18.08.2014

AmokMännlich, ledig, lebensgefährlich

Der Mann, der im Mai in Santa Barbara sechs Menschen tötete, gehörte einer obskuren Gemeinde an: Sogenannte Incels leben unfreiwillig als Single, und manche entwickeln einen Hass auf Frauen, der tödlich enden kann. Wer sind diese Männer? Von Takis Würger
Marijan sagt, es gebe Menschen in seiner Gemeinschaft, die den Sommer hassen. Im Sommer müssen sie mehr von den Frauen sehen, ihre Haut, ihre nackten Knie, die enge Kleidung an ihren Brüsten. Marijan sagt, er schaue sich Frauen nicht an, und er versuche, Orte zu meiden, an denen er nackte weibliche Haut sehen muss. Er sagt: "Wenn du hungrig bist, aber nicht essen kannst, gehst du nicht in eine Straße voll mit Kuchen."
Marijan, 26, aus Zagreb wünscht sich eine Freundin, und weil er keine findet, erlebt er sein Leben als Qual. Er ist einsam, aber in seiner Einsamkeit ist er nicht allein. Seine Gemeinschaft trifft sich im Internet. Er gehört zu einer Gruppe Menschen, die sich "Incel" nennen, das ist die Abkürzung für den englischen Ausdruck "involuntary celibacy", auf Deutsch bedeutet das "unfreiwillige Enthaltsamkeit". Marijan besucht Foren, in denen sich eine eigene Kultur der Einsamkeit entwickelt hat. Die Menschen, die sich dort sammeln, sind fast immer Männer, ein paar Hundert insgesamt. Wie viele es genau sind, lässt sich schwer schätzen, es sind Engländer, Deutsche, Niederländer, Australier und vor allem US-Amerikaner.
Einer von ihnen schrieb im vergangenen Jahr in ein Internetforum: "Eines Tages werden die Incels ihre wahre Stärke und Anzahl begreifen und das bedrückende, feministische System stürzen. Stell dir eine Welt vor, in der FRAUEN DICH FÜRCHTEN." Der Autor dieser Zeilen war der Student Elliot Rodger.
Am 23. Mai dieses Jahres nahm Rodger, 22, aus Santa Barbara, Kalifornien, ein Video von sich selbst auf. Er stellte die Kamera auf das Armaturenbrett seines BMW und blieb hinter dem Lenkrad sitzen.
Er sagte: "Dies ist mein letztes Video. Morgen ist der Tag der Vergeltung. Der Tag, an dem ich meine Vergeltung an der Menschheit erleben werde. An euch allen. In den vergangenen acht Jahren meines Lebens, seit ich in die Pubertät gekommen bin, war ich gezwungen, eine Existenz in Einsamkeit zu erdulden, eine Existenz voller Zurückweisung und unerfüllter Begehren. Alles nur deshalb, weil Frauen sich nie zu mir hingezogen fühlten. In den vergangenen Jahren bin ich in Einsamkeit verrottet."
Ab und zu lachte Rodger in die Kamera, ein hübscher junger Mann mit schwarzen Haaren und weißen Zähnen. Durch die Fenster seines Autos konnte man Palmen sehen.
Kurze Zeit später tötete er drei Mitstudenten in seiner Wohnung. Forensiker untersuchen, womit er tötete. Die Wunden der Leichen sind nicht eindeutig. Die Polizei sicherte Spuren auf zwei Macheten, einem Messer und einem Hammer.
Als die Männer tot waren, lud Rodger seine Sig Sauer P226 und seine Glock 34, zwei halbautomatische Pistolen, und fuhr in die Nachbargemeinde Isla Vista. Er klopfte an das Haus einer Studentenverbindung für Frauen. Niemand öffnete ihm. Ein paar Schritte weiter erschoss er zwei Studentinnen. Er ging in einen Imbiss und erschoss einen Kunden. Dann stieg er in sein Auto, fuhr durch die Stadt und schoss auf Passanten, dabei verletzte er 13 Menschen. Er rammte mit seinem BMW einen Fahrradfahrer, knallte gegen einen parkenden Kombi und tötete sich selbst mit einem Schuss in den Kopf.
Rodger hinterließ ein paar selbst gedrehte Videos und ein 137 Seiten langes Manifest. Darin stehen Sätze wie: "Frauen sind wie eine Pest. Sie sind wie Tiere, komplett kontrolliert durch ihre ursprünglichen, verdorbenen Gefühle und Triebe."
Viele Männer, die Amok laufen, haben, wie Rodger, ein krankes Verhältnis zu Frauen. Eric Harris, einer der Jungen, die 1999 an der Columbine High School in den USA 13 Menschen und sich selbst getötet hatten, schrieb in seinem Tagebuch: "Vielleicht muss ich nur Sex haben. Vielleicht würde das die Scheiße ändern." Und sein Komplize Dylan Klebold schrieb: "Ich weiß nicht, was ich mit Menschen (vor allem Frauen) falsch mache - es ist, als würden sie mich hassen und mir Angst machen."
Beim Amoklauf von Winnenden im Jahr 2009 tötete Tim Kretschmer in seiner ehemaligen Schule acht Schülerinnen, drei Lehrerinnen und einen männlichen Schüler. Im selben Jahr erschoss der US-Amerikaner George Sodini in einem Fitnessstudio drei Frauen und verwundete neun weitere, bevor er sich selbst das Leben nahm. Vorher hatte er in seinem Blog geschrieben: "Frauen mögen mich einfach nicht. Es gibt 30 Millionen begehrenswerte Frauen in den Vereinigten Staaten (schätze ich) - und ich finde keine!"
Diese Amokläufer hinterlassen Fragen: Wieso mussten Menschen sterben? Besteht ein Zusammenhang zwischen den Morden und der Einsamkeit der Täter? Was hat diese Gemeinschaft der Incel aus dem Internet mit den Morden zu tun?
Rodger kann keine Antworten mehr geben, und könnte er, würden sie kaum eindeutig ausfallen. Aber es gibt Menschen, die ein paar seiner Gedanken verstehen. Weil sie seine Wut auf Frauen teilen und seine Einsamkeit. Einer von ihnen ist Marijan.
Marijan heißt in Wirklichkeit anders. Man kann ihn über seinen Blog, thatincel blogger.wordpress.com erreichen. Nach ein paar E-Mails stimmte er einem Treffen zu, in Zagreb, Kroatien, seiner Heimatstadt. Vor einer Pizzeria nahe der Kathedrale wartet ein gut aussehender junger Mann, groß, mit tiefschwarzen Haaren und einem Dreitagebart, er trägt ein weißes, weites T-Shirt und eine Dreiviertelhose. Zur Begrüßung schaut er einem nicht in die Augen.
Als er an einem Tisch sitzt, hinten, in einer stillen Ecke des Restaurants, sagt er: "Ich werde schlecht aussehen in dem Artikel, aber was habe ich zu verlieren?"
Er sagt, er sei wütend gewesen nach Rodgers Amoklauf. Die ganze Welt habe mal wieder nur über schärfere Waffengesetze geredet. Aber niemand habe darüber nachgedacht, ob es noch andere Gründe gegeben haben könnte. Niemand habe an Incel gedacht.
Marijan redet viel und lang. Er lässt wenige Fragen zu. Es ist weniger ein Gespräch, eher eine Aneinanderreihung von Vorträgen, die er mit großer Präzision hält. Satz um Satz, Vortrag um Vortrag führt er den Zuhörer tiefer hinein in seine Welt, tiefer hinein in die Finsternis, in der es kein Glück zu geben scheint, nur unermesslichen Hass.
Auszüge aus Vortrag eins, Thema: Frauen.
Frauen sind einfach designte Roboter mit dem Wunsch, sich fortzupflanzen. Junge Frauen in den vergangenen Generationen hatten immer Hilfe von ihrer Großmutter. Sie hat bei der Suche nach einem Mann geholfen. Sie hat gesagt: Das ist ein guter Typ, er wird für dich sorgen. Diese Großmutter wurde durch das Magazin Cosmopolitan ersetzt. Heute wollen Frauen nach oben heiraten. Sie wollen ihren Stand verbessern. Ich würde nicht sagen, dass wir Incels Frauen hassen. Aber wenn du 50-mal zurückgewiesen wurdest, dann entwickelst du negative Gefühle, das ist normal.
Auszüge aus Vortrag zwei, Thema: Verführer.
Frauen können mittlerweile für sich selbst sorgen, deswegen haben ihre Präferenzen von Ernährern zu Verführern gewechselt. Eine Minderheit von Männern hat Sex mit einer Mehrheit von Frauen. Die erfolgreichen Männer sind die Bad Boys. Wenn du heute eine Frau haben willst, musst du ein Bad Boy sein und deine Moral verlieren.
Auszüge aus Vortrag drei, Thema: eine bessere Welt.
Ich wünsche mir eine Gesellschaft, in der eine Gruppe von Männern kooperiert und sich total vertraut. Jeder Mann bekommt eine Frau. Die Frauen werden gerecht verteilt. Es gibt Monogamie und Jungfrauenehe. Wenn ein Mann sexuelle Vielfalt will, geht er zu einer Prostituierten. Feministinnen würden in dieser Gesellschaft zu Prostituierten werden. Wenn ein Mann versucht, eine andere Frau zu verführen, wird er sofort getötet.
Marijan und andere Incels treffen sich in verschiedenen Foren im Internet. Das Forum, das Elliot Rodger nutzte, ist mittlerweile geschlossen. Ein anderes, relativ moderates Forum heißt love-shy.com. Die Mitglieder sprechen dort über Themen wie Anmachsprüche, plastische Chirurgie und sonstige Wege aus ihrer Verzweiflung.
Die Nutzer des Forums haben einen Diskussionsraum über Elliot Rodger angelegt. Auf der ersten Seite schreibt ein Moderator, dass er die Tat verurteile und dass Rodger nicht die Gedanken von love-shy.com widerspiegele. Der Moderator kündigt an, dass alle Beiträge gelöscht werden, in denen Forumsmitglieder die Tat glorifizieren.
Auf einer der späteren Seiten schreibt ein User: "Ich denke über Elliot Rodger ... warum hat er nicht einfach eine Schlampe mit vorgehaltener Waffe vergewaltigt?"
Ein anderer User schreibt: "Mir wurde immer beigebracht, Frauen zu respektieren und nicht sexuell aggressiv zu sein. Das war ein Eimer voller Scheiße. Alles, was sie wirklich wollen, ist ein Muskelmann, der ihnen in den Arsch fickt, statt Liebe zu machen mit einer echten Person mit echten Gefühlen."
Auf einer der letzten Seiten schreibt ein User über Rodger: "Er ist ein Märtyrer, im echten Wortsinn, das muss man ihm lassen."
In dem Forum nennt sich Marijan "Dante Alighieri", wie der mittelalterliche Dichter. Dantes "Göttliche Komödie" beginnt mit den Worten: "Auf halbem Weg des Menschenlebens fand / Ich mich in einen finstern Wald verschlagen, / Weil ich vom rechten Weg mich abgewandt."
Am Morgen nach dem ersten Treffen trägt Marijan die gleiche Kleidung wie am Tag davor. Er sagt, er habe schlecht geschlafen, weil das Gespräch ihn aufgewühlt habe. In einem Café bestellt er einen Schokoladenkuchen und erzählt seine Geschichte.
Marijan ist in einer bürgerlichen Familie aufgewachsen, er hat einen Bruder, die Eltern waren Angestellte. In der Schule hatte er viele Jahre kaum Kontakt zu Mädchen. Als er anfing, sich für Mädchen zu interessieren, waren sie ihm fremd geworden. Er hatte Angst vor ihnen. "Mein Gehirn hat sich nicht normal entwickelt", sagt Marijan.
Er sei "love-shy", liebesschüchtern. Der amerikanische Psychologieprofessor Brian Gilmartin erfand diesen Ausdruck im Jahr 1987. Die Männer, die darunter leiden, klagen über ihre vollständige Unfähigkeit, eine romantische Beziehung einzugehen. Manche Männer berichten von Panikattacken, wenn sie mit Frauen allein sind, manche bekommen Schweißausbrüche, andere können sich kaum mehr bewegen, wenn sie an ein Date denken, zu dem sie gern gehen würden.
Marijan entwickelte eine krankhafte Angst vor Frauen, die sich mischte mit einem stetig wachsenden Verlangen nach einer Beziehung mit einer Frau.
Er sagt: "Meine Standards sind sehr niedrig, solange die Frau nicht dick oder unhygienisch ist. Und ich habe Probleme mit schlechten Zähnen."
Mit 19 lernte er über einen SMS-Chat ein Mädchen kennen. Sie war 16 und sagte Marijan, dass sie mit ihm schlafen wolle. Sie zeigte ihm, wie sie gern geküsst werden wollte. Das Mädchen wurde Marijans Freundin. Er war für einen Moment zufrieden.
Dann fuhr sie über den Sommer ans Meer auf eine Insel. Vor dem Abschied wurde Marijan wütend, weil er sie nicht gehen lassen wollte, und sagte ihr, dass sie vielleicht nur Freunde bleiben sollten. Das Mädchen fuhr trotzdem. Marijan schickte ihr viele SMS und Gedichte, die er selbst geschrieben hatte. Als sie zurückkam, sagte sie ihm, dass sie ihn nicht mehr mochte.
Marijan konnte drei Tage lang nicht weinen. Dann weinte er nur noch, ging monatelang nicht zur Universität und stopfte sich mit Schokolade voll. Es wurde nicht besser, sagt Marijan. Nach einem Jahr fand er ein Incel-Forum im Internet und schrieb dort, dass er sich und das Mädchen erschießen werde. Der Betreiber des Forums schaltete Interpol ein. Marijan bekam eine Vorladung der kroatischen Polizei.
Er gab zu Protokoll, dass er niemanden töten wolle. Die Polizisten nahmen ihn trotzdem fest und steckten ihn wegen des Verdachts auf Morddrohung in Untersuchungshaft. Nach einem Monat sprach ein Richter Marijan frei, weil er niemandem direkt gedroht hatte. Der Richter sagte, so erzählt es Marijan: "Vielleicht triffst du ja eine andere Frau draußen vor dem Gericht."
Es folgten zwei Jahre ohne einen Kuss. Als Marijan 24 Jahre alt war, schrieb er in ein Internetforum, dass er eine männliche Jungfrau sei und nach einer Frau suche, die ihn erlösen würde. Eine Kroatin meldete sich bei ihm, besuchte ihn in Zagreb, schlief mit ihm und sagte dann, dass er erbärmlich sei, so erzählt er es.
Er schlief danach noch mit drei weiteren Frauen. "Eine davon war verrückt und eine totale Schlampe", sagt Marijan. Als ihn eine andere verließ, blieb er monatelang im Bett liegen, sagt er. Er dachte über Selbstmord nach und verbrachte fünf Tage in einer Psychiatrie.
Später machte er einen Abschluss in Mittelalterlicher Geschichte an der Zagreber Universität. Aber arbeiten wollte er nie, weil er, wie er sagt, keine Steuern für Schlampen zahlen will.
Heute sagt er, dass er nicht mehr zu Dates gehe, weil er die Enttäuschung nie wieder spüren wolle. Seit einem Jahr ist er allein.
Die meisten Amokläufer senden vor der Tat Signale aus, die im Rückblick als Warnungen gedeutet werden müssten. Anspielungen, Drohungen, Videos im Internet. Manche Amokläufer kleben in den Schultoiletten Zettel an die Wand, auf denen steht: "Morgen seid ihr tot." Manche Männer gehen vor ihrer Tat in schwarzer Kleidung und Ledermantel aus dem Haus. Elliot Rodger schrieb seine Fantasien in Blogs.
Marijan sagt: "Es gibt eine Menge gebrochener Menschen, die darauf warten zu sterben." Und er sagt: "I don't know when I will snap." Das englische Wort "snap" hat mehrere Bedeutungen. Es kann zerbrechen, zuschnappen oder durchknallen bedeuten. Marijan sagt: "Ich glaube, dass Incel dazu führen kann, Menschen zu erschießen oder mit einer Bombe zu töten." Er lächelt, es scheint so, als würde er den Moment genießen.
Psychologen und Psychiater, die sich mit Amokläufen befassen, versuchen zu erklären, warum Männer Frauen töten, aber Frauen fast nie Männer. Testosteron sei ein Grund, sagen die Forscher, und ein Rollenverständnis sei schuld, aus dem folge, dass Männer auf Konflikte eher mit Angriff reagieren und Frauen eher mit Rückzug. Am Ende fehlt eine befriedigende Erklärung.
Das FBI, die amerikanische Bundespolizei, schreibt in einem Bericht über Amokläufe an Schulen, dass die Täter häufig "Ungerechtigkeitensammler" seien. Sie gehen durchs Leben und klauben alles auf, was ihnen nicht passt. Jeder dumme Spruch von einem Mitschüler bleibt hängen, jeder Rempler, jede Abfuhr eines Mädchens findet seinen Platz in der Sammlung, bis man irgendwann denkt, die ganze Gesellschaft sei gegen einen.
Viele Amokläufer spielen auch gern Spiele am Computer, in denen es darum geht, Menschen den Kopf vom Hals zu schießen. Und viele leiden unter einer narzisstischen Störung.
Aber daraus lässt sich keine Formel ableiten, die lauten könnte: Einsamkeit + Computerspiel + Narzissmus = Amoklauf. Es gibt viele einsame, selbstverliebte Computerspieler, die nie einen Menschen erschießen werden.
In das Leben eines Amokläufers findet etwas seinen Weg, das Psychiater und Psychologen nicht erklären können. Das Böse ist manchmal größer als eine einfache Erklärung.
Der Attentäter, der 1981 versuchte, den US-Präsidenten Ronald Reagan zu erschießen, sagte bei einer Vernehmung: "Du weißt ein paar Dinge über mich, Schatz, zum Beispiel, dass ich von Fantasie besessen bin, aber warum verstehst du nicht, dass Fantasie in meiner Welt Wirklichkeit wird?"
Ein anderer Amokläufer aus den USA hörte Stimmen, die ihm sagten: "Du musst alle töten. Du musst alle auf der Welt töten."
Auf Wikipedia steht: "Als Auslöser eines Amoklaufs gelten eine fortgeschrittene psychosoziale Entwurzelung des Täters, der Verlust beruflicher Integration durch Arbeitslosigkeit, Rückstufung oder Versetzung, zunehmend erfahrene Kränkungen sowie Partnerschaftskonflikte."
Nach allem, was Marijan über sich erzählt, hat er kaum Freunde, keine Arbeit, keinen Partner, und er erlebt sein Leben als eine Kränkung, die mit jedem Tag größer wird. Wer lange genug sucht, findet die Schablone, die auf ihn passt.
Das letzte Treffen mit Marijan findet abends in einem Restaurant statt, wieder an einem Tisch abseits der anderen Gäste. Es ist ein warmer Abend, aber Marijan setzt sich innen ins Lokal, dorthin, wo sonst niemand sitzt.
Er sagt, er wünsche sich, dass Frauen das Wahlrecht weggenommen werde. Dann erzählt er, dass er einmal versucht habe, sich mit Schlaftabletten das Leben zu nehmen, aber eineinhalb Tage später wieder aufgewacht sei.
In seinen Augen leuchtet jedes Mal das Vergnügen, wenn er auf das Thema Amoklauf zu sprechen kommt. Dann entlässt er das Böse aus seinen Gedanken in die Welt.
Er sagt: "Ich will Unzufriedenheit stiften. Ich will Menschen böse machen. Ich denke nicht, dass ich Menschen töten werde." Nach einem Moment der Stille sagt er: "Ich will ein wenig Panik verbreiten."
Er hält wieder ähnliche Vorträge wie am ersten Tag, immer geht es um Frauen, und immer geht es um ihn selbst. Er sagt: "Ich habe angefangen, Frauen als die Scheiße zu sehen, die sie sind." Ein wenig später sagt er: "Ich mag keine Menschen."
Diese Geschichte sollte die Gemeinschaft der Incels erklären, und die Recherche führte zu unterschiedlichen Männern, die sich Incel nennen. Einer träumt davon, eine Farm zu finden, wo Incels zusammenleben. Die Farmbewohner könnten willige Frauen aus Mexiko importieren und unter sich aufteilen. Einer saß mit strahlenden Augen in einer deutschen Kleinstadt und erzählte davon, wie er seine Furcht vor Frauen überwand, indem er einfach mehr Zeit mit Frauen verbrachte. Er sah glücklich aus und sagte, wahrscheinlich sei es eine gute Idee, wenn die Incel-Foren von Psychiatern betreut würden, damit die Nutzer professionelle Hilfe finden. Einer hofft darauf, endlich, mit Mitte zwanzig, eine Frau zu küssen. Ein paar dieser Männer wirkten verloren. Niemand wirkte gefährlich. Und am Ende wurde klar, dass es die Gemeinschaft der Incels nicht gibt. Es gibt nur einzelne einsame Männer.
Viele Männer aus der Gemeinschaft der Incels finden schlicht keinen Partner und suchen Hilfe im Internet. Für sie sind die Foren vielleicht die Rettung. Für andere Männer bieten die Foren die Gelegenheit, ihren Hass in einer Gruppe zu kultivieren. Vor 20 Jahren wären solche Menschen mit ihren bösen Gedanken allein in ihrer Höhle geblieben.
Wahrscheinlich ist ein Mensch schwer zu lieben, wenn er voller Hass steckt. Wenn er den Gedanken in sich trägt, möglichst viele Menschen um sich herum und schließlich sich selbst töten zu wollen. Der potenzielle Amokläufer wird zum Incel. Und nicht der Incel zum Amokläufer.
Elliot Rodger war Mitte zwanzig, als er starb, er hatte mehrere Therapeuten besucht, er war in der Schule gemobbt worden, er hatte seinen eigenen Blog im Internet. Marijan ist Mitte zwanzig, er hat mehrere Therapeuten besucht, er wurde in der Schule gemobbt, er schreibt seinen eigenen Blog im Internet. Der eine wurde zum Massenmörder. Der andere trifft sich mit einem Journalisten und isst Schokoladenkuchen.
Rodger hinterließ uns mit der Frage: Wieso mussten sechs Menschen sterben? Es gibt keine logische Erklärung.
Sein 137 Seiten langes Manifest, das er schrieb, bevor er zum Mörder wurde, endet damit, wie er davon schwärmt, Menschen zu töten. Es soll die Strafe dafür sein, dass er keine Frau findet, die ihn liebt. Rodger hat das Werk "Meine verdrehte Welt" genannt. Er schreibt darin, dass er zurückschlagen werde und jeden bestrafen wolle. Der letzte Satz des Manuskripts lautet: "Endlich kann ich der Welt meinen wahren Wert zeigen." Und im Satz zuvor schreibt Elliot Rodger, 22, ein junger Mann aus Kalifornien, der sein Leben noch vor sich hatte: "Und es wird schön sein."
Marijan schrieb vor Kurzem einen neuen Eintrag in sein Blog. Er analysiert darin, warum er einsam ist: "Ich verstehe endlich die Tiefe des Wahnsinns und des Sexismus in unserer Gesellschaft. All der Verrat, das ganze herzlose und grauenhafte Verhalten von Frauen wurden als mein Fehler gesehen. Das ist Hass."
Von Takis Würger

DER SPIEGEL 34/2014
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