08.09.2014

EssayEcht wahr?

Warum Politiker niemals authentisch sein können. Von René Pfister
Am frühen Morgen des 15. August schoss der dpa-Fotograf Axel Heimken ein Foto von Ursula von der Leyen, es zeigt die Ministerin auf dem Rollfeld des Fliegerhorstes Hohn in Schleswig-Holstein. Im Hintergrund zeichnen sich die dunklen und gewaltigen Umrisse eines Militärtransporters ab, der im anbrechenden Tageslicht auf seinen Einsatz wartet. Vorn im Bild steht, jäh erhellt durch das Blitzlicht des Fotografen, die Verteidigungsministerin. Sie trägt eine schwarze Jacke mit groben Reißverschlüssen und blickt entschlossen in die Ferne.
Von der Leyen wird auf dem Bild zur Ikone des weiblichen Befehlshabers: Mit ihrer Kleidung hat sie zwar die Sphäre des Zivilen verlassen, dennoch leistet sie sich eine feminine Lässigkeit, die einem einfachen Teil der militärischen Befehlskette nicht zusteht. Das Bild ist in jeder Beziehung perfekt, aber gerade das wird nun für die Ministerin zum Problem. Kaum war es im Umlauf, wurde es als Beleg für von der Leyens übersteigertes Geltungsbedürfnis und ihren Hang zur politischen Theatralik gewertet.
Im Netz machten schnell satirische Varianten die Runde. Über dem Kopf der Ministerin wurde eine Gedankenblase montiert, in der stand: "Hoffentlich schreiben die was mit Top Gun", und Fotograf Heimken musste sich in einem Zeitungsinterview gegen den Vorwurf wehren, er habe sich zum Gehilfen der Ministerin gemacht.
Die Debatte um das Foto wirft eine grundsätzliche Frage auf: Was ist echt im Berliner Betrieb? Erfolg in der Politik ist von vielen Faktoren abhängig, aber kaum etwas hat in den vergangenen Jahrzehnten einer Karriere mehr auf die Sprünge geholfen als die Feststellung, ein Politiker wirke authentisch. Joschka Fischers Aufstieg ist nicht zu erklären ohne sein Image als raubauziger ehemaliger Taxifahrer, er sei ein "Meister des Authentischen", schrieb die Frankfurter Rundschau. Hannelore Kraft hat es auch deshalb bis in die Düsseldorfer Staatskanzlei geschafft, weil sie den Ruf einer patenten Frau mit Herz aus dem Ruhrpott genießt. Sie gelte "vielen Genossen als authentisch", so die FAZ. Und über die Kanzlerin hieß es in der Welt: "Ehrlich steht Merkel zur Biederkeit ihrer Politik. Das macht sie authentisch und ist eine ihrer Stärken."
Umgekehrt wird es für einen Politiker schnell gefährlich, wenn er in den Ruch kommt, sich zu sehr in Szene zu setzen, wie das Beispiel von der Leyen zeigt. Wann aber gilt ein Politiker als authentisch? Eine Urkunde ist authentisch, wenn sie die richtige Unterschrift trägt, darauf kann man sich schnell einigen. Aber ein Politiker? Es reicht nicht aus, wenn man als ehrlich und unverstellt dasteht; der Kern der Persönlichkeit muss mit dem äußeren Bild korrespondieren, mehr noch: Wer als authentisch gelten will, der muss mit seiner ganzen Person für seine Politik einstehen. Gerade aus dem privaten Erleben muss der Impuls kommen, die Dinge verändern zu wollen.
Dass ein Politiker authentisch zu sein habe, ist eine vergleichsweise neue Forderung. Das Wesen der Monarchie war die strenge Form, gerade im Hofzeremoniell drückte sich die Macht des Herrschers aus. Kaum etwas war künstlicher und reglementierter als das Leben am Hofe des Sonnenkönigs Ludwig XIV. in Versailles. Wie schwer sich die Bürger an den Gedanken gewöhnten, dass ein Staatschef auch ein ganz normaler Mensch ist, zeigte der Eklat um ein Strandfoto Friedrich Eberts an der Ostsee. Als der Schnappschuss im Jahr 1919 auf der Titelseite einer Zeitung erschien, empfanden das viele als unerhört. Konservative Blätter machten den sozialdemokratischen Reichspräsidenten zur Witzfigur; montierte Postkarten wurden gedruckt, die den ehemaligen Kaiser Wilhelm II. in Paradeuniform neben dem spärlich bekleideten Ebert zeigten. Die Überschrift lautete: "Einst und jetzt".
Dass der Politiker eine Rolle zu spielen habe, war auch zu Beginn der Bundesrepublik noch eine Selbstverständlichkeit. Konrad Adenauer war der strenge Vater der jungen Bundesrepublik, allenfalls sein jährliches Boccia-Spiel am Comer See gab ihm so etwas wie eine menschliche Note. Erst mit der 68er-Bewegung gerieten die Dinge ins Rutschen. Dass Politiker sich ihrer "Charaktermaske" zu entledigen hätten, wie es im Jargon jener Jahre hieß, machte auch bald Eindruck auf die Politiker der etablierten Parteien. Am 7. Dezember 1970 sank Bundeskanzler Willy Brandt vor dem Denkmal für die Opfer des Warschauer Gettoaufstands auf die Knie. Das Foto ging um die Welt, weil es beides verband: die menschliche Geste Brandts mit dem politischen Symbol eines Bundeskanzlers, der sich vor den Opfern der Nazis verneigt.
Doch erst die Grünen verhalfen dem authentischen Politiker zum Durchbruch, und kaum jemand stand für diesen neuen Typ so wie Petra Kelly. Die zierliche Frau mit der eindringlichen und gleichzeitig zerbrechlichen Stimme verband von Anfang an das Private mit der Politik: Ihre Halbschwester, die an Augenkrebs gestorben war, wurde zur Begründung ihres Engagements gegen die Kernenergie. Dass die Heldin der Bürgerbewegung, die auf Marktplätzen so charismatisch und mitreißend reden konnte, am Pult des Bundestags alle Kraft verlor und zum Gespött einer hämischen Männerriege wurde, war für ihre Anhänger nur ein weiterer Beleg für das giftige Bonner Klima, in dem jeder echte Mensch zugrunde gehen müsse.
Petra Kelly fand ein tragisches Ende. Aber heute gibt es kaum einen Politiker, der nicht für sich in Anspruch nehmen würde, authentisch zu sein. Selbst Karl-Theodor zu Guttenberg, der sich bestens auf die Kunst der Selbstdarstellung verstand, sagte: "Man sollte authentisch bleiben."
Warum ist aber die Forderung nach Authentizität so ungemein populär? Warum wird sie, wie der Marburger Politikwissenschaftler Thomas Noetzel schreibt, als "das letzte Stück Heiligkeit in säkularisierten Zeiten" gefeiert?
Der authentische Politiker ist ein Krisensymptom, denn in ihm steckt das Misstrauen der Bürger gegen das politische System. Nur ein Politiker, der auf einem Fundament persönlicher Überzeugungen stehe und eine Biografie außerhalb des Apparats vorzuweisen habe, sei in der Lage, den Druck und den Verlockungen der professionellen Politik zu widerstehen. Guttenberg hat nach diesem Muster Karriere gemacht und auf gewisse Weise auch Joachim Gauck.
Zum anderen füllt der Wunsch nach Authentizität eine Leerstelle. Die Bundesrepublik hat die großen ideologischen Schlachten hinter sich gelassen, die Unterschiede zwischen den Parteien sind kaum noch erkennbar. Kommt es dann doch einmal zu einem scharfen politischen Streit, wie etwa derzeit um die Waffenlieferungen in den Nordirak, läuft die Debatte quer über die Lagergrenzen hinweg. Es bilden sich Allianzen zwischen Ursula von der Leyen, Cem Özdemir und zeitweise sogar Gregor Gysi. Zurück bleibt der ratlose Bürger, der sich nach anderen Kriterien umsehen muss, um seine Wahlentscheidung zu treffen. Es geht nicht mehr um inhaltliche Fragen, sondern darum, einer Person zu vertrauen.
In der Vorstellung des authentischen Menschen kreuzen sich viele Denkschulen. Von Jean-Jacques Rousseau stammt die Idee des freien Menschen im Naturzustand. Karl Marx entwickelte den Gedanken der Entfremdung des Einzelnen im Kapitalismus. Und die Psychoanalyse ging davon aus, dass man nur lange genug fragen müsse, um den Kern einer Persönlichkeit herauszuschälen.
Doch gibt es überhaupt den authentischen Menschen? Man kann mit guten Gründen argumentieren, dass es schon im Privatleben unmöglich ist, stets authentisch zu bleiben. Wer anderer Ansicht ist, der möge einen Nachmittag mit seiner Frau shoppen gehen und ungefiltert seine Meinung sagen. Jede funktionierende Beziehung basiert immer auch auf freundlichen Lügen. So gesehen ist der authentische Mensch ein asozialer Mensch.
Kaum etwas ist künstlicher als die Welt der Politik. An Spitzenpolitikerinnen wie Angela Merkel oder Hannelore Kraft zerren tausend Interessen. Dazu sind die Medien und der politische Gegner gern bereit, jedes unbedachte Wort zu hysterisieren. Es ist unmöglich, in diesem Umfeld die Kontrolle zu behalten und gleichzeitig authentisch zu bleiben.
Es geht um Überschaubarkeit, das ist das Prinzip des Authentischen. Ob Hannelore Kraft eine fähige Politikerin ist, darüber gehen die Meinungen auseinander. Aber wenn sie sagt: "Ich bin die geblieben, die ich immer war", dann haben die Bürger das Gefühl, dass das wohl schon stimmt.
Nun heißt es stets, Kanzlerin Merkel sei so authentisch. Wahr ist, dass sie sich das Image einer Frau aufgebaut hat, die bodenständig geblieben ist. Sie telefoniert morgens mit Putin und plaudert abends auf dem Stehempfang des G-20-Gipfels mit dem König von Saudi-Arabien. Sie erlebt die unglaublichsten Dinge, aber davon erzählt sie öffentlich kaum. Wenn sie spricht, dann immer im Tonfall des Unaufgeregten. Merkel ist die Meisterin der Unterinszenierung. Das mag geschickt sein. Aber ist es auch authentisch?
Schon in der oft benutzten Formulierung, ein Politiker "wirke" authentisch, steckt die ganze Widersprüchlichkeit des Konzepts. Entweder man glaubt daran, ein Politiker habe einen unverrückbaren Kern, der sein Handeln bestimmt. Dann ist er authentisch. Oder er wirkt authentisch, dann allerdings ist die Oberfläche das Produkt einer ausgefeilten Schauspielkunst.
Als Horst Seehofer vor gut zwei Jahren die Einwilligung dazu gab, das Nachgespräch eines Interviews mit dem ZDF-Moderator Claus Kleber in voller Länge zu senden, wurde dies als großer authentischer Moment des Politikjournalismus gefeiert. Die Wirkung war enorm. Über eine halbe Million Bürger sahen sich Seehofers Auftritt auf YouTube an. Zwei Tage später wurde Norbert Röttgen, über den sich Seehofer so erregt hatte, von Merkel als Umweltminister gefeuert.
Sieht man sich das Interview Seehofers und das Nachgespräch noch einmal an, stellt man fest, dass sich beide Teile gar nicht so sehr unterscheiden. Seehofer wiederholte im Nachgespräch die Kritik an Röttgen und garnierte sie mit ein paar zusätzlichen Anekdoten. Der CSU-Chef ging also wenig Risiko ein, als er zu Kleber sagte: "Sie können das alles senden." Im Gegenteil, weil Seehofers Worte nun außerhalb des strengen Rahmens eines öffentlich-rechtlichen Interviews fielen, entwickelten sie eine ganz andere Wucht. Plötzlich hatten die Zuschauer das Gefühl, hinter den Vorhang offizieller Verlautbarungen blicken zu dürfen. Doch hinter dem Vorhang sah es aus wie davor.
So paradox es klingt: Als authentisch gelten vor allem jene Politiker, die das Handwerk der Inszenierung besonders gut beherrschen. Es gibt keinen Grund, darüber zu klagen. Demokratie ist auch immer eine Bühne, ohne eine gelungene Performance kommt kein Politiker aus. Sie kann manchmal wichtiger sein als die Sache selbst.
Natürlich war es eine Performance, als Willy Brandt in Warschau auf die Knie sank. Brandt mag einem menschlichen Impuls gefolgt sein, aber als Kanzler der Bundesrepublik musste er bedenken, wie das Bild in der Welt wirkt. Alles andere wäre unverantwortlich gewesen. Die Leistung Brandts bestand nicht in seiner Authentizität, sondern in seinem Vermögen, ein Gefühl der Trauer und der Scham zu einer großen politischen Geste zu verdichten.
Ursula von der Leyen war eine erfolgreiche Familienministerin, weil sie ihre Biografie einer siebenfachen Mutter mit einem politischen Programm verband und so die Einführung des Elterngeldes und den Ausbau der Kinderkrippen erreichte. Sie setzte sich gern mit ihren Kindern ins Bild. Es war eine Inszenierung, aber sie funktionierte, weil sie zu ihrer Politik passte.
Nun ist sie eine Verteidigungsministerin, der die Bilder einen Tick zu bombastisch geraten. Eine Woche nach ihrem Auftritt auf dem Fliegerhorst Hohn ließ sie sich im Kopierraum des Verteidigungsministeriums für die Zeit fotografieren. Sie blickt auf dem Bild nachdenklich auf eine Landkarte mit den Krisenherden im Nahen Osten, die Szene wird von einem dramatischen Licht erhellt. Das Bild wirkt, wie soll man sagen: eher unauthentisch. ■
Von René Pfister

DER SPIEGEL 37/2014
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