11.08.2014

Meteorologie„So viel Dampf wie auf einer Karibikinsel“

Der Wettermann Jörg Kachelmann, 56, über den deutschen Tropensommer, seinen Kampf gegen „Vollpfostenmeteorologen“ und das Ärgernis schlechter Vorhersagen auf Smartphones
SPIEGEL: Täuscht der Eindruck, dass wir bislang einen außergewöhnlichen Sommer erlebt haben?
Kachelmann: Für alle, die sich auf dem Gebiet der früheren DDR aufhielten, war er in der Tat unvergesslich. Dort herrschte wochenlang tropische Feuchte. Vor allem war es ausgerechnet dort besonders schwülwarm, wo es sonst heiß und trocken oder kühl und windig ist: von der Waterkant bis zur Uckermark. Das Waschküchenwetter erreichte in diesen Landstrichen nie gekannte Dimensionen.
SPIEGEL: Lässt sich der Tropensommer in Zahlen ausdrücken?
Kachelmann: Ein Maß für die Schwüle liefert der Taupunkt, der uns sagt, wie stark die Luft mit Wasser gesättigt ist ( siehe Grafik -Red.). Je höher er liegt, desto mehr Feuchtigkeit und Energie befinden sich in der Atmosphäre, um dann in Form von Unwettern die Sau rauszulassen. In einem normalen trockenen Sommer liegt der Taupunkt bei 12, 13 Grad. Schon als Kind war ich begeistert, wenn er 15, 16 Grad erreichte; dann konnte ich mich auf kräftige Gewitter freuen. Und jetzt kommt es: In diesem Sommer wurden an der Ostsee Taupunkte von bis zu 23 Grad gemessen - das war heftiger als in Brasilien während der Fußball-WM.
SPIEGEL: Wo kommen solche hohen Taupunkte üblicherweise vor?
Kachelmann: So viel Dampf in der Luft gibt es auf Karibikinseln. Das sind keine Verhältnisse, wie wir sie von mitteleuropäischen Großstädten wie Berlin kennen. Das sind wirklich unglaubliche, verrückte Werte. Erstaunlicherweise hat diese meteorologische Sensation kaum für Schlagzeilen gesorgt. Ich hätte die ganz großen Buchstaben herausgeholt. Aber eine Rekordhitze verkauft sich in der Boulevardpresse eben leichter als ein Taupunkt von 23 Grad.
SPIEGEL: Wahrscheinlich liegt es daran, dass nur wenige Laien diesen Begriff kennen.
Kachelmann: Das gilt aber nur für die meteorologisch noch bildungsfernen Deutschen. In amerikanischen Wetterberichten kommt der Taupunkt ständig vor, und zwar als Maß für die mögliche Gewitterintensität oder Tornadogefahr. Amerikaner wissen: Wenn der Taupunkt über 70 Grad Fahrenheit klettert - was 21 Grad Celsius entspricht -, hat die Luft große Dinge vor. Angesichts solcher Werte ist es auch kein Wunder, dass bei unseren Sommergewittern mancherorts gigantische Regenmengen vom Himmel stürzten - etwa bei den Überschwemmungen Ende Juli in Münster. Alles lief in Deutschland genau so ab, wie es sich für ordentliche Tropen gehört. Aber wenn mir jemand während meines Studiums prophezeit hätte, du wirst an der Ostsee Taupunkte von 23 Grad erleben, hätte ich geantwortet: Es hackt.
SPIEGEL: Wie ist es zu dieser ungewöhnlichen Wetterlage gekommen?
Kachelmann: Eine solche Soße ist nur schwer anzurühren, deshalb haben es die meisten von uns zuvor auch noch nie erlebt. Es fing damit an, dass wochenlang ein schwaches Tief über Deutschland lag. Wie ein gigantischer Schaufelbagger lenkte es sodann warme und feuchte Rotzluft aus dem östlichen Mittelmeer östlich an den Alpen vorbei nach Nordwesten. Normalerweise kriegen wir warme Luft im Sommer aus Frankreich oder Spanien geliefert, und dort ist weniger Wasserdampf in der Atmosphäre.
SPIEGEL: Auf Facebook und Twitter machen Sie sich gern über "Vollpfostenmeteorologen" lustig. Wie kommt jemand zu dieser Ehre?
Kachelmann: Ein Vollpfostenmeteorologe macht Vorhersagen, die man gar nicht machen kann. Niemand auf der Welt vermag im Frühling vorherzusagen, ob der Sommer kalt oder warm wird. Das ist ausgemachter Schwachsinn. Existieren können solche Scharlatane aber nur, weil es Vollpfostenjournalisten gibt, die solchen Unsinn auch noch veröffentlichen. Der führende Vertreter der Vollpfostenmeteorologie ist der schreckliche Herr Dominik Jung, der seinen Stuss regelmäßig in der Bild-Zeitung verbreiten darf. Erst vorige Woche orakelte er eine schlimme Sturmflut herbei. Diese Gaga-Vorhersage hat die Ferienorte an der See wahrscheinlich Tausende Kurzurlauber gekostet. Das Schöne an der Sache ist, dass Jung meistens das Gegenteil von dem vorhersagt, was der Wettergott dann tatsächlich mit uns anstellt - was auch schon wieder eine Kunst ist.
SPIEGEL: Bereits ein halbes Dutzend Landkreise in Bayern und Baden-Württemberg chartern für Tausende Euro Kleinflugzeuge, die Wolken mit Silberjodid impfen sollen, um Hagelschlag zu verhindern. Ist das Vollpfostenpolitik?
Kachelmann: Ja, es ist unfassbar, dass dieser Wahnsinn in Deutschland um sich greift. Politiker, die dafür Steuergelder verplempern, müssten haftbar gemacht werden. Da kann man das Geld auch gleich aus dem Hagelflieger werfen, hilft genauso gut. Weinbauern in Frankreich oder in den USA, die auch gern ihre wertvollen Reben vor Hagel schützen würden, verzichten aus guten Gründen auf diesen sinnlosen Quatsch - weil es nachweisbar nicht funktioniert. Man möchte in den Tisch beißen: Während große Verkehrsflugzeuge Gewitterwolken umfliegen, um nicht abzustürzen, behaupten irgendwelche lustigen Kleinflieger, sie kämen in die Nähe von Hagelzellen. Grotesk.
SPIEGEL: Wie viele Tage im Voraus lassen sich Temperaturen und Niederschläge inzwischen zuverlässig vorhersagen?
Kachelmann: Darauf gibt es keine einfache Antwort. Bei wechselhaften Wetterlagen wissen wir teilweise nicht einmal, wie es übermorgen weitergeht. Hockt über uns hingegen ein stabiles, ausgedehntes Hoch, ändert sich das Wetter die folgenden zwei Wochen kaum. Aber 15 Tage sind definitiv die obere Grenze; alle Vorhersagen, die darüber hinausgehen, sind unseriös.
SPIEGEL: Viele Wetter-Apps liefern erstaunlich schlechte Vorhersagen. Wie ist dieses Ärgernis zu erklären?
Kachelmann: Die vorinstallierten Apps stammen meist von amerikanischen Anbietern. Die dortigen Programmierer haben von deutscher Topografie keine Ahnung. Vor allem aber beruhen die Prognosen auf kostenlos verfügbaren, recht grobmaschigen Wettermodellen. Wer seine Postleitzahl eingibt, erhält deshalb häufig die Wettervorhersage für einen weit entfernten Ort.
SPIEGEL: Theoretisch wären bessere Vorhersagen auf dem Smartphone also ohne Weiteres möglich?
Kachelmann: Na klar, aber daran haben private und staatliche Wetterdienste kein Interesse. Denn ihre qualitativ hochwertigen, präzisen Vorhersagen verkaufen sie lieber an Firmen, etwa an Energiekonzerne oder Versicherungen, die dafür viel Geld bezahlen. Und diese Firmenkunden fänden es natürlich nicht so toll, wenn die Wetterdienste ihre wirklich guten Prognosen kostenlos herauspusten würden.
SPIEGEL: Was macht eigentlich die Wetterfirma von Jörg Kachelmann?
Kachelmann: Das von mir gegründete Unternehmen Meteomedia mit mehr als hundert Mitarbeitern ist kürzlich an ein größeres Unternehmen verkauft worden. Ich selbst fange, dank furchtbarer Mannheimer Juristen, Focus, Bild-Zeitung und Bunte, wieder bei null an; nur 31 Jahre Berufserfahrung als Meteorologe bleiben. Wir sind zu viert und haben viel vor, wir wollen die Computersimulationen mit der guten alten meteorologischen Handarbeit versöhnen. Wir fühlen uns wie auf einem Schnellboot; die Zeit des Tankers mit den Erbsenzählern und Cunctatores ist vorbei. Heute nachdenken, morgen umsetzen, übermorgen über was Neues nachdenken.
SPIEGEL: Und wie geht es mit dem Restsommer weiter?
Kachelmann: Die Frage nach dem Restsommer ist obszön. Aber es sieht so aus, als ob es nach den Gewittern der letzten Tage für mindestens eine Woche kühler als normal wird, vor allem im Norden, wo der Westwind nach und nach die Schwüleerinnerungen wegpusten wird. Das Wetter geht also erst einmal in einen normaleren Modus. Richtung letzte Augustdekade ist aber wieder alles drin.
Interview: Olaf Stampf
Von Olaf Stampf

DER SPIEGEL 33/2014
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