22.09.2014

LebensmittelTestsieger aus dem Hahn

Die Deutschen trinken vermehrt teure Mineralwässer - dabei ist Leitungswasser genauso gut und umweltfreundlicher.
Was darf's denn sein?", fragt Getränkeunternehmer Hans Graeff und knetet die Hände. "Mal was Besonderes?" Er könne zum Beispiel einen exotischen Tropfen von den etwa 15 000 Kilometer entfernten Fidschi-Inseln anbieten. Oder was Leichtes aus dem Voralpenland, bei Vollmond abgefüllt. Zur Entscheidungshilfe marschiert der 66-Jährige durch seinen Markt im Hamburger Westen und schnappt sich eine Flasche aus einer gelben Kiste. Dann lugt er über seine Brille aufs Etikett und tippt beschwörend darauf: "Trinken meine Frau und ich auch gern."
Graeff hat keinen guten Bordeaux hervorgeholt, sondern eine Flasche stilles Mineralwasser. Es stammt vom Südtiroler Berg Plose und ist "artesisch", was bedeutet, dass es nicht aus dem Boden gepumpt werden muss, sondern dank eines Überdrucks im Erdinneren von allein zutage tritt. Geschmacklich wirkt sich das überhaupt nicht aus. Allerdings gilt "artesisches" Wasser manchen als besonders kraftvoll. "Das mögen viele Kunden", sagt Graeff.
Der Geschäftsmann bietet in seinem Laden mehr als 120 Sorten Wasser an, darunter auch etliche, die wie das Fidschi-Wasser mehr als vier Euro pro Liter kosten. Graeffs Auswahl steht für einen Trend, den auch seine Mitbewerber kennen: Mineralwasser boomt - und zwar in allen Preisklassen.
Durchschnittlich hat jeder Deutsche im vergangenen Jahr 140 Liter Mineralwasser getrunken, 40 Liter mehr als noch im Jahr 2000. Nach dem heißen Sommer erwartet die Branche für dieses Jahr einen neuen Verkaufsrekord. Besonders stilles Wasser, das oft als Wellnessgetränk angepriesen wird, kommt an beim Kunden. 13 Prozent des verkauften Mineralwassers sind sprudellos, Tendenz stark steigend. In diesem Jahr werden die Deutschen wahrscheinlich so viele Flaschen wie nie in ihren Kofferraum wuchten, durch Treppenhäuser schleppen und leer getrunken zum Pfandautomaten zurückbringen.
Warum sie diesen Aufwand betreiben, ist für Michael Angrick, Experte für umweltfreundliche Produktion vom Umweltbundesamt (UBA), ein "großes Mysterium". Schließlich komme stilles und frisches Wasser doch zum unschlagbar günstigen Preis von durchschnittlich etwa 0,2 Cent pro Liter auch aus dem Wasserhahn - und zwar in einer Qualität, die "genauso hoch" sei wie die der meisten Mineralwässer. Philipp Sommer von der Deutschen Umwelthilfe hält es daher für "ökologischen Wahnsinn", dass Lkw und Schiffe jedes Jahr Milliarden Flaschen Mineralwasser durch die Welt karren. Verschärfend komme hinzu, dass das Wasser oft auch noch in Plastikflaschen abgefüllt sei, die nicht einmal wiederverwendet, sondern zerschreddert würden. So werde die Umwelt durch Verpackung und Transport eines Stoffes belastet, den jeder Deutsche im eigenen Haushalt unbegrenzt zapfen und mithilfe eines Wassersprudlers auch noch mit Kohlensäure versetzen könne.
Getränkeverkäufer Graeff sieht die Sache naturgemäß anders. Er hat eine "starke Abneigung" gegen die Flüssigkeit, die aus seinen heimischen Wasserhähnen rinnt. "Hier", sagt er und zeigt Infozettel über Schadstoffe im Leitungswasser, die er ausgelegt hat. Unverbesserlichen präsentiert er am Ausgang seines Geschäfts ein aufgeschnittenes Wasserrohr aus einem Hamburger Altbau: Es ist von innen verrostet. "Was da durchgelaufen ist, kann man doch nicht ernsthaft trinken", sagt er. Dann hilft er einer jungen Mutter, die einen Schubwagen mit sechs Mineralwasser-Kästen zur Kasse bugsieren muss.
Mit seinen Vorbehalten trifft Graeff bei vielen Verbrauchern auf offene Ohren. Obwohl Leitungswasser laut UBA das in Deutschland am besten überwachte Lebensmittel ist, haben Millionen Bürger offenbar ein gestörtes Verhältnis dazu. Das lässt sich nicht nur an den Verkaufserfolgen der Mineralwasserindustrie ablesen, sondern auch von Friedrich Reh erfahren: Er ist der Wasserwerke-Chef von Gelsenwasser, das 2,7 Millionen Menschen mit Leitungswasser versorgt.
Reh, 52, sitzt in seinem Büro und reicht einen Zeitungsartikel über den Tisch, über den er sich geärgert hat. Überschrift: "So dreckig ist unser Trinkwasser". Es geht um Rückstände eines medizinischen Kontrastmittels, welches über die Kanalisation in den Wasserkreislauf gerät und bei einer Analyse der Zeitschrift Öko-Test auch in Proben aus dem Ruhrgebiet entdeckt wurde. Erst weiter hinten im Text wird erwähnt, dass die Konzentration des Stoffes deutlich unter dem erlaubten Grenzwert liegt.
"Solche Nachrichten verunsichern die Verbraucher", sagt Reh. Natürlich sei es am besten, wenn alle Spuren von Dünger, Pflanzenschutzmitteln und Medikamenten aus dem Leitungswasser gefiltert werden könnten - leider sei das aber trotz moderner Technik nicht möglich. Außerdem erscheine das Problem wegen der modernen Analysemethoden größer, als es sei.
Gelsenwasser und andere Wasserversorger entnehmen ihrem Rohrnetz jedes Jahr Tausende Proben und setzen hochempfindliche Chromatografen zur Qualitätssicherung ein. Die Apparate können sogar ein Stück Würfelzucker in einem Stausee nachweisen. Das steigert einerseits die Sicherheit - sorgt aber andererseits auch regelmäßig für schlechte PR.
Vielen Verbrauchern ist es egal, in welcher Menge ein Fremdstoff im Wasser nachgewiesen wurde - ihnen genügt es, dass er überhaupt nachweisbar ist. "Insofern haben die Möglichkeiten der Analysetechnik leider nicht nur zur Beruhigung beigetragen", sagt Reh. Genauso wenig wie der Umstand, dass erlaubte Grenzwerte für Fremdstoffe über die Jahrzehnte zum Schutz der Verbraucher immer niedriger angesetzt wurden.
Das Schmerzmittel Ibuprofen darf zum Beispiel nur in einer Menge von 100 Milliardstel Gramm pro Liter vorkommen. Um sich bei einer solchen Konzentration den Wirkstoffgehalt einer einzigen Tablette einzuverleiben, müsste sich ein Mensch 75 Jahre lang täglich rund 150 Liter Leitungswasser in den Rachen schütten.
Während viele Verbraucher dem Leitungswasser dennoch misstrauen, sind sie bei Mineralwasser und dessen Behältnissen gnädiger. So hat es der Brunnen-Branche nicht geschadet, dass PET-Flaschen hormonell wirkende Substanzen ins Wasser absondern, die bei Tierversuchen die Fruchtbarkeit veränderten.
Auch eine Untersuchung der Stiftung Warentest hatte offenbar keinerlei Auswirkungen auf die Verkaufszahlen. Die Prüfer wiesen in jedem dritten von 30 Mineralwässern Verunreinigungen nach, unter anderem Pestizide und Keime - die Stiftung riet, das Wasser für immungeschwächte Personen abzukochen. Aus gesundheitlichen Gründen spricht also wenig bis gar nichts dafür, das eine Wasser dem anderen vorzuziehen. Ist es also der Geschmack, der die Verbraucher zum Flaschenwasser greifen lässt?
Das will der Sozialwissenschaftler Uwe Pöhls vom unabhängigen Sozialforschungsinstitut IESK an einem Donnerstag Ende August herausfinden. Er steht in der Kaffeeküche der Abteilung "Rohrnetz" der Rheinisch-Westfälischen Wasserwerksgesellschaft und zapft Bottroper Leitungswasser ab. Das Nass soll gleich an einem Wettbewerb teilnehmen und gegen sieben stille Mineralwässer aller Preiskategorien antreten. Neun Tester, die in der Lobby der Betriebsdirektion warten, werden die Sorten miteinander vergleichen.
Zu den Teilnehmern zählen unter anderen die Leitungswassergegnerin Monika de Byl, 65, und die Kneipp-Gesundheitsberaterin Katharina Kleine-Döveling, 79. Die beiden Damen schnüffeln an ihren Gläsern mit Nummernaufdruck, trinken in kleinen Schlucken und vergeben - wie alle anderen Teilnehmer - für jedes Wasser Schulnoten von Eins bis Sechs. Am Ende gibt es einen klaren Sieger: das Bottroper Leitungswasser. Es erhält die Durchschnittsnote 1,78 und landet damit vor den bekannten Marken Gerolsteiner, Volvic und dem Lidl-Wasser Saskia, das zu den günstigsten Mineralwässern Deutschlands zählt: Trotzdem ist es noch etwa 65-mal so teuer wie Leitungswasser. "Das Wasser aus dem Hahn schmeckte richtig rund", sagt Kleine-Döveling. Auch de Byl vergab die Note Zwei, will aber trotzdem weiterhin Wasser aus dem Biomarkt kaufen: "Aus Gewohnheit", sagt sie.
Wissenschaftler Pöhls hat im Auftrag von Wasserversorgern und anderen Unternehmen schon etliche dieser Blindverkostungen mit insgesamt mehr als 5000 Teilnehmern durchgeführt. Das Bottroper Ergebnis sei typisch: "Leitungswasser kommt an bei den Menschen und landet fast immer im oberen Drittel."
Anders verhalte sich das bei teuren Wässern wie etwa dem von den Fidschi-Inseln. Das landete in Bottrop abgeschlagen auf dem letzten Platz - wohl auch, weil es wegen der weiten Reise zu lange in den Flaschen bleibe: "Da wird das Zeug dann muffig", vermutet Pöhls, der zum Bottroper Test auch die norwegische Marke Voss (etwa fünf Euro) mitgebracht hatte.
Voss wird gern in Edelrestaurants aus einer von einem Calvin-Klein-Designer entworfenen Flasche ausgeschenkt. Tatsächlich ist das Wasser sehr frisch, das wissen auch einige der etwa 1300 Bewohner der norwegischen Stadt Iveland: Sie waschen damit ihre Autos. 2010 bestätigte das Unternehmen, dass es sich bei Voss um das Leitungswasser eines Teils der Kleinstadt handelt.
Von Guido Kleinhubbert

DER SPIEGEL 39/2014
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