29.09.2014

Der Dichter unserer Zukunft

Vor 100 Jahren schrieb Franz Kafka die ersten Seiten seines visionären Romans „Der Prozess“. Was ihn befähigte, eine Welt anonymer Überwachung vorherzusehen, führt eine jetzt abgeschlossene Biografie eindrucksvoll vor. Von Volker Hage
In Berlin, in Wien, in St. Petersburg, in Paris: Überall herrschen Anfang August 1914 Tumult und Aufregung. Auch Begeisterung für dieses große Abenteuer namens Krieg. Innerhalb weniger Tage haben sich Europas Mächte gegenseitig den Krieg erklärt: Österreich-Ungarn den Serben, Deutschland den Russen und den Franzosen, außerdem werden Luxemburg, Belgien und Großbritannien hineingezogen.
Auch in Prag, der böhmischen Hauptstadt, die zum Kaiserreich Österreich-Ungarn gehört, werden in diesen Tagen die in den Krieg ziehenden Soldaten bejubelt, während in der Bilekgasse Nummer 10 ein unbekannter Dichter den Satz formuliert: "Jemand musste Josef K. verleumdet haben, denn ohne dass er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet."
Es ist, in gut lesbarer Handschrift, einer der berühmtesten ersten Sätze der Weltliteratur, der erste Satz von Franz Kafkas Roman "Der Prozess", der 1925, ein Jahr nach dem Tod des Autors, erscheinen wird. Ein leise dröhnender Satz, in dem schon fast all das steckt, was Kafka zu einem der größten Schriftsteller des 20. Jahrhunderts werden lässt: die Ängste und die Paranoia des modernen Menschen, der die Kontrolle verliert über sein eigenes Leben, in einer Welt alles beherrschender Totalitarismen, alles beherrschender Systeme von Überwachung und Aufsicht. Das ist jetzt 100 Jahre her.
Kafka: Das ist mehr als nur ein Name, das ist ein Begriff, eine eigene Kategorie, ein Anspruch, ein Gipfel, unübersehbar für alle, die Literatur lesen oder schreiben. Auch wer keine Zeile von ihm kennt, hat doch vom "Prozess", vom "Schloss" oder vom "Brief an den Vater" gehört, ist schon einmal dem heute etwas aus der Mode gekommenen Ausdruck "kafkaesk" begegnet und kann dem Dichter wahrscheinlich den einen oder anderen Titel seiner Erzählungen zuordnen: "Vor dem Gesetz", "Auf der Galerie", "In der Strafkolonie", "Das Urteil", "Die Verwandlung".
Der Lyriker W. H. Auden hat Kafkas Bedeutung 1941 auf den Punkt gebracht: "Sollte man den Namen eines Künstlers nennen, der in ähnlicher Beziehung zu unserem Zeitalter steht wie Dante, Shakespeare und Goethe zu den ihren, so käme einem wohl zuerst der Name Kafka in den Sinn."
Als Franz Kafka den berühmten Romananfang schrieb, war er 31 Jahre alt. Zum ersten Mal lebte der Junggeselle allein. Bis dahin hatte er, in jener Zeit nicht unüblich, bei den Eltern gewohnt. Seinen Schreibversuchen ist das nicht besonders zuträglich gewesen, zumal sein Zimmer von der Familie als Durchgangsraum genutzt wurde.
Nun belegte Kafkas Schwester Elli, deren Mann einberufen worden war, mit ihren Kindern dieses Zimmer bei den Eltern, und der Bruder zog in die Bilekgasse um, ganz in der Nähe. Und hier plötzlich kam der Durchbruch für den Schriftsteller, der bis dahin zwei Prosabände von geringem Umfang publiziert und im Jahr zuvor einen ersten Roman, "Der Verschollene", vorläufig aufgegeben hatte.
Kafka war im August 1914 wie befreit. Erst wenige Wochen zuvor hatte sich in Berlin seine Verlobte Felice Bauer von ihm getrennt. Es sollte zwar nicht das letzte Wort in dieser Angelegenheit sein, zunächst aber waren der Worte genug gewechselt: Bevor die Arbeit am "Prozess" in Gang kam, war ein anderer Schreibprozess vorläufig zum Abschluss gekommen, eigentlich eher ein Schreibexzess: Rund 350 Briefe, Karten und Telegramme, oft mehrere pro Tag, hatte der Dichter seit 1912 Felice Bauer zukommen lassen, seiner - wie er glauben wollte - Ehefrau in spe. Die "Briefe an Felice" zählen heute zu seinen bekanntesten Schriften und gehören als Dokument einer einzigartigen Selbstsuggestion zum Kafka-Kanon.
Ihr Verfasser erlebte den Krieg keineswegs als gleichgültiger Zeitgenosse, wie oft vorschnell aus einem viel zitierten Tagebucheintrag geschlossen worden ist. "Deutschland hat Rußland den Krieg erklärt. - Nachmittag Schwimmschule", heißt es da lapidar am 2. August 1914. Sogar der Kritiker Marcel Reich-Ranicki ließ sich täuschen, der die Egozentrik für den Kern von Kafkas Wesen hielt und glaubte, "dass ihn, genau genommen, nur eine einzige Person auf Erden wirklich interessierte".
Durchaus nicht: Der Schriftsteller hatte schon als 14-jähriger Schüler des deutschen Altstädter Gymnasiums in Prag erlebt, wie schockierend ein Aufruhr sein kann. Im Dezember 1897 warfen tschechische Bewohner der Stadt Schaufensterscheiben ein und plünderten Geschäfte. Es ging gegen die Deutschen. Und es ging auch gegen die Juden, egal ob sie Deutsch oder Tschechisch sprachen. Auf dem Altstädter Ring brannten die Stühle und Tische eines Cafés, das als jüdisch galt.
Zuvor hatten Studenten der deutschen Universität, die grölend durch Prag gezogen waren, mit deutschnationalen Liedern provoziert. Dann wollten tschechische Studenten dagegenhalten, wurden aber unverzüglich von berittener Polizei gestoppt. Eine aufgebrachte Menge zog durch die Straßen, warf mit Pflastersteinen und legte Feuer, während die Geschäftsleute ihre Läden noch schnell mit Brettern zu schützen versuchten.
Die Deutschen und die Juden gehörten in Prag zur Minderheit und dominierten dennoch die böhmische Verwaltung und das Geschäftsleben. Der Zorn der Tschechen brach sich nicht zum ersten Mal Bahn. Doch so verheerend wie jetzt war es seit Jahrzehnten nicht mehr gewesen.
Kafkas Gymnasium blieb tagelang geschlossen. Weder die Polizei noch die in voller Stärke angetretenen Prager Bataillone konnten der Lage Herr werden, auch wenn sie mit aufgepflanztem Bajonett gegen die Menge vorgingen. Es gab Tote und Verletzte. Erst das am fünften Tagen ausgerufene Standrecht machte der ungesteuerten Revolte ein Ende, die als "Dezembersturm" in die Geschichte einging.
Als Kafka im August 1914 die ersten Zeilen seines "Prozess"-Romans schrieb, war er schon seit sechs Jahren bei der "Arbeiter-Unfall-Versicherungs-Anstalt für das Königreich Böhmen in Prag" angestellt, einer Institution, die zu Recht als soziale Errungenschaft begriffen wurde.
Bis zum Kriegsausbruch hatte er in diesem Brotberuf vor allem mit Arbeitsunfällen zu tun gehabt, hatte sich unter großem Einsatz für Entschädigungen und generell einen besseren Arbeitsschutz eingesetzt. Nun musste sich die Anstalt bald auch um Kriegsversehrte kümmern, und Kafka, inzwischen in gehobener Position, wurde zum Zeugen jener körperlichen und seelischen Schäden, die die modernen Waffen und Kampfmethoden mit sich brachten.
Seine Vorgesetzten hielten ihn für unentbehrlich. Ohne Kafka groß zu fragen, sorgten sie dafür, dass er vom Kriegseinsatz verschont blieb. Von dem Regiment, dem er schon zugeordnet war, kehrten nur wenige nach Hause zurück.
Prag, August 2014. Im Hotel Century Old Town lässt man sich den Hinweis auf Kafka nicht entgehen. Links neben der Fahrstuhltür steht auf einer Tafel in tschechischer, englischer, französischer und deutscher Sprache: "Sie befinden sich im Gebäude der ehemaligen Arbeiter-Unfall-Versicherungsanstalt, wo Franz Kafka in den Jahren 1908 - 1922 arbeitete." Auch der Hinweis auf das Büro, in dem er zuletzt am Schreibtisch saß, unterbleibt nicht: Es ist das Hotelzimmer 214. Das Restaurant im Haus trägt den Namen Felice.
Vor allem aber: Die große Treppe, die sich in weiten Bögen in die Höhe schwingt und den Blick des Betrachters fast magisch nach oben zieht, ist in voller Pracht erhalten.
"Kafka kam fast jeden Morgen zu spät zur Arbeit", erzählt sein Biograf Reiner Stach am Fuß dieser Treppe. "Er lief von seiner Wohnung hierher, und er konnte einfach nicht pünktlich sein. Der Fahrstuhl war ihm zu langsam, also hetzte er die Stufen hoch."
Mit Stach, 63, durch Prag zu laufen ist ein Vergnügen der besonderen Art, wie es auch das reine Vergnügen ist, seine rund 2000 Seiten umfassende Biografie Kafkas zu lesen, deren dritter und letzter Band jetzt erschienen ist. Allein die Schreibzeit verschlang 18 Jahre, inklusive der Reisen und Recherchen - nicht zu reden von den Vorarbeiten wie der Dissertation aus dem Jahr 1985, Thema: "Kafkas erotischer Mythos".
Stach, der einige Jahre lang in Frankfurt am Main als Lektor im Verlag S. Fischer arbeitete und heute in Berlin wohnt, hat gut und gern zwei Jahrzehnte mit seinem Helden zugebracht - mehr als die Hälfte der Lebensdauer, die Kafka vergönnt war, der im Juni 1924, einen Monat vor seinem 41. Geburtstag, in einem Sanatorium an den Folgen einer falsch behandelten Tuberkulose starb.
Dass einer das aus eigener Kraft bewältigt hat, ohne Mitarbeiter, ohne Schreibkraft, ist ein Akt großer Passion - auch wenn es Vorarbeiten gab wie die biografischen Recherchen von Hartmut Binder und Klaus Wagenbach, denen Stach einiges verdankt.
Was Jürgen Habermas einmal über die Arbeit des Historikers Hans-Ulrich Wehler schrieb, trifft auch auf Stach zu. "Hier ist durch den synoptischen Blick eines Einzelnen", so die Worte von Habermas, "ein atemberaubender Reichtum an Daten und Literatur verarbeitet und zu einer großartigen Komposition zusammengefügt worden."
Überdies ist Stachs Kafka-Biografie ein Epos, streng auf Fakten und Forschung basierend und entsprechend ausführlich und detailliert geraten, doch ohne je den großen Zusammenhang aus den Augen zu verlieren. Wenn der Biograf früher, ganz zu Beginn, von den Umrissen der vor ihm liegenden Arbeit sprach, hieß es oft: "Das ist ja eine Lebensaufgabe!" Stach konterte dann: "Was haben Sie gegen Lebensaufgaben? Andere wären froh, wenn sie eine hätten."
Aber das war nur die halbe Wahrheit. Natürlich hatte er zwischendurch immer wieder schlaflose Nächte und, wie er freimütig einräumt, regelrechte Existenzangst. Über Jahre hinweg wurde die Arbeit vom Verlag S. Fischer, in dem die Biografie erscheint, finanziert und von einer Stiftung gefördert, zuletzt half der Mäzen Jan Philipp Reemtsma.
Während wir gemeinsam mit einem Fotografen durch die Flure des Hotels streifen, auf der Suche nach dem richtigen Blickwinkel, wird spürbar, wie erleichtert der Biograf jetzt nach Abschluss seines Werkes ist.
Dass es immer wieder heißt, Kafka habe im Krieg nichts erlebt, ist ihm unverständlich. "Ein Riesenirrtum! Der hat erlebt, wie Leute an Hunger gestorben sind. Der hat die Schwerverletzten vor seinem Schreibtisch sitzen gehabt, die Tuberkulose- und Cholera-Kranken, Soldaten mit schweren Traumata, die sogenannten Zitterer. Er hatte mitzuentscheiden, ob jemand überhaupt noch kriegstauglich war."
Hier in diesem Gebäude hat der Jurist Dr. Franz Kafka Jahre seines Lebens verbracht. Vergeudet, wie es die Legende will. Er selbst hat diese Lesart vor allem in den Briefen an Felice Bauer kräftig angeheizt, indem er klagte, wie ihm vom "entsetzlichen Bureau" die Zeit für die eigentliche Arbeit gestohlen werde. Aber war das Amt für ihn wirklich nur eine "Grube, in der ich sitze", der "Bodensatz des Jammers", ein "Schrecken"? Hat er hier nicht Erfahrungen und Einblicke gewonnen, die seinem Werk zugutekamen?
Das erstaunt auch Stach: "Eine systematische Einsicht in den Zusammenhang von seinem Beruf und seinem Schreiben hatte Kafka merkwürdigerweise nicht. Er war psychodynamisch darauf angewiesen, diese beiden Welten voneinander entfernt zu halten, um produktiv zu bleiben." Aber dass dem Dichter dieser Zusammenhang völlig entgangen sein sollte, glaubt auch Stach nicht, schließlich komme ja die Berufswelt in ganz direkter Weise im Werk vor.
Da gibt es etwa diesen ausführlich beschriebenen Unfall auf einer Baustelle im Roman "Der Verschollene", und Kafka war für diese Art von Unfällen zuständig. Er sei überzeugt davon, so Stach, "dass dieser Unfall genau so stattgefunden hat".
Die meisten Geschäftsbriefe des Angestellten der Arbeiter-Unfall-Versicherung müssen als verloren gelten. Und was sich auffinden ließ, ist merkwürdigerweise erst spät einer Publikation für wert erachtet worden. Eine größere Auswahl von Kafkas "Amtlichen Schriften" erschien 1984 in der DDR, ausgerechnet dort, wo - wie im gesamten Ostblock - der Dichter verpönt war. Er galt als Revisionist, und der SED-Parteichef Walter Ulbricht persönlich warnte die Autoren im Staate davor, Kafka zu idealisieren und "als Rammbock" gegen das Ideal des sozialistischen Realismus zu nutzen.
Dabei hätte sich kein besserer Realist finden lassen. Stach: "Eine bestimmte Form bürokratischer Unterdrückung hat er als einer der Ersten in allen Konsequenzen beschrieben. Das war von ihm nicht explizit als Gesellschaftskritik gedacht, aber er hat erkannt, dass da eine ganz wesentliche Veränderung der Gesellschaft stattfindet, bis hin zu einer anonymen Machtausübung, bei der niemand mehr weiß, wer eigentlich entscheidet."
Es ist unschwer zu erkennen, dass sein Ansehen im Amt und seine Aufgaben ihn psychisch stabilisierten. Kafka hat das nicht nebenbei gemacht. Seine Briefe an Unternehmer, die sich um Versicherungsprämien drücken wollten, die die Gefährlichkeit von Arbeitsabläufen bagatellisierten und mögliche Schutzmaßnahmen verweigerten, sind konzise und brillant. Er ist viel gereist, machte Verbesserungsvorschläge, hielt Reden vor größerem Publikum.
"Kafka hat manchmal wochenlange Dienstreisen gemacht und erlebt, wie es in Steinbrüchen und Fabriken zuging", erzählt Stach auf dem Weg zum Restaurant Felice, wo es im Gang liebevoll mit Bürogeräten aus Kafkas Zeit bestückte Schaukästen gibt. "Er wusste, was Akkordarbeit bedeutet. Unfallopfer, die zu Statistiken werden: Er verstand sehr bald, dass das ein höchst bedenklicher Vorgang war."
Kafkas häufigen Klagen über das Büro und seine Selbstwahrnehmung als schriftstellerischer Versager ist im Übrigen auch die Komik der Übertreibung nicht fremd. So wenn er Anfang 1913 darüber verzweifelt war, dass er wieder einmal nur wenig am Roman geschrieben habe, "und das wenige mit Fähigkeiten, die vielleicht gerade zum Holzhacken genügen würden, aber nicht einmal zum Holzhacken, höchstens zum Kartenspielen". Oder wenn er davon spricht, nach einer unruhig verbrachten Nacht so traurig gewesen zu sein, "dass ich mich vor Traurigkeit aus dem Fenster nicht werfen (das wäre für meine Traurigkeit noch zu lebenslustig gewesen), aber ausgießen hätte wollen". Und überhaupt kenne seine "elende Natur" nur dreierlei: "losspringen, zusammenfallen und hinsiechen".
Wer außer ihm hätte so viel Verzweiflung derart spielerisch-schwungvoll zum Ausdruck gebracht? Thomas Mann war es, der als einer der Ersten wahrnahm: "Wie komisch kann dieser Dulder sein! Ich rechne es ihm besonders hoch an."
Der vor 100 Jahren niedergeschriebene Anfangssatz des "Prozess"-Romans sollte ursprünglich anders lauten: "Jemand musste Josef K. verleumdet haben, denn ohne dass er etwas Böses getan hätte, war er eines Morgens gefangen." So stand es zunächst im Manuskript, das sich heute im Marbacher Literaturarchiv befindet und einen Wert von mehreren Millionen Euro hat.
Tatsächlich schrieb Kafka eigenwillig "verläumdet" - er bevorzugte übrigens auch die Schreibweise "Litteratur".
Mit zwei entschiedenen Strichen und Einfügungen gab Kafka dem ersten Satz seine endgültige Form: "wurde er eines Morgens verhaftet". Dabei mag eine Rolle gespielt haben, dass es ansonsten zu sehr nach Gefangenschaft geklungen hätte, nach einer unbeabsichtigten Anspielung auf den gerade ausgebrochenen Krieg. Vor allem aber: Wenn K. vom ersten Satz an "gefangen" ist, dann kann sich die klaustrophobische Atmosphäre nicht mehr aus der Handlung entwickeln.
So aber ist der Fremde, der da eines Morgens in sein Zimmer tritt, ohne auch nur die geringsten Anstrengungen zu unternehmen, sich zu legitimieren oder die Privatsphäre zu achten, dieser Eindringling, der sich benimmt, als wäre er hier zu Hause, nicht nur unheimlich, sondern es wird die Neugier auf die Reaktion von Josef K. und dessen weiteres Verhalten geweckt.
Der heute so geläufige Name des Romanhelden stand übrigens nicht von Anfang an fest. Zunächst hatte Kafka in seinem Tagebuch einen anderen notiert: Hans Gorre. Doch erst mit der endgültigen Namenswahl, mit Josef K., kam offenbar der nötige Schwung in die Sache. Das autobiografisch schillernde Namenskürzel hob den Protagonisten über eine beliebige Romanfigur hinaus.
Die Namenswahl ist noch anspielungsreicher als auf den ersten Blick ersichtlich. Den Namen Franz hatten die Eltern wohl nach dem Kaiser in Wien ausgewählt - und dessen Name lautete Franz Joseph I. Und um das Spiel mit der selbstbezüglichen Namensgebung komplett zu machen, trägt jener Wächter, der zuerst in Erscheinung tritt, den Vornamen Franz.
Prag, Café Louvre. Das Interieur entspricht weitgehend dem, das Kafka und seine Freunde einst vor Augen hatten: riesige Spiegel an der Wand, Tische in Reih und Glied, ein großer Billardraum gleich nebenan. Das Etablissement wurde 1902 eröffnet und entwickelte sich rasch zum beliebten Treffpunkt der Künstler und Intellektuellen - bis die Kommunisten kamen, das Mobiliar auf die Straße warfen und das Café 1948 schlossen. Nach einer liebevollen Restaurierung öffnete das Louvre 1992 wieder seine Pforten.
Auch hier fehlt der Hinweis auf den berühmten Besucher nicht. Ein Faltblatt liegt in zwei Stapeln aus: in tschechischer und in englischer Sprache.
"Was Kafka hier eigentlich bestellt hat, wissen wir nicht", sagt Stach. Damals konnte man lange in dem sich über zwei Stockwerke erstreckenden Café sitzen, ohne dass das Personal ungeduldig wurde. "Man konnte sogar den Kellner herbeirufen und ihn bitten, einen bestimmten Band des Konversationslexikons zu holen, das hinter der Theke stand. Auch das Kursbuch gab es, und eine Ecke zum Telefonieren. Das alles war schon sehr luxuriös."
Stach, der hier wohl selbst gern Stammgast gewesen wäre, weiß zu berichten, dass Kafka und dessen Freund Max Brod in jungen Jahren nicht selten bis spät in die Nacht blieben - und dann weiter in eine Weinstube zogen: "Dort ging es lockerer zu. Da gab es Champagner, und die Kellnerinnen waren zum Teil käuflich, jedenfalls nicht abgeneigt, wenn ihnen jemand gefiel. Kafka war mindestens zweimal mit einer von ihnen liiert. Er kam bisweilen erst am Morgen nach Hause, wechselte die Kleidung und ging dann ins Büro, wo er sechs Stunden zu arbeiten hatte."
Anders als ein überholtes Kafka-Bild es will, war er kein lebensabgewandter Mensch. Selbst in der Schule war er beliebt und kein Außenseiter, obgleich er von den Lehrern als "Vorzugsschüler" eingestuft wurde. In späteren Jahren machte er mit Freunden gemeinsame Reisen. Max Brod, mit dem er unter anderem in Mailand und zweimal in Paris war, erinnerte sich später: "Wir wurden zu fröhlichen Kindern, wir kamen auf die absonderlichsten, hübschesten Witze - es war ein großes Glück, in Kafkas Nähe zu leben."
Kafka war alles andere als ein Stubenhocker. Man muss ihn sich als einen sportlichen Mann vorstellen. Er schwamm leidenschaftlich und ausdauernd, ob in einer Badeanstalt oder im See, er ruderte, nahm Reitstunden, machte lange Fußmärsche, bis zu acht Stunden konnten sie dauern. "Ich rudere, reite, schwimme, liege in der Sonne", heißt es einmal fast selbstzufrieden im Tagebuch. Doch dann kommt gleich wieder eine seiner rhythmisch-rhetorischen Abwärtsspiralen: "Daher sind die Waden gut, die Schenkel nicht schlecht, der Bauch geht noch an, aber schon die Brust ist sehr schäbig und wenn mir der Kopf im Genick" - da bricht er lieber ab.
Dass er den Frauen gefiel, so sehr, dass er gelegentlich fliehen musste, ist heute kein Geheimnis mehr. Bisweilen lockte ihn "der Körper jedes zweiten Mädchens", wie er Brod schrieb, mit dem zusammen er auch Prager und Pariser Bordelle besuchte. Sexuelle Erfahrungen machte er reichlich, nicht nur mit käuflicher Liebe. Er selbst hat geschildert, unter welchen Umständen es zu einer Liebesnacht mit einer Verkäuferin kam. Er war Anfang zwanzig, und die junge Frau, die er als "Ladenmädchen" bezeichnete, dürfte nicht sehr viel älter gewesen sein. Aber offenbar hatte sie ihm an Erfahrung und Liebespraxis einiges voraus.
Jedenfalls verwirrte ihn, dass sie etwas sagte, das er als "eine kleine Schmutzigkeit" empfand, und etwas tat, das er "eine winzige Abscheulichkeit" nannte. Was immer das war, für ihn war es offenbar zu viel auf einmal. Das hinderte ihn aber nicht, bald noch eine zweite Nacht mit ihr zu verbringen. Das "Abscheuliche und Schmutzige" hatte, wie er sich eingestand, eine "wahnsinnige Gewalt" über ihn gewonnen.
Die reale Sexualität mit ihren schwer zu kontrollierenden Kräften und inneren Konflikten machte ihm offensichtlich zu schaffen, durchaus im Rahmen einer für sensible Menschen nicht außergewöhnlichen Ambivalenz, frei von pathologischen Zügen.
In diesem Zusammenhang zeigt sich einmal mehr die Gefahr einer plumpen autobiografischen Auslegung von Literatur. Es gibt in Kafkas Werken eine "Vielzahl störender, bedrohlicher, gelegentlich tierhafter weiblicher Figuren", wie Stach in seiner Biografie festhält. Das heißt aber keineswegs - eben weil Kafka das eigene Leben nicht direkt als Quelle nutzte -, dass er es persönlich so erlebt hat. Über die glücklichen Liebesmomente schwieg er sich aus.
Auch der Biograf weiß nicht auf alles eine Antwort. So hat Stach, wie schon andere vor ihm, vergebens herauszufinden versucht, wer jene Frau war, die Kafka nach eigenen Angaben so sehr liebte, "dass es mich im Innersten geschüttelt hat".
Natürlich fragt sich ein derart skrupulöser Forscher wie Stach, was ihn antreibt und überhaupt berechtigt, "so tief in das Leben eines anderen Menschen einzudringen". Er kommt ganz von allein darauf zu sprechen: "Ist das reiner Voyeurismus? Appelliere ich an den Voyeurismus im Leser?" Seine Antwort und Überzeugung: "Wenn das überhaupt bei jemandem zu rechtfertigen ist, dann bei ihm, bei einem, der die sprachlichen Möglichkeiten bis zum Äußersten ausgereizt hat. Für mich ist er eine Jahrtausendfigur."
Und er fügt hinzu: "Wenn ich meinen Beitrag dazu leiste, dass wir etwas besser verstehen, wie es dazu kam, wie jemand so produktiv werden konnte, dann verstehen wir vielleicht das Potenzial des Menschen besser und auch uns selbst."
Er war der Dichter des 20. Jahrhunderts, er wird auch im 21. bestehen. Da mögen sie alle, von George Orwell bis Dave Eggers, mit ihren Negativprognosen, ihren Dystopien mehr oder weniger der Zeit voraus sein - Kafka ist immer schon da. Es sieht ganz so aus, als würde seine visionäre Durchdringungskraft sich jetzt erst voll entfalten und zur Geltung kommen. Die anonymen Mächte, denen sich die Kafka-Helden namens K. aus den Romanen "Der Prozess" und "Das Schloss" ausgeliefert sehen und sich selbst ausliefern, ja geradezu aufdrängen, sind in einer Weise so bedrückend aktuell, dass ihre Darstellung als Vorwegnahme dessen erscheinen will, was sich erst lange nach Kafkas Tod entwickelte.
Von Philip Roth, dem amerikanischen Schriftsteller, stammt die Bemerkung: "Kafkas prophetische Ironie mag nicht das bedeutsamste Merkmal seines Werkes sein, doch verblüfft sie immer wieder."
Tatsächlich geht es über Vorahnung hinaus, was Kafka an Schwingungen einzufangen und literarisch umzusetzen vermochte. Er verfügte offensichtlich über die Fähigkeit, in technischen, sozialen und bürokratischen Neuerungen das Entwicklungspotenzial aufzuspüren, die immanente Dynamik zu erfassen und zukünftige Weiterungen zu erahnen: Vision und Hochrechnung gleichermaßen.
Es gibt eine schöne Formulierung von ihm, freilich nur als mündliche Äußerung. Ein jüngerer Bekannter, der spätere Autor und Komponist Gustav Janouch, begleitete Kafka auf vielen Spaziergängen in Prag und machte sich, gewissermaßen als Kafkas Eckermann, danach Notizen. Einmal ging es im Gespräch um Picasso, und Kafka soll über den die Zeitgenossen irritierenden Maler gesagt haben: "Er notiert bloß die Verunstaltungen, die noch nicht in unser Bewußtsein eingedrungen sind. Kunst ist ein Spiegel, der 'vorausgeht' wie eine Uhr - manchmal."
Bisweilen kam ihm eine seiner Ideen ganz nebenbei in einem Brief. So schrieb Kafka 1922 der Journalistin Milena Jesenská, die ihn überaus faszinierte: "Wie kam man nur auf den Gedanken, dass Menschen durch Briefe mit einander verkehren können!" Denn: "Geschriebene Küsse kommen nicht an ihren Ort, sondern werden von den Gespenstern auf dem Weg ausgetrunken." Auf diesen spielerischen, erotisch aufgeladenen Satz folgt dann die Frage, welche modernen Hilfs- und Transportmittel zwei getrennt voneinander lebenden Menschen nutzen könnten, um die Entfernung zu überwinden - und welche nicht.
Als Positivposten verbucht Kafka in seinem kleinen Gedankenspiel moderne Errungenschaften wie Eisenbahn, Auto und den "Aeroplan". Dagegen stehen jene "Gespenster" auf der Negativliste, denn sie haben "nach der Post den Telegraphen erfunden, das Telephon, die Funkentelegraphie". Und das alles führte nach seiner Überzeugung die Menschen gerade nicht zusammen.
Im Gegenteil: "Die Geister werden nicht verhungern, aber wir werden zugrunde gehn." Natürlich konnte auch Kafka nicht vorausahnen, über welche Möglichkeiten elektronischer Kommunikation die Menschen dereinst verfügen würden - schon gar nicht, welche Gespenster erscheinen würden, um das "auszutrinken", was ihnen an Informationen wichtig scheint. Frappierend allein, wie er von einem ganz anderen historischen Ort aus das Wesen der illusorischen Nähe durch technische Medien und der bedrohten Intimität erfasst.
So ist es kein Wunder, dass sein Name nun auch in der aktuellen Diskussion über Terrorprävention, Rundumüberwachung und Datenabschöpfung fällt. Mit Verweis auf den "Prozess"-Roman klagte im Sommer 2013 etwa der US-Publizist und Anwalt John W. Whitehead über eine aus dem Ruder laufende Bürokratie, die nur noch sich selbst Rechenschaft schulde. Ob man auf einer Flugverbotsliste steht, ob das Telefon oder das Internet überwacht wird - es ist unmöglich, in Erfahrung zu bringen, wieso man zum Ziel geworden ist: "Wir leben heute in einer Gesellschaft, in der jedermann jeder Art von Verbrechen angeklagt werden kann, ohne dass er wüsste, was genau er getan hat." Whiteheads Fazit: "Kafkas Albträume werden in Amerika allmählich zur Realität."
Auch Stach hat sich in einem Aufsatz über "Kafkas Aktualität" Gedanken gemacht. Er weist darauf hin, dass das Sammeln von Daten in den Romanen "eine zentrale Rolle" spiele, besonders im "Schloss", "wo unentwegt von Akten die Rede ist". Mit hellseherischen Fähigkeiten habe das wenig zu tun, glaubt Stach, vielmehr mit Kafkas beruflichen Erfahrungen in der Unfallversicherung: "Er begriff sehr schnell, dass der statistische Zugriff, der für diese Branche typisch ist, etwas grundlegend Neues und Beängstigendes war. Auch in Kafkas Büro wurden Lebensläufe zu Akten, und individuelle Katastrophen wurden zu versicherungsmathematischem Material."
Im "Prozess" wirkt das geheime und anonyme Walten bürokratischer Mächte besonders bedrohlich. Wer - und ob überhaupt jemand - hinter den Wächtern, Richtern und Gerichtsdienern steht, bleibt für Josef K. bis zum Schluss undurchschaubar. Der Verlust der Privatsphäre ist ein zentrales Motiv. Andere sind offenbar bestens über K. informiert, und nicht nur im Gericht. Aber weder wird er ins Gefängnis gesteckt, noch kommt es zu einem ordnungsgemäßen Verfahren. Er kann sich im Grunde frei bewegen, sogar seinem Beruf nachgehen.
"Dennoch fühlt sich K. wie ein gehetztes Wild", so Stach. Es gelinge Kafka, das Klima der Angst so zu verstärken, "dass auch der Leser zwischen realer Bedrohung und Paranoia nicht mehr unterscheiden kann". Und er fügt hinzu: "Für solche berührungslosen Verfolgungen sind wir heute weit stärker sensibilisiert als frühere Generationen von Kafka-Lesern."
Josef K. hat keine Chance, weil er seinen Gegner nicht ausmachen kann. Er versucht es, indem er den Regeln des Verfahrens nachspürt. Doch je mehr er fragt, desto unklarer wird das, was ihm widerfährt. Und auch er selbst, der am Ende seine Hinrichtung fatalistisch akzeptiert, bleibt für den Leser undurchschaubar.
Kafka verstand etwas von Machtausübung. Ihm war klar, dass sie umso leichter fällt, je mehr Bereitschaft da ist, sie zu akzeptieren. Und er vermochte das Gefühl der Ohnmacht in Sprache umzusetzen wie keiner vor ihm.
Der US-Autor John Updike schrieb 1983 über Kafka: "Er war so einzigartig, dass er für Millionen und ihr neues Unbehagen sprach; ein Jahrhundert nach seiner Geburt ist er der letzte heilige Schriftsteller und der größte Geschichtenerzähler im kosmischen Dilemma des modernen Menschen."
Prag, Industriepalast. Das Gebäude wird heute als Kongress- und Messehalle genutzt. Im Jahr 2008 wäre das imposante Bauwerk nach einem Brand beinahe abgerissen worden. Jetzt aber, an diesem heißen Augusttag, liegt die reich verzierte Jugendstilfassade leuchtend in der Sonne: 240 Meter in der Breite, gekrönt von einem filigranen Uhrturm. Das aus Stein, Stahl und Glas errichtete Gebäude wurde eigens für die große Landesausstellung 1891 erbaut, die auch Kafka als Kind besuchte, wahrscheinlich mehrmals.
Das Areal ist jetzt menschenleer, die Türen der Ausstellungshalle sind verrammelt. Reiner Stach erzählt, was es hier seinerzeit an Neuigkeiten zu sehen gab, vom Edison-Phonographen, der die menschliche Stimme aufzeichnete, bis zur farbig illuminierten Wasserfontäne, und dass der Kaiser zweimal aus Wien herüberkam, um sich die technischen Wunderwerke anzuschauen - "sehr zum Ärger der Deutsch-Prager, die sich eigentlich an der ganzen Veranstaltung nicht beteiligen wollten, da sie von den Tschechen geplant worden war".
Soziale und technische Umbrüche prägten Kafkas Kinder- und Jugendjahre. Auch später konnte er sich für Innovationen begeistern, Gespenster hin oder her: für das Kino, das Grammophon, für Diktiergeräte und Flugzeuge.
Und es machte ihm Vergnügen, sich selbst Neuerungen auszudenken: von besseren Arbeitsschutzvorrichtungen bis zur Informationstechnologie. Seine Briefpartnerin Felice Bauer war in einem Berliner Technikunternehmen angestellt und für den Vertrieb des neuen "Parlographen" zuständig. Ihr schlug er 1913 vor, allerdings vergebens, dieses Diktiergerät mit einem Telefon zu verbinden - nichts anderes als die Idee des Anrufbeantworters. Mehr noch: Kafka hielt es für denkbar, dass Geräte untereinander kommunizieren könnten. Es sei doch eine hübsche Vorstellung, schrieb er, "dass in Berlin ein Parlograph zum Telephon geht und in Prag ein Grammophon, und diese zwei eine kleine Unterhaltung miteinander führen".
Das markanteste Beispiel für Kafkas Erfindungsreichtum ist wohl jenes Gerät, das ein Offizier in der Erzählung "In der Strafkolonie" lustvoll bedient und anpreist, eine Tötungsmaschine, die selbstständig foltert und die Leiche am Ende entsorgt. Dass das Gerät das Gebot, das der Verurteilte übertreten hat, zuvor noch in den Leib des Gemarterten einritzt, also eine Art Schreibautomat der grausamsten Art darstellt, macht die fiktive Konstruktion noch vieldeutiger und unheimlicher.
Während wir über das Messegelände streifen, sagt Stach: "Kafka galt lange als jemand, der nicht aus seinen imaginären Gespinsten rausfindet und nur in seiner Welt lebt. So war es aber nicht."
Mit der ihm eigenen Beharrlichkeit hat Stach Fakten und Indizien zusammengetragen, die auch Bekanntes neu erscheinen lassen. Kafkas Verhältnis zum Judentum, zu Frauen, zur Berufsarbeit: Es gibt kaum einen Bereich seines Lebens, der jetzt nicht besser ausgeleuchtet wäre. Die Bedeutung des Prager "Dezembersturms" für den jungen Kafka wurde zuvor nie so eindringlich aufgezeigt -die antisemitischen Ausschreitungen dürften Kafka nachhaltig beeindruckt haben, obgleich er nicht explizit darauf zu sprechen kam.
Auch im Werk haben diese frühen Erlebnisse keine eindeutigen Spuren hinterlassen, was für den literaturwissenschaftlich versierten Biografen keine große Überraschung ist. Selbst eine noch so umfassende Darstellung und Kenntnis eines Lebens kann keinen Schlüssel bereitstellen. Und Stach will es auch gar nicht. Zwar kennt er sich im Kafka-Kosmos so gut aus, dass ihm kaum ein "autobiografischer Splitter" entgeht, die der Schriftsteller dann doch reichlich ins Werk gestreut hat. Über das Wunder und die Rätsel dieser Prosa ist damit allerdings nicht viel gesagt.
Jetzt, da sie abgeschlossen ist, macht Stach sich wieder vermehrt Gedanken über die Arbeit, die er sich mit der Biografie aufgeladen hatte. Ob es sich am Ende gelohnt hat? "Auch wenn es vielleicht größenwahnsinnig klingt: Ich wollte Einfluss nehmen auf das Kafka-Bild."
Und nun, da 18 Jahre Schreibarbeit hinter ihm liegen? Stach wird jetzt erst einmal auf Lesetour gehen. Und sich dann vorübergehend in einer neuen Rolle versuchen: Ein Schweizer Reiseunternehmen, die Reisehochschule Zürich, hat ihn gebeten, Interessierten Kafkas Prag zu zeigen.
Der Tagebucheintrag zum Beginn der Arbeit am "Prozess"-Roman Anfang August 1914 lautet: "Gestern und heute 4 Seiten geschrieben, schwer zu überbietende Geringfügigkeiten." Kafkas Selbstzweifel waren allgegenwärtig.
Ängste, vor allem Versagensängste, haben ihn zeitlebens begleitet, und er hat das in Briefen und im Tagebuch oft genug zum Thema gemacht. Schon während der Schulzeit, die er bestens bewältigte, hatte er ständig Angst: vor Prüfungen, vor bedrohlichen Autoritäten, vor seinem Vater.
Kafkas Handschrift wirkt so klar und entschieden, als könnten seine Sätze gar nicht anders lauten und verlaufen. Nur wenige Korrekturen durchkreuzen den Eindruck des Gemeißelten, Streichungen sind rar. Tatsächlich aber brach er oft ab, ließ das Manuskript liegen, auch für längere Zeit, fand schwer wieder hinein. So blieb das meiste Fragment und bis auf einige Ausnahmen zu seinen Lebzeiten unveröffentlicht.
Kafka sammelte seine Texte nicht, im Gegenteil: Er verschleuderte sie, versendete Tausende herrlicher Prosaseiten in Form von Briefen und überließ Max Brod unfertige Manuskripte, darunter auch den "Prozess" - als Fragment in ungeordneten Einzelteilen, sodass nicht einmal die Anordnung der vorhandenen Romankapitel gesichert ist. Für uns heute die gültige Form. Und vielleicht ohnehin die einzig gültige. John Updike sah in der Nichtvollendung "eine Qualität seines Werks, eine Facette seiner Aufrichtigkeit".
Was befähigte Kafka zu diesem Werk? Wie wurde aus dem Prager Jungen mit den leicht abstehenden Ohren, dem hübschen Gesicht und diesen intensiven Augen der große Franz Kafka?
Das Geheimnis bleibt. Das Rätsel wird sich nicht völlig lösen lassen.
Warum auch? ■
Von Volker Hage

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Der Dichter unserer Zukunft

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