08.09.2014

EssayReinheit, Ehre, Todesverachtung

Muslime sollten ihre Religion reformieren. Der moderate Islam ist der radikalen Auslegung des Glaubens zu ähnlich. Von Ahmad Mansour
Sie führen den Akt des Tötens vor, als ihren Triumph. Ein Video im Internet zeigte aller Welt, wie ein Feind der islamistischen Kämpfer geköpft wurde. Zu sehen war, dass dem Opfer die blutverschmierten Haare an der grauen, fahlen Stirn klebten, darunter die geschlossenen Augen, der verzerrte Mund. So kann es, suggerierte das Szenario, denen gehen, die uns nicht passen. So produziert man Terror, was ja nichts anderes bedeutet als Angst. Neben dem Opfer posiert auf dem Video ein junger Mann mit schwarzem Bart, stolz grinsend, als wäre er ein Jäger neben einer Jagdtrophäe. Ein Täter ohne jede Reue, ohne jedes Unrechtsbewusstsein.
Mit der Terrorgruppe des "Islamischen Staats" (IS) erreicht das von Islamisten verursachte Grauen eine neue Dimension. Wie konnte ein Täter wie dieser monströs gestörte junge Mann entstehen, wie und wo wachsen solche auf? Auch angesichts der großen Zahl junger Erwachsener aus Europa, die sich dem IS angeschlossen haben, wird diese Frage drängender. Warum ist ein extrem brutalisierter Fanatismus attraktiv für junge Menschen? Und was wird dagegen gesagt und getan?
Die große Mehrheit aller Muslime, nicht nur in Europa, distanziert sich mit Deutlichkeit von der Terrortruppe IS. Diese Muslime haben das Gefühl, ihre Religion werde missbraucht und in Misskredit gebracht, sie wirken hilflos angesichts der Ereignisse, die sie nicht beeinflussen können. Aus Moscheen und Vereinen gab es zahlreiche Presseerklärungen, Muslime werden nicht müde zu betonen, dass diese Barbarei mit dem echten Islam, mit ihrem Islam rein gar nichts zu tun hat. Das soll, das muss so sein. Aber reicht das aus? Ist schon der klarste Ton getroffen?
Ich meine nein. Die Distanzierung kommt zu spät - daran ist nun nichts mehr zu ändern -, und sie reicht in ihrer Deutlichkeit noch immer nicht aus. Die Muslime, die da ihre Distanz beteuern, haben tatsächlich nichts zu tun mit dem Grauen des "Islamischen Staats". Aber ohne dass es ihnen bewusst ist, haben viele von ihnen selber jahrelang den Nährboden für Ideologien wie die der IS-Truppe geschaffen. Denn die Islamisten haben ja im Prinzip nichts Neues erfunden. Sie haben schlicht die Inhalte des gängigen Islamverständnisses überspitzt und radikalisiert. Ihre Haltung zum Umgang mit "Ungläubigen", ihre Haltung zur Umma, zur religiösen Gemeinschaft der Muslime, oder zur Rolle von Mann und Frau unterscheidet sich nur graduell, nicht prinzipiell. Die Basis ist die gleiche, beide, der Imam von nebenan und der IS-Ideologe, teilen miteinander viele Worte, Ängste, Tabus, Abwehrstrategien. Es sind diese veralteten, verkrusteten Inhalte, die mit der aufgeklärten Moderne derart in Kollision geraten, dass aus der Reibung eine Truppe wie der IS entstehen kann.
Es geht darum zu begreifen, weshalb das radikal-islamische Gedankengut auf manche junge Männer und Frauen Anziehungskraft ausübt. Das liegt nicht allein an der Erfahrung von Diskriminierung oder gescheiterter Integration, wie gern behauptet wird. Mit dem Argument will man Verantwortung abgeben, ernsthafte Debatten meiden.
Wir Muslime müssen damit beginnen, die Ursachen auch bei uns zu suchen. Welche Denkfiguren und Glaubensinhalte werden denn von den Radikalen aufgegriffen und fundamentalistisch überspitzt? Leider kennen wir sie doch fast alle. Auch moderate Imame zelebrieren die Opferrolle von Muslimen, pflegen drastisch und erbarmungslos Feindbilder - böse sind der Westen, die Demokratie, die Schiiten, die nicht praktizierenden Muslime, die Islamkritiker und so fort. Gut sind die eigenen Anhänger, der wahre Islam, die reine Lehre, das blinde Befolgen aller Gebote und Tabus und so fort. Alles, was anders ist, wird abgewertet.
Mit der Behauptung, die absolute und einzige Wahrheit zu besitzen - andere Religionsanhänger, etwa evangelikale Fundamentalisten, sind da nicht anders -, geht das Verbot einher, Aussagen zu hinterfragen, kritisch zu denken. Neue, zeitgemäßere Deutungen des Koran, wissenschaftliche Erkenntnisse zur Geschichte des Islam dürfen weder gelesen noch diskutiert werden. Hinzu kommt das Unterdrücken, Tabuisieren und Schlechtmachen von Sexualität, das besonders bei jungen Männern zu zielloser Aggression führen kann. Das alles ist Teil einer einschüchternden Pädagogik, die mit der Angst vor der Hölle arbeitet und eine Heroisierung des Todes herbeiführt.
Reinheit, Ehre, Todesverachtung - das sind Aspekte, die bei vielen Jugendlichen in der pubertären Phase der Verwirrung sehr gut ankommen. Radikale Islamisten bieten ihnen die "wahre" Sache, die "echte" Sache, das Opfer kann zum Triumphator werden, bildlich, konkretistisch vorgeführt von dem Täter, der neben dem Enthaupteten posiert. Bei Salafisten und ähnlichen Radikalen in Europa erhalten junge Männer und auch Frauen die Illusion totaler Sicherheit und totalen Rechthabens durch ein vermeintlich glasklares System der Unterscheidung zwischen Richtig und Falsch, Gut und Böse.
Noch einmal: Ihre Gefährlichkeit verdanken die radikalen Strömungen nicht so sehr der Differenz zum "normalen" Islam als vielmehr der Ähnlichkeit. Bereits muslimischen Kindern wird von "unreinen Frauen" und "sündhaften Ungläubigen" erzählt, den Jugendlichen sind dann solche Begriffe vollkommen vertraut. Sie werden meist in einem Klima von Kontrolle, Angst und Strafe erzogen. Ihr "Respekt" soll dem Clan, dem Kollektiv und den Autoritäten gelten. Fundamentalisten verstehen sich als purifizierende Verstärker solchen Denkens. Darin liegt ein Grund für die Anfälligkeit von Jugendlichen für die Argumentation der radikalen Islamisten. Wenn ich als Jugendlicher diese Radikalität annehme und praktiziere, zeige ich, in einem Gestus der pubertären Überlegenheit, der eigenen Gruppe, dass ich "der bessere Muslim" bin - ich überführe die eigene Gruppe der Heuchelei. So lässt sich indirekt Aggression gegen die Eltern, die Familie ausagieren, ohne dass man den mutigen Schritt tun müsste, deren antiquierte Denkweisen kritisch zu sehen. Und so lässt sich die Aggression gegen die Mehrheitsgesellschaft ausagieren, indem ich gefährlich für sie scheine oder werde und endlich den "Respekt" erhalte, den sie mir vermeintlich verweigert.
Da liegt das Problem: bei unhaltbaren Einstellungen vieler Muslime. Damit sich etwas ändert, damit der Islam wirklich geschützt wird, muss er sich reformieren und sollte sich den notwendigen Debatten öffnen. Junge muslimische Männer brauchen Alternativen zu Hasspredigern. Sie brauchen Vorbilder auf dem moderaten Terrain des Islam, Leute in ihrem Umfeld, in ihren Gemeinden, die nichts - mehr - mit solchen Radikalen zu tun haben und kritisches, autonomes Denken ermutigen. Damit erst lässt sich dem Sog zum Fundamentalismus effektiv etwas entgegensetzen. Noch gibt es solche Impulse, leider, zu wenig.
Statt einer innerislamischen Debatte um die Radikalen werden unter einigen Muslimen lieber Verschwörungstheorien verbreitet. Alles Böse kommt vom Westen, von Juden, von Amerika. Dadurch gibt man die Verantwortung ab, man behauptet einfach, es gebe eine weltweit unterdrückte muslimische Gemeinschaft, und bestätigt damit die Ideologie des IS. Auch jetzt, auch angesichts des IS-Terrors. Das ist überall im Netz in Blogs, Chatrooms, religiösen Portalen zu lesen. Der Terror des IS sei ein Produkt amerikanischer und israelischer Geheimdienste, sie hätten diese Leute ausgebildet und unterstützt, um den Islam in schlechtes Licht zu setzen und die Region zu destabilisieren. Wilde Theorien zirkulieren, die uns von der Selbsterkenntnis abschirmen sollen, dass wir es sind, wir Muslime, die etwas an uns und unserem Verständnis des Islam ändern müssen.
Auf traurige Weise fehlt noch immer das Wesentliche: das tiefe emotionale Entsetzen der Mehrheit der Muslime angesichts der Mordtaten radikaler Muslime wie jetzt im Irak und in Syrien. Erinnert man sich an die Gaza-Proteste der vergangenen Wochen, den Hass, den Antisemitismus, die Verblendung, dann wird klar, wie viel noch zu tun ist. Da war Entsetzen bei muslimischen Demonstranten - aber vor allem für das Leid, das Nichtmuslime verursacht hatten. Geht es aber um Glaubensbrüder als Täter, fällt solche Leidenschaft häufig aus. Die Doppelmoral ist den blinden Flecken muslimischer Konstruktion von Identität geschuldet - wir sind doch die Opfer, es kann und darf nicht sein, dass es bei uns auch Täter gibt. Es kann und darf nicht sein, dass das etwas mit "uns" zu tun hat.
So kommt es vor, dass sich eine Gemeinde in Deutschland öffentlich vom IS-Terror distanziert, aber trotzdem die Bücher eines radikalen Islamisten wie Jussuf al-Karadawi verkauft und ihn den Jugendlichen als Vorbild präsentiert. Dieser Mann legitimiert das Töten israelischer Kinder durch Selbstmordattentate, verharmlost die Schoah und wünscht sich, Muslime sollten die "Arbeit" von Hitler vollenden. So kommt es auch vor, dass viele Muslime in Deutschland die Terrororganisation Hamas bewundern, die dieser Tage Dutzende Palästinenser auf offener Straße hingerichtet hat.
Um radikale Strömungen einzudämmen, braucht es mehr als ein paar Lippenbekenntnisse. Starke und überzeugende Stimmen sind gefragt, die eine Debatte um die Vereinbarkeit von Islam und demokratischen Werten wagen. Wir brauchen einen neuen Diskurs jenseits von Opferrolle und Diskriminierungsfurcht. Muslimische Selbsterkenntnis, Selbstkritik sind gefragt. Das kann, das muss gelingen. Wir haben ebenso die Begabung zum Denken und Fühlen wie alle anderen Menschen auf der Welt. Zu verlieren haben wir gar nichts, außer Furcht. Zu gewinnen gilt es die Zukunft unserer Kinder und Jugendlichen.
Ahmad Mansour, 38, ist Palästinenser, wuchs in Israel auf und lebt seit 2004 in Berlin. Er arbeitet als Psychologe in Projekten gegen Extremismus und war Mitglied der Deutschen Islam Konferenz.
Von Ahmad Mansour

DER SPIEGEL 37/2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 37/2014
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Essay:
Reinheit, Ehre, Todesverachtung

Video 01:23

Ihr Kinderlein, jauchzet! Eigenbau-Achterbahn im Garten

  • Video "Ihr Kinderlein, jauchzet! Eigenbau-Achterbahn im Garten" Video 01:23
    Ihr Kinderlein, jauchzet! Eigenbau-Achterbahn im Garten
  • Video "Musik mit Knalleffekt: Solo auf der Schrotflinte" Video 00:43
    Musik mit Knalleffekt: Solo auf der Schrotflinte
  • Video "Neuer Spider-Man-Trailer: Jetzt hat er auch noch Flügelchen" Video 02:15
    Neuer Spider-Man-Trailer: Jetzt hat er auch noch Flügelchen
  • Video "Überwachungsvideo aus Berliner U-Bahn: Polizei sucht Angreifer" Video 00:54
    Überwachungsvideo aus Berliner U-Bahn: Polizei sucht Angreifer
  • Video "Freiburgs Trainer über Fremdenhass: Man muss große Angst haben" Video 01:38
    Freiburgs Trainer über Fremdenhass: "Man muss große Angst haben"
  • Video "Virales Video aus Österreich: Was machen die da?" Video 00:57
    Virales Video aus Österreich: Was machen die da?
  • Video "Filmstarts der Woche: Hi, ich bin Frank Zappa" Video 05:00
    Filmstarts der Woche: "Hi, ich bin Frank Zappa"
  • Video "Tierrettung: Eine Flasche für die Teufel" Video 00:43
    Tierrettung: Eine Flasche für die Teufel
  • Video "Slackline-Weltrekord: Wackelpartie in 247 Meter Höhe" Video 01:07
    Slackline-Weltrekord: Wackelpartie in 247 Meter Höhe
  • Video "Basketball-Kunststück: Korb aus 178 Meter Höhe" Video 00:58
    Basketball-Kunststück: Korb aus 178 Meter Höhe
  • Video "Syrische Flüchtlinge: Justin Trudeau - zu Tränen gerührt" Video 01:15
    Syrische Flüchtlinge: Justin Trudeau - zu Tränen gerührt
  • Video "Boxkampf mit Känguru: Video sorgt für Empörung" Video 00:52
    Boxkampf mit Känguru: Video sorgt für Empörung
  • Video "Cabrio-U-Boot: Oben ohne unter Wasser" Video 00:46
    Cabrio-U-Boot: Oben ohne unter Wasser
  • Video "Glatteis-Unfall: Massenkarambolage im Zeitlupentempo" Video 01:48
    Glatteis-Unfall: Massenkarambolage im Zeitlupentempo
  • Video "Barack Obama: Letzte Rede zur nationalen Sicherheit" Video 01:54
    Barack Obama: Letzte Rede zur nationalen Sicherheit
  • Video "Werbevideo der US-Polizei: May you be with the force" Video 01:28
    Werbevideo der US-Polizei: "May you be with the force"
  • Video "Kanzlerin begegnet 360-Grad-Kamera: Merkel will's wissen" Video 00:52
    Kanzlerin begegnet 360-Grad-Kamera: Merkel will's wissen