22.09.2014

KinokritikWas soll das?

Christian Petzolds Film „Phoenix“ über das Verdrängen im Nachkriegs-deutschland ist bleiernes Knallchargentheater.
Es ist schwer zu sagen, was Christian Petzold mit seinem Film "Phoenix" erreichen wollte, und man könnte mit den Achseln zucken und sagen, dass das eben eine weitere Etüde dieses Regisseurs ist, den Filmkritiker oft anfeuern mit der verzweifelten Liebe von Cheerleadern eines Teams, das seit Jahren nur verliert: Aber wer den Holocaust im Jahr 2014 mit den Mitteln und der Moral der Fünfzigerjahre ins Gewand eines Melodrams packt, der muss sich vielleicht doch ein paar grundsätzlichere Fragen gefallen lassen.
Was also soll diese Geschichte, die alle Plausibilität sprengt und auf eine geschichtspolitische Volte hinführt, ähnlich exkulpatorisch wie in Bernhard Schlinks Bestseller-Roman "Der Vorleser": eine jüdische Überlebende, im Gesicht schwer verwundet, zurück aus dem Lager, von ihrem nicht jüdischen Mann womöglich verraten - die nichts mehr will als zu diesem Mann zurück, ein Opfer, das den Täter anfleht, erkannt, erlöst, gerettet zu werden.
Denn das ist die Situation: Johnny, der schwitzige, schnaufende, überflüssig und dauernd missgelaunte Ronald Zehrfeld, merkt nicht, dass Nelly vor ihm steht. Und was macht Nelly, die zitternde, bebende, ins Nichts spielende Nina Hoss? Sie zittert und bebt und schweigt. Sie macht mit bei seinem Plan, sie zur Doppelgängerin von Nelly werden zu lassen, die alle für tot halten, sie soll Johnny helfen, ans Erbe der natürlich reichen Jüdin Nelly zu kommen.
Noch mal: Was soll das? Das Schweigen, die Lüge und der Verrat haben sich in die deutsche Nachkriegsgesellschaft gestohlen, ach ja? Aber doch nicht so. Was soll also dieses bleierne Knallchargentheater, was soll diese empathiefreie Kunstübung, was soll diese Verwechslungstragödie, bei der so gut wie nichts stimmt?
Nicht die Interieurs: Die Deutschen hausen in Löchern und hungern, die Juden residieren in Villen und haben eine Haushälterin - ist jemandem von der Produktion mal aufgefallen, dass so eine irrwitzige Darstellung genau die Vorurteile spiegelt, mit denen sich der Judenhass äußert?
Nicht die Figuren: Was für ein Mensch müsste diese Nelly sein, dass sie sich ihrem Mann auf eine masochistische Art und Weise unterwirft, die nicht mal sexuell konnotiert ist, denn sexuell ist selten etwas in Petzolds Filmen. Was für ein Duldsamkeitsapostel müsste diese Frau sein, dass sie nicht zusammenbricht, als sich ihre Freundin Lene, die Nelly gerettet und umsorgt hat und die mit ihr nach Palästina gehen wollte, einfach umbringt - was übrigens ist hier genau die geschichtspolitische Aussage?
Am allerwenigsten aber stimmen die Sätze dieses windschiefen Drehbuchs, die klingen wie aus einem Groschenroman, den jemand in einer Grabbelkiste auf dem Flohmarkt gefunden hat. Das rote Kleid, das Nelly tragen soll: "Das geht doch nicht, ich kann doch nicht so aus dem Lager kommen." Die Liebe: "Er hat mich zu Nelly gemacht." Die Politik: "Ich kann nicht nach Palästina." Und Verrat, sagt Nelly, was ist schon Verrat?
Es ist eine seltsame Vergebungssehnsucht, die diesen Film durchzieht und dabei - "Phoenix" ist dem historischen Helden und Nazi-Aufklärer Fritz Bauer gewidmet - so tut, als wäre diese Schmonzette ein Beitrag zu irgendeiner Diskussion darüber, wie die Deutschen zu Mördern wurden und wie sie mit diesem mörderischen Erbe umgingen und warum das Nachkriegsdeutschland so eisig unterkühlt war, so schockgefroren wie die Seelen der Figuren in diesem Film.
Im Grunde verniedlicht Petzold damit die Verdrängung nach 1945, er relativiert das, was er wohl über die deutsche Geschichte sagen wollte: Schaut her, versucht zu verstehen, wie seltsam der Mensch wird, wenn es um Fragen von Krieg und Lüge, von Liebe und Verblendung geht - und glaubt mir, wenn ich euch zeige, wie groß die Möglichkeit des Selbstbetrugs und der Selbstverleugnung ist.
Gegen Ambivalenz ist dabei an sich nichts zu sagen, wenn sie künstlerisch und historisch plausibel ist. Was "Phoenix" aber fast exemplarisch vorführt, ist das Scheitern eines privatistischen Verständnisses von Politik - Petzolds Versuch, das Riesenverbrechen auf Kammerspielgröße zu quetschen, und seine diffuse Sicht auf Geschichte als eine Aneinanderreihung von Zuständen, dieser Nebel, in den er dieses Deutschland so oft und gern taucht, zuletzt in seinem Film "Barbara" von 2012.
Schon richtig: Deutsche Geschichte muss nicht diese Abarbeitungsfolklore im Margarethe-von-Trotta-Modus sein - und Christian Petzold, der in seinen Filmen einen speziellen Zugang sucht zum Deutschen in all seinen Schattierungen, wollte wohl eine Art Antithese formulieren zur großen deutschen "Unsere Mütter, unsere Väter"-Oper.
Aber eben nicht so. Das Irgendwo ist vielleicht ein guter Ort, um einen Latte macchiato zu trinken, das Irgendwo ist aber nicht der richtige Ort, um den Holocaust zu verhandeln. Und wenn "Phoenix" ein Versuch gewesen sein sollte, den Judenmord ohne Braunhemden und anderes Hasskolorit zu zeigen und eher als melancholisch verhangene Jazzballade, dann kann man sagen, dass dieser Versuch gescheitert ist.
Kinostart: 25. September.
Von Georg Diez

DER SPIEGEL 39/2014
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