14.07.2014

AffärenIrreparabler Murks

Ein gefälschtes Gutachten, eine windige Studie und viel Hokuspokus - ein Leipziger Biotech-Gründer begeisterte jahrelang Patienten, Investoren und Universitätsprofessoren für seinen wundertätigen Bluttest.
Vor zwei Wochen durfte Luis Gómez noch glauben, er sei bald ein gemachter Mann.
Da führte der Leipziger Unternehmer Besuchern einen Bluttest vor, der viele Krankheiten aufspüren soll - an Leber, Nieren und Gelenken, dazu Stoffwechselstörungen und vielerlei Allergien. Gómez will sogar Malaisen entdecken können, die Patienten und Ärzten noch verborgen sind.
Unter dem Mikroskop späht der Privatgelehrte in der aufbereiteten Blutprobe nach gewissen "Polymeren" und "Kristallen". Deren Gestalt verrate ihm, was den Leuten fehle, behauptet er. Seine Firma Indago führt ihn als "Forschungsleiter". 59 065 Patienten, sagt er, hätten bereits von seinem wundersamen Test profitiert; die meisten Proben kamen von Heilpraktikern.
In Kürze hofft Gómez auch zu erringen, was ihm bislang verwehrt blieb: die Anerkennung der zögerlichen Schulmedizin.
Ein letzter Widersacher steht ihm noch im Weg, ein Pensionär aus Konstanz namens Klaus Keck, ein habilitierter Chemiker. "Dieser Bluttest ist ein Schwindel", sagt Keck. "Es ist unmöglich, dass Gómez darin Spuren von Erkrankungen findet. Jeder Hausarzt müsste das erkennen."
Alles andere wäre in der Tat eine Sensation: Luis Gómez, ein Mann ohne akademischen Titel, hätte den wohl findigsten Labortest der Welt ersonnen. Welches andere Verfahren könnte so viel herauslesen aus den getrockneten Überresten von einem bisschen Blut?
Klaus Keck verfolgt das Treiben des selbst ernannten Forschungsleiters seit Jahren. Im Internet hat er unter der Adresse xy44.de/Bluttest umfangreich dokumentiert, warum er die Methoden von Indago für Humbug hält.
Gómez' Firma macht freilich nicht den Eindruck einer Quacksalberbude. Sie residiert in der Leipziger "Bio City", einem blitzblanken Campus der Lebenswissenschaften mitten in der Stadt. Besucher werden in großzügigen Labors empfangen; der Forschungsleiter führt vorbei an teuren Gerätschaften, die aussehen, als würden sie jeden Morgen mit weichen Läppchen poliert.
Gómez kann Schreiben echter Professoren vorlegen, die ihm gute Arbeit bescheinigen. Eines der Gutachten trägt den Stempel eines renommierten Forschungsinstituts. Obendrein sind zwei erzsolide Banken an seiner GmbH beteiligt: die bundeseigene Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) und die Leipziger Sparkasse. Kaum vorstellbar, dass Scharlatane es so weit bringen könnten.
Der Durchbruch für Gómez bahnte sich vor zwei Jahren an. Damals gewann er zwei Leipziger Professoren für einen tollen Plan. Das Trio beschloss, gemeinsam eine neue Diagnosemaschine speziell für den wundersamen Bluttest zu entwickeln.
Bislang musste Gómez sich immer persönlich ans Mikroskop bemühen - künftig soll das von allein ablaufen. Die Blutproben kommen in den Automaten, werden gewogen, etikettiert und weiterverarbeitet. Am Ende analysiert der Computer die Bilder, und dann wirft er der Reihe nach seine Diagnosen aus - eine Art Roboterlabor, bereit für den massenhaften Einsatz am Patienten.
Die Partner machten sich an die Arbeit. Die Leipziger Fachhochschule HTWK übernahm die Entwicklung der Maschinerie. Um die Bildauswertung durch den Computer kümmerte sich die Uni Leipzig, genauer: das Translationszentrum für Regenerative Medizin (TRM). Dessen Forschungsdirektor Ulrich Sack nahm sich persönlich der Sache an.
Das märchenhafte Projekt ist bereits weit gediehen. Schon bald, so glaubte Gómez, könnte die finale Phase beginnen: der Praxistest der einzelnen Module.
Es gäbe dann also, wie Klaus Keck lästert, "eine Maschine zum Erfinden von Diagnosen" - gebaut mit der Hilfe von Professoren deutscher Hochschulen.
Mitte April schon schickte Keck einen offenen Brief ans Rektorat der Universität, in dem er dringend vor dem Projekt warnte. Wochenlang kam keine Antwort.
Laborleiter Gómez hat das auch nicht anders erwartet. "Herr Keck setzt uns schon so lange zu", sagt er. "Und all die Jahre ist er mit seiner Kritik allein geblieben. Warum wohl?"
Keck wiederum hält genau das für einen Skandal. "Alle Beteiligten hätten leicht herausfinden können, was hier gespielt wird", sagt er.
Die Indago-Diagnose geht so: Gómez füllt die Blutproben in kleine Keramiktiegel und schiebt sie in Heizkammern. Dort werden sie stufenweise bis auf etwa 560 Grad Celsius erhitzt. "So zerlegen wir die Substanzen im Blut in ihre chemischen Elemente", sagt Gómez.
In einem Schälchen zeigt er, was übrig bleibt: graue Fussel wie von Glaswolle. Diese Überreste werden in Wasser gelöst, auf Glasplättchen getropft, abermals getrocknet. Hier kommt die Magie ins Spiel: Beim Trocknen, sagt Gómez, wüchsen vom Tropfenrand her neue "Polymere" und "Kristalle" ins Innere hinein - darunter auch solche, die für etwaige Krankheiten typisch seien.
Für den Chemiker Keck ist das reine Wahrsagerei. Er ist überzeugt, dass dieser Bluttest über die Krankheiten eines Patienten nicht mehr verrät als Kaffeesatz über die Schuhgröße des Bohnenpflückers.
"Was immer Gómez da herauslesen will, hat mit dem ursprünglichen Blut nichts mehr zu tun", sagt der Wissenschaftler. "Wenn organisches Material auf 560 Grad erhitzt wird, sind danach alle Moleküle zerstört, die Aufschluss über mögliche Krankheiten geben könnten."
Und dann ist da noch das Grundproblem des Heuhaufens: Im Blut schwimmen ja nicht nur Krankheitsanzeiger herum. Wenn überhaupt, wären dies nur winzige Spuren unter Tausenden Substanzen. Sollte irgendein Merkmal tatsächlich die zerstörerischen Heizkammern überstehen, wäre es in dieser extremen Verdünnung kaum aufzuspüren.
Für Gómez scheinbar schon. Ihm offenbaren sich unter dem Mikroskop klare Muster: Dieses hier bedeutet eine Resorptionsstörung des Darms, im nächsten Bild haben wir eine Arthrose. Mit anderen Worten: Die Nadeln im Heuhaufen sind bei ihm so groß wie Mistgabeln.
Entsprechend sicher ist sich die Firma Indago bei ihren Diagnosen. Eine davon bekam Myriam Farhand ausgestellt, Anwältin in Ladenburg am Neckar. Sie war einmal bei einer Heilpraktikerin, die ihr den famosen Bluttest anbot. Wenige Tage später kam die Auswertung des Labors aus Leipzig: eine Mappe voller imposanter Diagramme mit grünen, gelben und roten Balken - aber nirgends eine Angabe, was und wie viel das Labor da überhaupt gemessen hatte. Nur so viel war klar: roter Balken - ganz schlecht. Frau Farhand hatte viele rote Balken.
Der Befund war denn auch vernichtend: "Hepatorenales Syndrom". Leber und Nieren, heißt das, stünden kurz vor dem Totalversagen. Ein Mensch, bei dem so etwas festgestellt wird, hat in der Regel nur noch wenige Wochen zu leben.
Die Patientin, schwer verstört, eilte zu ihrem Hausarzt. Der fand von besagtem Syndrom keine Spur. "Meine Blutwerte waren völlig normal", sagt Farhand. "Ich verstehe nicht, wie ein solches Labor sich bis heute halten kann."
Inzwischen spricht Indago von einem "bedauerlichen Versehen". Auch die Fundamentalkritik des Widersachers aus Konstanz weist Gómez als schlecht informiert zurück: "Wir haben Herrn Keck mehrfach in unser Labor eingeladen, um ihm alles zu zeigen. Er ist nie gekommen."
So entging die Firma seit Jahren jeder Bedrängnis. Im Alltag half dem Gründer dabei wohl die Gabe gelehrsamer Rede. Flink und ohne Unterlass spricht er von "Carboxygruppen", von "Subprodukten aus dem Synovialgewebe der Gelenke" und, mit bezauberndem spanischem Zungenschlag, von den "Stickestoffen", die sich in seinen Heizöfen verflüchtigten.
Heikle Fragen können dem Mann, wie es scheint, nichts anhaben. Er beantwortet einfach andere Fragen, die ähnlich klingen - um dann unmerklich, aber wortreich zu seinen Lieblingsthemen zurückzuleiten. Sollte ihm, selten genug, einmal gar nichts mehr einfallen, sagt er: "Moment, ich zeige es Ihnen", eilt zu einem teuren Laborgerät und zeigt etwas anderes.
Und wenn es einmal richtig eng wird, zaubert Forschungsleiter Gómez einfach ein Gutachten hervor. Zuletzt bescheinigte ihm das Leipziger Fraunhofer-Institut für Zelltherapie und Immunologie nahezu tadellose Arbeit - auf neun Seiten, mit imposantem Briefkopf und Stempel. Als Gutachter firmiert der Biologe Nasr Hemdan. "Vier Tage lang war Herr Hemdan bei uns im Labor", behauptet Gómez. "Er hat sich alles genau angesehen."
Hemdan allerdings weiß auf Anfrage nichts von einem Lokaltermin. Dem SPIEGEL gegenüber versichert der Wissenschaftler, er sei nicht der Autor dieses Gutachtens; die Räume der Firma Indago habe er niemals betreten. Luis Gómez möchte dazu keinen Kommentar abgeben.
Schon 2006 war es Gómez, dem Meister der Rede, gelungen, prominente Teilhaber zu gewinnen: Damals stiegen die KfW und, über eine Tochterfirma, die Leipziger Sparkasse als stille Gesellschafter bei der Firma ein.
Er habe die Investoren frühzeitig gewarnt, sagt Gómez' Gegenspieler Keck - leider ohne Erfolg. Man habe auf die positiven Gutachten verwiesen. "Dabei hätten die Banken einfach nur einen Laborarzt fragen müssen", sagt der Wissenschaftler. "Der erkennt in zehn Minuten, dass die Indago lauter Unsinn produziert."
Beide Banken bestätigen auf Anfrage, dass sie bis heute Teilhaber der Firma sind. Weiter wollen sie sich dazu nicht äußern.
Das politische Klima in Sachsen begünstigte in den vergangenen Jahren Biotech-Unternehmer mit kühnen Ideen. Im Jahr 2000 lief im Freistaat eine große Standortoffensive namens Biosaxony an. Dreistellige Millionenbeträge flossen seither in die Förderung der Lebenswissenschaften.
Auch das Translationszentrum (TRM) der Universität entstand aus diesem Geist. Es soll freischwebende Forschung klinisch anwendbar machen. Ein rekordverdächtiger Bluttest kam dem Forschungsdirektor Ulrich Sack da gerade recht.
Allerdings hielten die Planer des Roboterlabors wohl bald ihr eigenes Projekt für allzu verwegen. Geräuschlos schalteten sie um auf ein bescheideneres Ziel. Der automatische Bluttest sollte fürs Erste nur noch Darmpolypen aufspüren. Aus diesen meist gutartigen Auswüchsen kann manchmal ein Darmkrebs entstehen.
Inzwischen liegt sogar eine klinische Doppelblindstudie für diesen "PSP-Test" vor - großzügig gefördert von der EU sowie dem Bundesministerium für Bildung und Forschung. Gómez bekam dafür Blutproben von 188 Probanden. Alle Versuchsteilnehmer hatten sich einer Darmspiegelung samt Gewebeprobe unterzogen, um den Befund zu klären. Und siehe da, Gómez' Bluttest konnte recht brauchbare Voraussagen liefern - so sah das jedenfalls TRM-Forschungsdirektor Sack. "Die Methode schnitt gar nicht so schlecht ab", sagt er. "Ich war verblüfft."
Ende vergangenen Jahres erschien die Studie im Journal of Translational Medicine. Das war Gómez' bislang größter Triumph: der erste Beleg für die Güte seiner Diagnostik in einer anerkannten Fachzeitschrift.
Wer sollte dem Unternehmer nun noch in die Quere kommen? Die Arbeiten am Roboterlabor gingen zügig voran. Bald würde er die neuen Diagnosemaschinen an andere Biotech-Firmen verkaufen. Sie alle könnten dann vollautomatisch seinen Bluttest ablaufen lassen.
Und im Posteingang der Universität Leipzig lag immer noch unbeachtet der offene Brief des unermüdlichen Klaus Keck, der den sofortigen Stopp des Projekts verlangte.
Erst als der SPIEGEL nachzuforschen begann, wurde die Universität aufmerksam. Dann aber ging es schnell. Schon nach wenigen Tagen trat eine Kommission zusammen. Vier Professoren beugten sich über den offenen Brief. Sie fanden die Kritik des Kollegen Keck rundum schlüssig.
"Für mich ist das Esoterik", sagt der Biochemiker Torsten Schöneberg über den Bluttest. "Die Methode erinnert an die Blutkristallanalyse, die schon in den Siebzigern angeblich unzählige Krankheiten offenbaren konnte."
Der Forscher vermutet, dass die betörenden Bilder schlicht anorganische Salze aus dem Blut zeigen: "Solche Kristalle sehen Sie immer, wenn etwas eintrocknet - zum Beispiel auch, wenn Kartoffeln überkochen."
Als Nächstes knöpften sich die Experten die Darmpolypen-Studie vor. Sie mochten kaum glauben, wie dürftig die Arbeit geraten war. Gemeinsam schrieben die Professoren einen Brief an das Fachjournal. In 13 Punkten zerlegten sie gründlich die Studie. Ihr Urteil: irreparabler Murks. Es bleibe nur die Rücknahme der Publikation. "So etwas hätte nie veröffentlicht werden dürfen", sagt Ingo Bechmann, der zuständige Prodekan der Medizinischen Fakultät.
Bechmann hatte sogar noch das Labor von Indago besucht, um sich selbst ein Bild vom Mirakel der Blutdeutung zu machen. Danach war ihm die Sache erst recht nicht mehr geheuer: "Einfach absurd" findet er Gómez' Methoden. "Es ist mir schleierhaft", sagt der Prodekan, "wie jemand auf solchen Wegen zu einer Diagnose kommen will."
Gómez sagt, das sei außerordentlich unfair: "Die Universität hat unser Verfahren doch noch gar nicht überprüft." Er bietet nun radikale Transparenz: "Wir werden sämtliche Rohdaten aus der PSP-Studie herausgeben", sagt er. "Wir legen unsere Methoden offen. Wir zeigen auch gern unter notarieller Aufsicht den kompletten Durchlauf einer Blutanalyse."
Für sein Roboterlabor kommt die Offensive wohl zu spät. Am Tag nach dem Besuch bat Prodekan Bechmann den Kollegen Ulrich Sack zum Gespräch. Wenig später gab der ertappte Professor bekannt, er werde die Zusammenarbeit mit Indago beenden. "Wir haben uns von der Firma hereinlegen lassen", sagt Sack.
Warum wurde das Projekt überhaupt genehmigt? "Das ist der Uni leider durchgerutscht", sagt Bechmann, "da müssen wir künftig besser aufpassen." An diesem Montag will die Universität eine Pressemitteilung herausgeben, in der sie vor dem Einsatz des PSP-Bluttests warnt.
Klaus Keck wird das Papier, wie alles zur Indago-Affäre, auf seiner Website dokumentieren.
Von Manfred Dworschak

DER SPIEGEL 29/2014
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