25.08.2014

Claudia Voigt Mein Leben als FrauWo wächst du auf?

Ich bin in den Siebzigerjahren in einer vierköpfigen Familie groß geworden, die aus heutiger Sicht rührend altmodisch war. Meine Mutter und mein Vater sind meine leiblichen Eltern, mein jüngerer Bruder wurde nicht adoptiert, und er wurde auch nicht - sofern meine Eltern mich nicht übel ausgetrickst haben - von einer Leihmutter ausgetragen. Unter meinen Schulfreunden war nur ein einziges Mädchen mit geschiedenen Eltern. Ich möchte diese Lebensweise hier nicht verklären, nur damit keine Missverständnisse entstehen. Wenn ich als Teenager durch den Vorort radelte, in dem ich aufwuchs, dachte ich beim Anblick der hübschen Häuschen oft: Wie viel Scheinheiligkeit sich hier verbirgt. Bis heute habe ich eine Aversion gegen Vororte.
Trotzdem bin ich immer noch erstaunt darüber, welche Veränderungen die Idee von Familie durchlaufen hat, noch bevor mein eigener Sohn auch nur halbwegs erwachsen ist. Die Hälfte der Eltern seiner Klassenkameraden leben getrennt oder sind geschieden; Freunde von mir haben Kinder adoptiert; das Thema Patchwork ist mir bestens vertraut. Und das sind nur meine persönlichen Berührungen mit den neuen Formen von Familie.
Gerade ging die Geschichte der thailändischen Leihmutter Pattaramon Chanbua um die Welt, die für ein australisches Elternpaar Zwillinge ausgetragen hatte und das behinderte der beiden Babys nach der Geburt behalten sollte. Die Entrüstung war groß. Zugleich wird in Klatschzeitungen fröhlich über die Schauspielerin Sarah Jessica Parker berichtet, die zwei ihrer Kinder ebenfalls von einer anderen Frau austragen ließ. Binnen weniger Jahrzehnte haben sich die verbesserten medizinischen Möglichkeiten multipliziert mit dem Wunsch vieler, eine Familie planen zu können. Dabei sind unzählige Einzelfälle herausgekommen, die sich nicht generell bewerten lassen.
In Deutschland ist Leihmutterschaft verboten. Doch auch hierzulande steigt die Zahl der Kinder, die durch Samenspenden gezeugt wurden, und die der sogenannten Regenbogenfamilien - schwule oder lesbische Paare mit Kindern. Im SPIEGEL war zu lesen, dass Familienministerin Manuela Schwesig die Rechte von Pflegeeltern stärken will. "Familie ist dort, wo Kinder sind." Ein schöner, klarer Satz, der sich allmählich durchsetzt. Es sind nicht mehr allein die Gene, die entscheiden, wer wessen Vater oder Mutter ist. Elternschaft entscheidet sich zunehmend durch die Frage: Wo wächst du auf?
Ich bin dafür, dass homosexuelle Paare Kinder adoptieren dürfen, und ich finde Schwesigs Plan den bisher klügsten ihrer Amtszeit. Leibliche Eltern sind nicht selbstverständlich die besten Eltern. Es ist an der Zeit, dass auch in Deutschland an dieser Überzeugung gerüttelt wird. Trotzdem habe ich manchmal das Gefühl, ich komme bei den neuen Familienkonzepten nicht ganz mit. Es bereitet mir ein altmodisches Unbehagen, wenn Kinder das Glück ihrer Eltern perfekt machen sollen. Und nicht umgekehrt.
An dieser Stelle schreiben drei Kolumnisten im Wechsel. Nächste Woche ist Elke Schmitter an der Reihe, danach Dirk Kurbjuweit.
Von Claudia Voigt

DER SPIEGEL 35/2014
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