, dass wir die Fliegen bekämpfen müssen, aber sie sagt nicht, wie", rechtfertigt sich Christian Herrera, der Präsident des Verbands der Ananaspflanzer.
In seiner Fabrik kleben die Siegel der Zertifizierungsinstitute Rainforest Alliance und GlobalGAP auf den Kisten für die Früchte. Sie bescheinigen eine "ökologisch verantwortliche Agrarpraxis". Die meisten Ananas gehen von hier in die USA und nach Europa.
"Wir erteilen unser Siegel, wenn die Produzenten die örtlichen Umweltgesetze einhalten", sagt Kristian Moeller, der Geschäftsführer von GlobalGAP. Die Organisation mit Sitz in Köln überprüft im Auftrag deutscher Supermärkte die Anbaumethoden in Costa Rica. "Es kommen nur Agrochemikalien zum Einsatz, die im Land zugelassen sind", sagt er. Doch Costa Ricas Umweltgesetze sind lasch.
Bei der Überprüfung der Anbaumethoden gingen die Zertifizierer zudem nachlässig vor, so ein Insider gegenüber dem SPIEGEL. "Sie werden von den Multis finanziert und stecken mit ihnen unter einer Decke", behauptet er. "Die Menge der Chemikalien, die beim Ananasanbau zum Einsatz kommt, ist schockierend."
Nach außen pflegt Costa Rica sein Image als Ökoparadies. Doch beim Ombudsmann des Parlaments, einer öffentlichen Beschwerdestelle, stapeln sich Klagen von Bürgern, die unter den Stechfliegen leiden. Zudem haben sich mehr als 100 Milchbauern und Rinderzüchter zusammengetan, um die 19 größten Firmen auf 26 Millionen Dollar Entschädigung zu verklagen, darunter Dole und Del Monte. Die Bauern hoffen auch darauf, dass die Plantagen ihr Ökosiegel verlieren.
Doch Experten räumen einer Klage geringe Chancen ein. Die Bauern haben nur einen Anwalt, die Ananaszüchter Dutzende. Und wer gegen die Ananasmafia protestiert, muss um sein Leben fürchten; einige Bauern haben Drohungen erhalten.
Fredy Rojas aus San Rafael de Río Cuarto hat sich über 30-mal beim Agrarministerium über die Fliegenplage beschwert, vergebens. Seine Kühe geben nur noch halb so viel Milch wie früher, sein Einkommen reicht kaum zum Überleben. Jüngst rief ihn ein Ananasfarmer an und fragte, ob er sein Land verkaufe. Die Firma wolle ihre Plantagen ausweiten. "Erst treiben sie uns in die Pleite", sagt Rojas, "dann kaufen sie unser Land zu Spottpreisen auf."
Von Jens Glüsing

DER SPIEGEL 29/2014
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