11.08.2014

Kriminalität Frei

Ein Mann in einem Eifeldorf, der seinen besten Freund erschießt, kaltblütig, aus nächster Nähe - ist er ein Mörder? Ja, sagt die Justiz. Nein, sagt Ralf S. Und auch einige Dorfbewohner sehen die Sache wie er. Von Barbara Hardinghaus
Er wusste, im einen Lauf steckte eine Schrotpatrone, im anderen ein Bleigeschoss mit einem Durchmesser von 16 Millimetern. Er nahm die Jagdflinte, setzte sie dem Mann vor sich auf den Jackenärmel und drückte ab, zum ersten Mal. Der Widerstand des Abzugs einer Brünner, Kaliber 16/70, liegt bei eineinhalb bis zwei Kilogramm. Ralf S. spannte die Muskeln an.
Ralf S. sagt, er sei kein Mörder.
Er sitzt an einem Dienstag im Frühsommer in Häftlingshose an einem der Besuchertische in der JVA Köln. Ralf S. ist 47 Jahre alt, er ist ein schlaksiger Mann, 1,90 Meter groß, mit blonden Haaren.
Damals, vor gut zwei Jahren, im Keller der Autowerkstatt seines Vaters, in Sötenich in der Eifel, trug er eine Jogginghose; der Mann vor ihm war jünger, 32 Jahre alt, aber ebenso groß. Gemeinsam waren sie die Treppen hinabgestiegen, sie standen an den Öltanks, die sie als Schrott verkaufen wollten. "Ralf!", rief der Mann zuletzt.
Das Bleigeschoss war quer durch seinen Körper geschlagen, durch die linke Achsel, durch beide Lungenflügel, zerriss alle vier Herzkammern, die Vorhöfe, es war an der rechten Achsel wieder ausgetreten, schlug an die Wand und fiel zu Boden. Der Mann stand noch.
Vielleicht fünf Sekunden bleiben einem Menschen, nachdem sein Herz schon stillsteht, bis er ohnmächtig wird. Der Mann schaffte es die Treppen hoch, zwölf Stufen.
Erst oben in der Werkstatthalle kippte er, sein Gesicht lag flach auf dem kalten Estrich. Es war Januar, der Regen wechselte sich mit Schnee ab. Als Ralf S. sich über den langen Körper beugte, hörte er die schwere Feuertür der Werkstatt, hörte seinen Vater, der plötzlich dastand. Ralf S. setzte den Lauf ein zweites Mal an, dieses Mal mittig in den Nacken und drückte wieder ab. Es war eine Hinrichtung.
Ralf S., am Besuchertisch mit der Nummer 5, hält seine Hände über der Holzplatte so fest verschränkt, dass sie sich gelb und rot färben; er hat treue Augen, mit hängenden Lidern, ein gutmütiges Gesicht, schmale Lippen, die er kaum bewegt, wenn er redet. Er will jetzt doch einmal über seine Tat sprechen, auch wenn er nicht viel mit Fremden spricht. Abends in der Haftanstalt schließt er die Tür seiner Zelle in der ersten Etage, während die anderen Häftlinge auf dem Gang noch reden. Ralf S. sagt, er sei aber nicht wie die anderen.
Im Herbst 2012 verurteilte ihn ein Gericht zu einer lebenslangen Haft wegen Mordes. Es lägen keine gewichtigen außergewöhnlichen Milderungsumstände vor, sagte der Richter. Ralf S. habe heimtückisch gehandelt und nicht aus dem Affekt. Er war weder krank noch irre, noch alkoholisiert. Er war bei vollem Verstand.
Er wohnte zuletzt mit seiner zweiten Frau Martina in einem Haus aus Backsteinen, das er selbst gebaut hatte, gleich neben der Werkstatt. Am Wochenende kamen die Kinder aus erster Ehe zu Besuch und spielten im Garten. Ralf S. war in Sötenich groß geworden, er machte seinen Hauptschulabschluss, lernte Kfz-Mechaniker im Betrieb seiner Eltern, wurde Meister, verweigerte den Wehrdienst, vielleicht ist es das Einzige, was er je verweigert hat.
Er arbeitete ehrenamtlich bei den Maltesern. Er fuhr Rennwagen und Motorrad, fuhr seine Freunde nachts nach Partys nach Hause, er trank nicht. Er half. Er begrub zusammen mit der Nachbarin deren toten Hund und stellte ein Licht auf das Grab, damit sie es vom Küchenfenster aus sehen konnte. Sie briet ihm Reibekuchen und Frikadellen.
Als er den zweiten Schuss abgegeben hatte, schleifte er den Toten an jenem Januartag die Treppe hinunter, zwölf Stufen.
Er besorgte sich einen Besen und einen Abzieher und säuberte die Halle. Das Wasser rann rot auf den Hof und floss ab, so steht es in den Akten.
Am Abend lag er im Bett und lachte. Er schlief gut. Er war glücklich. Das sagt er am Besuchertisch.
Ein Freund hatte ihm noch am Nachmittag geholfen, hatte die Waffe mit einem Winkelschneider zersägt und in den Rursee geschmissen, einen Stausee zwischen Hügeln und Wäldern, 15 Kilometer entfernt.
Als ein paar Tage später Verwandte des Johann P. Verdacht schöpften und die Autowerkstatt durchsuchen wollten, beschloss Ralf S., seine Frau einzuweihen und auch eine Freundin.
Die beiden halfen ihm, die Leiche in Malerdecken und Planen zu wickeln, sie hoben mit ihm die Leiche auf einen Anhänger. Sie säuberten die Werkstatt noch einmal gründlich, als Putzfrauen waren sie geübt darin; eine der beiden entsorgte das Portemonnaie des Toten in einem Container für Altkleider.
Den Anhänger fuhr Ralf S. zunächst zu einem Bekannten, der einen Ort weiter ein Gartencenter betrieb. Ralf sagte ihm, er habe "Scheiße an der Backe", er sei bedroht worden und habe den Typen dann erledigt. Der Bekannte hatte nichts dagegen, dass Ralf S. den Anhänger mit dem Toten eine Weile abstellte.
In den Tagen darauf parkte Ralf S. den Anhänger immer wieder um; parkte ihn vor dem Schwimmbad, am großen Parkplatz, an dem sich die Berufsschüler trafen, an einer Halle, an einem Ferienhaus, von dem er wusste, dass es gerade leer stand.
Er wollte die Leiche loswerden, aber er wollte auch, dass die Füchse sie nicht anfraßen, er wollte, dass sie unversehrt blieb.
Er ging nachts mit den Hunden spazieren, fast zwei Wochen waren seit der Tat vergangen, er fasste einen letzten Plan. Er würde die Leiche beseitigen, auf der Bauschuttdeponie in Köln-Hürth.
Er packte Eternitplatten zu dem Leichnam, er tat das vorsichtig, um ihn nicht zu quetschen, und fuhr den Anhänger am Morgen um kurz vor sieben auf das Gelände. Als der Baggerfahrer das Material zusammenschob, entdeckte er erst das Paket mit den Spanngurten und dann zwei Beine und einen langen toten Körper, der aus der Plane rutschte.
Eine Woche lang hatte Ralf S. eine Leiche durch die Gegend gefahren, so lange hatten alle anderen geschwiegen. Der Ort Sötenich ist seitdem bekannt als "mörderische Dorfgemeinschaft", so stand es in der Boulevardpresse.
Der Baggerfahrer rief die Polizei, Ralf S. ließ sich festnehmen, ohne sich zu wehren. Er war ein seltsamer Täter. Einer, der sein Opfer kaltblütig wie einen Feind erschossen und den Toten dann sorgsam behandelt hatte, wie einen Freund.
Hundert Kilometer entfernt von Sötenich, in Trier, steht eine schmale Frau bei ihrem Vater in der Küche, lange braune Haare, lange Ohrringe, in Jeans und Strickjacke, in rosafarbenen Turnschuhen, und hält einen kleinen Jungen auf dem Arm. Im Sommer wird er zwei Jahre alt.
"Er heißt Johann, wie sein Vater", sagt die Frau. Als Johann P. erschossen wurde, war seine Ehefrau, "Silv", wie er sie nannte, im zweiten Monat schwanger.
Neben den beiden steht Silvias Vater, er hält die Arme über seinem runden Bauch verschränkt. Er sagt, er habe sich schon mit Johann P. geprügelt, er habe deshalb damals den Kontakt zu ihm abgebrochen und auch zu seiner Tochter, die zu ihrem Mann hielt.
Als er später mal wieder bei Lidl einkaufte, sah der Vater die Vermisstenanzeige, die an der Tür klebte, er sah das Foto von Johann P., dunkle Haare, Bart, ein gut aussehender Mann, den er kannte, der Vater wunderte sich. Er sagt: "Das konnte ich nicht glauben. Das war ein Typ, der sich durchsetzte."
Johann P., den alle "Schabo" nannten, wuchs im Wohnwagen auf, seine Eltern fuhren mit ihm durch das Land, sie waren "Fahrendes Volk", das sagen manche so. Johann P. wurde früh straffällig, wegen Körperverletzung, Diebstahls, Verkehrsdelikten. Mit 21 Jahren saß er zum ersten Mal ein, mit 28 Jahren zum zweiten Mal. Er heiratete seine Freundin Silvia in der JVA Trier.
Dass er tot war, erfuhr Silvia, als die Kripo-Beamten vor ihrer Tür standen. Das war am 13. Tag nach seinem Verschwinden.
An Schabos letztem Tag hatten er, Ralf und ihre Ehefrauen vormittags noch in der Küche im Haus von Ralf S. gesessen, die Männer seien später in die Werkstatt, sie wollten im Keller nach den Öltanks sehen. Ralf S., sagt Silvia, sei allein aus der Werkstatt zurückgekommen, er habe ruhig gesagt, der Schabo sei schon mal los, zu Fuß.
Der Mann im Bestattungsinstitut sagte später zu Silvia, es wäre besser, den Deckel des Sargs nicht zu öffnen. Sie redet, weil sie sagen möchte, dass er auch gute Seiten hatte. Sie hing an ihm.
"Für alle war er immer nur der Buhmann", sagt Silvia, seine Frau.
Er bedrohte andere. Er schlug schnell zu. Er hielt sich nicht an die Regeln, er war selbstbewusst.
Er schlug auch seine Frau, stieß sie einmal aus dem fahrenden Auto, so steht es in den Akten. Die Frau in der Küche erzählt davon nichts.
Sie sagt, er sei manchmal aufbrausend gewesen, aber nur, weil er ein Kind geblieben sei, er habe gern Milchreis mit Kirschen gegessen und sei gern auf Weihnachtsmärkten gewesen, an Sonntagen habe er sich zurückgezogen und sich auf DVD "Pippi Langstrumpf" und "Unsere kleine Farm" angesehen.
Er habe nie gesagt: "Ich liebe dich!" Er sagte mal "Schatz" zu ihr, und sie wusste, er hing auch an ihr, trotz allem. Er gehörte zu den Menschen, die es verstanden, andere für sich zu gewinnen, auch wenn sie sie schlecht behandelten.
Schabo, das erwachsene Kind, zog immer wieder durch die Gegend, er strolchte umher. Er hatte keine Ausbildung, er verkaufte Schrott. Er brauchte Geld.
Er konnte nicht schreiben, nicht lesen. Das Lesen übernahm Ralf S. dann für ihn.
Die beiden trafen sich im Herbst 2010 zum ersten Mal, im Imbiss eines Freundes; Ralfs Mutter war kurz zuvor gestorben nach einer Bypassoperation. Sie redeten. Silvia sagt, Schabo habe Ralf S. bald seinen "besten Kumpel" genannt. Es war alles schön, normal.
Die Männer verbrachten viel Zeit miteinander. Auch die Frauen saßen oft zusammen, bei Kaffee und Zigaretten. Nur manchmal zogen sich die beiden Männer zurück, sie hatten viel zu bereden. In die Werkstatt kam Ralf S. nur noch selten.
Er fuhr jetzt mit Schabo zum "Schrotten", sie strolchten zusammen. Sie verkauften auch gebrauchte Autos und verdienten anfangs recht ordentlich. Sie gaben das Geld meist gleich wieder aus, gingen ins Restaurant, zu McDonald's, in die Eisdiele. Sie waren frei.
Zu Schabos Freiheit gehörte auch, in Kasinos zu gehen oder ins Bordell. Er brauchte immer neues Geld. Ralf S. lieh ihm manchmal welches.
Seine Freunde und die Nachbarn sahen, dass Ralf S. sich veränderte. Er solle das lassen mit dem Herumtreiber, dem "Zigeuner", so nannten sie Schabo. Er ließ es nicht.
Ralfs Schwester Ellen S. fährt an einem sonnigen Mittwoch auf den Parkplatz des Autohauses in Sötenich. Im Schaufenster stehen zwei alte Opel. Die Werkstatt ist leer an diesem Tag.
Seit dem Mord ist der Umsatz zurückgegangen. Die Leute aus dem Dorf hatten eine Zeit lang Angst, an diesen Ort zu kommen. Ellen, eine Frau Mitte vierzig, rote Haare, Jeans, die schnell redet und auch noch immer nach einer Erklärung sucht, bittet in die Küche im Haus ihres Vaters nebenan.
An der Wand hängt ein Foto, das sie als Kind zeigt, frech, wach, quirlig, zusammen mit ihrem Bruder, einem schmalen blonden Jungen, "ein schlechter Esser", sagt sie. Ein scheuer Junge, der sich der Welt um ihn herum eher anpasste, als sie sich zu erobern wie seine Schwester. Sie zeigt andere Fotos.
Auch der Vater, Mitte siebzig, frisch operiert an der Hüfte, mit glasigen blauen Augen, sucht nach einem Bild, von Ralf und ihm auf Korsika.
Ellen und ihr Bruder spielten als Kinder im Wald, am Bach, sie drückten sich in der Werkstatt herum, die Eltern bauten das Geschäft auf und arbeiteten viel. Der Vater wurde oft laut. Vieles war ihm nicht gut genug.
Das Autohaus, die Angestellten, das Haus, das Grundstück, auf dem Ralf später sein Haus baute; das hatten sie erreicht.
"Da setzt er den ersten Stein", sagt der Vater. Er zeigt ein Bild mit Ralf auf der Baustelle. Das Haus ist mittlerweile verkauft. Dass es in fremde Hände ging, das sollte nie passieren. "Der Ralf hätte es niemals einem anderen gegeben", sagt Ellen.
Seine Schwester steckt sich die nächste Zigarette an und beschreibt, wie ihr Bruder sich verändert habe, seit er Johann P. begegnet war. Von seiner Haft hörte sie, da war sie gerade von einem Urlaub auf Sri Lanka zurück.
"Er war kein gewalttätiger Mensch", sagt sie. Eigentlich, findet sie, war er das Gegenteil.
Sie kam nur irgendwann nicht mehr an ihn heran. Er tat Dinge, die ihr fremd waren. Irgendwann ließ er sie nicht mehr zu sich ins Haus.
Wenn sie ihn dennoch traf, bemerkte sie, dass er Johann P. jedes Mal zurückrief, wenn der sich meldete, um selbst die Telefonkosten zu tragen. Als Johann P. 50 Euro von ihm wollte, aber ihr Bruder ihm nur 20 Euro geben wollte, gab Johann P. ihm eine Ohrfeige. Ralf blieb still.
Johann P. schlug auch Ellen einmal, aber Ralf S. bat sie, nicht die Polizei zu rufen. Sie hatte den Hörer schon in der Hand. Er flehte.
Vor einem Staatsanwalt sagte er einmal für Johann P. falsch aus, das Gericht verurteilte ihn deshalb, zum ersten Mal überhaupt, zu 50 Tagessätzen à 20 Euro.
Ralf lieh sich selbst immer mehr Geld, Ellen wusste erst nicht, wofür, dann schrieb er es ihr: Weil Schabo mein Freund ist, habe ich ihm das Geld gegeben, als er seinen Rechtsanwalt bezahlen musste. Und: Du wirst mich eh für völlig verrückt oder verblödet halten ... Schabo würde nichts lieber tun, als Dir die Schulden ... komplett zu bezahlen, aber es funktioniert im Moment überhaupt nichts.
Ralf S. erstellte zu dieser Zeit eine Liste seiner Schulden, 133 539,49 Euro insgesamt. Er schrieb: Schuldschein Papa: 13 500 Euro. Seiner Schwester schuldete er 21 446 Euro.
Die Nachbarin sah, wie dauernd die Autos in der Straße parkten mit Kennzeichen von überallher, das waren Schabos Freunde, die grölten, die ihr auf der Straße drohten, die nicht zum Dorf passten. Sie beschloss, etwas dagegen zu unternehmen, und briet für Ralf S. keine Frikadellen mehr. Ihr Mann packte ihn am Ärmel und sagte: "Ralf, Jung, lasset sein mit dem!"
Ralf redete nicht. Er schrieb Briefe, die er nicht abschickte. Die Polizei fand sie in einer Schublade im Werkstattbüro: Am schlimmsten ist, dass ich mich nicht mehr traue, irgendwas zu sagen oder mich von Schabo zu trennen.
Das war im September. Im Oktober heiratete Ralf S. seine Freundin Martina und benannte Johann P. als Trauzeugen. Sie feierten in einem Gasthaus im Ort. Seine Schwester und sein Vater kamen nicht.
Er schrieb: Ich weiß ganz ehrlich nicht mehr, wie ich aus dieser Nummer rauskommen soll, ohne dass es Tote gibt ... Ich glaube, entweder sterbe ich, weil er mich erschlagen hat, oder ich besorge mir eine Knarre und leg ihn um.
Außerdem änderte er sein Testament und gab es Johann P.: Johann P. soll meine Fahrzeuge sowie mein Werkzeug erben. Meine Hunde sollen meiner Ehefrau zugesprochen werden ... Herr Johann P. hat nach meinem Tod keine Schulden mehr bei mir. Das ist mein letzter Wille.
Ellen, seine Schwester, glaubt, Johann P. habe ihren Bruder gedrängt, es so zu schreiben.
Der Vater sitzt jetzt neben Ellen am Küchentisch. Manchmal, erzählt er, geht er in den Keller und sieht sich auf einer Leinwand Dias von früher an. Manchmal sitzt er auf der Couch und sieht durch die Apfelbäume hinüber zu Ralfs Haus, in dem jetzt Fremde wohnen.
Im Prozess hatte der Vater die Aussage verweigert. Ein Zeuge erklärte, Ralf habe ihm geschildert, dass sein Vater am Tag der Tat in der Werkstatt zu seinem Sohn gesagt habe: "Dann bring es zu Ende!"
In den Augen seines Vaters habe Ralf S., das sagt er am Besuchertisch, nie wirklich etwas zu Ende gebracht. Schoss er deshalb das zweite Mal?
Was ereignete sich am Mittag des 17. Januar 2012?
"Da möchte ich am liebsten nicht drüber sprechen", sagt der Vater. Er schüttelt den Kopf.
Er zieht mit seinen alten breiten Händen das nächste Foto aus dem Album auf den Tisch: seine Frau und er im Jahr 1980, bei der Wiedereröffnung des Autohauses nach einem Brand. Sie hatten schon mal alles verloren. Sie kämpften. Das Nächste, was der Vater sagt, ist: "Wir haben bei Regen und Schnee gearbeitet in einer Werkstatt ohne Dach." Er streicht über das Bild und sortiert es zitternd zurück unter die Klarsichtfolie.
An Silvester, 17 Tage vor der Tat, als die Nachbarn gemeinsam auf der Straße standen und anstießen, ging Ralf S. schon um zwei Minuten nach zwölf zurück ins Haus. Er sah schlecht aus, er lachte seltener. Sie wollten ihm, der immer geholfen hatte, helfen, aber sie konnten nicht, weil er es nicht wollte.
Später konnten sie ihm helfen. Einer zersägte die Waffe und warf sie in den See. Seine Frau putzte die Werkstatt. Eine Freundin warf das Portemonnaie in den Container. Der andere, der Mann vom Gartencenter, bot ihm einen Platz für den Anhänger. Der Mann sagt heute: "Es kann sich keiner vorstellen, wie das ist in so einer Situation."
Er steht in Arbeitshose, Arbeitsschuhen, in Fleecejacke, groß und kräftig, mit Brille und rotem Kopf zwischen Rasenmähern und Traktoren. Er ist noch immer aufgebracht. "Das ist wie im Comic. Du kriegst mit dem Knüppel über den Kopp und weißt, du musst stehen bleiben", sagt er, winkt ab, dreht sich um, redet noch ein paar Sätze weiter. Er habe seine Strafe bekommen für sein Fehlverhalten. Er will, dass endlich Schluss ist.
Auch die anderen Helfer wurden verurteilt. Sie erhielten Geld- oder Bewährungsstrafen. Alle wollen, dass endlich Schluss ist. Sie sind in diesen Fall hineingeraten, ohne zu wissen, wer ihn verursacht hat.
Johann P., der "Zigeuner"? Oder Ralf S., der liebe Kerl?
Gutachter bescheinigen Ralf S. einen mittleren Intelligenzquotienten von 101, Labilität, ein niedrig ausgeprägtes Selbstwertgefühl, verbunden mit dem Gefühl der eigenen Unzulänglichkeit. Aber er ist, im Grunde, normal. War er nur schwach?
Der Staatsanwalt forderte in seinem Plädoyer lediglich zwölf Jahre, auch er wertete die Tat als Mord, bemerkte aber, der Angeklagte "hatte Angst und fürchtete um sein Leben". Er übertrug die Rechtsprechung des "Haustyrannenmordes" auf den Fall von Ralf S.; der Haustyrannenmord bezeichnet die Tötung eines misshandelnden Ehegatten nach einem Streit, in den der spätere Mörder unverschuldet gerät. Er befindet sich in einer Notsituation ohne Ausweg.
Für Ralf S. hätte es einen Ausweg gegeben. In den Tagen nach Silvester verständigten Freunde die Polizei, auch sein Vater rief dort an. Die Polizei wollte Ralf S. sprechen, er sagte, es sei alles in Ordnung. Er wollte diesen Ausweg nicht.
Er war wie ein Alkoholiker, dem alle sagen, er solle aufhören zu trinken, und der es nicht tut. Wie eine Ehefrau, deren Mann sie schlägt und die dennoch bleibt, aus Liebe, aus Abhängigkeit.
Ralf S. sitzt seit 25 Monaten in seiner Zelle. Er verlässt sie am Morgen und geht zur Arbeit, er sortiert Pakete. Er duscht danach, kehrt zurück und schließt die Tür am späten Nachmittag.
Freunde schreiben ihm, die Nachbarin schickt Rezepte. Er brät jetzt selbst Frikadellen und verteilt sie an Mithäftlinge und Wärter.
Neben seinem Tisch im Besucherraum sitzen andere Besucher vor anderen Tätern. In den Ecken hängen gewölbte Spiegel, die jeden Flecken im Raum zeigen. Vorn sitzt ein JVA-Aufseher hinter einem Pult. Ralf S. sieht auf die Uhr an der Wand. Zum Reden hat er sein olivfarbenes Sweatshirt bis in die Ellenbogen geschoppt. Er hat 40 Minuten.
"An den zweiten Schuss? Daran erinnere ich mich nur in Teilen. Ich habe mich gewehrt. Dann lag der da oben. Was ist denn das jetzt?, hab ich mich gefragt. Ich konnte mir keinen Reim darauf machen, was passiert ist. Ich habe später manchmal Sachen gesagt, weil ich dachte, ich müsste sie sagen. Ich habe da alles auf meine Kappe genommen."
Dann unterbricht sich Ralf S., er will etwas sagen und will es auch nicht. Er sagt nichts zum zweiten Schuss, so wie sein Vater, dem Johann P. viel genommen hatte, zuletzt die Kontrolle über seinen Sohn.
"Warum ich das mit mir habe machen lassen? Kann ich nicht sagen. Das mit dem Johann, dem Schabo, war erst eine Bekanntschaft. Dann eine Freundschaft. Dann habe ich mich nicht mehr erkannt. Mir geht alles durch den Kopf. Der Schabo hatte gute Seiten. Wenn was war, wenn ich Hilfe brauchte, war er da. Ich hatte auch Angst, manchmal. Wenn ich aber einen normalen Tag hatte, nicht. Ich habe über nichts nachgedacht, wie eine Marionette. Er rief an, und ich funktionierte. Ich war nicht ich selbst. Wenn ich nicht zurückrief, war wieder Palaver ... Die erste Zeit war schön. Später hat er sein wahres Gesicht gezeigt. Ich war aber nicht mehr in der Lage, mich von ihm zu lösen. Irgendwie war ich wie in einem Film ... Ich bin maßlos enttäuscht von mir. Hass ist der falsche Ausdruck ... Er ist durch seine Erziehung so geworden. Deswegen mache ich ihm keinen Vorwurf ... Ich habe nie jemandem etwas gesagt. Am Ende ist mir diese Scheiße einfach passiert. Ich wollte ihn nicht töten. Ich bin ja nicht blöd. Ich hätte das ja sonst nicht tagsüber gemacht und nicht in der Werkstatt. Ich wollte nie, dass Schabo tot ist."
Ralf S. spricht langsam, bedächtig, so, als habe er sich in den Tagen zuvor Gedanken gemacht darum, was er sagen möchte und kann. Er blickt manchmal auf, fragend, suchend, ihm steigen die Tränen in die Augen, immer dann, wenn es um das Warum geht. In der Verhandlung sagte er, er habe Johann geliebt auf eine Art.
"Er war mein Freund", sagt er jetzt, sanft, mit Blick auf die Uhr. Der Aufseher bittet ihn aufzustehen, zu gehen. Ralf S. folgt. Er verschwindet über den Flur in seine Zelle. Einen Tag später wird er verlegt von Köln nach Hagen. Ein Bus fährt ihn noch einmal durch die Landschaft.
Ralf S. rief seinen Freund an Sonntagen oft an, zuletzt am Sonntag vor der Tat. Er wolle mit ihm rausgehen, spazieren, mit den Hunden durch die Wälder ziehen, frei sein, so, wie sie es manchmal machten. Sein Freund war ganz anders als er. Er nahm sich, was er sich nehmen wollte. Er war so, wie Ralf S. es nie war, aber so gern gewesen wäre.
Wenn er ihn umbringen würde, dann würde auch ihn das erlösen: Er wünschte sich Johanns Tod, vielleicht so, wie jemand sich den Tod des Partners irgendwann wünscht in einer unglücklichen Beziehung. Der sich erst vorstellt, wie dem anderen etwas zustößt, sich dann vorstellt, dass ihm jemand die Bremsschläuche zerschneidet, und zuletzt, dass er es selbst tut und hinterher sagt, es war ein Fehler, er sei kein Mörder.
Am Abend nach der Tat lag er im Bett und lachte. Er schlief gut. Er war glücklich.
Am Abend vor der Tat hatten sie sich noch einmal gemeinsam getroffen. Silvia feierte Geburtstag. Sie saßen zu viert beim Italiener "Peter Pan" an der Aachener Straße. Silvia bestellte Pizza, Johann Tortellini alla Panna. Es war alles schön, normal.
Von Hardinghaus, Barbara

DER SPIEGEL 33/2014
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