22.09.2014

Beziehungen Der Reiz des Bösen

Wenn Frauen sich in Verbrecher verlieben, in Räuber, Mörder, Vergewaltiger, kann vieles dahinterstecken: die Attraktion seelischer Abgründe, ein Helfersyndrom oder einfach Liebe. Aber kann das gut gehen?
Die Mauer von außen. Mehr will er nicht sehen, nach 15 Jahren zum ersten Mal ohne Handschellen unter freiem Himmel. Sie möchte ihm am liebsten sofort ihre Welt zeigen, die Draußen-Welt. In Freiburg an der Dreisam bummeln, im Café sitzen - was normale Liebespaare so machen. Aber ihr Mann, der Häftling, der endlich Ausgang hat, will einmal um die Gefängnismauer mit dem Stacheldraht herumlaufen. Ohne Bewacher. Nur er und sie.
Jahrelang haben sie auf diesen Moment hingelebt. Es ist der 30. Mai 2004, ein sonniger Sonntag. Draußen weint er erst mal. Die Welt kann warten, spürt die Frau. Sie selbst kann es ja auch.
Kennengelernt haben sie sich hinter der Mauer einer anderen Haftanstalt. 1989 wird dort die Anstaltskapelle eingeweiht. Ein Pressedienst schickt die Praktikantin: Ute Neuer, damals Mitte zwanzig, eine zierliche Frau mit braunen Locken und heller Stimme, neugierig und furchtlos. Sie kommt aus einem Akademikerhaushalt. Noch nie war sie in einem Gefängnis.
Da steht dieser athletische blonde Mann mit kantigen Zügen vor ihr. Den größten Teil seines Lebens hat er hinter Gittern verbracht - im Kinderheim, als Schwererziehbarer in der Psychiatrie, im Jugendknast, in Hochsicherheitsgefängnissen. Er ist am Tiefpunkt seines Lebens, ein Desperado. 20 Einbruchdiebstähle und einen Ausbruchsversuch mit Geiselnahme hat er hinter sich. Hätte die Pistole keine Ladehemmung gehabt, wäre ein Polizist tot. Seine letzte Verurteilung: neuneinhalb Jahre Haft plus Sicherungsverwahrung. Ein rebellischer Häftling, der schon aufs Anstaltsdach geklettert und in den Hungerstreik getreten war.
Das alles erzählt er ihr. Sie denkt: Der braucht jemanden zum Zuhören. Er schreibt ihr vier Seiten über sein Leben. Seine Mutter kann nicht lesen und schreiben, wird von Männern benutzt, er ist eines von zehn Geschwistern, alle vernachlässigt. Er schreibt ihr von Hunger und Einsamkeit in seiner Kindheit, von Lieblosigkeit und Brutalität. Von seiner Verzweiflung. Ob sie ihn nicht mal besuchen könne. Das tut sie. Sie liest seine Akten, sie wird zornig darüber, wie viel in einem Leben schieflaufen kann, sie wird seine ehrenamtliche Betreuerin. Sagt zu ihm: Betrachte mich wie eine Schwester. Er versucht noch einen Ausbruch, danach will er sich umbringen, mit einer Plastiktüte über dem Kopf. Als er im Koma liegt, spürt sie, dass sie ihn vermissen würde.
Fünf Jahre nach ihrer ersten Begegnung sitzen sie sich wie an jedem vierten Wochenende im Besuchsraum gegenüber. Sie sieht ihn heute noch vor sich, in seiner schäbigen Gefängnisjacke, wie er auf einmal sagt: "Am liebsten würde ich jetzt deine Hand nehmen." Und wie sie ihre Hand auf den Tisch legt.
1996 heiratet Ute Neuer im Gefängnis Martin, den Mann, den sie noch nie in Freiheit erlebt hat, aber er ist ihr vertrauter als jeder andere. Eine Justizbedienstete sagt: "Hätten Sie nicht draußen auch einen Mann finden können?" - "Schon", antwortet sie, "aber keinen, den ich lieb."
Und dann, acht Jahre nach ihrer Hochzeit, umrunden sie zu Fuß die Justizvollzugsanstalt wie zwei Traumwandler. Reden, lachen, umarmen sich. Bis sie wieder am Tor angelangt sind, an dem Ute Neuer ihren Mann nach sechs Stunden abgeben muss, der Ausgang ist vorbei. Zuvor kehren sie gegenüber noch in ein kleines Lokal ein, dann gehen sie in eine Kirche. Er ist, anders als sie, kein tiefgläubiger Mensch, aber an diesem Tag will er eine Kerze anzünden und beten.
Es ist, im Mai 2004, eine völlig unwahrscheinliche Liebesgeschichte zwischen einer jungen hübschen Kunsthistorikerin und einem Schwerverbrecher, der bis dahin noch alle Menschen enttäuscht hat, die ihm jemals hatten helfen wollen.
Eine Frau verliebt sich ausgerechnet in einen Verbrecher, bietet einem Mann hinter Gittern ihre Freundschaft oder Liebe an - das Phänomen kennt man in allen Gefängnissen.
Je prominenter die Tat, desto größeres weibliches Interesse am Täter löst sie aus. Der norwegische Massenmörder Anders Behring Breivik wird überschüttet mit Kontaktangeboten. Anstalten, in denen Täter wie der Serienvergewaltiger Frank Schmökel sitzen oder Dieter Zurwehme, verurteilt wegen Vergewaltigungen und brutaler Morde, erhalten Berge von Briefen, auch Heiratsanträge sind dabei.
Selbst wenn der Mann kein spektakuläres Verbrechen begangen hat, muss die Welt draußen davon nicht unbedingt etwas wissen. Denn wird eine solche Beziehung öffentlich, löst sie in der Regel Verständnislosigkeit aus, manchmal auch Empörung oder Verachtung. Deshalb sind die Namen aller Frauen, deren Geschichte hier erzählt wird, geändert.
Wie viele solcher Beziehungen im Laufe der Jahre in einer Anstalt geschlossen werden und wie lange sie halten - dazu gibt es keine Statistik. Keine Forschungsarbeit beschäftigt sich mit Frauen, die sich ausgerechnet in Verbrecher verlieben. Immerhin liegt eine journalistische Annäherung mit Fallstudien vor(*).
Für den Mann in Haft bedeutet die Beziehung eine Abwechslung im öden Gefängnisalltag. Mancher hofft auf einen Neuanfang. Oder er sammelt gezielt Pluspunkte für eine vorzeitige Entlassung; dafür sind soziale Bindungen nach draußen viel wert. Die Männer haben gute Gründe, eine solche Beziehung zu suchen.
Aber was haben die Frauen davon?
Uschi F., die 1990 Dieter Degowski heiratete, einen der Geiselnehmer von Gladbeck, sagte ein Jahr später in einem SPIEGEL-Interview: "Ich fühle mich von meinem Mann gebraucht. Er hört mir zu, wenn ich mit ihm rede, und ich habe die Sicherheit, dass er mich nicht vergewaltigt, mich nicht betrügt und nicht verlässt. Das gibt mir Halt." Inzwischen ist die Ehe geschieden.
Katja Grafweg, Leiterin der Justizvollzugsanstalt Remscheid, kennt viele solcher Geschichten und auch die Frauen. "In der Regel sind sie deutlich über dreißig,
aus allen gesellschaftlichen Schichten, oft keineswegs ungebildet", so Grafweg. "Die meisten haben einen Beruf und Kinder."
Ein Mann in Haft kann nicht einfach vor ihrer Tür stehen. Sie kann ihn besuchen oder nicht, sie hat ihre Welt, ihr Geld, ihre Freiheit. Er ist abhängig. Sie hat die Kontrolle. Und sie ist vor ihm sicher, er ist ja hinter Gittern.
In Grafwegs Anstalt allerdings ermordete im Jahr 2010 ein Häftling in der Liebeszelle eine Frau, die während seiner Haft eine Beziehung mit ihm begonnen hatte; sie wollte ihn verlassen - die einzig bekannte Tragödie dieser Art. Sie begann,
wie fast alle dieser Liebesgeschichten, mit einer Kontaktanzeige.
Die meisten finden sich im Internet, etwa auf Jailmail.de: Gerhard schreibt, er liebe "Kochen, Schreiben, Städtereisen, Museen". Tom gibt an, seine Leidenschaft sei "Angeln und den Sonnenuntergang genießen". Jens beschreibt sich als "guten, treuen Zuhörer und sehr romantisch". Keiner gibt hier schon preis, weswegen oder wie lange er noch sitzen muss.
Ein inhaftierter Mann könne seine Schwäche aber nicht verbergen, sagt Grafweg. "Er trägt sein Scheitern gewissermaßen vor sich her. Darüber kommt man ins Gespräch. Das erzeugt Nähe." Viele hätten in der Haft gelernt, etwas von sich mitzuteilen, und fänden in ihren Briefen durchdachte, gefühlvolle Worte - sie haben mehr Reflexionsvermögen als viele Männer draußen. "Der Mann beschäftigt sich mit seinen dunklen Seiten. Davon fühlen sich Frauen angesprochen."
"Gestern Abend lag ich wieder lange wach und war mit meinen Gedanken bei dir, Romantik im Kopf und unerfüllte Sehnsucht im Herzen. Ich spürte ein Kribbeln im Bauch, Schmetterlinge, ich habe die Berührungen der Flügel an den Innenwänden meines Bauches gefühlt, und es wurde immer stärker, je öfter ich deinen Brief in meinen Händen hielt ..." Anita Bader lacht: "Ja, Briefe schreiben konnte er, der Herr Schmitz." Nie hätte sie geglaubt, dass ein Mann ein solches Feuer in ihr entzünden könnte, mit Worten. Sie träumte schon von einem Leben mit ihm. Dabei hatte sie ihn nie gesehen.
In ihrer kleinen Dachwohnung am Rande einer süddeutschen Kleinstadt hat Frau Bader die Fenster mit Raffgardinen dekoriert, an den Wänden Fotos von Kindern und Enkeln und das Ölbild einer Giraffe im Sonnenuntergang. Bader, nicht mehr jung, vollschlank und von den Unwägbarkeiten des Lebens etwas mitgenommen, ist eine tüchtige Frau von Verstand und Witz, auch über sich selbst muss sie oft lachen. Ihre Ehen scheiterten. Die Männer tranken viel und schlugen sie dann - wie schon ihr Vater die Mutter.
Die Sache mit Herrn Schmitz, wie sie ihn heute nennt, begann vor zwei Jahren auf ihrem Sofa, beim Surfen im Internet. Eine Anzeige auf Jailmail.de fängt mit "Hallo Lady" an, die gefällt ihr.
Seine Briefe, die nach dem ersten Kontakt kommen, sind romantisch und aufregend: "Wie sind deine Vorlieben?", will er wissen. Nach so was hatte noch nie ein Mann sie gefragt, aber sie schreibt ihm von ihren erotischen Fantasien, er von seinen, eine neue Erfahrung. Dass ihre intimen Briefe von Beamten gelesen werden könnten, fällt ihr erst hinterher ein.
Er hat eine schöne Handschrift, malt Blümchen und Herzen, schreibt, er habe 14 Jahre gekriegt.
Wofür?
"Tjaaa", sagt Frau Bader. "Das hab ich ihn nie gefragt. Er schrieb, er ist kein 'Kifi', also Kinderficker, hat nichts mit Drogen am Hut. Er habe einen Überfall gemacht mit einem Kollegen, weil er Geld brauchte für eine Augen-OP seiner Tochter, die stand wohl kurz vor der Erblindung."
Er schickt ihr eine Haarlocke, dazu die Stellungnahme seiner Therapeutin, Bader liest vor: "Herr Schmitz weiß, dass er mit seiner Gesinnung und Affinität zu Waffen einen anderen Umgang finden und sich nach dieser Haft ein anderes Umfeld suchen muss." - "Ich hab ihm geschrieben: Hier im Haus findest du keine Waffen, nur die Waffen einer Frau. Er schrieb zurück: Damit kann er umgehen." Darüber kann sie sich noch heute amüsieren.
Einmal klingelt abends ihr Telefon: "Hallo, hier ist der Arno. Ich wollte nur mal deine Stimme hören." Seine elektrisiert sie, ein bisschen rau, weiches Hessisch. Nach fünf Minuten muss er auflegen. Er schreibt: "Ich würde dir gerne sagen, dass ich dich liebe, aber das Wort Liebe hat einen besseren Rahmen verdient als diesen, der uns im Moment zur Verfügung steht. Aber alles, was du dir erträumst, aus meinem Munde zu hören, habe ich dir in meinen Träumen schon gesagt."
Sie schmieden Pläne für eine Zukunft zu zweit, dabei hat sie ihn noch nie gesehen. Endlich hat sie den ersten Besuchstermin, ist aufgekratzt wie ein Teenager. Als Nächstes käme ein Langzeitbesuch, drei Stunden Liebeszelle. Doch vor dem Besuch wird Anita Bader krank und muss absagen.
Herr Schmitz reagiert pampig. Er lässt sie wissen, er habe erst mal keine Zeit, sei im Stress, zu viel Arbeit. "Ja klar, denk ich: im Knast!" Dann stellt Herr Schmitz den Briefverkehr ein, endgültig.
Anita Bader leidet. Bis sie durch einen Zufall erfährt: Sie war nicht die Einzige, die Blümchen-Briefe von ihm bekam. "Da war ich wohl mal wieder zu euphorisch", sagt sie.
Dem österreichischen Psychiater Reinhard Haller zeigte der legendäre Prostituiertenmörder Jack Unterweger einmal 42 Zuschriften von Frauen, die er allein am Vortag bekommen hatte. "Alle des Inhalts, dass sie ihn unendlich bewundern, ihn lieben, ihn retten wollen, zu ihm stehen", erinnert sich Haller. "Unter den Absenderinnen waren eine Juristin, eine Burgschauspielerin, eine Nonne."
Haller hat mehr als 400 Mörder und Gewalttäter begutachtet. Frauen, die Beziehungen zu solchen Männern aufnehmen, teilt er in drei Gruppen ein.
Erstens: die Retterinnen. Sie sähen sich als Heldin einer Geschichte, in der eine Frau mit Unbedingtheit zu einem Mann hält, den alle anderen verachten. Trotz aller Gegenbeweise glaubt sie an die edle Seele des Mannes ihrer Wahl und an die erlösende Kraft ihrer Liebe.
Zweitens: die Seelenforscherinnen. Sie wollten das Böse kennenlernen, wie einen Spiegel für etwas, das sie selbst in sich vermuten, in den Abgründen der Seele.
Die dritte Gruppe habe ein archaisches Motiv: "Da gehört das Morden, Töten und Schlachten zum Männlichen, die Frau identifiziert es mit Stärke, Schutz und Sicherheit", sagt Haller. Das mache den erotischen Reiz aus. Außerdem seien viele Schwerverbrecher mit dem manipulativen Charme des Psychopathen ausgestattet. Meisterpsychologen, die wissen, wie man mit Frauen umgeht.
In fast allen Beziehungen verleugnet oder bagatellisiert die Frau die Taten des Mannes: "Er ist unschuldig. Er hatte die falschen Freunde. Der Richter war gegen ihn. Sein Opfer hat ihn gereizt." Vielleicht lässt sich nur so das Wissen um die Tat aushalten. Noch ein denkbares Muster: Man identifiziert sich mit jemandem, den man eigentlich fürchtet, um dadurch die eigene Angst zu bewältigen.
Dazu passt, dass viele dieser Frauen als Kind missbraucht wurden oder alkoholabhängige, schlagende Väter hatten. Experten wie Haller sprechen dann von einer Reinszenierung des Traumas: Diesmal soll nicht sie das ohnmächtige Opfer sein, sondern die Kontrolle haben. Der gewaltbereite Mann soll ihr Liebe und Respekt entgegenbringen und damit die alten Wunden heilen.
Als der Tobi weg war, kaufte Sonja Lange einen Schredder und vernichtete seine Briefe, mehrere Müllbeutel voll.
Spricht sie heute von ihm, wird ihre Stimme hart: "Jeder Mensch hat eine zweite Chance verdient. Er hat seine nicht genutzt. Deshalb musste er gehen." Als er noch im Knast saß, klang das ganz anders, nämlich so: "Ich hab sein Foto in der Anzeige gesehen, da dachte ich, dass er ein ganz liebevoller, ehrlicher Mensch sein muss. Eben das, was ich mir unter einem Mann vorstelle."
Der Tobi. Er ist so alt wie sie, Mitte dreißig. Manchmal schreibt sie ihm 10 Seiten am Tag, manchmal 40. Er schreibt ihr auch täglich. Sie schickt ihm ihr Foto: eine attraktive Frau, glattes dunkles Haar. Schreibt von ihrer Tochter, 12, und dem Sohn, 13 Jahre alt, mit denen sie in einer kleinen Mietwohnung lebt. Von ihrem Job als Filialleiterin beim Discounter.
Hunderte Briefe hat sie schon mit ihm gewechselt, da zählt sie ihm auf, welche Straftaten sie ihm gar nicht zutraut: "Kindesmissbrauch. Mord. Das wäre für mich ein No-Go. Und eigentlich auch Vergewaltigung. Weil ich das schon selbst erlebt hab." Ihr erster Freund zwang sie zum Sex, und auch ihr Vater missbrauchte sie. Tobi antwortet, er wolle ihr persönlich sagen, was er getan habe, wenn sie ihn das erste Mal besuchen komme.
An dem Tag ist ihr schlecht vor Aufregung, sie hat noch kein Gefängnis von innen gesehen. "Dann kommt er rein, groß, blond, blaue Augen, schlank. Ich fand ihn sehr sexy, in so 'nem blauen Wollpulli, seine Muskeln zeichneten sich ab. Das war so ein Wow-Moment, da ist der Funke übergesprungen, und ihm ging's genauso."
Sie setzen sich an den Besuchertisch. Sofort fühlt sie sich ihm nahe. Da gesteht er ihr unter Tränen seine Tat: Er hat zwei Frauen vergewaltigt, innerhalb einer Woche, unter Alkoholeinfluss. Eine im Wald, eine im Hinterzimmer einer Tankstelle.
Sie ist perplex. Aber dann antwortet sie: "Was dich in meinen Augen rettet, ist, dass du besoffen warst."
Er verspricht, dass er keinen Tropfen mehr trinken werde. Von da an sind sie zusammen. Sie liest sein Urteil. Sie findet, so wie es abgelaufen ist, war es eigentlich keine richtige Vergewaltigung, die Frauen hätten sich jedenfalls nicht total gewehrt.
Sie fährt alle zwei Wochen hin, sie nimmt die Kinder mit, sie will mit Tobi leben. Nur Langzeitbesuch, Sex in der Zelle, das will sie nicht, und auch der Tobi ist ein Romantiker. Sie können sich auch so berühren, an den Armen. "Das ist Leidenschaft pur, da ist nichts von Grobheit oder Gewalt." Jedes Mal hat er Tränen in den Augen, wenn sie geht.
Er schreibt ihr: Wenn er draußen ist, würden sie heiraten, noch ein Kind kriegen, Ausflüge machen, ins Kino gehen, kochen, abends im Park auf einer Decke liegen und die Sterne angucken.
Wenn andere fragen, schwindelt sie, ihr Freund sei beruflich viel im Ausland unterwegs. Ihrer Mutter erzählt sie: "Mama, ich hab meinen Traummann gefunden, im Gefängnis." Der Mutter fällt fast der Hörer aus der Hand, aber sie streckt Geld vor, für einen Anwalt, um ihn vorzeitig rauszuholen. Der Anwalt stellt Anträge, in denen steht, dass der Tobi jetzt Familie hat. Dass er dorthin kann, wenn er rauskommt. Aber die Justiz behält den Tobi bis zum letzten Tag, sieben Jahre, ohne Lockerungen.
Zwei Wochen vor seiner Entlassung bekommt sie unangemeldet Besuch, ein Mann und eine Frau von der Kripo. "Sie wollten wissen, wie ich lebe, wer ich bin. Ob ich weiß, was er gemacht hat."
Dann darf sie ihren Traumprinzen abholen.
Ein halbes Jahr später ist Sonja Lange wieder allein. Vier Monate hat der Tobi bei ihr gewohnt, "gut war es nur die ersten zwei Wochen". Jede Woche musste er sich bei der Polizei melden und einen Alkoholtest machen. Die Nummer der Wache hatte sie griffbereit. "Die hätten ihn sofort abgeholt, wenn was gewesen wäre."
Die Kinder hatten sich auf ihn gefreut. Aber dann hing der Tobi immer nur auf dem Sofa vor dem Fernseher. Nie waren sie im Kino, nie im Park. Nie hat er gekocht. Er ließ sich bedienen, wie im Knast. "Ich kann nicht sofort mit dir ins Bett", hatte sie zu ihm gesagt. Aber dann wollte sie mehr Sex als er, "und irgendwann wollte er gar nicht mehr".
Aber diskutieren wollte er, über ihr Geld für seine Zigaretten. Einmal war fast nichts mehr da, er hatte alles verraucht. "Mit dem letzten Rest hatte ich ihn losgeschickt, Brot kaufen, für die Kinder. Und er kommt mit Zigaretten nach Hause. Ich sag: Und was essen dann meine Kinder? Er: keine Ahnung. Da bin ich ausgeflippt. Zwei Tage später fing er wieder an. Da hab ich gesagt: Es reicht, du gehst jetzt. Gib mir meinen Schlüssel und mein Handy, oder ich hol die Polizei."
Am Ende, sagt Sonja Lange, sei es eine Instinktsache gewesen zu sagen: "Stopp. Ich lass mein Leben nicht kaputt machen und das meiner Kinder schon gar nicht."
Alle acht Wochen treffen sich die Paare zur Gesprächsgruppe, immer sonntags, in der rheinland-pfälzischen Haftanstalt Diez, und einmal im Jahr zu einem Wochenende draußen, etwa in einem alten Kloster. Die Männer, Freigänger, kommen mit dem Bus aus dem Knast, die Frauen kommen von überallher.
Noch gibt es solche Angebote nur sporadisch. Denn selbst in den Justizvollzugsanstalten sind diese Beziehungen ein Tabu. Man begegnet den Frauen mit Ablehnung oder Desinteresse. Man sorgt für ihre Sicherheit, redet mit ihnen, bevor der erste Besuch in der Liebeszelle ansteht oder die erste Ausführung des Gefangenen in ihre Wohnung. Aber wie kommt die Frau in ihrer Beziehung zurecht? Und hat es einen Sinn, sie darin zu unterstützen?
Manche meinen neuerdings: ja. In Diez beispielsweise, wo Hunderte Langstrafler sitzen, finden im Schnitt pro Jahr immerhin fünf bis sechs Eheschließungen statt, davon viele, bei denen die Frau den Mann erst während seiner Haft kennengelernt hat. Die Justizvollzugsanstalt Schwerte plant eine Gruppe für Partnerinnen von Inhaftierten; unter anderem in Werl bieten Gefängnisseelsorger sogenannte Eheseminare an; in Freiburg bekommen Paare und Familien therapeutische Beratung. Resozialisierung gilt heute als höchstes Ziel des Strafvollzugs. Nichts hilft dabei mehr als eine Partnerschaft mit Perspektive.
Wenn Ute Neuer, die einstige Zeitungspraktikantin, abends von der Arbeit kommt, hat ihr Mann eingekauft und den Haushalt gemacht, alles tipptopp. Ist sie erschöpft, massiert er ihr die Füße, morgens macht er Müsli - der perfekte Hausmann. An diesem Nachmittag deckt Martin Neuer den Kaffeetisch, stellt Kuchen hin und kramt ein Fotoalbum und den Kassettenrekorder aus dem Schrank.
Nach fünf Jahren Sicherungsverwahrung durfte er Schritt für Schritt in die Freiheit. Jahrelang machten die Neuers im Gefängnis eine Paartherapie, nach der Entlassung gingen sie weiter hin. Da wohnte er schon bei ihr. Sein Zimmer hatte er eingerichtet wie seine Zelle: nur Bett, Tisch, Regal. Das ist jetzt fast zehn Jahre her.
"Ohne die Hilfe meiner Frau würde ich heute nicht hier sitzen", sagt Martin Neuer. "Und wir beide zusammen hätten es ohne andere Menschen auch nie geschafft." Ute Neuer erinnert sich: ",Du und deine Zuchthausrennerei!', hat mein Vater immer geschimpft." Als sie Jahre später ankündigt, diesen Mann heiraten zu wollen, sind ihre Eltern erst schockiert, aber sie akzeptieren ihre Wahl. Als ihr Vater stirbt, bittet er seinen Schwiegersohn auf dem Sterbebett: Gib auf die Ute acht. "Dafür bin ich ihm bis heute dankbar", sagt Martin Neuer.
Seine Pflegeeltern, die Paartherapeutin, ein Gefängnisseelsorger, eine Nonne, die Martin Neuer schon als Kind kannte und immer den Kontakt zu ihm gehalten hat - "sie alle haben uns Mut gemacht", sagt Ute Neuer. Die meisten dieser Menschen sind bei der Trauung im Gefängnis dabei. Es gibt eine Tonaufzeichnung davon, Herr Neuer legt die Kassette ein: Die Orgel spielt einen Hochzeitsmarsch, dann hört man den Gefangenenchor zur Gitarre singen: "Von guten Mächten wunderbar geborgen ..." Herr Neuer singt leise mit, seine Augen glänzen.
Frau Neuer blättert im Fotoalbum, man hört die Hochzeitsgesellschaft das Vaterunser beten: Erlöse uns von dem Bösen.
Sie trug ein weißes Kleid wie im Märchen, er einen Anzug aus dem Katalog. Den Blumenstrauß hatte er von seinem Flurnachbarn, dem RAF-Terroristen Christian Klar, eingetauscht gegen einen Gefallen. "Der bekam jede Woche Blumen von einer Verehrerin", erinnert sich Herr Neuer. Auf dem Foto vom Anschnitt der Hochzeitstorte sieht man hinter dem Brautpaar wie einen Waldschrat Heinrich Pommerenke stehen, den bekannten Frauenmörder, mit langem Bart. Um Punkt fünf muss der Gefangene Neuer wieder zurück auf die Zelle. Vorher dürfen sie sich umarmen.
"Nach der Hochzeit saß ich allein in meiner Wohnung", sagt Frau Neuer. "Ich hab die Kassette angehört und geheult."
Sie war jetzt Mitte dreißig.
Für den Tag nach der Trauung genehmigt die Anstalt den ersten Langzeitbesuch. Es begegnen sich zwei in Liebesdingen fast unerfahrene Menschen, aber auch da finden sie zueinander, behutsam. Und überstehen acht Jahre Gefängnis, die noch vor ihnen liegen.
"Ich bewundere meine Frau", sagt Herr Neuer. "Dass sie den Mut und die Stärke hat, sich auf mein Schicksal einzulassen. Mehr als Knast hatte ich ja nicht zu bieten."
Das allerdings sieht Ute Neuer ganz anders. Nicht nur, dass ihr Mann im Gefängnis viel gelesen hat und heute in der Volkshochschule Kurse über Nietzsche und Popper belegt. "Das Rebellische, das Wilde, das in ihm steckt", sagt sie, "das lockt mich noch immer. Ich fand viele Männer in meinem Umfeld langweilig. Das ist er nicht."
Manches sei sogar im Gefängnis besser gewesen als draußen: "Der Langzeitbesuch", sagt Frau Neuer, "der fehlt mir manchmal." Denn Langzeitbesuch heißt: kein Telefon, kein Radio, kein Alkohol, kein Fernseher. Nur sie und er.
* Elisabeth Pfister: "Wenn Frauen Verbrecher lieben". Ch. Links Verlag, Berlin; 237 Seiten; 16,90 Euro.
Von Lakotta, Beate, Pfister, Elisabeth

DER SPIEGEL 39/2014
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