04.08.2014

KarrierenDer edle Wilde

Der Grünen-Fraktionsvorsitzende Hofreiter ist bisher in erster Linie durch seine Frisur aufgefallen. Er gilt als führungsschwach. Doch Hofreiter will vor allem eines: sich nicht verbiegen lassen. Von Nicola Abé
Anton Hofreiter fräst sich durchs Gestrüpp. Zweige peitschen ihm ins Gesicht, es riecht nach Moos. "Wildnisähnliche Zustände", ruft Hofreiter. Er führt eine Gruppe bayerischer Grüner an der renaturierten Isar entlang, immer tiefer in den Wald. "Jeder kommt ans Ziel", sagt er und schiebt einen Ast beiseite, "man muss nur langsam genug gehen."
Auf einer Lichtung bleibt er stehen. "Schauts alle mal her: Schachtelhalm." Ein paar Barfüßige scharen sich um ihn. Hofreiter rupft ein filigranes Gewächs aus dem Boden und hält es in die Höhe. "Ein lebendes Fossil." Aus der Zeit der Dinosaurier habe der Schachtelhalm sich bis in die Gegenwart hinübergerettet, trotz der Eroberung der Welt durch die Blütenpflanzen vor 120 Millionen Jahren. "Der Schachtelhalm ist extrem robust", sagt Hofreiter. Er sieht glücklich aus.
An der Isar muss Hofreiter, Chef der Grünen im Bundestag, nicht in erster Linie Politiker sein. Hier ist der promovierte Biologe auch Wissenschaftler. Das hat den Vorteil, dass er nicht in Monaten, sondern in Jahrmillionen rechnen kann.
Aus der Perspektive des Schachtelhalms ist die Zeitspanne, die seit seinem Antritt als Fraktionsvorsitzender vergangen ist, ein Witz. So gesehen ist es auch eine Kleinigkeit, dass kaum einer noch weiß, wofür die Grünen jenseits von Helmpflicht für Fahrradfahrer und Freilandhaltung für Hühner noch stehen. So gesehen wäre die Schwäche seiner Partei ähnlich zu werten wie die Tatsache, dass trotz der Erderwärmung in manchen Jahren die Temperatur sinkt. "Ein kleines Zittern in der Grundkurve" nennt Hofreiter das. Er selbst wäre dann so ein unverwüstlicher Schachtelhalm. Die Grundkurve, seine und die der Partei, zeigt nach oben. So jedenfalls denkt er an guten Tagen.
Hofreiter ist seit Oktober vergangenen Jahres Chef der Grünen im Bundestag. Knapp ein Jahr später kennen viele Deutsche bestenfalls seine Frisur. Mit politischen Inhalten ist er weniger aufgefallen. Die Grünen haben einen Jungen an ihre Spitze gewählt, der zugleich an ihre Vorzeit anknüpft. An jene Zeit, als man so Anti-Establishment war, dass man sich weigerte, Krawatten zu tragen. Hofreiter ist die Reinkarnation urgrüner Tugenden: ein echter Linker, naturverbunden, das Herz am rechten Fleck - eine Art edler Wilder des Berliner Politikbetriebs.
Am Ende eines seiner weniger guten Tage sitzt der neue Vorsitzende im Bordrestaurant eines ICE von Hamburg nach Berlin. Sein Anzug ist verknittert. Am Hamburger Bahnhof hat man ihn gefragt, ob er der Typ von der FDP sei. Die Grünen, heißt es in der Presse, seien als Opposition zu harmlos. Ihr Fraktionsvorsitzender sei führungsschwach. Außerdem hat Hofreiter seinen ersten Skandal: Gerade ist öffentlich geworden, dass er jahrelang keine Steuern für seine Zweitwohnung bezahlt hat. Er hat sich für sein Versäumnis entschuldigt. Aber er weiß nicht, was passieren wird. Draußen gleitet blauschwarz eine Sommernacht vorbei.
"Morgen keine Scheißpolitik", sagt Hofreiter. Es ist einer dieser Momente, in denen er sich von Deutschland nicht verstanden fühlt und dieses Land nicht versteht. Wieso jubelt es über das Wirtschaftswachstum, wenn gleichzeitig Umwelt und Humankapital ausgebeutet werden? Wieso regt sich kaum jemand über eine Regierung auf, die ihre Bürger ausspähen lässt? Wieso sind die Grünen in der öffentlichen Wahrnehmung so abgerutscht? Hofreiter würde Deutschland gern wachrütteln. Vielleicht brüllt er deswegen manchmal bei seinen Auftritten.
Hofreiter holt ein Büchlein aus der Tasche und legt es auf den Tisch im Bordrestaurant. Es ist bunt gemustert und hat abgewetzte Ecken. "Du brauchst auch mal was anderes zum Ausgleich", sagt er, "sonst wirst ja irre." Er schlägt sein Buch auf, darin Handgeschriebenes. Er wählt eine Parabel von Kafka.
Die Parabel handelt von einer Maus. Hofreiter liest vor: ",Ach', sagte die Maus, ,die Welt wird enger mit jedem Tag.'" Zuerst sei die Welt sehr breit gewesen, die Maus habe Angst gehabt. Als sie in der Ferne Mauern sah, sei sie froh gewesen. Doch nun eilten die Mauern aufeinander zu, und ganz hinten stehe eine Falle. Die Maus laufe auf die Falle zu. Der letzte Satz dieser sehr kurzen Fabel lautet: ",Du musst nur die Laufrichtung ändern', sagte die Katze und fraß sie."
Hofreiter klappt sein Büchlein zu und blickt auf. Er will nicht die Maus sein. Also darf er auf keinen Fall die Laufrichtung ändern. Auch wenn er sich womöglich auf eine Falle zubewegt. Man wirft ihm Nettigkeit vor. Also verteidigt er Nettigkeit. Er glaubt, Nettigkeit sei auch ein Weg zur Macht.
Nettigkeit ist nur eine von vielen Formen der Nichtanpassung, die sich Hofreiter in der Hauptstadtpolitik leistet. Da ist auch seine bayerische Aussprache, die er nicht ablegt. Worte wie krass, abartig oder geil gehören nach wie vor zu seinem Wortschatz. Und natürlich ist da seine viel beschriebene Frisur: "Einen Spitzenpolitiker mit langen Haaren, das gab es noch nie", meint Hofreiter. Ein Parteikollege aus Bayern sagt über ihn: "Der Toni ist immer noch im alten Denken verhaftet: Die da oben, wir da unten." Hofreiter will sich nicht verbiegen lassen. Er pflegt seine Eigenarten. Sonst könnte er eines Tages aus Versehen so werden wie die da oben.
"Schimpansoides Verhalten" nennt er das, was gewisse Alphamännchen der Politik so an den Tag legen. Er findet, es müsse auch anders gehen. Konstruktive Opposition. Differenzierung. Die Regierung nur angreifen, wenn es um Inhalte geht, nicht um den bloßen Effekt. Die FDP, glaubt Hofreiter, habe ihre Selbstvernichtung durch ihre extremen Auftritte in der Opposition angelegt.
Bei den Grünen ist Hofreiter mit seiner Art vorangekommen. Zunächst in Bayern, ab 2005 im Bundestag. Als verkehrspolitischer Sprecher und als Flügelkoordinator der Fraktion schmiedete er Allianzen. Seine Wahl zum Fraktionsvorsitzenden war lange geplant. Heute gefällt sein weicher Stil denen, die unter den autoritären Chefs der Vergangenheit gelitten haben.
Aber kommt man mit Nettigkeit auch gegen die alten Hasen des Polit-Betriebs an, die ihre Intrigen spinnen und jede Polemik nutzen, um beim Volk zu punkten? Kann man in einem Spiel erfolgreich sein, das man nicht mitspielen will? Der Schachtelhalm, das lässt sich jedenfalls in verschiedenen Werken der Botanik nachlesen, ist eine höchst anpassungsfähige Pflanze.
Während sich Hofreiter durch die Wildnis an der Isar kämpft, will eine Frau wissen, ob ihn Berlin denn verändert habe. "Man muss immer aufpassen, dass man sich nicht nur selbst verändert, sondern auch das Drumrum", sagt Hofreiter. In Bayern gibt es Journalisten, die den "Toni" mit einem Doppelklaps auf die Wampe begrüßen. In Berlin legen sie ihm wegen seiner notorisch ausgebeulten Hosentaschen ein Herrenhandtäschchen nahe. Darüber lacht Hofreiter hier in der Natur gern. Er selbst findet den Transport von Dingen in seiner Hose "total praktisch". Er bringt darin neben seiner Brieftasche mühelos Handys, Schlüssel, Ausweise oder eine ganze Packung Gummibärchen unter.
Als Kind einer Arbeiterfamilie wuchs er in der Gemeinde Sauerlach südlich der Landeshauptstadt auf. Mit den Söhnen und Töchtern der Münchner Schickeria hatte er wenig gemein. Schon mit 14 war er politisch aktiv. In der Heimat hält Hofreiter die meisten Reden frei. Nur wenn wirklich viele Leute gekommen sind, kritzelt er sich kurz vor Beginn ein paar Stichpunkte auf eine Papierserviette.
Im Bundestag liest er ab. Wenn er in Berlin vor eine Fernsehkamera tritt, passiert etwas Seltsames mit ihm. Er vereist. Sein Körper wird steif, zwischen die auswendig gelernten Sätze mischen sich langgezogene Ähs. Auch seine Gedanken frieren ein. Als Hofreiter am Tag des Rückzugs von Jürgen Trittin plötzlich im Rampenlicht stand, fragte ein Fernsehreporter: "Was sind Sie denn so für ein Typ?" Ein paar quälende Sekunden lang fiel ihm rein gar nichts zu sich selbst ein. Schließlich zog sein Pressesprecher ihn von der Kamera weg.
Es ist nicht einfach, ohne Maske zu bestehen in einem System, das ständig Inszenierung verlangt. An einem Donnerstag im Juni gibt Hofreiter ein Live-Interview in einer Berliner Galerie. An den Wänden hängt moderne Kunst, das Publikum ist sehr Berlin-Mittig, Kostümchen, Bärte, Birkenstock-Sandalen. Der Zeit-Journalist Moritz von Uslar trägt Jeans und ein perfekt sitzendes cremefarbenes Jackett; Hofreiter einen seiner grauen Anzüge, seine Stirn glänzt. Uslar ("Hofreiter ist mein persönlicher Kanzlerkandidat") hat sich 99 Fragen ausgedacht. Aber Hofreiter lässt die Fragen an sich abperlen. Er gibt Plattitüden von sich. Er nennt eine Frage machohaft. Er will seinen Lieblings-Heavy-Metal-Song nicht verraten. Manchmal bricht er in lautes Gelächter aus. Uslar wirkt etwas ratlos. Nach einer halben Stunde ist alles vorbei.
Hofreiter hat Uslar offenbar als Feind identifiziert und beschlossen, ihn keinen Millimeter an sich heranzulassen. Dabei will Uslar ihm eigentlich gar nichts Böses, im Gegenteil. Er sieht so etwas wie Freak-Power, Kult-Potenzial! Aber Hofreiter will sich nicht inszenieren lassen. Auch nicht als Freak. Er will radikal echt sein.
Es ist die Zeit, als Jürgen Trittin, noch so ein Mann mit perfekt sitzenden Anzügen und ausgefeilter Rhetorik, wieder ständig im Fernsehen auftritt. Gerüchte über einen Comebackversuch geistern durchs Regierungsviertel. Die beiden haben ein enges Verhältnis, Trittin gilt als Förderer Hofreiters. Und dennoch stiehlt er ihm mit seinen Auftritten die Show. Über seinen Nachfolger redet Trittin wie ein gönnerhafter Onkel: "Ein Rohdiamant, der noch geschliffen werden muss."
Erst vor Kurzem ist Hofreiter im Bundestag ausgerastet. In der Debatte ging es um die Ukraine, eine Abgeordnete der Linken hatte Hofreiters Kovorsitzende Katrin Göring-Eckardt als Verbrecherin bezeichnet, weil sie den Faschismus in der ukrainischen Regierung nicht genug gegeißelt habe. Ein weiterer Abgeordneter legte nach. Hofreiter wollte der Frau an seiner Seite beispringen und brüllte durchs Plenum: "Jetzt langt's aber wirklich mal. Sie haben doch überhaupt keinen Anstand!" Es war ein sehr männlicher Auftritt, vielleicht sogar ein klein wenig schimpansoid. Jedenfalls kam er gut an. Nicht nur bei der eigenen Fraktion, auch Volker Kauder neben ihm war beeindruckt. Hofreiters Ausraster schaffte es ins "heute-Journal".
Ein paar Wochen später fährt Hofreiter mit dem Regionalzug von der Isar an die Donau, noch so ein renaturierter Fluss, diesmal ist eine Kanufahrt geplant. Es ist das Wochenende, an dem Details über das wirre Mautkonzept von CSU-Verkehrsminister Alexander Dobrindt bekannt geworden sind, eine ideale Vorlage für den Verkehrspolitiker Hofreiter. "Berlin direkt" hat ihn für ein Interview angefragt. Hofreiter telefoniert mit seinem Büro. "Das Konzept ist doch völliger Schmarrn! Eine Mischung aus Ökofundamentalismus und rechtspopulistischen Tendenzen!" Etwas platt, was er da von sich gibt - aber eindrucksvoll. "Nein, natürlich sage ich das so nicht im Fernsehen", beruhigt Hofreiter seinen Mitarbeiter.
"Sind Sie nicht dieser Sportler?", fragt ihn ein Mann am Bahnhof. Von irgendwoher glaubt er Hofreiter zu kennen. Das Problem mit der Nichtanpassung ist manchmal, dass dahinter die Inhalte verblassen.
Hofreiter hat extra einen Anzug mitgenommen, er verstaut ihn in einem wasserdichten Segelsack. Die Sonne brennt vom Himmel, Hofreiter paddelt, in der Ferne identifiziert er ein paar Nilgänse. An einer Kiesbank legt er an. Seine nackten Füße stehen im Wasser, wikingerhafte Statur, die Haare wehen. Er sieht selbst ganz renaturiert aus. An den Knöcheln sind lange Narben zu sehen. Die stammen aus seiner Zeit in Lateinamerika, von der erzählt er gern. Wie er sich mit gebrochenem Fuß durch den Dschungel schleppte oder wie er einem Typen mit Gewehr seinen eisernen Pflanzenschneider entgegenstreckte, um sein Leben zu verteidigen. Das sind existenzielle Erfahrungen, dagegen ist Berlin wieder ganz winzig.
Gegen 17 Uhr erreicht die Gruppe Plattling in Niederbayern. Hofreiter eilt mit seinem roten Segelsack ins Hotel Liebl, wo er sich für eine Stunde ein Zimmer mietet. Als er herauskommt, hat er sich wieder in den Berliner Toni verwandelt. Er hat geduscht und seinen Anzug "glatt gestrichen". Das Team vom Bayerischen Rundfunk hat vor dem Hotel eine Kamera aufgebaut. Hofreiter wippt mit dem Fuß. Er gibt ein paar ziemlich komplizierte Antworten. Womöglich wird man sich wieder nur an seine Frisur erinnern.
Von Abé, Nicola

DER SPIEGEL 32/2014
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