18.08.2014

RestitutionRätselhafte Fratzen

Kolumbianische Dorfbewohner verlangen antike Skulpturen vom Ethnologischen Museum Berlin zurück. Das will einen Präzedenzfall verhindern.
In die massiven Steinblöcke, 13 bis 106 Zentimeter hoch, sind fröhliche Gesichter und Furcht einflößende Grimassen geschlagen. Sie zeigen Frauen, Männer und Tiere, teils mit Kopfschmuck und Werkzeugen. Einst standen sie auf kolumbianischer Erde, entlang des Río Magdalena, im Westen des Landes: 35 Skulpturen, 1200 bis 2000 Jahre alt, geschaffen von den damaligen Einwohnern Kolumbiens. Heute befinden sie sich im Ethnologischen Museum Berlin.
Die Arbeiten sollen in wenigen Jahren von ihrem Standort im Villenviertel Dahlem ins neu errichtete Stadtschloss im Berliner Zentrum umziehen - das Museum ist als Publikumsmagnet im künftigen Humboldt-Forum vorgesehen.
Doch es formiert sich Widerstand gegen den Verbleib der rätselhaften Fratzen an der Spree. Vor Kurzem startete Kolumbiens bekannteste Zeitung El Tiempo eine Initiative auf change.org, einer Plattform für Onlinepetitionen. 2500 Menschen schlossen sich dort bislang der Forderung an, die Skulpturen in ihre Heimat zurückzuholen. Vor allem in San Agustín, dem Herkunftsort der Kunstwerke, ist der Ärger groß: "Warum sollte Deutschland ein Museum haben, das vollgestopft ist mit Gegenständen, die aus Kolumbien gestohlen wurden?", fragt David Dellenback, ein US-Amerikaner, der seit 40 Jahren in dem Dorf nahe den Anden lebt und sich für eine Restitution einsetzt.
Diebesgut oder Forschungsgegenstand, gestohlen oder rechtmäßig erworben - mit dieser Frage musste sich inzwischen auch Hermann Parzinger beschäftigen, er ist Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz und damit Hausherr des Ethnologischen Museums. Jedes Entgegenkommen im Skulpturenstreit wäre für ihn riskant: Sein Museum ist - wie viele andere Sammlungen in Europa - gut gefüllt mit Kunst-
werken aus Südamerika, Afrika und Asien. Lange haben die ehemaligen europäischen Kolonien dies hingenommen, nun fordern Länder wie Mexiko oder Peru ihre alten Schätze zurück. Parzinger will für seine Stiftung keinen Präzedenzfall schaffen.
Ursprünglich standen die Figuren vor Erdgräbern kolumbianischer Ureinwohner. Um das achte Jahrhundert verschwand diese indigene Bevölkerung aus jenem Teil Kolumbiens, rund 700 Jahre bevor die Europäer die Region erreichten. Welche spirituelle Bedeutung den Skulpturen zukommt, ist deshalb nicht genau bekannt. Immerhin ein Drittel der bekannten 600 Figuren ist heute im archäologischen Park von San Agustín, der seit 1995 zum Unesco-Weltkulturerbe gehört, in ihrer ursprünglichen Umgebung zu besichtigen.
Dass sich einige von ihnen in Berlin befinden, geht auf den deutschen Ethnologen Konrad Theodor Preuss zurück. Er war 1913 nach Kolumbien gereist, um die Monolithen zu dokumentieren. Offizielle Genehmigungen seien damals nicht üblich gewesen, erklärt das Ethnologische Museum, allerdings sprach Preuss in Bogotá mit dem kolumbianischen Präsidenten über sein Vorhaben. Dann reiste er für seine Grabungen nach San Agustín. Bis 1922 wurden 35 Skulpturen nach Berlin geliefert, sie gingen in den Besitz des damaligen Museums für Völkerkunde über.
Inzwischen tauchen Figuren aus San Agustín auf einer Roten Liste gefährdeter kolumbianischer Kulturgüter auf, die der Internationale Museumsrat Icom erstellt hat. Kunstgegenstände dieser Art seien in der Regel illegal exportiert und verkauft worden, warnt die Organisation.
"Berliner würden auch nicht wollen, dass ein Teil des Brandenburger Tors abgetrennt und in ein Museum in New York geschickt wird, damit die Leute dort sich davon inspirieren lassen können", sagt Dellenback, der als Hobbyarchäologe in San Agustín die Geschichte der Monolithen erforscht und Parzinger in Berlin zur Rückgabe der Figuren aufgefordert hat. Das Umfeld mache einen Großteil ihrer Magie aus: Die Figuren gehörten dorthin, "wo sie von Bergen umgeben sind, wo Vögel singen, Schmetterlinge fliegen und der Fluss rauscht - all das zusammen ist unser indigenes Erbe".
In seiner Antwort wies Parzinger die Forderung zurück. Die Statuen seien mit Genehmigung der jeweiligen Grundbesitzer ausgegraben worden. Zudem handle es sich "nicht um einzigartige, wesentliche Werke", die den archäologischen Nachweis für die Kultur von San Agustín erbrächten, schreibt er. Während verschiedener Ausstellungen - etwa in Köln 1962 und Bad Godesberg 1986 - seien die Skulpturen gezeigt worden, und zwar unter der Schirmherrschaft der kolumbianischen Botschaft. "Eine Grundlage für eine regelgerechte Rückführung existiert schwerlich, beachtet man die vergangene Zeit und die Tatsache, dass die kolumbianische Regierung offensichtlich über den Verbleib der Skulpturen in Berlin informiert war, ohne konkret deren Rückführung von der deutschen Regierung zu fordern."
Tatsächlich konnten Dellenback und seine Mitstreiter den kolumbianischen Staat bislang nicht für ihr Anliegen gewinnen. Im vorigen Jahr wurde Konrad Preuss, der vermeintliche Skulpturendieb, in Bogotá sogar in der Ausstellung der "Pioniere der Archäologie" gewürdigt. Anlass war das Jubiläum seiner Ankunft vor 100 Jahren in Kolumbien. Skulpturen aus dem Archäologiepark von San Agustín gab es jedoch nicht zu sehen: Als die Statuen verpackt und reisefertig bereitlagen, kochte der Protest der Bevölkerung hoch. Die Einwohner stellten sich in den Weg und verhinderten den Abtransport - aus Angst, auch diese Skulpturen würden nie nach San Agustín zurückkehren.
* Im Ethnologischen Museum Berlin.
Von Karoline Kuhla

DER SPIEGEL 34/2014
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