18.08.2014

KommentarZu gut, um wahr zu sein

Medien stilisierten einen prügelnden Ehemann zum edlen Kämpfer für die Gerechtigkeit.
Aus der forensischen Psychiatrie trat im letzten Jahr eine Lichtgestalt, ihr Name: Gustl Mollath. Die Story, die der brave Nürnberger erzählte, klang gut. Zu gut, um sie kaputtzurecherchieren. Ein ehrlicher Bürger landet als unschuldiges Opfer einer Intrige seiner Frau in der Psychiatrie. Dort wird er mundtot gemacht, um zu verhindern, dass er gigantische Schwarzgeldverschiebungen aufdeckt.
Monatelang jagten investigative Spitzenkräfte zum Beispiel von Süddeutscher Zeitung und Report Mainz dieser Verschwörung nach. Sie führte in den Sumpf eines Nürnberger Handballvereins und von dort bis hinauf in höchste Kreise, wo sich Banker, Politiker, Anwälte, ein halbes Dutzend Psychiater und ebenso viele Richter und Staatsanwälte gegen Mollath verschworen hatten, um Steuerhinterziehungen in Milliardenhöhe vertuschen zu können.
Das Irre war: Die Geschichte wurde geglaubt. Ein Buch beschrieb Mollath raunend als "Mann, der zu viel wusste". Eine TV-Dokumentation erklärte all seine Behauptungen für wahr ("Ich war Millionär"). In Talkshows schwadronierte er von angeblicher Psychiatriefolter und schweren Straftaten seiner Exfrau. Sie wurde zur Hexe gemacht, während sich sein Fall in den Kommentarspalten zum größten Justiz- und Psychiatrieskandal aller Zeiten auswuchs, passend zum bayerischen Landtagswahlkampf.
Es gibt ein untrügliches Zeichen medialer Skandalisierung: Abweichende Einschätzungen werden nur noch niedergemacht, Fakten ignoriert. Dieser Punkt war erreicht, als öffentlicher Druck einen Untersuchungsausschuss erzwang, doch dessen Ergebnisse - keine Verschwörung, kein Schwarzgeld - in den Medien keine Resonanz fanden.
Mollath war ein Pleitier und gewalttätig, er lebte vom Geld seiner Frau und schwärzte sie bei ihrem Arbeitgeber an, als sie ihn verließ. Diese Informationen lagen schon früher vor. Aber in Zeiten des Mollath-Hypes versanken sie wie Kiesel in Haferschleim. Erst im justiziellen Faktencheck durch das Regensburger Landgericht wurde aus dem "Mann, der zu viel wusste", wieder der Mann, der seine Frau trat, biss und würgte, womöglich im Wahn.
Es stimmt: Mollath saß viel zu lange in forensischen Einrichtungen. Es stimmt aber auch, dass diese ihre Patienten nicht länger behalten als nötig. Hätte er mit den Psychiatern geredet, er wäre wohl bald wieder draußen gewesen.
Von Beate Lakotta

DER SPIEGEL 34/2014
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