21.07.2014

SachbücherTram und Traum

Der New Yorker Journalist George Packer erzählt in „Die Abwicklung“ vom langen und erschreckenden Niedergang der USA.
Die verrückteste und deprimierendste Geschichte in diesem Buch, das voll verrückter und deprimierender Geschichten ist, dürfte die der Straßenbahn von Tampa sein, der drittgrößten Stadt im amerikanischen Bundesstaat Florida.
Eigentlich will sie jeder. Die Geschäftsleute von Tampa, die Verwaltung, der Landrat, die Kommentatoren der größten Zeitung. Es ist das Jahr 2010, Tampa steckt tief in der Krise und leidet wie viele Städte unter dem Absturz des Immobilienmarkts. Die Straßenbahn soll die betroffenen Viertel besser anbinden. Ein vernünftiges Infrastrukturprojekt, so scheint es. Es soll sogar Geld aus Washington fließen.
Dann taucht Karen Jaroch auf, eine Tea-Party-Funktionärin. Sie startet eine wütende Kampagne: "No Tax for Tracks" ist die Parole, keine Steuern für Schienen. Man müsse für die Bahn zahlen, so ihre Argumentation, auch wenn man nicht mit ihr fährt. Und wenn man mit ihr fährt, ist man gezwungen, mit Fremden zusammenzusitzen. Jaroch mobilisiert die Abstiegsängste der Mittelschicht, den trotzigen Individualismus dieser Schicht und deren Wut auf den Staat. Und sie setzt sich durch. Die Bahn wird nicht gebaut. Wohlgemerkt: nicht weil sie zu teuer oder die Bauarbeiten zu laut wären. Es klingt absurd: Aber für die Tea Party ist eine Straßenbahn unamerikanisch.
Dass irgendetwas schiefläuft in den USA, ist ein offenes Geheimnis. Der Unterschied zwischen Arm und Reich wird immer größer. Die Infrastruktur verfällt. Das politische System funktioniert nicht mehr. So weit, so bekannt.
Ein Buch wie "Die Abwicklung" des New Yorker Journalisten George Packer hat es allerdings noch nicht gegeben. Ein Sachbuch, das den Ehrgeiz hat, die umfassende Krise der amerikanischen Institutionen abzubilden, den Niedergang der Fabriken und des Bildungssystems, das Ende des Gemeinwesens. Das außerdem den Aufstieg des Finanzkapitalismus beschreibt, die Macht der Celebrity-Kultur und der Lobbyisten. Und das auch noch daherkommt wie ein großer amerikanischer Roman - nur eben mit Protagonisten, die nicht erfunden sind.
Packer hat für das Buch im vergangenen Jahr den renommierten National Book Award bekommen, am Donnerstag dieser Woche erscheint es auf Deutsch(*).
Gut zwei Dutzend Menschen folgt Packer durch die Jahre, beschreibt ihr Leben, lässt sie von Glück und Unglück erzählen. Vom amerikanischen Traum und der unamerikanischen Tram.
Da gibt es die Gewinner des neuen Amerika: den demokratischen Politlobbyisten in Washington, der nach und nach vergisst, warum er einmal in die Politik gegangen ist. Den Starinvestor und Milliardär mit libertären Neigungen aus dem kalifornischen San Francisco. Und es gibt die Verlierer. Den ersten Biodiesel-Produzenten aus North Carolina, einer Gegend, wo schon Recycling unter Kommunismusverdacht steht, der aber auf verschlungenen Wegen zum Öko-Unternehmertum findet.
Dazwischen werden Prominente porträtiert: zum Beispiel Ex-Außenminister Colin Powell, Walmart-Gründer Sam Walton und Schriftsteller Raymond Carver.
Packer ist Reporter beim amerikanischen Magazin The New Yorker, er gilt als einer der besten Journalisten des Landes. Er hat aus dem Irak berichtet und ein Buch über den Krieg geschrieben. Es heißt "The Assassin's Gate" und ist eine der klügsten Analysen des Irak-Desasters.
Tatsächlich hatte er die Idee für "Die Abwicklung", als er in der Grünen Zone von Bagdad saß, die amerikanischen Funktionäre beobachtete und sich fragte: Was
ist eigentlich schiefgelaufen? Spiegelt sich in unserer Unfähigkeit, einem anderen Land in die Demokratie zu helfen, nicht eine Krise unseres eigenen Gemeinwesens?
"Die Abwicklung" erzählt, wie sich die recht biedere Regierungsbeamtenstadt Washington in die Hauptstadt des Lobbyismus verwandelt, einen Ort, an dem sich viel Geld verdienen lässt. Wie vom Silicon Valley aus die Weltwirtschaft revolutioniert wird. Und wie sich gegen die Finanzindustrie der Wall Street keine Politik durchsetzen lässt.
Es geht um den Niedergang der alten Industrien, den Machtverlust der Gewerkschaften und die Auslagerung der Fabrikarbeitsplätze in die Schwellenländer. Zurück bleiben Städte, die veröden wie vor hundert Jahren die Goldgräbersiedlungen - während in Orten wie Tampa heute ganze Viertel neu entstehen, die mit Krediten der Finanzindustrie bezahlt werden, der neuen Goldgräberbranche.
"Die Abwicklung" ist auch eine Generationengeschichte. George Packer ist 53 Jahre alt; als er auf die Welt kam, galt jener Gesellschaftsvertrag noch, mit dem US-Präsident Franklin D. Roosevelt in den Dreißigerjahren die USA befriedet und die Depression beendet hatte. Es war die Idee, dass ein Staat die Aufgabe hat, sich um die Schwachen zu kümmern. Dass der amerikanische Traum des individuellen Aufstiegs kein Selbstläufer ist, sondern dass der Staat den Kapitalismus kontrollieren muss. Die Abwicklung dieser Idee ist die Geschichte von Packers Leben.
Und die deprimierende Einsicht hinter "Die Abwicklung": Vielleicht ist die Zeit der Mittelschichtsgesellschaft einfach abgelaufen, beiseitegedrängt von einem neuen Gilded Age, wie die Amerikaner ihre Gründerzeit nennen - Ende des 19. Jahrhunderts beherrschten noch die Eisenbahnmagnaten und Stahlbarone das Land. Nun sind es Finanzkapitalisten und Internetkreative, die die Macht übernommen haben und die letzten Überreste des alten Industriekapitalismus abräumen.
Wobei es auch die Aufstiegsgeschichten gibt, Packer erzählt davon. Ob es die unglaubliche Geschichte des Rappers Jay Z ist, der es vom Crack-Dealer zum Freund des amerikanischen Präsidenten gebracht hat. Oder die von Oprah Winfrey, der TV- Kümmertante der Nation, geboren als uneheliche Tochter minderjähriger Eltern und heute eine der mächtigsten Frauen der USA.
Irgendwie funktioniert der amerikanische Traum eben noch. Nur ist er kein Versprechen mehr, auf dessen Einlösung man hoffen kann.
* George Packer: "Die Abwicklung. Eine innere Geschichte des neuen Amerika". S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main; 512 Seiten; 24,99 Euro.
Von Tobias Rapp

DER SPIEGEL 30/2014
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