18.08.2014

EssayMein Land krankt

Ich lebe in Russland. Ich schäme mich. Von Ljudmila Ulitzkaja
Am 26. Juli erhielt Ulitzkaja, 71, eine der bekanntesten Schriftstellerinnen Russlands, im Rahmen der Salzburger Festspiele den Österreichischen Staatspreis für Europäische Literatur. Ulitzkajas Bücher wurden in 17 Sprachen übersetzt, zuletzt erschien auf Deutsch ihr Roman "Das grüne Zelt" (2012).
Salzburg, eine zauberhafte Schatulle, eine ideale Touristenstadt, in der die Zeit stehen geblieben scheint - die Fantasie malt das nostalgische Bild eines ausgestorbenen schönen Lebens. Die grünlich schimmernde Salzach, schroffe Felswände, die Burg hoch über der Stadt, Klöster und Kirchen, die Universität - das alles ist genauso wie im Mittelalter. Eine mythische Stadt, ein Phantom, ein Fantasieort. Die Einwohner tragen Uniform - als Portier, Kellner oder Zimmermädchen, hin und wieder huscht eine hohe Kochmütze vorbei. Auf der Straße ein paar als Mozart verkleidete Bettler mit synthetischer Perücke und kleiner Geige, aber auch Bettler ohne Verkleidung, Roma aus Osteuropa. Nur sie erinnern an die Gegenwart.
Vom Flughafen zum Hotel bringt mich ein Chauffeur von so makelloser Erscheinung, dass ich mich scheue, ihm ein Trinkgeld zu geben. Man hat mir ein Zimmer im Hotel Sacher reserviert, einem alten, luxuriösen Haus von der Art, die mir als Intellektueller fremd ist. Es riecht nach altem Geld, nach altmodischem Luxus, nach Österreich-Ungarn, nach der einstigen heimlichen Romanze zwischen Aristokratie und Bürgertum. Die Erinnerung an das alte Imperium beginnt beim Eintritt in das Hotel, und sie endet bei der Premiere von "Don Giovanni".
Dazwischen liegt die Eröffnung der Salzburger Festspiele. Ihr Thema ist der Erste Weltkrieg und seine nicht beherzigten Lehren. Davon will ich erzählen.
Der Festakt beginnt mit der österreichischen Bundeshymne. Alle Zuschauer stehen auf, auch ich. Ihr Österreicher habt es gut, denke ich mit leisem Neid - den Text zu eurer Hymne hat 1947 die unbescholtene Dichterin Paula von Preradovic verfasst. Für unsere russische Hymne schämen wir uns seit Langem. Den ersten Text zur Musik von Alexander Alexandrow schrieb der Hofdichter Sergej Michalkow 1943. Er enthielt die mächtigen Zeilen: "Und Stalin erzog uns zur Treue dem Volke, beseelt uns zum Schaffen, zur heldischen Tat". Nach Stalins Entthronung wurde sie ohne Text gespielt, unter anderem jeden Morgen im Radio als Weckruf für das ganze Land. 1977 dann korrigierte Michalkow den Text; nun rühmte die Hymne "die Partei". Dann kam die Jahrhundertwende, und im Jahr 2000 wurde ein erneut korrigierter Text sanktioniert: Derselbe Michalkow, Profi durch und durch, hatte "Partei" durch "Gott" ersetzt, wie es in unserem neuorthodoxen Land jetzt üblich ist.
Autor und Komponist "ruhen" inzwischen "in Gott", es ist also schwer zu sagen, wer die nächste Korrektur vornehmen wird. Allerdings entwickelt sich unser Land in derartigen Spiralen und Zickzacklinien, dass eine Neufassung der Hymne womöglich wieder zu Stalin zurückkehrt.
Während ich darüber nachdenke, tragen zwei großartige Schauspieler einen Dialog aus dem 800-Seiten-Drama "Die letzten Tage der Menschheit" von Karl Kraus vor, einem prophetischen Werk über den Untergang der Menschheit, entstanden zwischen 1915 und 1917.
Was ist mit der Welt geschehen, dass sie sich erneut auf hundert Jahre alte Prophezeiungen besinnt?
Ich höre den Reden der österreichischen Politiker zu - des Salzburger Landeshauptmanns, des Kulturministers, des Bundespräsidenten. Und mich erfüllt ein wachsendes Erstaunen, das Bürger europäischer Staaten vermutlich nicht verstehen können. Denn da sprechen kulturell gebildete Menschen, ihre Reden erinnern eher an Vorlesungen von Universitätsprofessoren als an die Phrasen von Parteifunktionären, an die wir von klein auf gewöhnt sind.
Es geht um die Gegenüberstellung zweier historischer Momente - der Situation vor dem Krieg zu Beginn des 20. Jahrhunderts und der heutigen, zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Alle Redner betonen den nationalen Enthusiasmus der Bevölkerungen, die lebhafte Unterstützung des Krieges durch europäische Intellektuelle zu Beginn des vorigen Jahrhunderts, die wenigen Stimmen des Protests. Beim Vergleich der beiden historischen Zeitpunkte fällt eine gefährliche Ähnlichkeit auf: die gleiche Steigerung des Nationalismus in einigen Ländern, die Ausbeutung des Begriffs Patriotismus, die Förderung von Stimmungen nationaler Einmaligkeit und Überlegenheit.
Da ich in Russland lebe, spüre ich das besonders deutlich. Ich bin nicht politisch aktiv, aber ich sage, was ich denke, wenn ich danach gefragt werde. Deshalb werde ich der "Fünften Kolonne" zugerechnet und beschuldigt, mein Land zu hassen. Mich zu rechtfertigen erscheint mir so fruchtlos wie dumm. Ich empfinde keinerlei Hass, nur Scham und Hilflosigkeit. Die gegenwärtige Politik Russlands ist selbstmörderisch und gefährlich und in erster Linie eine Bedrohung für Russland selbst, könnte aber durchaus zu einem Auslöser eines Dritten Weltkriegs werden. Der im Grunde bereits begonnen hat. Die lokalen Kriege in Tschetschenien, in Georgien und jetzt in der Ukraine sind der Prolog. Den Epilog wird wohl niemand mehr schreiben können.
Während ich die Reden der österreichischen Politiker verfolge, kehren meine alten Gedanken über das Wesen des Staates zurück, über seine Ähnlichkeit mit einem Krebsgeschwür. Er wuchert metastatisch in Bereiche hinein, die nicht sein Metier sind, in die Kultur, die er seinen Interessen unterordnen will, und in das Privatleben der Menschen, deren Bewusstsein er manipuliert. In der heutigen Zeit, da mit den Massenmedien ein mächtiger Mechanismus zur Beeinflussung der Bevölkerung entstanden ist, strebt der Staat danach, sämtliche Medien unter seine Kontrolle oder in seinen Besitz zu bringen. Genau das ist in unserem Land geschehen.
Die österreichischen Politiker sprechen über das, was mich am meisten beschäftigt: über das Verhältnis zwischen Politik und Kultur. Der australische Historiker Christopher Clark, Autor des Buches "Die Schlafwandler. Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog", hält eine klare, fundierte Rede über die Situation in Europa vor dem Ersten Weltkrieg.
Die Euphorie, die sogar herausragende Intellektuelle Europas zu Beginn des Ersten Weltkriegs empfanden, zeugt davon, dass selbst der hoch entwickelte Intellekt der in der Natur des Menschen-Tieres angelegten Aggression nichts entgegenzusetzen hat, dass er leicht in die Fänge des Nationalismus, der Idee von der Einzigartigkeit des eigenen Volkes gerät. In jenen Jahren teilten auch Thomas Mann, Robert Musil und Hugo von Hofmannsthal die militärische Begeisterung, weil sie den Krieg als Reinigung von bürgerlichem Mief und Stagnation betrachteten.
So verrieten Kulturschaffende, die stets als Gegengewicht zur Politik gewirkt hatten, ihre eigentliche Bestimmung und missachteten ihre eigenen moralischen Prinzipien. Heute stehen wir nicht mehr vor der Wahl zwischen Krieg und Frieden, sondern vor der Wahl zwischen Frieden und vollständiger Auslöschung der Menschheit.
Die heutige Welt ist nicht mehr in Weiße und Schwarze, in Juden und Araber, in Muslime und Christen, in Arme und Reiche, in Gebildete und Ungebildete gespalten, sondern in diejenigen, die das begreifen, und diejenigen, die das nicht begreifen wollen.
Die Zivilisation steckt in einer Sackgasse: Wissenschaft, Aufklärung, Erkenntnis und Kunst haben es nicht vermocht, die in der Natur des Menschen angelegte Aggression zu zähmen. Es schien, als könnte die Kultur dieses Streben nach Selbstauslöschung bezwingen, aber ich fürchte, die Menschheit hat keine Zeit mehr. Die Zivilisation und ihre herausragenden technischen Leistungen haben leider nur dazu geführt, dass wir uns in kürzester Zeit gegenseitig vernichten können.
Wir können die Schuld nicht mehr auf mystische Kräfte des Bösen schieben, auf den Teufel und seine Gesellen. Der großartige Regisseur Alexander Sokurow stellt in seinem Film "Faust" dem Menschen ein ganz anderes Zeugnis aus als Goethe: Das Böse im Menschen übersteigt alles, was die christliche Theologie dem Teufel jemals zugeschrieben hat. Die These von der infernalen Natur des Bösen hat ausgedient, der Mensch schafft das Böse aus eigener Kraft - und er übertrifft den Teufel darin.
Der österreichische Kulturminister Josef Ostermayer erinnert an jene, die ihre Stimme gegen den Ersten Weltkrieg erhoben haben: wie Stefan Zweig und Bertha von Suttner. Niemand kann heute sagen, ob Europa damals eine andere Entwicklung genommen hätte, wäre die Mehrheit der Intellektuellen von Anfang an auf ihrer Seite gewesen.
Der Festakt zur Eröffnung der Salzburger Festspiele geht weiter. Musik von Richard Strauss und Anton Webern. Die Musik setzt das Thema Leben und Tod fort. Die heutige Kunst gilt nur noch diesem einen Thema.
Schließlich sagt der Landeshauptmann von Salzburg, Wilfried Haslauer, etwas sehr Wichtiges. Kultur und Politik seien heute keine unversöhnlichen Gegensätze mehr, sondern eher wie langjährige Ehepartner - sie stritten sich, trügen Konflikte miteinander aus, könnten aber nicht ohneeinander leben. "Die Kunst rettet die Welt nicht, das müssen wir schon selbst besorgen, aber: Ohne Kunst wird uns das kaum gelingen."
Ich erlebe zum ersten Mal, dass ein Politiker an die Kultur appelliert. Vielleicht zu spät.
Ich lebe in Russland. Ich bin eine russische Schriftstellerin jüdischer Herkunft und christlicher Prägung. Mein Land hat gegenwärtig der Kultur, den Werten des Humanismus, der Freiheit der Persönlichkeit und der Idee der Menschenrechte, einer Frucht der gesamten Entwicklung der Zivilisation, den Krieg erklärt. Mein Land krankt an aggressiver Unbildung, Nationalismus und imperialer Großmannssucht.
Ich schäme mich für mein ungebildetes und aggressives Parlament, für meine aggressive und inkompetente Regierung, für die Staatsmänner an der Spitze, Möchtegern-Supermänner und Anhänger von Gewalt und Arglist, ich schäme mich für uns alle, für unser Volk, das seine moralische Orientierung verloren hat.
Die Kultur hat in Russland eine schwere Niederlage erlitten, und wir Kulturschaffenden können die selbstmörderische Poli-tik unseres Staates nicht ändern. Die intellektuelle Gemein-schaft unseres Landes ist heute gespalten: Wie zu Beginn des Jahrhunderts äußert sich erneut nur eine Minderheit gegen den Krieg.
Mein Land bringt die Welt mit jedem Tag einem neuen Krieg näher, unser Militarismus hat bereits in Tschetschenien und Georgien die Krallen gewetzt, und nun trainiert er auf der Krim und in der Ukraine.
Leb wohl, Europa, ich fürchte, wir werden nie zur europäischen Völkerfamilie gehören. Unsere große Kultur, unser Tolstoi und unser Tschechow, unser Tschaikowski und unser Schostakowitsch, unsere Maler, Schauspieler, Philosophen und Wissenschaftler konnten die Politik der religiösen Fanatiker und der kommunistischen Ideen in der Vergangenheit ebenso wenig verhindern wie die der machtbesessenen Wahnsinnigen heute. 300 Jahre lang haben wir uns aus denselben Quellen genährt - es waren auch unser Bach und unser Dante, unser Beethoven und unser Shakespeare - und nie die Hoffnung aufgegeben. Heute können wir russischen Kulturschaffenden, der kleine Teil von ihnen, zu dem ich gehöre, nur noch eines sagen: Leb wohl, Europa!
Aus dem Russischen von Ganna-Maria Braungardt
Von Ljudmila Ulitzkaja

DER SPIEGEL 34/2014
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