15.09.2014

USAEin unplanmäßiger Tod

43 Minuten dauerte das schreckliche Sterben von Clayton Lockett durch die Giftspritze. Seine Hinrichtung wirft die Frage auf, ob und wie der Staat töten darf.
Am Nachmittag des 29. April rollt ein Fahrzeug auf den Hof des Gefängnisses in McAlester, Oklahoma, um Clayton Lockett abzuholen. Der Fahrer parkt den Wagen im Schatten der weißen Mauern, er wird länger warten als vorgesehen. Das Fahrzeug ist ein Leichenwagen.
Hinter der Mauer nehmen die Vollzugsbeamten Clayton Lockett um 16.40 Uhr die Handschellen und die Beineisen ab. Sie zwingen ihn, sich auszuziehen. Lockett soll duschen, so sieht es das staatliche "Protokoll für die Hinrichtung von Straftätern, die zum Tode verurteilt wurden", unter Paragraf III, Absatz G, Punkt 7 vor. Die Dusche befindet sich gleich neben der Todeskammer. Es soll eine saubere Hinrichtung werden - in jeder Hinsicht.
Um 17.20 Uhr wird Lockett in OP-Kleidung und Tennisschuhen in die Todeskammer geführt. Die fünf Männer des "Festschnallteams" fixieren ihn mit sieben schwarzen Gurten auf der Liege. Er kann jetzt nur noch den Kopf bewegen. Wenn er ihn nach rechts dreht, sieht er die große runde Uhr. Sie zeigt 17.26 Uhr. In 34 Minuten soll seine Hinrichtung beginnen.
Dreizehn Jahre saß der 38-jährige Lockett im Todestrakt, er möchte nicht sterben, zumindest nicht so, wie das Protokoll es vorsieht, das auf 25 Seiten festschreibt, wie seine letzten Stunden und Minuten aussehen sollen. Es ist der Versuch, dem Sterben ein bürokratisches Gerüst zu geben.
Als Lockett zwölf Stunden vorher, um 5.06 Uhr, für die medizinische Untersuchung abgeholt wird, verkriecht er sich unter seiner Decke. Die Beamten bearbeiten ihn mit einem Elektroschocker, um ihn gefügig zu machen. In der medizinischen Abteilung wird Lockett geröntgt, das Protokoll ist auch hier präzise: "Beginnend am Kopf wird den Körper hinab geröntgt. Das Röntgen findet vor der Einnahme des Frühstücks statt." Warum man einen Menschen, den man in wenigen Stunden töten will, röntgen muss, erklärt das Protokoll nicht.
Danach werden Locketts Venen untersucht. Manchmal ist es schwer, einen Zugang zu finden, wenn die Verurteilten dick sind oder harte Drogen gespritzt haben. Lockett nahm keine Drogen, er war muskulös, er trainierte täglich. Der Befund an diesem Morgen lautet, dass seine Venen in gutem Zustand und leicht zugänglich seien.
Zwischen 12 und 13 Uhr ist im Protokoll Locketts letzte Mahlzeit vorgesehen. In einem "30-Tage-Informationspaket" hatte er vorher neben "Name, Adresse und Telefonnummer des Bestattungsunternehmens" auch seinen letzten Essenswunsch eintragen müssen. Er schrieb: "Steak Chateaubriand (halb blutig), Shrimps mit Cocktailsoße, eine gebackene Kartoffel, sechs Stücke Knoblauchtoast, Pekannusskuchen, ein Liter Coca-Cola classic". Die Gefängnisleitung lehnte seinen Wunsch ab, weil er das 15-Dollar-Limit überschritt, das das Protokoll unter Paragraf VI, Absatz A für letzte Mahlzeiten vorsieht.
Ich habe die Direktorin des Gefängnisses angerufen", sagt LaDonna Hollins, Locketts Stiefmutter. "Ich habe ihr gesagt, dass ich jeden Dollar dieses Essens selbst bezahlen werde. Und dass ich es persönlich vorbeibringen könne." Sie hält inne, ihre Augen füllen sich mit Tränen. "Ich konnte die Kälte durchs Telefon spüren."
Clayton Lockett war drei Jahre alt, als seine Mutter ihn zu seinem Vater schickte, der mit LaDonna Hollins zusammenlebte. Von diesem Tag an war sie Claytons engste Vertraute, er nannte sie "Mom". Hollins sitzt an diesem Tag in ihrem dunklen Wohnzimmer am Rande von Oklahoma City, vor ihr auf dem Sofatisch liegt eine aufgeschlagene Bibel, im Aquarium leuchten Goldfische. Zwei Tage vor der Hinrichtung hat sie ihren Stiefsohn ein letztes Mal besucht. Drei Stunden saßen sie sich im Todestrakt gegenüber, getrennt durch eine Glasscheibe, sie beteten und weinten.
Irgendwann habe Clayton ihr gesagt, dass er sich nicht vor dem Tod fürchte - den habe er für seinen brutalen Mord an der 19-jährigen Stephanie Neiman verdient. "Aber ich habe Angst, dass sie mich quälen werden, dass sie mir irgendein Rattengift einflößen", sagte er zu seiner Stiefmutter. "Die wissen ja nicht einmal, wie man eine Nadel einführt."
Lockett hatte oft das Stöhnen und die Schreie aus der Todeskammer am Ende des Flures gehört. Er wusste, was sein Zellennachbar Michael Wilson im Januar gerufen hatte, als das Gift in seinen Körper geflossen war: "Ich spüre, wie mein ganzer Körper brennt!" Er hatte in der Zeitung gelesen, dass Oklahoma und andere Bundesstaaten nicht mehr jene Wirkstoffe bekommen, die sie viele Jahre lang benutzt hatten. Denn die EU hatte, auch auf Betreiben des damaligen deutschen Gesundheitsministers Philipp Rösler, die Exportkontrollen verschärft. Lockett wusste, dass die Behörden seither herumprobierten. Dass sich Dennis McGuire in Ohio im Januar 26 Minuten in der Todeskammer gequält und nach Luft gejapst hatte. Die Ursachen für verpfuschte Hinrichtungen waren zuletzt immer dieselben: falsche Wirkstoffe oder unqualifiziertes Personal. Meistens kam beides zusammen.
Deshalb hatte Lockett dagegen geklagt, dass die Herkunft der Medikamente und die Identität der Henker bei seiner Hinrichtung geheim bleiben sollten. Der achte Zusatz der Verfassung verbietet es, Verurteilte auf "grausame oder ungewöhnliche Weise" zu bestrafen. Clayton fürchtete, Teil eines Experiments zu werden, sagt seine Stiefmutter. "Als habe er es geahnt."
Während in den USA derzeit rund 3070 Häftlinge auf ihre Hinrichtung warten, hoffen die Gegner der Todesstrafe nun, dass die jüngste Serie an verpfuschten Exekutionen das Ende der Giftspritze einleiten könnte, die 1977 in Oklahoma in der heutigen Form entwickelt wurde und lange als die humanste Art des Tötens galt.
"Tu mir einen Gefallen", bat seine Stiefmutter in ihrem letzten Gespräch. "Solange du auf dieser Liege reden kannst: Rede! Lass die Welt wissen, wie sie die Menschen vom Leben in den Tod befördern."
Als die Besuchszeit abgelaufen war, stand Clayton Lockett auf, ließ sich die Handschellen anlegen und sagte mit Tränen in den Augen: "Mom, I love you."
"Wir sehen uns im nächsten Leben", antwortete LaDonna Hollins.
Um 17.27 Uhr betreten ein Sanitäter und ein Arzt die Todeskammer, es beginnt eine der gruseligsten Hinrichtungen in der Geschichte der Vereinigten Staaten.
Der Sanitäter soll eine Kanüle legen, durch die die Gifte in Locketts Körper fließen können. Er sticht mit einer Hohlnadel in seinen linken Arm, aber er hat ein Pflaster vergessen, um die Kanüle zu fixieren. Als das Pflaster gebracht wird, ist der Zugang nicht mehr zu gebrauchen. Der Sanitäter sticht an zwei weiteren Stellen in Locketts Arm, beide Male gelingt es ihm nicht, die Kanüle zu legen. Er wechselt zum rechten Arm und versucht es an drei Stellen. Dann zieht er dem Gefangenen die Tennisschuhe aus und probiert es am Fuß.
Auch der Arzt tritt nun an die Pritsche, er versucht sich an Locketts Halsvene, dann am Schlüsselbein. Während sie zu zweit an ihm herumstochern, hört Lockett ein Trommeln durch den Todestrakt hallen. Fünf Minuten lang hämmern die Insassen gegen ihre Zellentüren. Es ist ein Ritual, ein letzter Gruß an den Todgeweihten.
Nur wenige Zellen entfernt wartet auch Charles Warner auf seine Hinrichtung. Warner hat sich von seiner Familie verabschiedet und seine letzte Mahlzeit eingenommen. Um 20 Uhr soll er auf jener Pritsche sterben, auf der Lockett gerade liegt. Das Exekutionsteam muss im Akkord arbeiten. Aber der Plan gerät ins Stocken.
Mehr als zehn Versuche, eine Kanüle zu legen, sind bereits gescheitert, als der Arzt und der Sanitäter es in Locketts rechter Leiste probieren. Sie trennen seine OP-Hose auf, seine Unterhose, dann schneiden sie mit einem Skalpell ins Fleisch, weil die Venen dort tief liegen. Der Arzt hat nie zuvor einen Zugang in die Leiste gelegt. Er wurde erst zwei Tage zuvor gefragt, ob er für einen Kollegen einspringen könne. Bis zum Tag der Exekution haben weder er noch der Sanitäter an einer vorbereitenden Übung teilgenommen.
Während die zwei Männer die Kanüle an Locketts Oberschenkel festkleben, diskutieren sie, dass die Nadel eigentlich zu kurz sei für diese Körperstelle. Doch eine passende haben sie nicht bei sich. Es ist jetzt 18.18 Uhr, sie haben 51 Minuten benötigt, um eine Kanüle zu legen.
Den staatlichen Behörden fällt es immer schwerer, Fachkräfte für Hinrichtungen zu finden. Die Berufsverbände der Ärzte, Sanitäter und Pfleger fordern ihre Mitglieder auf, nicht daran teilzunehmen. In einer Erklärung heißt es: "Wenn Mediziner an einer Exekution mitwirken, unter Bedingungen, die Fürsorge simulieren, wird die Heilungsabsicht von Fachleuten und Technologie pervertiert." Die Hinrichtungen werden von Ärzten oder Pflegern durchgeführt, die entweder keine Zulassung besitzen oder illegal mitwirken. Sie schleichen sich in die Todeskammern wie Einbrecher, aus Überzeugung oder wegen der 500 Dollar, die das Gefängnis bar bezahlt, damit die Namen der Beteiligten nicht aktenkundig werden.
Die Gefängnisdirektorin fragt den Arzt, ob er zur Sicherheit einen zweiten Zugang legen könne. Nein, sagt der Arzt. Dann ordnet die Direktorin an, die Kanüle mit einem Tuch zu überdecken, angeblich um Locketts "Würde" zu bewahren.
Um 18 Uhr sollte die Hinrichtung beginnen. Um 18.23 Uhr lässt die Direktorin die beigefarbenen Jalousien im Zuschauerraum hochfahren. 36 Augenpaare starren nun auf Lockett. Der Staat hat seine Hinrichtungen zwar von den Marktplätzen hinter dicke Gefängnismauern verlagert, die Gesetze aber sehen vor, dass er nicht ganz im Verborgenen richtet. Auf den Klappstühlen sitzen Journalisten und Locketts Anwälte.
LaDonna Hollins ist nicht gekommen, Lockett wollte es so. Sie solle nicht sehen, was mit ihm geschehe, hatte er gesagt.
Ob er seine letzten Worte sprechen wolle, fragt die Direktorin.
"Nein", antwortet Lockett.
"Dann möge die Hinrichtung beginnen."
Am 30. April, einen Tag später, erscheint in den USA ein Buch mit dem Titel "Schauerliche Spektakel. Verpfuschte Hinrichtungen und Amerikas Todesstrafe". Der Autor ist Austin Sarat, der am Amherst College in Massachusetts lehrt.
Die meisten Amerikaner seien für die Todesstrafe, weil sie nichts über die Details einer Hinrichtung wüssten, sagt Sarat in seinem Büro. Vor vielen Jahren hat er seine These in einer Umfrage überprüft. Er informierte die Befragten über das genaue Verfahren des elektrischen Stuhls. Im Anschluss wechselten viele ihre Meinung.
Noch immer halten knapp zwei Drittel der Amerikaner die Todesstrafe für angemessen. Trotzdem ist die Zahl der Hinrichtungen in den vergangenen zehn Jahren stark gesunken, auch weil die Bundesstaaten zunehmend Angst haben, dass dabei etwas schiefläuft. Wurden im Jahr 1999 noch 98 Menschen in Amerika hingerichtet, waren es 2013 nur noch 39. Die meisten Menschen werden in Texas getötet, das kleine Oklahoma aber führte lange die meisten Exekutionen pro Einwohner durch.
Sarat weiß alles über verpfuschte Hinrichtungen in den USA, er hat jede einzelne untersucht. Das Erhängen von Art Kinsauls in North Carolina, der 1900 beim ersten Versuch nicht starb, sondern heftig blutend am Seil zappelte, ehe die Henker ihn zwangen, ein zweites Mal die Trittleiter hochzusteigen. Den Fall von Jimmy Lee Gray, der 1983 in der Gaskammer von Mississippi eine halbe Ewigkeit keuchte, ächzte, krampfte und stöhnte, während sein Körper wild zappelte. Oder die Exekution von Pedro Medina auf dem elektrischen Stuhl in Florida 1997, als blaue Flammen seinen Kopf umhüllten, als es qualmte und nach verbranntem Fleisch roch.
Doch all das habe nicht zur Folge gehabt, dass das staatliche Töten infrage gestellt wurde, sagt Sarat. Vielmehr habe es geheißen: Wir müssen besser werden, innovativer. "Die Geschichte der Todesstrafe ist auch die Geschichte einer Suche nach dem sauberen, geräuschlosen, perfekten Tod", sagt Sarat. "Einem Tod ohne abgerissene Köpfe und schmerzverzerrte Gesichter, ohne Blut, Feuer oder Gestank."
Auf den Galgen und das Erschießungskommando folgten deshalb die Gaskammer und der elektrische Stuhl. Mit jeder Technologie erklärte der Staat seine alte Methode für archaisch und barbarisch. Und als 1977 ein Gerichtsmediziner aus Oklahoma ein Verfahren für den Tod durch Giftinjektion erfand, schien das Streben nach Perfektion vollendet. Damit, so der Glaube, würde die Hinrichtung zu einem medizinischen Eingriff, die Todeskammer zum OP-Saal und der Henker zum Arzt.
In Locketts Leiste fließen nun 100 Milligramm Midazolam, der erste von drei Wirkstoffen. Er kommt aus einem Schlauch, der hinter Locketts Kopf in der Wand verschwindet. Dahinter sitzen drei Freiwillige in einer engen, dunklen Kammer, dem Raum der Henker. Als sie am Nachmittag in das Gefängnis kamen, trugen sie Kapuzen und Umhänge wie Gespenster. Sie sollen die Stoffe aus Spritzen in den Schlauch drücken, ein Freiwilliger pro Gift. Damit in der Dunkelheit nichts durcheinandergerät, benutzen sie Taschenlampen, eine andere Beleuchtung gibt es nicht. Wenn ein Problem auftrete, wurde ihnen gesagt, sollten sie einfach Buntstifte durch die Wandlöcher in die Todeskammer schieben.
Das Midazolam soll Lockett bewusstlos machen. Er soll die Schmerzen nicht spüren, die der zweite und dritte Stoff auslösen werden. Bis vor Kurzem wurden die von europäischen Firmen produzierten Narkosemittel Thiopental oder Pentobarbital verabreicht, letzteres wurde 1916 von Bayer patentiert. Doch seit die EU im Dezember 2011 eine Ausfuhrbeschränkung verhängte und damit Lieferungen an US-Gefängnisse verhinderte, wissen die Strafvollzugsbehörden nicht mehr, wie sie an ihre Präparate kommen sollen. In E-Mails forderten Beamte aus Oklahoma von ihren Kollegen in Texas scherzhaft Tickets für Footballspiele als Gegenleistung für Restbestände von Pentobarbital. Kalifornische Behörden schickten Agenten nach Pakistan, um das Mittel zu erwerben.
Um die unwürdige Suche nach den Präparaten zu verschleiern, verabschiedete das Abgeordnetenhaus von Oklahoma vor drei Jahren einstimmig ein "Geheimhaltungsgesetz". Seither darf die Behörde für sich behalten, wo die verwendeten Präparate herkommen, wie sie erworben wurden oder ob das Haltbarkeitsdatum vielleicht abgelaufen ist. Auch wer die Hinrichtung durchführt, bleibt geheim.
Gegen dieses Gesetz hatte Clayton Lockett geklagt. Es verstoße gegen die Verfassung, argumentierten seine Anwälte, dass Lockett nicht wissen dürfe, an welchen Präparaten er sterben und wer sie ihm verabreiche werde. Das Oberste Gericht Oklahomas hatte deshalb zunächst verfügt, seine Hinrichtung auszusetzen. Aber es hatte die Entscheidung am nächsten Tag wieder rückgängig gemacht.
Um 18.30 Uhr kontrolliert der Arzt Locketts Pupillen. Er drückt die Hand auf seine Brust und schüttelt ihn leicht. "Er ist nicht bewusstlos", sagt er dann.
"Bin ich nicht", sagt Lockett deutlich.
Weil die Behörden die bewährten Medikamente nicht auftreiben konnten, hatten sie vor einigen Monaten um einen Aufschub von Locketts Hinrichtung gebeten. Doch die Suche blieb erfolglos. Zwei Wochen vor dem Termin wird plötzlich Midazolam ins Protokoll eingefügt. Es ist eine Notlösung, in Oklahoma wurde es nie zuvor bei Exekutionen verwendet. Im Gegensatz zu den bislang benutzten Präparaten ist Midazolam kein Narkosemittel. Es soll sedieren, einen leichten Dämmerzustand schaffen. Ärzte verwenden es bei Zahnoperationen oder Darmspiegelungen. Niemand weiß, ob und in welcher Dosierung Midazolam Clayton Lockett bewusstlos machen wird.
Um 18.33 Uhr prüft der Arzt erneut Locketts Zustand. "Er ist bewusstlos", sagt er. Lockett sagt nichts mehr.
Im Henkersraum werden nun die Stoffe Pancuronium und Kaliumchlorid in den Schlauch gespritzt. Das Pancuronium soll Lockett lähmen und Zuckungen unterdrücken. Es wird allein zu kosmetischen Zwecken verabreicht, damit die Schmerzen unsichtbar bleiben. Lockett soll friedlich wirken, wenn er stirbt. Das Kaliumchlorid, welches gern zum Einschläfern von Tieren benutzt wird, soll zum Herzstillstand führen. Ohne starke Betäubung fühlt es sich an, als würde man von innen verbrennen.
Um 18.34 Uhr bewegt sich Lockett plötzlich. Er tritt mit dem Bein und rollt den Kopf zur Seite, sein Körper windet sich, er grunzt und murmelt, dann ruft er "Mann!" und "Da stimmt etwas nicht!". Sein Gesicht verzieht sich vor Schmerz, er flucht, doch was er sagen will, bleibt unverständlich. Mehrfach hebt er Kopf und Schultern, als wolle er sich hinsetzen.
In einem zweiten Zeugenraum verfolgen auch die Angehörigen von Locketts Opfer sein Leiden.
Als das Grab am Rande des Feldwegs geschaufelt war und Stephanie Neiman in dem Erdloch kniete, lud der damals 23-jährige Clayton Lockett sein abgesägtes Schrotgewehr durch und feuerte auf sie. Durch den Rückstoß verlor er die Kontrolle, das Gewehr fiel zu Boden, der Schuss traf Neiman in die Schulter. Aus der Grube hörte Lockett ihr Schluchzen. Er hob das Gewehr auf, zielte in das Loch und schoss erneut. Das Schluchzen stoppte.
"Geschafft!", sagte er zu seinen Komplizen. "Schaufelt sie zu!"
Stephanie Neiman starb in dieser Nacht vor 15 Jahren zwischen den Ölraffinerien und Feldern von Oklahoma, weil sie und eine Freundin zufällig mitangesehen hatten, wie Lockett und zwei Freunde einen Mann verprügelten, der ihnen Geld schuldete. Danach vergewaltigten die Täter nacheinander Neimans Freundin. Der überfallene Mann und die Freundin versprachen danach, niemandem zu erzählen, was geschehen war. Die 19-jährige Neiman versprach dies nicht. Sie war lernbehindert, sie kannte kein taktisches Verhalten.
"Sie ist nicht tot", riefen Locketts Freunde neben dem Erdloch. Neiman atmete, sie wälzte sich im Dreck.
"Schießt noch mal", befahl Lockett, aber seine Komplizen wollten nicht. "Okay, dann begrabt sie eben so."
Als die Erde auf die junge Frau fiel, habe er gehört, wie sie hustete, erzählte Lockett später den Ermittlern. Sie schaufelten weiter, bis die Erde ihr Würgen erstickte.
Seit sechs Minuten wälzt Lockett sich nun schon auf seiner Pritsche. Erst jetzt, um 18.40 Uhr, hebt der Arzt das Laken über der Kanüle und sieht, dass sich über dem Einstichloch die Haut zu einem Ballon aufgebläht hat, "kleiner als ein Tennisball, aber größer als ein Golfball", wie der Untersuchungsbericht später festhalten wird. Die Nadel hatte Locketts Vene nicht getroffen oder sie aufgeschlitzt. So fließen das Betäubungsmittel und die Gifte nicht in seine Blutbahn, sondern ins Gewebe. Sie wirken langsamer und schwächer. Die Frage ist, ob sie Lockett dennoch töten werden. Das Exekutionsteam ist ratlos. Es beschließt, sich nicht länger bei der Arbeit zusehen zu lassen. "Wir lassen nun vorübergehend die Jalousien herunter", erklärt die Direktorin den Zeugen um 18.42 Uhr.
Ich zeige Ihnen jetzt was", sagt Locketts Stiefmutter. LaDonna Hollins springt vom Sofa auf und läuft zu einem Wandtisch, den sie zum Altar für Clayton umfunktioniert hat. Er ist voll mit Fotos, Clayton als Achtjähriger, Clayton als Teenager und schließlich dieses Bild, das letzte, kurz vor seiner Hinrichtung. Lockett hat es heimlich von einem Zellennachbarn knipsen lassen, mit einem eingeschmuggelten Smartphone. Er liegt mit nacktem Oberkörper auf dem Bett, spannt die Muskeln und ballt die Fäuste. Kein Gramm Fett, er sieht aus wie ein Leistungssportler.
"Und an diesem Körper soll man keine geeignete Vene gefunden haben?", fragt LaDonna Hollins. Sie ist Krankenschwester. Sie weiß, wie man Kanülen legt, sie macht es jeden Tag.
"Sie wollten ihn quälen. Sie haben es absichtlich getan. Und jetzt wollen sie es vertuschen." Wahrscheinlich war es nicht Absicht, sondern Inkompetenz; das Versagen eines maroden Systems, das lange von sich behauptete, den sanften Tod liefern zu können, und das nun die eigene Unzulänglichkeit vertuscht.
Was mit Clayton Lockett geschieht, nachdem die Jalousien heruntergelassen sind, steht in einem staatlichen Untersuchungsbericht: Der Arzt versucht, einen weiteren Zugang zu legen, um das restliche Gift einzuführen, diesmal in die linke Leiste. Er sticht zu, einmal, zweimal, dann gibt er auf. Die Direktorin greift zum Wandtelefon und ruft im Zeugenraum an, um Robert Patton zu sprechen, den Chef des Strafvollzugs von Oklahoma.
"Wurden ausreichend Medikamente verabreicht, um den Tod herbeizuführen?", fragt Patton. "Nein", sagt der Arzt.
"Gibt es eine zweite Kanüle, und sind genügend Medikamente vorhanden, um die Hinrichtung zu Ende zu bringen?"
"Nein", sagt der Arzt. Lockett sei jetzt wieder bewusstlos, sein Puls sei schwach.
Patton versucht, das Büro der Gouverneurin zu erreichen, ohne die nichts entschieden werden darf. Das gelingt schließlich, aber es dauert. Danach ruft er wie-der in der Todeskammer an und verkündet um 18.56 Uhr, dass die Exekution gestoppt sei.
In der Kammer sind sich die Beteiligten unschlüssig, ob das auch einen Aufschub der Exekution ("Stay") bedeutet, der laut Protokoll die sofortige Einleitung lebenserhaltender Maßnahmen verlangen würde. Während Locketts Herzschlag immer schwächer wird, warten sie vorsichtshalber auf klarere Anweisungen.
Um 19.06 Uhr stellt der Arzt Locketts Tod fest.
Experten gehen davon aus, dass man Lockett noch hätte retten können. Der Untersuchungsbericht gibt die Empfehlung, bei künftigen Hinrichtungen für größere sprachliche Klarheit zu sorgen. Dass man festlegen solle, was die Anweisungen "Stop", "Hold" und "Stay" bedeuten.
Die Exekution von Charles Warner, dem Mann, der zwei Stunden nach Clayton Lockett sterben sollte, wurde aufgeschoben. Inzwischen hat er einen neuen Termin, den 13. November. Ein Team von Anwälten kämpft derzeit vor Gericht für Warner und die anderen 49 Insassen des Todestrakts von Oklahoma. Sie führen nun Locketts Hinrichtung als Beleg an, dass die Giftspritze eine "grausame oder ungewöhnliche" Strafe sei, die die Verfassung verbiete. Selbst Präsident Obama erklärte, Locketts Hinrichtung sei "zutiefst verstörend" gewesen und habe ernst zu nehmende Probleme der Todesstrafe offenbart.
"Von mir aus hätte er gern noch etwas länger auf seiner Liege zappeln können", sagt Mike Christian in seinem Büro im Kapitol von Oklahoma City. Christian ist Abgeordneter der Republikaner. Als er im Frühjahr mitbekam, dass der Supreme Court Locketts Exekution verschieben wollte, drohte er den Richtern mit einem Amtsenthebungsverfahren. Christians Drohung war der Grund, weshalb das Gericht den Aufschub einen Tag später zurücknahm.
"Als Vater ist es mir egal, wie wir diese Bestien umbringen, ob mit der Giftspritze, dem elektrischen Stuhl oder ob wir sie den Löwen zum Fraß vorwerfen."
Christian hat aber mitbekommen, dass Locketts Hinrichtung ein schlechtes Licht auf seinen Bundesstaat wirft. "Ich möchte nicht, dass alle Journalisten nach Oklahoma kommen und schreiben, wir seien ein Staat der Barbaren." Deshalb sitzt er an diesem Morgen mit Mike Copeland zusammen, der an einer örtlichen Universität als Hilfsprofessor unterrichtet. "Wir haben nachgedacht, neulich beim Bier." Sie schauen sich aufgeregt an. "Schon mal vom Tod durch Stickstoff gehört?"
Drei Jahre lang habe er auf Palau gearbeitet, in dem winzigen Pazifikstaat, in seiner Freizeit sei er getaucht, erzählt Copeland. "Wenn du reinen Stickstoff einatmest, bist du ganz schnell bewusstlos und kurz darauf tot." Genau das sei die Rettung der Todesstrafe. "Stickstoff ist die menschlichste Art zu sterben. Du sitzt einfach da, atmest, und eine Minute später bist du tot."
Es gebe drei Vorteile. Erstens, sein Daumen klappt hoch: "Keine Probleme bei der Beschaffung. Stickstoff kriegst du in jedem Baumarkt." Zweitens, Zeigefinger: Die Methode sei billig, man brauche neben dem Gas nur einen Plastiksack, den man dem Verurteilten über den Kopf stülpe. Und, drittens, Mittelfinger: "Man braucht keinen Arzt mehr, der eine Vene finden muss."
"Die Methode wird von der Geflügel-, der Schweine- und auch der Rinderindustrie genutzt", ergänzt der Abgeordnete Christian. Er nickt seinem Kumpel zu: "Erzähl mal von dem Schwein bei YouTube."
"Ja, also bei YouTube kann man sehen, wie ein Schwein Stickstoff einatmet, wie es kurz bewusstlos wird und danach munter weitertrabt. Das ist der Beweis, dass die Stickstoffmethode nicht wehtut."
Christian will jetzt für seine Idee werben. Er ist überzeugt, eine Mehrheit zu bekommen, der Mehrheitsführer im Abgeordnetenhaus habe Unterstützung signalisiert. Oklahoma müsse Lockett sogar dankbar sein. "Seine Exekution hat uns zum Nachdenken gebracht. Und bald haben wir sie: die perfekte, die unangreifbare Methode."
Am 13. Mai, zwei Wochen nach der Hinrichtung und einer anschließenden Autopsie, übergibt der Staat Oklahoma Clayton Locketts Leichnam dessen Familie, die ihn bald darauf einäschert. Nur ein Organ haben die Behörden, angeblich wegen möglicher weiterer Untersuchungen, in ihrem Besitz behalten. Locketts Herz.
Von Markus Feldenkirchen

DER SPIEGEL 38/2014
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