15.09.2014

ArchäologieEndstation Sandbank

Im 18. Jahrhundert landeten rund 200 Schiffbrüchige auf einer winzigen Tropeninsel. Nun sind Ausgräber vor Ort, um das größte Rätsel der Robinsonade zu lösen: Wie nur konnten die Verdammten jahrelang auf dem baumlosen Eiland überleben?
Wer mit dem Schiff von Madagaskar aus ostwärts auf den offenen Indischen Ozean hinaussegelt und dabei unvorsichtig navigiert, läuft Gefahr, bei 15 Grad 53 Minuten südlicher Breite ein flaches Eiland zu rammen, das wie eine Hallig aus dem Meer ragt.
Die Insel Tromelin hat seit 1954 eine Landepiste und eine Wetterstation. Vormals war der Flecken unbewohnt. Es gibt dort weder Bäume noch Teiche oder Säugetiere. Nur Sand - und den nervtötenden Lärm der Brandung, die sich funkelnd an den Riffen bricht.
Manchmal ragt im Nordwesten ein rostiger Anker aus den Wellen, der an ein grausames maritimes Schauspiel erinnert, das sich hier einst abspielte: Im 18. Jahrhundert war der Dreimaster "Utile" mit 300 Menschen an Bord (darunter viele illegal mitgeführte Sklaven) vor Tromelin auf Grund gelaufen. Was dann folgte, gehört zu den irrwitzigsten Kapiteln der christlichen Seefahrt. Was Tom Hanks im Film "Cast Away" erduldet, wirkt verglichen damit wie ein Erlebnisurlaub unter Palmen.
Einige Schiffbrüchige der "Utile" verdursteten qualvoll, andere flohen auf Flößen und ertranken. Wieder andere aber harrten 15 Jahre lang inmitten der Wasserwüste aus. Sie schufen Häuser aus Korallen, deckten ihre Kochtöpfe mit Muscheln ab. Das Merkwürdigste: Als Nahrung dienten ihnen Seeschwalben und Vogeleier.
Zu dieser Erkenntnis jedenfalls kommen zwei Autoren im Fachblatt International Journal of Osteoarchaeology, die fast 18 000 angekokelte Vogelknochen aus den Herdstellen der Verschollenen untersucht haben. Die Skelettreste hat ihnen ein französisches Team zur Verfügung gestellt, das die seltsame Robinsonade derzeit untersucht.
Neun Hütten wurden bislang freigelegt. Die Forscher entdeckten Trampelpfade und Flintsteine zum Feuermachen. Die jüngste Grabung erbrachte über 700 Artefakte, darunter Angelhaken, Hohlmeißel und eine Axt. Nächstes Jahr werden die Funde im Historischen Museum der französischen Stadt Nantes gezeigt.
Weitere wichtige Spuren kamen in Archiven zutage. So entdeckte der leitende Unterwasserarchäologe Max Guérout in Lorient (Bretagne) einen fünfseitigen Bericht des Logbuchschreibers Hilarion Dubuisson de Keraudic. Die Schrift gibt Auskunft, was in den ersten beiden Monaten nach der Havarie geschah.
Demnach lieferten sich die Gestrandeten einen brutalen Überlebenskampf, der streng nach den Ständeregeln des Ancien Régime ablief. Die adligen Passagiere und Schiffsoffiziere bildeten die Oberschicht. Unter ihnen standen die weißen Matrosen, die Waffen trugen. Die Männer aus diesen Gruppen kamen zumeist mit dem Leben davon.
Die Sklaven hingegen starben fast alle an Hunger, Durst oder Verletzungen. Auch fernab auf hoher See galt offenbar das Marie Antoinette in den Mund gelegte Motto: Wenn das Volk kein Brot hat, soll es doch Kuchen essen.
Das Martyrium begann am 31. Juli 1761. Die mit 28 Kanonen ausgerüstete "Utile", ein ehemaliges Kriegsschiff, war von Madagaskar kommend in schweres Wasser geraten. Eine heftige Brise griff in die Takelage. Mauritius lag noch 550 Kilometer entfernt, als der Kahn nachts krachend auf ein Riff lief. Das Heck wurde zerschmettert.
Beim Versuch, den nahen Strand zu erreichen, starben 20 Crewmitglieder. Das Meer schleuderte sie auf die Korallenbänke. Zu den Opfern gehörten zwei Adlige, die sich in die Fluten gewagt hatten.
Um die Sklaven unter Deck stand es noch böser. Die Luken, unter denen rund 160 von ihnen kauerten, waren zugenagelt. Man hatte die Gefangenen aus Madagaskar verschleppt, um sie - rechtswidrig - als Plantagenarbeiter auf Mauritius zu verkaufen. Nur etwa 85 konnten sich ans Ufer retten.
Als der Morgen graute, wälzten sich etwa 200 Menschen am Strand - nass, erschöpft, zum Teil schwer verletzt. Sie blickten auf 0,8 Quadratkilometer Trostlosigkeit. Auf Tromelin wächst ein krüppeliger Strauch, das "Samtblatt". Als Salat zubereitet, schmecken die Blätter nach Petersilie.
Der Kapitän erlitt einen Nervenzusammenbruch. Gleichwohl gelang es der Mannschaft, Werkzeuge und weitere Habseligkeiten vom Wrack zu bergen. Aus dem Großsegel und einigen Fahnen wurde eine Bleibe für den Adel gebaut. Die Matrosen schliefen in kleinen Zelten, die Afrikaner unter freiem Himmel.
Doch die Lage blieb lebensgefährlich. Der Kapitän drehte weiter durch, zudem gab es fast nichts zu Trinken. Man hatte nur wenige Wasserfässer retten können. Umgehend sprang der Erste Offizier ein und rationierte die Bestände. Die Sklaven sperrte er ganz aus. Sodann gab er Order, einen Brunnen zu graben.
Ein erster Versuch schlug fehl. Erst am vierten Tag gelang es, Brackwasser aus einem Sandloch zu fördern. Zu der Zeit waren schon mehr als 20 Afrikaner verdurstet.
Auch in Sachen Nahrung herrschte Panik. Die Insel bot kaum Essbares. Manchmal krochen Suppenschildkröten zur Eiablage an Land. Im Speisemüll der Schiffbrüchigen lagen einige Muscheln und Schnecken. Doch mit derlei Happen ließen sich unmöglich fast 200 Mäuler stopfen. Was tun? Fischfang ist auf Tromelin nur schwer möglich - wegen der gefährlichen Brandung. Die Korallen umschlingen das Eiland wie ein Stachelpanzer.
Zwar entdeckten die Archäologen auch die Knochen einer Hausgans. Doch das Tier stammte aus dem mitgeführten Lebendproviant der "Utile". Es war offenbar als Knusperbraten von den Edelleuten verspeist worden.
In ihrer Not begannen die Gestrandeten deshalb, massenhaft Piepmätze zu töten. Auf Tromelin gab es eine große Kolonie Seevögel. Im Journal of Osteoarchaeology wird ihre ursprüngliche Zahl auf bis zu zweieinhalb Millionen Brutpaare geschätzt. In großen Schwärmen kamen sie angeflogen und blieben für einige Monate - Geschenke des Himmels.
Die Chronik des Logbuchschreibers erwähnt, dass die Crew täglich 6000 Eier aus den Nestern stahl - ein schwerer Aderlass.
Doch die Dotter machten satt - und unternehmungslustig. Schon nach wenigen Tagen plante die Mannschaft eine Rückkehr in die Zivilisation. Sie wollte aus den Trümmern des Wracks ein Fluchtboot zimmern. Knapp zwei Monate dauerte das Vorhaben. Als der rund zehn Meter lange Behelfskahn fertig war, gingen allerdings nur die 123 Franzosen an Bord.
Mit dem Hinweis, bald Hilfe zu schicken, verschwand das überlastete Gefährt am Horizont. Der waghalsige Ausbruch gelang. Die Boatpeople konnten sich retten.
Die rund 60 zurückgebliebenen Madegassen dagegen warteten: Wochen, Monate, Jahre. Der Grund: Der Gouverneur von Mauritius hatte sich geweigert, ein Rettungsschiff für die illegal transportierten Sklaven zu entsenden.
Für die Afrikaner begann nun eine lange Phase aus Drangsal, Pein und lautem Magenknurren, das nur vom noch lauteren Geheul des Windes übertönt wurde. Das tropische Tromelin liegt inmitten einer Wirbelsturmzone.
Einmal wehte es offenbar so stark, dass die Armen ihr Obdach verloren. "Wir konnten zwei Siedlungsphasen nachweisen, die vielleicht durch ein Naturereignis, zum Beispiel einen Zyklon, voneinander getrennt waren", erklärt Projektleiter Guérout. Demnach wohnten die Leute anfangs nur unter leichten Schutzplanen; nach der Katastrophe errichteten sie am höchsten Punkt der Insel (sieben Meter über dem Meeresspiegel) ein Minidorf.
Endstation Sandbank. Aus Korallen und Klumpen aus Kalksand bauten die Menschen ihre Hütten. Die Mauern waren bis zu anderthalb Meter dick. Das Leben in diesen Räumen dürfte die dunklen Robinsone kaum erheitert haben. In ihrer Heimat errichtete man Steinbauten nur für die Toten.
Einziger Lichtblick war das geborstene Wrack der "Utile", aus dem hin und wieder Strandgut an die Küste gespült wurde. Mit alten Planken nährten die Leute das Herdfeuer. Manchmal flog auch Treibgut in die Flammen.
In zwei der Hütten lag Geschirr, darunter Töpfe aus Blei und Kupfer. Ein Gefäß war achtmal mit Nieten und Metallstreifen kunstvoll geflickt. Die Mahlzeiten, die darin brutzelten, blieben indes eintönig. Die neue Knochenanalyse beweist, dass die Schiffbrüchigen zuweilen Fregattvögel (Spannweite bis zu 2,3 Meter) verspeisten, auch erhaschten sie - sehr selten - fette Tölpel. Da lohnte sich das Braten.
Über 90 Prozent der verkohlten Vogelgebeine stammen jedoch von Rußseeschwalben, einer zierlichen, nur 35 Zentimeter großen Art. Mit Messern schabten die Köche den feingliedrigen Seglern das wenige Fleisch von der Brust. Röhrenknochen lutschten die Esser aus.
Wer auf diese Weile satt werden will, braucht pro Mahlzeit zwölf Seeschwalben. Die einst gegen Italien gerichtete touristische Kampfparole "Kein Urlaubsort, wo Vogelmord" hätte auf Tromelin keine Mehrheit gefunden.
Vielmehr rupften die Zwangssiedler in ihrem Korallencamp im Akkord exotisches Geflügel. Zu allem Übel mussten sie sich dazu noch das durchdringende Gekreisch der Opfer anhören. Wie es gelang, die Rußseeschwalben einzufangen, ist ein Rätsel. Klar ist nur, dass die Schiffbrüchigen aus den Federn Seile und sogar Kleider fertigten. Man könnte meinen, die Gestrandeten sahen aus wie Bibo aus der Sesamstraße.
Guérout unterstellt ihnen sogar Sinn für Ästhetik. Er verweist auf mehrere Schmuckfunde. Zutage kam eine Art Kamm, zwei Armbänder, selbst gebastelte Ketten und Anhänger. Das Geschmeide beweist angeblich, dass sich die Schiffbrüchigen aus dem "Stadium strikten Überlebens" erhoben und der Welt des Schönen zuwandten.
Doch das ist wohl zu edel gedacht. Wie Gott in Frankreich erging es den Leuten auf der vermaledeiten Koralleninsel jedenfalls nicht. Irgendwann riss 18 der Verschollenen der Geduldsfaden. Sie zimmerten ein Floß und fuhren los. Man hat nie wieder von ihnen gehört
Auch der Alltag auf der Insel forderte Tribute. Etwa 30 der Schiffbrüchigen verstarben im Laufe der Zeit. Nur, woran? Den Friedhof der kleinen Gesellschaft konnten die Wissenschaftler seltsamerweise bislang nicht aufspüren.
Zwar entdeckten sie Knochen eines männlichen Teenagers sowie einer 20- bis 24-jährigen Frau. Doch die Skelette sind stark zerstört, Gliedmaßen fehlen. Wahrscheinlich wurden die Gebeine beim Bau der Wetterstation von Maschinen zermalmt. Medizinische Rückschlüsse sind kaum möglich.
Nur aus den spärlichen historischen Notizen weiß man, dass es bald zu weiteren tragischen Verwicklungen kam. 14 Jahre nach dem Unglück tauchte ein Rettungsschiff auf. Die "Sauterelle" ließ ein Beiboot mit zwei Männern zu Wasser. Doch es kenterte in der kabbeligen See. Ein Matrose schwamm zurück, der andere erreichte den Strand. Der Kapitän drehte unverrichteter Dinge wieder ab.
Was für eine Verzweiflung und Bitterkeit muss die Einsamen damals gepackt haben. Doch es kam noch ärger. Kaum angespült, stiftete der Neuankömmling drei Männer und drei Frauen an, mit ihm ebenfalls ein Fluchtfloß zu bauen. Auch diese Gruppe verschwand spurlos in den Weiten des Ozeans.
Erst als am 29. November 1776 Chevalier de Tromelin angesegelt kam, gelang es, die Ausharrenden zu erlösen. Der Kapitän fand noch sieben Frauen und ein Baby vor. Alle anderen Schwangerschaften auf der Insel seien tödlich verlaufen, berichteten sie. Das war womöglich eine Schutzbehauptung, um Kannibalismus zu verschleiern. Auch die Tatsache, dass kein Friedhof auffindbar ist, könnte in diese Richtung deuten.
Doch einstweilen bleibt das Spekulation. Eine Gerettete gab ihre Qual zu Protokoll. Der Bericht ist verschwunden. Nur eines steht fest: Den Vöglein ist das Abenteuer der Entbehrungen schlecht bekommen. Heute brütet auf Tromelin nicht eine Rußseeschwalbe mehr.
Von Matthias Schulz

DER SPIEGEL 38/2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 38/2014
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Archäologie:
Endstation Sandbank

Video 01:57

Inside Air Force One An Bord des "Doomsday Plane"

  • Video "Inside Air Force One: An Bord des Doomsday Plane" Video 01:57
    Inside Air Force One: An Bord des "Doomsday Plane"
  • Video "Nordkorea: Kim droht Trump nach Uno-Rede" Video 00:59
    Nordkorea: Kim droht Trump nach Uno-Rede
  • Video "Mittagspause mit Streetfood: Merkel-Neuland und Lindner-Style" Video 02:39
    Mittagspause mit Streetfood: Merkel-Neuland und Lindner-Style
  • Video "Proteste in Katalonien: Die Lage ist sehr, sehr angespannt" Video 01:51
    Proteste in Katalonien: "Die Lage ist sehr, sehr angespannt"
  • Video "Hochgiftiges Reptil: Schlangenfänger kämpft mit Eastern Brown Snake" Video 00:47
    Hochgiftiges Reptil: Schlangenfänger kämpft mit Eastern Brown Snake
  • Video "Fiese Fragen an Bundestagskandidaten: Weidel oder Wagenknecht, Herr Scheuer?" Video 03:30
    Fiese Fragen an Bundestagskandidaten: Weidel oder Wagenknecht, Herr Scheuer?
  • Video "Kampf gegen die Zeit in Mexiko: 13-Jährige unter Trümmern entdeckt" Video 00:53
    Kampf gegen die Zeit in Mexiko: 13-Jährige unter Trümmern entdeckt
  • Video "Wahlkampf-Kritik am Imbiss: Alles Sprücheklopfer" Video 03:46
    Wahlkampf-Kritik am Imbiss: "Alles Sprücheklopfer"
  • Video "Durchstartmanöver: Sturm verhindert Airbus-Landung" Video 00:58
    Durchstartmanöver: Sturm verhindert Airbus-Landung
  • Video "Hurrikan Maria: Puerto Rico wird eine zerstörte Insel sein" Video 00:58
    Hurrikan "Maria": "Puerto Rico wird eine zerstörte Insel sein"
  • Video "Erdbeben in Mexiko: Mindestens 21 Kinder sterben in Schule" Video 00:51
    Erdbeben in Mexiko: Mindestens 21 Kinder sterben in Schule
  • Video "Trump bei der UN: Sowas hat es noch nie gegeben" Video 01:53
    Trump bei der UN: "Sowas hat es noch nie gegeben"
  • Video "Erster Weltkrieg: Deutsches U-Boot vor Ostende entdeckt" Video 01:28
    Erster Weltkrieg: Deutsches U-Boot vor Ostende entdeckt
  • Video "Drohnenvideo aus Australien: Walkuh schiebt Kajak beiseite" Video 00:43
    Drohnenvideo aus Australien: Walkuh schiebt Kajak beiseite
  • Video "Rede vor der Uno: Trump droht Nordkorea mit völliger Zerstörung" Video 01:32
    Rede vor der Uno: Trump droht Nordkorea mit "völliger Zerstörung"