11.08.2014

DDRStille Post

Begegnungen mit Günter de Bruyn - der Briefwechsel eines aufsässigen Bausoldaten mit dem regimekritischen Schriftsteller. Von Stefan Berg
Der Satzbau war etwas kompliziert, aber die Botschaft des Mannes, dessen Stimme so sanft klang, war eindeutig. Vom "Anti-Kriegs-Kampf der Christen, Pazifisten und Kriegsdienstverweigerer" in der DDR sprach er, von "unabhängigen Friedensbestrebungen im eigenen Lande" und ihrer nur allzu berechtigten Forderung nach einem "sozialen Friedensdienst". Und er zitierte den Slogan "Stell dir vor, sie machen Krieg, und keiner geht hin". Die Rede, die Günter de Bruyn am 14. Dezember 1981 auf einem deutsch-deutschen Schriftstellertreffen in "Berlin, Hauptstadt der DDR" hielt, war eine Sensation. So deutlich hatte sich noch kein prominenter Literat des Landes auf die Seite der unabhängigen Friedensbewegung der DDR gestellt.
Bis heute habe ich einige von de Bruyns Formulierungen im Ohr, die er sehr ruhig vorlas, die von der DDR-Presse weitgehend ignoriert, aber vom West-Rundfunk verbreitet wurden - und so auch mich erreichten. Dieser Mann sprach mir aus dem Herzen. Denn 17-jährig, musste ich mich bald entscheiden: zwischen dem 18-monatigen Wehrdienst, der Totalverweigerung (und damit dem Risiko, im Gefängnis zu landen) und dem Dienst als Bausoldat, innerhalb der Armee zwar, aber ohne Waffe und ohne Fahneneid. Einen Zivildienst wie im Westen gab es in der DDR nicht, ebenso wenig einen "sozialen Friedensdienst", wie ihn nun de Bruyn forderte.
Seine Rede berührte und freute mich so sehr, dass ich dem Redner unbedingt danken wollte. Anfang Januar 1982 entwarf ich einen Brief, strich einige Passagen und schrieb dann alles noch einmal ganz ordentlich ab: Ich berichtete de Bruyn von der "Angst", mich entscheiden zu müssen, und von der Sorge über die Lage in Polen, wo seit dem Dezember das Militär herrschte. Ein älterer, bereits zur Armee eingezogener Schulfreund hatte mir von "ständiger Gefechtsbereitschaft" geschrieben, von Truppenbewegungen an der sogenannten Oder-Neiße-Friedensgrenze, die nun geschlossen war. Die Vorstellung, gegen Solidarnoś ć-Anhänger eingesetzt zu werden, war ein Horror.
Den Brief warf ich in de Bruyns Briefkasten in der Berliner Auguststraße. Seine Wohnung war nur wenige Meter von meiner Schule entfernt.
Zu meiner großen Überraschung erhielt ich schon wenige Tage später Post, ich glaubte es kaum, von Günter de Bruyn, der damals 55 Jahre alt war und dessen Bücher in Ost und West schon eine breite Leserschaft gefunden hatten. Er dankte dem 17-jährigen Schüler für die Danksagung. Er ließ seine Sympathie für den Dienst der Bausoldaten durchblicken. Und er mahnte zur Vorsicht: "Was ich ungestraft sagen kann, kann Ihnen schlecht bekommen."
Wenig später entschied ich mich, Bausoldat zu werden. Bei der Musterung gab ich dafür religiöse Gründe an, die durchaus vorhanden waren, obwohl die politischen überwogen. Anfang November 1982 fuhr ich nach Sassnitz, meinem Stationierungsort, an der Ostsee. Von dort berichtete ich de Bruyn von meiner Entscheidung und immer wieder vom militärischen Alltag. Und wieder und wieder erhielt ich Antwort, de Bruyn beglückwünschte mich ausdrücklich zu dem Entschluss, Bausoldat zu werden. Die freundlichen Worte haben mir als inzwischen 18-Jährigem natürlich geschmeichelt. Zugleich durchbrachen seine Briefe und die später folgenden Päckchen, in denen sich Bücher befanden, den grauen, mitunter grauenhaften Armeealltag.
Schikanös war die anfängliche Unterbringung der Sassnitzer Bausoldaten in Zelten, absurd das maritime Getue. Da wir der Volksmarine unterstellt waren, wurde unser Speiseraum "Messe" genannt, in die wir zum "Backen und Banken" einrückten, in unseren Stuben machten wir "klar Schiff", unsere Vorgesetzten waren "Kapitäne zur See", obwohl ich sie in den 18 Monaten nur zu Fuß und auf Asphalt antraf.
Hatten wir Ausgang, dann wurde dies "Landgang" genannt. Dabei waren wir immer an Land, betraten wir nicht ein einziges Mal ein Schiff, allenfalls folgten unsere Blicke sehnsuchtsvoll der Transitfähre, die von Sassnitz nach Schweden fuhr und meist mit Passagieren beladen war, die zuvor im Sassnitzer Interhotel im Übermaß Alkohol getrunken hatten.
Meinen Hass auf einige Vorgesetzte, meine Wut über den militärischen Irrsinn, die dazugehörenden Schikanen und generell gegen das Eingesperrtsein, schrieb ich de Bruyn - und damit mir von der Seele. Manche Wochen waren es zwei oder drei endlos lange Briefe, die er oft mit dem Hinweis auf Arbeitsüberlastung verspätet und selbstverständlich etwas kürzer, aber immer sehr herzlich beantwortete. Er fühlte sich durch meine Zeilen offenbar an seine gleichfalls beim Militär verbrachte Jugend erinnert. Wenn bei der Postausgabe wieder ein Brief von ihm dabei war, trug ich diesen voller Stolz in meine Unterkunft und öffnete ihn feierlich; gelegentlich las ich anderen daraus vor. Einmal hatte er Erich Kästners Gedicht vom fiesen Sergeanten Waurich von Hand abgeschrieben:
Wer ihn gekannt hat, vergisst ihn nie.
Den legt man sich auf Eis!
Er war ein Tier. Und er spie und schrie.
Und Sergeant Waurich hieß das Vieh,
damit es jeder weiß.
Persönlich waren wir uns noch nicht begegnet, aber er wurde immer offener, jedenfalls schien ihn die Unbekümmertheit (oder Naivität) des Heranwachsenden angesteckt zu haben. Sogar von seinen eigenen Überlegungen, die DDR zu verlassen, berichtete er. "Bleiben Sie doch hier, so lange es nur geht, mir geht's doch ähnlich, seit Jahren und Jahren."
Dass dieser Briefwechsel die Aufmerksamkeit der Sicherheitsorgane wecken würde, konnte nicht überraschen. In ihrer unnachahmlich dümmlichen Art sprachen mich bald Offiziere an, fragten, ob ich denn den Schriftsteller Günter de Bruyn kenne, ob wir geistige Verwandte seien. Da hatte die verharmlosend "Firma" genannte Geheimpolizei schon ihre Finger im Spiel beziehungsweise im Briefumschlag.
Aus einem der geöffneten Briefe erfuhren sie von den Plänen der Bausoldaten, massenweise Beschwerden abzuschicken. Reichlich simpel kombinierten die Geheimen, Autor de Bruyn helfe sicher beim Verfassen der Eingabe. Jedenfalls herrschte Alarm bei der Sicherheit. Suchaufträge wurden ausgelöst. Was hat de Bruyn mit den Bausoldaten zu tun, welches Vorleben haben die Briefe und Eingaben schreibenden Bausoldaten?
Auf diese Weise erfuhren die Schnüffler auch von einem Abend mit Gedichten von Rainer Maria Rilke, den zwei Bausoldaten in der Kaserne organisiert hatten. Dass wir ein Porträt des Staatsratsvorsitzenden während dieser Veranstaltung für einen unge-
eigneten Raumschmuck hielten, hatte ich de Bruyn schadenfroh berichtet.
Die Stasi fahndete nun in zwei Richtungen: Wer hatte erlaubt, das Honecker-Bild abzuhängen? Und: Wer überhaupt war dieser Rilke? So landete der Romantiker Rilke posthum in einer "operativen Wertung".
Ein Unteroffizier, Besucher des Rilke-Abends, bekannte inoffiziell, von den Gedichten, die ich rezitiert hatte, so gut wie nichts verstanden zu haben. Herausgehört hätte er "kirchliche Thematiken mit Liebesgedanken". Zu diesem beschränkten Lyrikverständnis passt meine Erinnerung an eine Kontrolle unserer Schränke und die darauf folgende, lautstark vorgetragene Mahnung eines Offiziers, nicht so viele Reklame-Hefte zu sammeln. Wir brauchten eine Zeit, um diese Schelte zu entschlüsseln: Gemeint waren Reclam-Bücher.
Eines offenbarten diese Vorgänge jedenfalls: die real existierende Furcht vor dem unkontrollierbaren Wirken der Literatur, vor Reclam-Büchern, vor Rilke-Gedichten oder de Bruyns Briefen.
Ich aber genoss mein vollkommen unerwartetes Glück im Unglück. Die Briefe von Günter de Bruyn waren mir eine Art Medizin. Auf leise Weise - gewissermaßen durch stille Post - entstand in einer Zeit des institutionalisierten Misstrauens ein Vertrauen zwischen zwei Menschen, die sich noch nie persönlich begegnet waren. Im Sommer 1984, nach meiner Entlassung, schrieb de Bruyn mir:
Leider habe ich so gar keine Beziehungen, sodass ich Ihnen da nicht helfen kann. Aber wenn Sie mal in Not sind (auch in Geldnot), bin ich immer für Sie da. Wenn ich mal vorher weiß, wann ich ein paar Tage sicher in Berlin bin, schreibe ich Ihnen, damit Sie nicht immer vergeblich kommen.
Ihre Gedanken darüber, wie Sie mir einen Gefallen tun können, sind wirklich überflüssig. Ich habe schon Freude daran, dass es Menschen wie Sie gibt. Vor 14 Tagen habe ich offiziell erfahren, dass mein neuer Roman "Neue Herrlichkeit", der im Juni hätte erscheinen sollen, verboten wurde und also überhaupt hier nicht erscheint. Schlechte Zeiten für Literatur! Ich versuche, gelassen zu bleiben und mich auf Neues zu konzentrieren.
Nun, als Zivilist, mochte ich de Bruyns wertvolle Zeit nicht mehr so sehr beanspruchen, ab und an schrieb ich ihm, ab und an kam eine Antwort oder ein Buch-Geschenk. Als die DDR hinfortdemonstriert worden war und die Stasi-Akten geöffnet wurden, stieß ich auf die unsere Verbindung betreffenden Unterlagen. Ich berichtete ihm davon, und er antwortete: "Gut, dass wir diese Zeit hinter uns haben."
Jahre später, mit der Diagnose Morbus Parkinson konfrontiert, suchte ich in meinem Leben nach Momenten ähnlicher Bedrängnis. Ich erinnerte mich an die bislang unangenehmste Erfahrung meines Lebens, an das Eingesperrtsein und die Sehnsucht nach Bewegungsfreiheit, eine Sehnsucht, die ich nun auch wieder spüre, wenn ich auf ganz andere Weise behindert werde. Ich suchte nach den Briefen, die mich so ermutigt hatten. Als ich sie fand, berührten sie mich nun auf neue Weise.
Wenig später schlug ich de Bruyn vor, sie zu publizieren. Ich fuhr zu ihm, in sein Versteck, ein einsames Haus im Wald bei Storkow in Brandenburg. Wir lasen in den Unterlagen, wir schüttelten die Köpfe über die Stasi, die Rilke, de Bruyn und Stefan Heym allesamt für Verdächtige hielt. Und so falsch damit nicht lag. De Bruyn freute sich, dass ich seine Briefe aufbewahrt hatte. Ich las vor, wie er mir Mut gemacht hatte, im Land zu bleiben, sich zu wehren. Er lächelte aus seinen hellblauen Augen, ein feiner Stolz und Freude an vergangenen Sätzen.
Wer Günter de Bruyns Bücher liest, der findet dort eine tiefe Liebe zum Menschen. Dass ich so direkt diese Menschenliebe erfahren durfte, war, nein, ist ein bleibendes Geschenk, für die meine Dankbarkeit auch nach so vielen Jahren nicht nachlässt.
Der Briefwechsel zwischen Stefan Berg und Günter de Bruyn erscheint unter dem Titel "Landgang. Ein Briefwechsel" beim Verlag S. Fischer, Frankfurt am Main (144 Seiten; 17,99 Euro).
* Mit Christa Wolf auf dem Ost-West-Schriftstellertreffen 1981 in Ostberlin.
Von Stefan Berg

DER SPIEGEL 33/2014
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