18.08.2014

TerrorismusDas Kalifat des Schreckens

Die erschütternden Bilder der fliehenden Jesiden im Nordirak haben die Welt aufgerüttelt: Der Kampf gegen die Dschihadistenmiliz „Islamischer Staat“ eint Amerikaner, Europäer, Kurden und Iraner. Zu spät?
In Rakka, einer Stadt in Syrien, ist das "Kalifat" des "Islamischen Staates", kurz IS, schon Wirklichkeit. Alle Frauen müssen den Gesichtsschleier Nikab tragen, Hosen sind verboten. Dieben werden Hände abgehackt, Gegner werden öffentlich gekreuzigt oder geköpft - und die Bilder dieser Schreckenstaten werden über soziale Netzwerke verbreitet.
Die wenigen noch geöffneten Friseurläden mussten die Frauenbilder auf den Packungen für Haarfärbemittel schwärzen. Hochzeiten dürfen nur noch ohne Musik stattfinden. Auf den Viehmärkten müssen die Hinterteile der Ziegen und Schafe mit Lappen verhüllt sein, denn beim Anblick der unbedeckten Genitalien könnten Männer auf sündige Gedanken kommen.
Und wer zu den fünf Gebetszeiten des Tages auf der Straße angetroffen wird, der riskiert sein Leben.
Die Dschihadisten des "Islamischen Staates" leben im Namen Gottes ihre Allmachtsfantasien aus. Sie morden, foltern und bedrängen Familien, den aus dem Ausland zugereisten Kämpfern ihre Töchter zur Frau zu geben. Ein Mädchen, dessen Familie eingewilligt hatte, sie zu verheiraten, nahm sich daraufhin das Leben.
In Syrien haben die IS-Milizen und ihre Vorläufer in den letzten Jahren unzählige Menschen getötet, über 160 000 Menschen sind im syrischen Bürgerkrieg insgesamt gestorben. Doch erst jetzt wacht die Welt auf - nachdem der Konflikt auf den Irak übergegriffen hat und sich der "Islamische Staat" auch dort scheinbar ungehindert ausbreitet.
Die Welt brauchte erst Bilder. Sie brauchte sie, um zu verstehen, welches Grauen sich abspielt im Irak und in Syrien, und wie unmenschlich die Terrormiliz "Islamischer Staat" vorgeht. Sie wurde Zeuge, wie Zehntausende Jesiden, diese Angehörigen einer bisher wenig bekannten Glaubensgemeinschaft, vor den Dschihadisten in ein Gebirge fliehen mussten und verdurstend um Hilfe flehten. Denn für die Fanatiker von IS sind Jesiden Teufelsanbeter, die den Tod verdienen.
Erst diese Szenen eines drohenden Genozids zwangen die internationale Gemeinschaft zum Handeln. Sie vereinten sie im Kampf gegen IS, die mit Abstand brutalste, erfolgreichste und unheimlichste Dschihadistentruppe.
Mit erschreckender Leichtigkeit hatten die IS-Kämpfer in den vergangenen Wochen die Peschmerga-Einheiten der kurdischen Autonomieregierung im Irak in die Flucht geschlagen, teilweise kampflos. Die Kurden, die mit ihren 200 000 Mann als beste Kämpfer des Irak galten, waren entzaubert. Die Bedrohung hat auch die lange verfeindeten kurdischen Fraktionen der Peschmerga und die kommunistische PKK zusammengebracht.
Selbst Amerika und Iran haben im "Islamischen Staat" nun einen gemeinsamen Feind. Und binnen kürzester Zeit sind im Westen Entscheidungen gefallen, die sich vor wenigen Wochen kaum jemand hätte vorstellen können: Die Europäer wollen Waffen an die einzigen vertrauenswürdigen Alliierten in der Region liefern, die Kurden. Und die USA, die vor zweieinhalb Jahren glaubten, den Irak mit dem Truppenabzug endlich hinter sich zu lassen, sahen sich gezwungen, mit Spezialeinheiten und Kampfjets einzuschreiten.
Nichts verdeutlichte das Scheitern der amerikanischen Politik im Irak wie die Tatsache, dass US-Kampfflugzeuge im Nordirak in den vergangenen Wochen ihre eigenen Waffensysteme bombardieren mussten: Sie schalteten gepanzerte Fahrzeuge und mobile Artillerie aus, die sie einst selbst an die irakische Armee geliefert hatten und die im Juni in die Hände des "Islamischen Staats" gefallen waren.
Der IS geht bei seinem Eroberungszug nicht nur brutal, sondern mit geschicktem Kalkül vor. Er kontrolliert nun den Stausee von Mossul, die großen Flüsse und damit weite Teile der Trinkwasserversorgung des Irak, außerdem große Weizenvorräte und wichtige Anbaugebiete.
Und so ist das sogenannte Kalifat des "Islamischen Staats" scheinbar plötzlich auf der Landkarte erschienen - ein albtraumhaftes Reich, das vom Nordosten Syriens bis tief in den Irak hineinreicht, angeführt von einem selbst ernannten Kalifen namens Abu Bakr al-Baghdadi.
Wie konnte es so weit kommen? Schleichend ist in den vergangenen Jahren die größte terroristische Bedrohung seit al-Qaida entstanden. Das war wohl nicht unvermeidlich. Dass weite Teile Iraks und Syriens zu Dschihadistenterritorium wurden, hat vor allem zwei Ursachen.
Da ist zum einen der Bürgerkrieg in Syrien: Er verhalf den Kämpfern aus dem Irak und dem Rest der Welt zu Kriegserfahrung, Spenden und zu einer Sache, die das Kämpfen lohnte. Die zögerliche internationale Reaktion auf den syrischen Konflikt trug dazu bei.
Doch die Anfänge von IS liegen im irakischen Bürgerkrieg nach der US-Invasion von 2003. Die Organisation hätte sich in den vergangenen Monaten niemals so schnell ausbreiten können, wenn nicht viele irakische Sunniten sich den Kämpfern angeschlossen hätten - nachdem sie jahrelang gegängelt wurden von der Regierung des schiitischen Premiers Nuri al-Maliki und vielfach immer noch gefangen sind im nostalgischen Groll, dass sie ihre frühere Vormachtstellung aus Saddam Husseins Zeiten verloren haben.
Maliki ist vergangene Woche nach erbittertem Widerstand von seinem Amt zurückgetreten. Sein designierter Nachfolger Haidar al-Abadi ist ebenfalls Schiit. Anführer der sunnitischen Stämme erklärten sich vergangene Woche bereit, mit ihm zu verhandeln - um IS im Irak zurückzudrängen, ist eine Verständigung zwischen Schiiten und Sunniten entscheidend. Aber das allein sei nicht genug.
"Der IS ist mittlerweile so stark geworden, dass jede Gegenstrategie Jahre brauchen wird", sagt Charles Lister vom Thinktank Brookings in Doha, der sich intensiv mit der Gruppe beschäftigt. Militärische Maßnahmen reichten nicht aus.
Was zwischen Bab in Syrien und Falludschah im Irak entstanden ist, erinnert tatsächlich bereits an eine Art Staat, einen Staat des Bösen.
Er verfügt über schätzungsweise 6000 bis 8000 Kämpfer in Syrien und mit den verbündeten Milizen über etwa 15 000 im Irak, genau weiß das niemand. Darunter sind 2000 bis 3000 Kämpfer aus Europa.
Bei der Eroberung von Mossul hat IS fast eine halbe Milliarde Dollar in bar erbeutet. Die Dschihadisten sind schon lange nicht mehr auf Spenden aus den Staaten am Golf und Saudi-Arabien angewiesen. Mittlerweile finanzieren sie sich selbst: Sie verkaufen das Öl und das Gas aus eroberten Feldern, kontrollieren Wasser und Strom und erheben sogar Steuern.
Den Bewohnern der von ihnen kontrollierten Gebiete bieten sie Sozialleistungen - wie ein echter Staat, sagt Charles Lister. Wo immer der IS ein Gebiet erobert, bezahlt er die Fachkräfte einfach weiter - etwa die Angestellten des Mossul-Staudamms, aber sogar Restaurantpersonal.
Doch wie sieht es aus im Innern des "Islamischen Staats"? Drei Wochen lang durfte sich der Journalist Medyan Dairieh in Rakka aufhalten, der neuen Hauptstadt des "Kalifats". Die Kämpfer bestimmten, was er zu sehen bekam und was er filmen durfte. Das Ergebnis ist ein 45-minütiger Film, der manchmal wirkt wie Propaganda, der aber gleichzeitig auch einen bislang einzigartigen Einblick ermöglicht. Es ist eine Welt aus Fanatisierten, in der Halbwüchsige in die Kamera brüllen, um Ungläubigen den Krieg zu erklären.
Der "Islamische Staat" hat einen Pressesprecher in Rakka, Abu Musa, einen jungen Bärtigen mit einer Ray-Ban-Sonnenbrille. Abu Musa benutzt die Gelegenheit, um seine Botschaft an Amerika zu verkünden: "Seid keine Feiglinge, die uns mit Drohnen angreifen, schickt lieber eure Soldaten, die wir schon im Irak gedemütigt haben."
Zu sehen ist auch eine Patrouille der Hisbah, der Sittenpolizei des "Islamischen Staats". "Versuch doch mal, eine einzige Person zu finden, die Alkohol verkauft", prahlt der Chef der Patrouille. Im Vorbeifahren ermahnt er den Mann einer vollkommen verhüllten Frau, sie solle ihr Gewand beim Gehen nicht hochheben.
Die Geschichte der Organisation, die später zu IS wurde, beginnt vor der amerikanischen Invasion des Irak. In den Jahren danach beginnt ein Jordanier, der sich Abu Musab al-Sarkawi nennt, eine Serie spektakulärer Bombenanschläge auf Schiiten - er will einen Religionskrieg entfachen.
Sarkawi schließt sich offiziell al-Qaida an. Noch zu Lebzeiten kritisiert Osama Bin Laden in einem später bekannt gewordenen Dokument die Brutalität des irakischen Ablegers. Damals schon verstören Sarkawis Leute ihre sunnitischen Verbündeten mit absurden Vorschriften - etwa dem Verbot von Speiseeis, das es zu Zeiten des Propheten nicht gegeben habe, oder von Gurken auf den Märkten, die sexuelle Gedanken provozieren könnten.
Bevor Sarkawi 2006 bei einem US-Luftangriff starb, fachte er den Bürgerkrieg an, der bis heute den Irak auseinanderzureißen droht. Nach seinem Tod benennt sich die Organisation um in "Islamischer Staat im Irak" und verliert an Schlagkraft, weil die Amerikaner Koalitionen mit den sunnitischen Stämmen eingehen.
Erst Abu Bakr al-Baghdadi, seit 2010 Anführer der Organisation, macht sie zu dem, was der IS heute ist. "Er hat eine professionellere, militärische Haltung eingeführt", sagt IS-Experte Lister. "Baghdadi hat im Wesentlichen Sarkawis Strategie übernommen, sie aber doppelt so effektiv gemacht." Baghdadi habe auch eine höhere Autorität, denn er verfüge über eine religiöse Ausbildung - anders als etwa Bin Laden.
Doch die militärische Führung hat er wohl nicht selbst inne, sondern ein Führungszirkel, der vor allem aus Exoffizieren und Kadern von Saddam Husseins Baath-Partei besteht. Die schotten sich hermetisch ab: Die normalen Kämpfer kennen nur ihren örtlichen "Emir", der wiederum hat nur mit dem Provinz-Emir zu tun.
Heute gilt IS als die kampfstärkste Miliz der Region. Doch bis dahin war es ein langer Weg - von den Anfängen im Irak führte er über den Bürgerkrieg in Syrien.
Nachdem der Aufstand gegen Assad im März 2011 begonnen hatte, entließ das Regime viele Dschihadisten, die davor im Irak gekämpft hatten, aus seinen Hochsicherheitsgefängnissen. Das untermauerte Assads Behauptung, man kämpfe gegen radikale Islamisten.
Doch damals wurde der Widerstand vor allem von der Freien Syrischen Armee (FSA) bestritten, einer Ansammlung desertierter Soldaten und Zivilisten. Die FSA war nicht islamistisch, sie war aber auch nie viel mehr als ein Name: Es gab kaum übergreifende Kommandostrukturen. Sie verfügte nie über genügend Geld oder Waffen, um Assad besiegen zu können. Der Westen sorgte sich, dass bei einer Unterstützung der FSA schwere Waffen in falsche Hände fallen könnten.
Nicht nur in den USA gibt es nun eine Debatte, ob der Westen IS hätte stoppen können, wenn er rechtzeitig die moderate Opposition gestärkt hätte.
Exaußenministerin Hillary Clinton, die wahrscheinliche demokratische Präsidentschaftsbewerberin, kritisierte Obama offen: Seine Weigerung, die Opposition in Syrien frühzeitig zu unterstützen, habe ein "großes Vakuum" geschaffen, das den Aufstieg von IS begünstigt habe.
Wer recht hat? Das ist schwer zu sagen. Brookings-Experte Charles Lister glaubt, im Irak hätte sich der IS dennoch ausbreiten können - doch eine Unterstützung der moderaten Rebellen in Syrien wäre zu Beginn sinnvoll gewesen, um den IS dort in Schach zu halten.
Irgendwann im Sommer 2011 überquerten acht Männer die Grenze vom Irak zu Syrien. Einer von ihnen hieß Abu Mohammad al-Dschulani. Der Chef der Organisation, Baghdadi, hatte ihn mit der Mission losgeschickt, auch in Syrien einen Ableger von al-Qaida zu gründen: die Nusra-Front. So begann der dschihadistische Teil des syrischen Bürgerkriegs.
Dschulani wollte sich absetzen von den krassen Methoden der irakischen Qaida und verzichtete auf brutale Bestrafungen. Nusra etablierte sich schnell als effektivste Truppe in Syrien, machte sich aber auch bei der Bevölkerung beliebt - die Kämpfer lieferten Hefe an Bäckereien und verteilten Lebensmittel.
Doch im April 2013 wollte Baghdadi die Kontrolle über seine syrische Kreation zurückgewinnen. Er erklärte sich zum Anführer der irakischen und der syrischen Qaida, die fortan den gemeinsamen Namen ISIS tragen sollten. Aber Dschulani, der Nusra-Anführer, lehnte dies ab und holte sich Unterstützung bei Qaida-Anführer Sawahiri. Das war der Moment, als Baghdadi mit Sawahiri und al-Qaida brach.
Nusra spaltete sich. Ein Teil der Kämpfer hielt weiter zu Dschulani und al-Qaida, doch andere, darunter die meisten ausländischen Kämpfer, liefen zu Baghdadi über. Der sah sich damals schon an der Spitze eines Staates, nicht nur als ein Milizenführer unter vielen - und ernannte sich zum Anführer aller Gläubigen.
Im Mai 2013 eroberte ISIS von Nusra die Stadt Rakka in Syrien und machte sie später zu seiner Hauptstadt. Seither breiteten sich die Dschihadisten in Nordsyrien aus, nährten sich vom steten Zustrom Radikaler aus Tunesien, Saudi-Arabien, Ägypten, Europa, ja selbst Indonesien.
Weil die Islamisten kaum gegen das Regime, dafür umso mehr gegen die übrigen Rebellengruppen kämpften, vertrieb im Januar eine Koalition fast aller Gruppen die Dschihadisten binnen Wochen aus dem Nordwesten Syriens. Doch mit den Waffen aus dem Irak kam der IS wieder in die Offensive.
In den vergangenen Wochen marschierten die Dschihadisten vorrangig gegen Gebiete in Nordsyrien. IS-Kämpfer eroberten mehrere Orte westlich des Euphrat nahe der türkischen Grenze. Dabei schnitten sie rivalisierenden Kämpfern der Freien Syrischen Armee wichtige Versorgungswege ab - die kommen gerade in Aleppo gegen die Truppen des Regimes in Bedrängnis und werden so kaum lange ausharren können.
Anders als es die IS-Propaganda glauben machen will, werden die Dschihadisten längst nicht von allen Sunniten in Syrien als Befreier gefeiert. So regt sich in der Provinz Deir al-Sor Widerstand gegen die neuen Herrscher. Kämpfer des mächtigen Schaitat-Stamms haben in mehreren Orten gegen IS aufbegehrt. Kleine Zeichen des Widerstands gibt es auch in der IS-Hochburg Rakka.
Dort verurteilten die Fundamentalisten Mitte Juli innerhalb von zwei Tagen zwei Frauen wegen angeblichen Ehebruchs zum Tod durch Steinigung. Die meisten Bewohner, die von den IS-Führern in den Baadscha-Park gerufen worden waren, weigerten sich laut Augenzeugenberichten jedoch, zu Tätern zu werden. Deshalb schritten die Dschihadisten selbst zur Tat.
Anders als im Irak gelingt es IS in Syrien nicht, in dem hohen Maße einheimische Islamisten für seine Ziele zu gewinnen. In den Propagandavideos der Dschihadisten treten zumeist Männer mit nordafrikanischem oder saudi-arabischem Akzent auf. Sie stehen in der IS-Hierarchie oben, und sie sind es auch, die die Scharia-Gerichte in den syrischen Orten führen.
Auch deshalb ist für den "Islamischen Staat" die Propaganda über soziale Netzwerke so wichtig. Seine Anhänger zelebrieren ihren Ruf, besonders grausam zu sein. Sie twittern Bilder von Kreuzigungen und Massakern. IS gibt sogar ein eigenes Magazin im PDF-Format heraus.
Das Ziel ist klar: Es sollen weitere Kämpfer aus dem Rest der Welt ins Kalifat gelockt werden. Besorgniserregend ist, dass die Dschihadisten mittlerweile auch in europäischen Ländern Sympathisanten zu gewinnen scheinen: Fahnen des "Islamischen Staats" tauchten in den vergangenen Wochen bei Demonstrationen in Paris und Brüssel auf, vergangene Woche wehte sogar eine an einem Haus im Bundesstaat New Jersey, und mitten an der Londoner Oxford Street verteilten Islamisten Flugblätter: Das "Kalifat" sei da, alle Gläubigen sollten aufbrechen. Manchen Fanatikern gelten die IS-Kämpfer als Popstars.
Nicht nur Männer brechen auf ins "Kalifat", sondern auch fanatisierte Frauen, die gern einen Dschihadisten zum Mann hätten. Per Twitter und Facebook erteilen IS-Gattinnen ideologische und auch ganz praktische Ratschläge. Auf ihrem Blog gibt sich "Umm Layth" als britische Einwandererin im "Kalifat" aus. Sie postet Fotos von sich und ihren "Schwestern", schwarz verhüllt natürlich. Sie beschwört ihre Leserinnen, ihr in den "Islamischen Staat" zu folgen: "Wie kannst du keine Nachkommen hinterlassen wollen, die, so Gott will, Teil des großen islamischen Revivals sind?"
Schwestern, die bereits überzeugt sind, gibt Umm Layth folgenden Tipp: "Es ist besser für euch, Kleider, Schuhe etc. aus dem Westen mitzubringen. Es gibt hier Kleider, aber, bei Allah, die Qualität ist wirklich schlecht."
Auch aus Deutschland sind mehrere Hundert Kämpfer nach Syrien aufgebrochen. Die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe ermittelt nach SPIEGEL-Informationen in mehr als zwei Dutzend Fällen gegen mutmaßliche Mitglieder oder Unterstützer des "Islamischen Staats" - darunter eine Reihe deutscher Staatsangehöriger. Mehrfach erhob die Behörde inzwischen Anklage wegen der Unterstützung einer ausländischen terroristischen Vereinigung.
Offenbar schickt der IS erprobte Mitstreiter aus dem Nahen Osten zurück nach Deutschland, damit sie dort Geld und Material für den bewaffneten Kampf besorgen oder gar den Dschihad nach Europa tragen.
So gingen den Ermittlungsbehörden am 13. November 2013 auf einer Autobahnraststätte in der Nähe von Stuttgart drei mutmaßliche Islamisten ins Netz, die mit Medikamenten, Tarnbekleidung, Nachtsichtgeräten und 6250 Euro Bargeld offenbar auf dem Weg nach Syrien waren. Mindestens einer der drei, ein Libanese, soll dort zuvor im Kampf ausgebildet worden sein. Einer seiner Helfer war ein deutscher Staatsbürger.
Ende Mai klagte die Bundesanwaltschaft die drei Männer an, am 6. Juni folgte eine weitere Anklage gegen einen 20-jährigen Deutschen. Auch er soll mindestens ein halbes Jahr lang in Syrien an Waffen ausgebildet worden sein. Nach seiner Rückkehr wurde er in Frankfurt am Main festgenommen. Er steht unter dem dringenden Verdacht, eine "schwere staatsgefährdende Gewalttat" geplant zu haben.
Einen spektakulären Anschlag im Westen zu verüben, daran hatte der "Islamische Staat" bisher kein Interesse. Doch in einem nächsten Schritt, glauben Experten wie Charles Lister, sei es genau das, was den neuen Dschihadisten noch fehle, um al-Qaida endgültig zu übertrumpfen.
Von Markus Feldenkirchen, Christoph Reuter, Mathieu von Rohr, Jörg Schindler, Samiha Shafy und Christoph Sydow

DER SPIEGEL 34/2014
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