21.07.2014

Vertriebene Privates als Waffe

Erika Steinbach tritt ab, ihr Nachfolger ist das krasse Gegenbild: versöhnlich, sachlich - und homosexuell. Alles Eigenschaften, die Hardliner stören.
Die Einladung mit dem Briefkopf von Dr. Bernd Fabritius, MdB, ging an Spitzenpolitiker wie Bayerns Ministerpräsidenten Horst Seehofer, hohe Funktionäre des Bundes der Vertriebenen und diverse Medien. Auch der rumänische Außenminister erhielt das Schreiben, in dem der CSU-Politiker Fabritius, im Ehrenamt Chef einer deutsch-rumänischen Landsmannschaft, recht herzlich zu seiner Verlobungsfeier einlud - mit einem Mann.
Gefeiert werde auf dem Heimattag der Siebenbürger Sachsen, so heißt seine Volksgruppe der Rumäniendeutschen, und zwar "unmittelbar nach der Rede des Herrn Ministerpräsidenten Seehofer".
Erst als Bernd Fabritius, 49, die ersten Gratulationen und höflichen Absagen erhielt, entdeckte er die Intrige. Den Brief hatte er nie versandt. Zwar lebt er seit Jahren mit einem Mann zusammen, das stimmt, aber die Beziehung hätte er nie auf diese Weise publik machen wollen.
Nicht zum ersten Mal nutzte ein Konkurrent Fabritius' Privatleben als Waffe gegen ihn. Und es dürfte nicht das letzte Mal gewesen sein, denn in wenigen Monaten greift der Vizepräsident des Bundes der Vertriebenen (BdV) nach dem Spitzenposten: Er soll Nachfolger der eisernen Erika Steinbach werden, die den Verband seit 16 Jahren führt. Sie hat die Vertriebenen zum politischen Machtfaktor gemacht - und sich selbst zur Hassfigur. Jetzt soll Fabritius für sie weiterkämpfen. Kann er das?
Für den Zusammenhalt des BdV ist die Personalie Fabritius vielleicht die letzte Chance - und eine Zerreißprobe. Denn im Kosmos der Vertriebenen mit 20 Landsmannschaften und 16 Landesverbänden hat Fabritius nur eine kleine Hausmacht, die noch dazu einen versöhnlichen Kurs mit der rumänischen Heimat fährt. Siebenbürger Sachsen sind jünger und weltoffener als andere Gruppen. Eine große Fraktion sei jünger als 25, sagt Fabritius.
Dagegen liegt der Altersschnitt in Landesverbänden wie Thüringen über 70. Große Landsmannschaften wie die Schlesier und Sudetendeutschen haben zahlreiche betagte, konservative, kinderreiche Herren und Damen in der Kartei. Bei ihnen könnte ein kinderloser, schwuler Präsident Irritation erzeugen.
Fabritius sorgt sich nicht. Angriffe auf ihn seien seltene Einzelfälle, zudem gebe es längst Schwule im BdV. Vielleicht sei der Verband dafür sogar aufgeschlossener als andere Vereine: "Unsere Mitglieder haben erlebt, was Ausgrenzung bedeutet." Er trennt sein Privatleben strikt von seinem Engagement, geht aber mit seinem Lebensmodell ganz normal um: nichts propagieren, aber nichts verstecken. Als Fabritius 2013 erstmals in den Bundestag kam, saß sein Mann bei der konstituierenden Sitzung auf der Tribüne.
Aber auch wenn der BdV tolerant genug für ihn ist, könnte Fabritius seinen Mitstreitern zu versöhnlich sein. Die Siebenbürger Sachsen sind eher Aussiedler als Vertriebene; ihr Leid am Ende des Krieges war weniger die Flucht nach Deutschland als die Deportation in sowjetische Arbeitslager und Enteignungen. Erst die Ceauşescu-Diktatur trieb viele aus Rumänien, auch den damals 18-jährigen Fabritius, der Deutsch perfekt spricht, aber mit schwerem Akzent.
Sein Verband konnte die Rumänen sogar dazu bewegen, Enteignete zu entschädigen. Mit Polen, wo Steinbach nach Putin schon mal die am meisten gefürchtete Politikerin war, wird nicht einmal verhandelt. "Ich bin mit meiner Geschichte versöhnt", sagt Fabritius. Auf seinen Heimattagen reden rumänische Politiker, die ihre "Trauer" über den Verlust der Deutschen ausdrücken. "Sie haben eine Leere hinterlassen." Ein ähnlicher Auftritt polnischer oder tschechischer Minister ist noch undenkbar.
Kein Wunder, wenn sie Erika Steinbach sagen hören, die Polen hätten den Zweiten Weltkrieg mit ausgelöst, indem sie 1939 zuerst mobilgemacht hätten. Steinbach brachte es auch fertig, zum Jahrestag des Warschauer Aufstands auf Entschädigungen für Vertriebene zu beharren.
Aber sie hatte Erfolg. Der BdV setzte die Bundesstiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung durch und sicherte sich Einfluss im Stiftungsrat. Im neuen Koalitionsvertrag steht sogar die Forderung nach einem Gedenktag. Die Kanzlerin nimmt sich jedes Jahr Zeit für ein Mittagessen mit dem BdV-Präsidium, und der "Tag der Heimat" ist für Angela Merkel ein Pflichttermin. Sie war dort öfter als alle Kanzler vor ihr.
Fabritius, der sich politisch als "liberal-wertegebunden" versteht, will genauso erfolgreich sein, aber trotzdem nett. "Das Thema Vertreibung eignet sich nicht für Zuspitzung", findet er. "Ich möchte es im Ton sachlicher angehen." Aber vielleicht mögen seine Vertriebenen es nicht so gern sachlich? Steinbach verteidigt diesen Kurswechsel präventiv. "Die Siebenbürger Sachsen haben als Minderheit über Jahrhunderte gelernt, sich mit ihrem Umfeld zu arrangieren. Das hat Fabritius geprägt."
Er ist ihr Wunschkandidat, vielleicht auch, weil er die Überlebenschance des BdV sein könnte. Eine unabhängige Befragung der Landesverbände ergab 2011 nur 550 000 Mitglieder. Der BdV spricht von 1,2 Millionen. Wäre dies richtig, hätten die Vertriebenen rechnerisch seit 1955 nur wenige Mitglieder verloren - angesichts der Altersstruktur kaum realistisch.
Fabritius will den Verband weiterentwickeln zu einer Interessenvertretung aller Bürger mit Wurzeln in Ost- und Südosteuropa. Am liebsten sähe er den BdV wie den VdK: Der einstige Verband der Kriegsversehrten hat sich zum mächtigsten deutschen Sozialverband entwickelt.
Tatsächlich gibt es im BdV viele Mitglieder, die nie aus ihrer Heimat fliehen mussten. Die Verbände nehmen auch Sympathisanten auf. Sollte sich aber bestätigen, dass der BdV nur für ein paar Hunderttausend Menschen steht, könnten Politiker fragen, warum er noch fast 970 000 Euro im Jahr vom Bund erhalten soll. Ganz zu schweigen von Zuschüssen der Länder und Kommunen in unbekannter Höhe.
Hier wird Fabritius vorsichtshalber doch etwas deutlicher: "Es ist mir egal, ob wir eine Million oder fünf Millionen Menschen vertreten. Das historische Leid der Vertriebenen ist nicht größer oder kleiner, je nachdem wie viele wir sind."
Von Amann, Melanie

DER SPIEGEL 30/2014
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