06.10.2014

Geschichte„Das Wort Verräter muss rein“

Über 600 Stunden lang hat Helmut Kohl mit dem Journalisten Heribert Schwan über sein Lebenswerk gesprochen. In den bislang geheimen Protokollen ging der Exkanzler schonungslos mit Parteifreunden wie Merkel, Wulff und Weizsäcker ins Gericht.
Einmal, am Ende einer langen Wanderung in den bayerischen Alpen, musste Helmut Kohl den schweren Mann huckepack nehmen. Um Strauß' Kondition war es nicht zum Besten bestellt. Wenn sich der Bayer zusammen mit Helmut Kohl zu einer Wanderung aufmachte, steckte ihm seine Frau Marianne neben einer ordentlichen Brotzeit immer auch ein Bündel Taschentücher in den Rucksack. Strauß schwitzte stark.
Irgendwo auf der Tour kam ein Gewitter auf, die Steine wurden glatt, der Weg verengte sich. Am Ende traute Strauß seinen Beinen nicht mehr.
"Da habe ich ihn die letzten fünfzig Meter auf dem Buckel durchgeschleppt. Erst später ist mir der Gedanke gekommen, was eigentlich passiert wäre, wenn er mir runtergefallen wäre. Das hätte mir kein Mensch geglaubt. Die hätten alle geschrieben: Der hat ihn runtergeschmissen."
Um Helmut Kohl und Franz Josef Strauß ranken sich viele Erzählungen, die Rivalität der beiden Politiker gehört zum Fundus der jüngeren deutschen Geschichte. Unvergessen ist Strauß' Rede im Münchner Tagungszentrum der Hähnchenkette Wienerwald im November 1976, in der er dem jungen designierten Fraktionschef Kohl alle Eignungen zum Kanzler absprach: "Er ist total unfähig, ihm fehlen die charakterlichen, die geistigen und die politischen Voraussetzungen. Ihm fehlt alles."
Später, in den Achtzigerjahren, als Kohl die Kanzlermacht in den Händen hielt, weidete er sich am schwindenden Einfluss des CSU-Chefs im fernen München. "Wenn der bayerische Löwe brüllt, dann verbreitet er nur noch Mundgeruch", lästerte Kohl damals. Die beiden haben sich nichts geschenkt.
Dass es auch eine ganz andere, fast zärtliche Seite dieser politischen Männerfreundschaft gab, erzählte Kohl dem WDR-Journalisten Heribert Schwan. Strauß stammte wie Kohl aus kleinen Verhältnissen: Kohl war Sohn eines Finanzbeamten, Strauß kam aus einer Metzgerfamilie. Das verband die beiden. Kohl bewunderte die Sprachgewalt des Bayern und seinen Mut im politischen Nahkampf. "Er war ein origineller Denker. Er war keine Reproduktionsnatur, sondern stand auf eigenen Füßen, mit eigener Statur", sagte der Altkanzler während einer Interviewsitzung mit Schwan im Hobbykeller des kohlschen Bungalows in Oggersheim.
Schwan hat mehr als 600 Stunden Gespräche mit dem Altkanzler aufgezeichnet, zwischen dem 12. März 2001 und dem 27. Oktober 2002 trafen sich die beiden insgesamt zu 105 Sitzungen. Kohl hatte schon zu seinen Amtszeiten darüber sinniert, welchen Platz er einmal in den Geschichtsbüchern einnehmen würde. Er sieht sich dort in einer Reihe mit Bismarck, Adenauer und Brandt. Wahrscheinlich nicht zu Unrecht.
In den Gesprächen mit Schwan wollte er seine Sicht auf die Ära Kohl festhalten. Die Aufzeichnungen sind ein wertvoller Schatz für alle, die sich mit der jüngeren deutschen Geschichte beschäftigen. Die Interviews enthalten, zumindest in Teilen, "das historische Vermächtnis" Kohls, urteilte im Dezember 2013 das Landgericht Köln, das über den Verbleib der Tonbänder zu entscheiden hatte.
Das Bild Kohls enthält durch die Schwan-Bänder neue Facetten. Er tritt dort als ein Mann auf, der nicht nur auf seine Gegner, sondern auch auf die Welt durch die Brille des kühlen Machtpolitikers blickt.
Die Einheit ist das Werk, mit dem sich Kohl in die Ewigkeit einschreiben will. In seinen öffentlichen Reden hatte Kohl immer sehr warmherzig über die Revolutionäre auf den Straßen von Berlin und Leipzig gesprochen. Bei Schwan äußert sich der Kanzler deutlich pragmatischer: Er machte klar, dass wirtschaftliche Schwäche den Ostblock zum Einsturz gebracht hat und es nicht die Chöre der Bürgerbewegung waren. "Es ist ganz falsch, so zu tun, als wäre da plötzlich der heilige Geist über die Plätze in Leipzig gekommen und hat die Welt verändert", sagte Kohl. Die Vorstellung, die Revolutionäre im Osten hätten in erster Linie den Zusammenbruch des Regimes erkämpft, sei dem "Volkshochschulhirn von Thierse" entsprungen. Am ehemaligen Bundestagspräsidenten Wolfgang Thierse arbeitete sich Kohl eifrig ab, was auch daran lag, dass dieser ihn in der Spendenaffäre mit besonderer Schärfe kritisiert hatte.
Für Kohl war die Wende in der DDR eine Folge der Schwäche Moskaus: "Gorbatschow ging über die Bücher und musste erkennen, dass er am Arsch des Propheten war und das Regime nicht halten konnte", sagte Kohl. "Und wenn er den Kommunismus erhalten wollte, musste er ihn reformieren, so kam ja die Idee mit der Perestroika."
Kohl hat häufig die Verdienste des damaligen sowjetischen Staatschefs Michail Gorbatschow um die deutsche Einheit gelobt. Hätte dieser nicht bei jenem berühmten Kaukasustreffen im Juli 1990 eingelenkt, wäre es nicht zur Wiedervereinigung gekommen. Aber im Rückblick urteilte Kohl erstaunlich nüchtern über den Mann, den er so oft als Freund betitelt hatte.
"Von Gorbatschow bleibt übrig, dass er den Kommunismus abgelöst hat, zum Teil wider Willen, aber de facto hat er ihn abgelöst. Ohne Gewalt. Ohne Blutvergießen. Sehr viel mehr, was wirklich bleibt, fällt mir nicht ein." Nun könnte man der Ansicht sein, dass die Abwicklung eines ganzen Imperiums keine so schlechte Lebensbilanz ist, schon gar nicht in den Augen eines Christdemokraten wie Kohl, der doch eigentlich immer gegen den Kommunismus gekämpft hatte. Aber Kohl sah die Sache so: Gorbatschow sei "gescheitert".
Kohl redete in den Gesprächen mit Schwan völlig unverstellt, nie zuvor und danach hat er sich einem Journalisten so geöffnet. Kohl kann sehr nachtragend sein, so viel ist bekannt. Aber in den Gesprächen wird klar, dass er keine Demütigung und keine Verächtlichmachung vergessen hat, die ihm im Laufe seiner langen Karriere widerfahren ist. Er redet voller Ingrimm über die Weggefährten und Zöglinge, von denen er sich verraten fühlt.
Als die Rede auf seine Nachfolgerin Angela Merkel kommt, kann er seinen Zorn kaum zügeln. "Frau Merkel konnte ja nicht richtig mit Messer und Gabel essen. Sie lungerte sich bei den Staatsessen herum, sodass ich sie mehrfach zur Ordnung rufen musste." In den Augen Kohls ist Merkel eine Frau, die er erst aus dem Meer der namenlosen Nachwuchspolitiker fischen musste und die sich dann zum Dank in den dunklen Stunden der Spendenaffäre von ihm abwandte. Man könne sich "nur bekreuzigen" angesichts der Dummheit im Umgang mit der Spendenaffäre. Vor allem ihre Europapolitik sah er kritisch, und er nahm dabei den damaligen Unionsfraktionschef Friedrich Merz nicht aus: "Die Merkel hat keine Ahnung, und der Fraktionsvorsitzende ist ein politisches Kleinkind."
Die Gespräche mit Schwan sind für Kohl Lebensbilanz und Therapiesitzung zugleich. Kohl war nie ein Mann des geschriebenen Wortes, das unterscheidet ihn von Helmut Schmidt und Willy Brandt. Die Gespräche waren als Basis für die Memoiren des Altkanzlers gedacht, die Schwan als Ghostwriter verfassen sollte. Andererseits fanden die Gespräche genau zu jener Zeit statt, als sich Kohl von seinen Feinden an den Rand des Abgrunds gedrängt sah. Im März 2001 war er nicht mehr der gefeierte Kanzler der Einheit, sondern er war der Gesetzesbrecher, der von anonymen Spendern zwei Millionen Mark angenommen hatte.
In Berlin tagte beinahe wöchentlich ein Untersuchungsausschuss, in dem die SPD und die Grünen das Wort führten und den Kohl als Instrument zur Schmähung seines politischen Lebenswerks sah. Und wenige Monate nachdem die Interviewsitzungen begonnen hatten, nahm sich Hannelore Kohl das Leben. Der Altkanzler hat den Suizid am 5. Juli 2001 immer auch als verzweifelten Schritt seiner Frau gesehen, die die Verächtlichmachung des Namens Kohl in der Öffentlichkeit nicht mehr ertragen konnte.
Insofern ist es verständlich, dass Kohl in dieser düsteren Phase seines Lebens mit besonderer Verachtung von jenen Menschen sprach, die ihm die Treue aufgekündigt hatten. Einmal traf es den früheren saarländischen CDU-Chef Peter Müller, der von Kohl "Signale tätiger Reue" vermisst hatte:
"Er hat sich schäbig verhalten", schimpfte Kohl. "Mein Gott, der weiß doch, was die bei den Spendengeschichten für einen Vorteil hatten. Der war zwar nicht der Vorsitzende, das war der jetzt in den afrikanischen Höhlen lungernde Töpfer", sagte Kohl. Erst durch Klaus Töpfer, der von 1990 bis 1995 saarländischer Landesvorsitzender war und später für die Uno nach Kenia ging, habe er Dieter Holzer kennengelernt - eine der zentralen Figuren der CDU-Spendenaffäre. Töpfer und Holzer seien wie "Kopf und Arsch" gewesen, sagte Kohl.
Der Altkanzler sprach mit Schwan auch deshalb so ungeschminkt, weil er glaubte, dass die Bänder zu seinen Lebzeiten nicht das Licht der Öffentlichkeit erblicken würden. Schwan hatte im November 1999 mit dem Droemer Verlag, bei dem die Kohl-Memoiren erscheinen sollten, einen Autorenvertrag geschlossen. Dieser wies Kohl nicht nur das Recht zu, jederzeit seinen Ghostwriter auszutauschen. Kohl hatte auch die alleinige Befugnis über das, was am Ende in den Memoiren stehen dürfe.
Schwan akzeptiert das zunächst. Nach den Interviews machte er sich daran, die Erinnerungen des Altkanzlers zu schreiben. Schwan brachte insgesamt fast 3000 Buchseiten zu Papier, im November 2007 erschien der dritte und vorerst letzte Band der Kohl-Memoiren. Er endet mit dem knappen Sieg Kohls bei der Bundestagswahl 1994.
Für Kenner enthielt der dritte Band aber auch eine versteckte Botschaft: Im Gegensatz zu den beiden vorangegangenen war ihm keine Widmung für Kohls langjährige Gattin Hannelore vorangestellt. Die Neue an seiner Seite hieß Maike Richter, und sie machte sich bald daran, sich in die Arbeit an den Memoiren einzumischen. Schwan, der gleichfalls über ein aufbrausendes Temperament verfügt, ertrug das anfangs noch zähneknirschend. Aber der Friede währte nicht lange.
Zum Bruch kam es, als Schwan einen Begleitband zu einem Film über Kohl herausbringen wollte, den er für den WDR gedreht hatte. Als Richter ganze Interviewpassagen, die Schwan geführt hatte, für das Buch umformulieren wollte, intervenierte Schwan schriftlich beim Altkanzler in Oggersheim. Kurz darauf erhielt er einen Brief von Kohls Anwalt, in dem stand, dass der Altkanzler künftig auf seine Dienste verzichten werde.
Schwan behielt die Interviewbänder. In Oggersheim fiel zunächst gar nicht auf, dass sie fehlten. Erst als Schwan im Jahr 2012 ankündigte, sie für eine eigene Kohl-Biografie zu verwenden, klagte Kohl beim Landgericht Köln auf Herausgabe. Mitte Dezember 2013 bekam der Altkanzler recht, Schwan übergab im März 2014 die Bänder einem Gerichtsvollzieher. Zuvor allerdings hatte Schwans Schwester Abschriften gefertigt.
Der Rechtsstreit um die Bänder ist noch nicht endgültig entschieden. Wahrscheinlich wird er am Ende vor dem Bundesgerichtshof landen, Schwan hat schon Revision in Karlsruhe eingelegt. Dennoch hat er sich entschieden, schon jetzt die wichtigsten Passagen der Gespräche in einem Buch zu veröffentlichen.
Darf er das? Schwan begeht einen Vertrauensbruch, das ist keine Frage. Kohl hatte Schwan zwar die Erlaubnis gegeben, die Bänder auch jenseits der Arbeit an den Memoiren zu verwenden, so erinnert sich der Journalist zumindest. Aber das sie jetzt, noch zu Kohls Lebzeiten, so ungeschminkt den Weg an die Öffentlichkeit finden, liegt sicherlich nicht in dessen Interesse.
Die Beziehung zwischen Kohl und Schwan ist ein großes Eifersuchtsdrama. Der Mann vom "Rotfunk", wie Kohl den WDR nannte, gewann das Vertrauen des Kanzlers, weil er 1987 ein wohlwollendes Fernsehporträt über Hannelore Kohl gedreht hatte. Schwan fand danach immer wieder Zugang zum Kanzlerbüro. Als Kohl 1998 abgewählt wurde und sich der Kanzler a. D. die Frage stellte, wie er sein Lebenswerk der Nachwelt präsentieren solle, fanden der schreibfaule Kohl und der akribische und fleißige Journalist Schwan schnell zusammen.
Das Ritual war stets das Gleiche: Schwan reiste mit dem Zug von Köln nach Mannheim, am Bahnhof wartete Ecki Seeber, der damalige Fahrer Kohls, und brachte ihn zum Bungalow in der Marbacher Straße.
Die beiden plauderten zunächst bei einer Tasse Kaffee, dann zogen sie sich in den Keller zurück, wo sich Kohl zu seinem politischen Lebenswerk befragen ließ. Zwischendurch servierte die Haushälterin Hilde Seeber deftige Hausmannskost, Rouladen, gern auch Pfälzer Bratwürste, von denen Kohl mindestens drei Stück verspeiste. Dann ging es weiter, ab halb vier Uhr mischte sich der Hausherr ein Schlückchen Riesling ins Wasserglas. Manchmal wurde der Arbeitstag mit einem Mahl im Deidesheimer Hof beschlossen, eines von Kohls Lieblingsrestaurants in der Pfalz. Die Rechnung habe er immer selbst begleichen müssen, schreibt Schwan.
Die Hierarchie zwischen den beiden war klar: Der Altkanzler duzte Schwan und nannte ihn seinen "Volksschriftsteller", Schwan blieb beim förmlichen Sie und bezeichnete Kohl als den "Meister". Als Schwan im Jahr 2004 seinen 60. Geburtstag beging, lud Kohl sich kurzerhand selbst zu der Feier ein. Schwan war zunächst entsetzt, von dem Memoiren-Projekt wussten außer ein paar Vertrauten nur der damalige WDR-Intendant Fritz Pleitgen. Wie sollte er seinen linken Freunden erklären, dass der schwarze Riese auf seiner Geburtstagsfeier auftauchte? Aber als Kohl dann eine kurze Rede hielt und Schwan einen "echten Patrioten" nannte, war Schwan den Tränen nahe.
Schwans Buch ist nur zu erklären durch die Kränkung, die ihm Maike Kohl-Richter zugefügt hat. Kohls zweite Ehefrau war es, die Schwan am Ende die Tür wies, wie so vielen anderen langjährigen Weggefährten des Altkanzlers. So empfand es Schwan zumindest. Doch bei Schwan kam noch verschärfend hinzu, dass er sich in der Position desjenigen sah, der den geistigen Nachlass des Altkanzlers in den Händen hielt. Nun ist Maike Kohl-Richter die Türhüterin in Oggersheim. In einem Interview mit der Welt am Sonntag hat sie die "alleinige Entscheidungsbefugnis" über Kohls politisches Erbe beansprucht.
Es geht um enttäuschte Gefühle, aber das Drama hat auch eine politische Dimension. Maike Kohl-Richter müht sich darum, dass das Denkmal keine Kratzer bekommt und Kohl den Bürgern als ein Staatsmann präsentiert wird, der in historischen Linien dachte und entrückt war von den Hässlichkeiten des politischen Alltags.
Auch Schwan bewundert die Leistung Kohls, im Buch macht er daraus keinen Hehl. Aber in ihm steckt auch ein Journalist, und er möchte nicht, dass dem Publikum ein porentief reiner Kohl vorgestellt wird, der sich kaum mit dem Mann in Deckung bringen lässt, der in den Kellergesprächen so herrlich unverstellt über seine Parteifreunde und die Weltläufte geurteilt hat.
Zu den großen Widersprüchen Kohls zählt, dass er gleichzeitig grob und empfindsam sein konnte. Öffentlich war er die politische Walze, die jedes Hindernis platt machte. Aber in den Interviews mit Schwan zeigte sich auch ein anderer Kohl, ein Mensch, der es nie verwunden hat, als Tölpel aus der Pfalz dargestellt zu werden.
"Die ganze Voreingenommenheit - 'der ist kulturell ein Barbar!' - wurde systematisch präpariert. Der Weltbürger Schmidt. Der Weltbürger Brandt. Und jetzt kommt dieser Pfälzer, der nicht einmal richtig Deutsch kann", sagte er. Dabei galt Kohl am Anfang seiner Karriere als junger Reformer, er durchlüftete die vermuffte CDU von Rheinland-Pfalz. In den Gesprächen erzählte Kohl, wie er sich Mitte der Sechzigerjahre auf einem Landesparteitag der rheinland-pfälzischen CDU für öffentliche Kondomautomaten aussprach. Kohl war ein süddeutscher Katholik mit Sinn fürs Menschliche, deswegen hatte er auch kein Verständnis für das Nein aus Rom gegen die Pille. "Sie glauben doch nicht im Ernst, dass meine Großmutter 13 Kinder bekommen hätte, wenn sie die Pille gehabt hätte."
Das Bild des biederen Provinzlers entstand erst, als Kohl 1976 von Mainz nach Bonn wechselte. Plötzlich war er nicht mehr der frische Ministerpräsident aus der Pfalz, sondern der Simpel, der es wagte, den Weltökonomen Helmut Schmidt herauszufordern. Kohl hat vor allem den SPIEGEL verantwortlich gemacht für diesen Imagewechsel, deshalb traf das Magazin auch bald der Bannstrahl: "Ich gebe dem kein Interview", sagte Kohl in den Kellergesprächen. "Ich lese den nicht und bin übrigens nicht gegen den SPIEGEL, auch nicht gegen die Müllabfuhr in Bonn. Aber ich bleibe trotzdem nicht über Nacht in der Kläranlage."
Mehr als 250-mal erwähnte Kohl den SPIEGEL. So hat es Tilman Jens nachgezählt, Schwans Koautor, der die Abschriften der Interviewbänder ausgewertet hat. Kohl machte keinen Hehl daraus, welche Freude es ihm bereitete, schlecht über den SPIEGEL zu reden, der so schlecht über ihn schrieb. "Das war ja auch ein Teil meiner Lebensfreude, dass ich diese Subjekte beleidigen konnte", sagte er, um dann auf SPIEGEL-Herausgeber Rudolf Augstein zu kommen. Dieser "stieg aus dem Nichts zu einer Superfigur in Deutschland hoch, mit einer Macht und einer Gewalt, dass er Karrieren, Menschen vernichten konnte, weil er sehr frühzeitig alle Imponderabilien moderner Machtausübung wie Superarchive und so weiter zur Verfügung hatte."
Tatsächlich war der SPIEGEL dem jungen Kanzlerkandidaten nicht wohlgesinnt. Auf dem Titelbild der Ausgabe vom 23. August 1976 erschien zum ersten Mal jene Karikatur, die inzwischen zur Legende geworden ist: Kohls Schädel in Birnenform. Allerdings war es die Zeit, die dem jungen CDU-Kanzlerkandidaten ein paar Tage zuvor den Schriftsteller Walter Kempowski ins Haus geschickt hatte, um ihn einem bildungsbürgerlichen Vokabeltest zu unterziehen.
"Was lesen Sie, Herr Kohl", wollte Kempowski wissen, und Kohl tat ihm den Gefallen, mit ungelenken Worten durch den deutschen Literaturkanon zu tapsen. Das Interview gipfelte in dem schönen Satz: "In Hölderlin war ich gut." Es war ein Bonmot, das ihn fortan nicht mehr verließ. "Dieser Artikel hat mir furchtbar geschadet", sagte Kohl. "Ich stand kurz vor der Wahl als Dorfdepp da. Die Zeit hat das gemacht im Zuge ihres von da an laufenden Vernichtungsprogramms, was sich bis zum heutigen Tag nicht geändert hat."
Kohl machte später aus der Not eine Tugend und präsentierte sich absichtsvoll als Mann aus der deutschen Provinz. Das war nicht unklug. Kohls Strickjackengemütlichkeit wirkte beruhigend auf die Deutschen. Der Kanzler machte sich zum emotionalen Nullpunkt eines Landes, das seit dem Krieg politische Extreme verachtete und sich wohlfühlte in der weltpolitischen Nische. Auch als die Mauer fiel, kam Kohl sein Image als Biedermann zugute. Wer muss sich fürchten vor einem Politiker, der die Führer der Welt zum Saumagenessen in den Deidesheimer Hof lädt und sich nicht scheut, politische Gespräche in der Sauna zu führen? "Wenn man nackt auf der Liege liegt und sich über irgendeine Geschichte unterhält, ist das doch etwas anderes, als wenn man geschniegelt mit einer großen Entourage im Konferenzsaal hockt."
Doch alle Erfolge haben Ärger und Zorn über die öffentlichen Schmähungen nicht gestillt. Kohl hat es nie verstanden, warum Leute wie Hans-Dietrich Genscher und Richard von Weizsäcker bei den Bürgern in einem höheren Ansehen standen. "Die Ruhe kommt erst, wenn ich in der Grube liege", sagte Kohl bei einem Gespräch im Oktober 2001. Und später: "Wenn ich vor vier Jahren gestorben wäre, wäre heute ganz klar, dass Hans-Dietrich Genscher die deutsche Einheit gemacht hätte, unterstützt von Weizsäcker und einer ganzen Gruppe."
Im Nachhinein betrachtet bahnte sich im Jahr 1989 Kohls größter Triumph an, die deutsche Einheit. Doch um ein Haar hätte er im Spätsommer jenes Jahres durch eine Verschwörung um den baden-württembergischen Ministerpräsidenten Lothar Späth den CDU-Vorsitz verloren. Als Mitte September 1989 der CDU-Parteitag in Bremen begann, hing Kohls Macht am seidenen Faden.
Sein Schicksal hätte womöglich eine andere Wendung genommen, wäre er nicht ein paar Tage zuvor heimlich mit dem ungarischen Ministerpräsidenten Miklós Németh auf Schloss Gymnich zusammengetroffen. Kohl stellte dort Németh, in dessen Land Zehntausende DDR-Bürger auf die Ausreise in den Westen warteten, Milliardenhilfen in Aussicht. Zu Beginn des Parteitags revanchierte sich Németh bei Kohl. Auf dessen Bitte hin verlegte er die Öffnung der Grenze nach vorne, damit Kohl die Weltsensation auf dem Parteitag verkünden konnte.
"Das war natürlich ein ungeheures Ereignis auf dem Parteitag. Insofern kann man durchaus die Meinung vertreten: Der war am Arsch des Propheten und war schon gelyncht oder hatte schon den Strick um den Hals. Und jetzt ist er noch einmal vom Galgen heruntergesprungen", sagte Kohl. Am Ende forderte Späth den CDU-Chef nicht heraus - und Kohl wurde bestätigt, wenn auch nur mit für seine Verhältnisse mageren 79 Prozent.
Für Kohl war der Bremer Parteitag ein einschneidendes Erlebnis. Für ihn hatte Loyalität schon immer die entscheidende Währung dargestellt. Aber nach dem versuchten Putsch in Bremen teilte er die Partei endgültig in Freunde und Feinde ein, in Getreue und Verräter - dazwischen gab es kaum Grautöne. Das CDU-Parteipräsidium des Jahres 1990 beschrieb er so:
"In den Machtfragen habe ich eine klare Mehrheit gehabt, aber in der Sympathiefrage habe ich keine Mehrheit gehabt. In der Sympathiefrage sauber war Rühe, hinterfotzig war Blüm. Nicht hinterfotzig war Albrecht, das muss ich ausdrücklich sagen. Hinterfotzig war Stoltenberg, aber nicht mutig. Dann ganz klar hinterfotzig waren Süssmuth, Geißler und Thoben."
In Ungnade gefallen waren also vor allem jene Politiker, die bei dem Putschversuch vor dem Parteitag mitgewirkt hatten: die damalige Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth, der geschasste CDU-Generalsekretär Heiner Geißler und die nordrhein-westfälische CDU-Politikerin Christa Thoben, die nach dem gescheiterten Aufstand bedauernd erklärt hatte: "Es hätte in Bremen einer antreten müssen."
Späth, den Anführer der "Bremer Stadtmusikanten" (Kohl), hatte im letzten Moment der Mut verlassen. Am Ende verlor er alles, sogar seinen Sitz im CDU-Präsidium. Kohl weidete sich an der Niederlage, auch weil der SPIEGEL Späth bei seinem Aufbäumen unterstützt hatte: "Der Späth hat sich dieser Mischpoke angeschlossen. Sie haben ihn hochgeschrieben." Dann wurde Späth fallengelassen, auch vom SPIEGEL. Da hatte Kohl zur Abwechslung auch mal sein Vergnügen an dem Magazin.
In den Gesprächen wies Kohl seinen Ghostwriter an, die Verschwörer von Bremen angemessen zu würdigen. "Irgendwo muss durchschimmern, dass all diese Leute das, was sie geworden sind, nur mit meiner Unterstützung geworden sind, und dass der Satz meiner Mutter: 'Die Hand, die segnet, wird zuerst gebissen' richtig ist ... Ich finde, das kann man als Motto für das Kapitel nehmen. Das ist natürlich gemein. Aber es ist gut."
Eine besondere Widmung wünschte sich der Altkanzler für Norbert Blüm, der ihm 16 Jahre lang als Arbeitsminister gedient hatte. "Da muss bei Blüm das Wort rein: Verräter. In irgendeiner Form."
Zwar kommt das Wort Verräter dann nicht direkt vor, aber in den Memoiren heißt es später, es sei ein schwerer Fehler gewesen, bis zum Schluss an Blüm als Sozialminister festzuhalten. "Im Lichte der Ereignisse frage ich mich heute, wie ich mich so in seinem Charakter täuschen konnte."
Auch den damaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker zählte Kohl zum weiteren Kreis der Frondeure. In Kohls Erinnerungen heißt es: "Natürlich wagte er es nicht, dies in irgendeiner Form offen zu bekennen, das hätte nicht seiner Art entsprochen. Doch am wärmenden offenen Kamin im Bundespräsidialamt war er Ratgeber für diejenigen, denen es um meinen Sturz ging."
Kohls Verhältnis zu Weizsäcker war schon vor dem Bremer Parteitag belastet. Zu Schwan sagte er: "Mir war klar, dass Richard sich selbst für den Klügsten, Besten und Allermoralischsten hält. Nie hat er einen Zweifel aufkommen lassen, dass er einer der bedeutendsten Männer der Gegenwart war. Und dass sonst im Prinzip nur Dummköpfe unterwegs sind. Dass er auch den Kanzler gemacht hätte, versteht sich."
Natürlich rächte sich Kohl mit diesen Worten auch an dem Mann, der im Jahr 1992 kaum verhohlen mit dem System Kohl abgerechnet hatte - ausgerechnet in einem Interviewbuch mit zwei Journalisten von der verhassten Zeit. In dem Band ging der Bundespräsident hart mit dem Parteienstaat ins Gericht und präsentierte sich als das intellektuelle Gegenstück zur Machtmaschine im Kanzleramt. Der Name Kohl fiel nicht, aber alle wussten, wer gemeint war, als Weizsäcker sagte: "Es wird Zeit, aus der alten deutschen Tradition des Gegensatzes zwischen Geist und Macht herauszutreten."
Kohls Ärger über Weizsäcker ist durchaus verständlich, zumal Weizsäcker so tat, als hätte er mit dem verpönten Parteienstaat nichts zu tun. "Ich stamme nicht aus dem politischen Parteienleben", sagte er in dem Buch. Für Kohl klang das wie Hohn, er wusste ja, wie lange Weizsäcker im CDU-Bundesvorstand und im Bundestag gesessen hatte.
Kohl revanchierte sich in seinen Memoiren auf seine Weise. Er ließ mehrere vertrauliche Briefe Weizsäckers abdrucken, in denen dieser ihn und den damaligen CSU-Chef Strauß förmlich um das Amt des Bundespräsidenten anflehte. Kohl war viel daran gelegen, den Mythos des uneigennützigen Demokratiedieners Weizsäcker zu zertrümmern.
Er nahm ihm nicht nur übel, dass er sich als Gegenbild inszenierte, als edel ergrauter Politphilosoph, der vom Präsidialamt mit Grauen auf den Mann im Kanzleramt blickte. In Kohls Augen hatte es Weizsäcker nur mithilfe der CDU im Allgemeinen und seiner Unterstützung im Besonderen ganz nach oben geschafft, nur um sich dann über die Partei und den Kanzler zu erheben. Verrat und Undankbarkeit sind in Kohls Welt die beiden Todsünden.
Für Kohl war Politik ein Kreislauf von Geben und Nehmen. Das System Kohl beruhte darauf, dass man Gefallen gewährte und dann zur richtigen Stunde Gefallen einforderte. Kohl hat das von Anfang an so praktiziert, das wird in den Kellergesprächen deutlich. Im Vorfeld des Landtagswahlkampfs 1975 bat Kohl in einem Brief an den Autobauer Daimler-Benz um eine Spende für die CDU. Der damalige Daimler-Chef Joachim Zahn schickte daraufhin einen Scheck über 50 000 Mark. So schreiben es Schwan und Jens in ihrem Buch.
Kohl sandte das Geld zurück "mit dem Ausdruck des Bedauerns, dass das Unternehmen offensichtlich jetzt Probleme habe und ich sie nicht schädigen wolle". Mit anderen Worten: Die Spende war viel zu gering. Kohl wusste, dass sein Stuttgarter Kollege Hans Filbinger gerade 250 000 Mark von Daimler bekommen hatte.
Daraufhin habe sich Kohls alter Duzfreund und Daimler-Vorstand Hanns Martin Schleyer der Sache angenommen. Schleyer sei aufgeregt in der Staatskanzlei erschienen und habe erklärt, das könne Kohl nicht machen. Kohl erwiderte, er werde den Brief nicht zurücknehmen. Doch wenn Daimler mehr spenden würde, sei die Sache in Ordnung. Am Ende bekam er 100 000 Mark.
Macht und Geld waren für Kohl untrennbar miteinander verbunden. Spenden einzutreiben gehörte für ihn zum politischen Geschäft. Seine Macht gründete auch darauf, dass er den Landesverbänden, wenn sie klamm waren, mit einer milden Gabe unter die Arme greifen konnte. Umso weniger verstand er es, als Parteifreunde sich in der Spendenaffäre von ihm abwandten. Sollten sie nicht dankbar sein, dass er den Laden am Laufen gehalten hatte?
Kohl war nahezu von der ganzen neuen Führungsriege der CDU enttäuscht, er blickte, so empfand er es, in einen Abgrund der Heuchelei. Er sah sich umzingelt von Moralaposteln und spitzzüngigen Gutmenschen, die die Gunst der Stunde nutzten, um ihr Mütchen am gefallenen Herrscher zu kühlen. Christian Wulff war so einer. Der damalige Oppositionsführer in Hannover ging als einer der Ersten mit Kohl ins Gericht und besaß dann - aus Kohls Sicht - auch noch die Unverschämtheit, den Patriarchen von einst zur unerwünschten Person in der niedersächsischen CDU zu erklären. Kohl vergalt es ihm mit einer langen Wutrede:
"Das ist ein ganz großer Verräter. Gleichzeitig ist er auch eine Null. Er hat nur Pech. Neulich saßen eine ganze Reihe Niedersachsen in einem Restaurant. Ich ging vorbei, und einige sehr anständige Leute sagten, ich solle mich doch ein bisschen dazusetzen. Das tat ich und sagte: 'Ich mache das, aber nur unter der Bedingung, dass ihr eurem Landesvorsitzenden ausrichtet ..., dass er vierzehn Tage nach der nächsten Landtagswahl einen Brief von mir bekommt, in dem ich ihm zu seiner Wahl zum Vizepräsidenten vom Landtag gratuliere. Der wird das. Das ist voraussehbar.' Der hat ganz auf jung gemacht, jetzt ist der Ministerpräsident jünger wie er. Und in der Partei ist natürlich offene Destruktion. Dann war er ganz auf dem Merkel-Dampfer. Da ist er jetzt runtergeklettert."
Merkel ist für Kohl ein spezielles Thema. In seinem "Tagebuch", das er im Jahr 2000 veröffentlicht hatte, um seine Sicht der Spendenaffäre unter die Leute zu bringen, griff er Merkel nicht offen an. Er nannte ihren Beitrag in der FAZ, in dem sie ihre Partei zu einer Emanzipation von dem "alten Schlachtross" Kohl aufforderte, zwar eine "offene Kampfansage". Ansonsten aber verkniff er sich, seine Wut öffentlich zu machen. Kohl beschränkte sich darauf, ihren Werdegang inklusive all der Hilfe, die er bei ihrem Fortkommen geleistet hatte, noch einmal dem Leser vor Augen zu führen. Das also versteht Merkel unter Dankbarkeit, lautete die Botschaft.
In den Gesprächen mit Schwan war Kohl nicht so zurückhaltend. Einmal schilderte Kohl, wie seine langjährige Büroleiterin Juliane Weber auf Merkel blickte, die wie er tief enttäuscht von der neuen CDU-Chefin gewesen sei: "Wenn die Merkel auf die zugeht, dann dreht die sich um ... Wenn die Merkel sagt, um neun Uhr kommt sie, findest du die Dame, die im Vorzimmer sitzt, nicht. Die ist vom Erdboden verschwunden. Die ist dann beim Friseur oder sonst wo. Die redet kein Wort mehr mit der."
Das komplizierteste Verhältnis hat Kohl zu Wolfgang Schäuble. Der Altkanzler gab Schwan genaue Anweisungen, wie mit dem langjährigen engsten Mitstreiter zu verfahren sei: "Der Schäuble ist ein ganz anderer Fall. Das muss man subtiler machen. Das kann man nicht in drei Sätzen machen. Bei Schäuble will ich einfach schildern, wie sehr ich auf ihn gebaut habe, wie ich ihm vertraut habe und und und. Dann meinen großen Respekt auch mit Blick auf die Art, wie er das schwierige Leben gemeistert hat und meistert mit dem Unfall." Den Rollstuhl, in dem Schäuble sitzt, seit ihn ein geistig verwirrter Attentäter am 12. Oktober 1990 niederschoss, nannte Kohl "das Wägelchen".
Kohl, so schreibt er es im dritten Band seiner Memoiren, war nach der Bundestagswahl 1994 entschlossen, in der Mitte der Legislaturperiode sein Amt an Schäuble weiterzugeben. Zu Schwan sagte er: "Dass Schäuble mein Nachfolger werden solle, darüber habe ich oft mit ihm gesprochen. Er hat gewusst, wie oft ich ihn leidenschaftlich verteidigt und auch öffentlich gesagt habe, dass er das kann. Diese Meinung ist aus allen Poren gequollen."
Bekanntlich kam es anders, Kohl trat bei der Bundestagswahl 1998 noch einmal an - und verlor. Im Gespräch mit Schwan sagte Kohl, die Widerstände gegen Schäuble seien groß gewesen: "Es gab 1996 wirklich gewichtige Stimmen, die sagten, wenn Sie gehen und es gibt eine geheime Abstimmung, dann wird der Schäuble die Stimmen nicht bekommen. Da ich ja auch nicht alle Stimmen hatte in 94, ist es ganz sicher so."
Allerdings fügte Kohl an, dass er dem Argument, Schäuble wäre bei einer geheimen Wahl durchgefallen, damals nicht geglaubt habe. Warum aber hat er dann die Macht nicht an Schäuble übergeben? Schwan und Jens deuten in ihrem Buch an, dass der Kanzler Schäuble nicht zugetraut habe, den Euro durchzusetzen. Auch Kohls Biograf Hans-Peter Schwarz sieht das so. Bei einem Gipfel zur Vorbereitung des Euro Ende 1996 in Dublin habe Kohl gerufen: "Was glaubt ihr eigentlich, warum ich überhaupt noch im Amt bin? Wegen Europa bin ich noch da. Ohne mich setzt das in Deutschland niemand durch."
Schäuble dagegen glaubt, dass Kohl nie die Absicht hatte, freiwillig auf sein Amt zu verzichten. Nach der Nominierung Gerhard Schröders zum SPD-Herausforderer im März 1998 startete Schäuble dennoch den Versuch, den Kanzler zum Rückzug zu bewegen. Vor vier Jahren hat er im Gespräch mit zwei SPIEGEL -Redakteuren die Szene eindrücklich beschrieben:
"Meine Frau sagte, es kann doch wohl nicht sein, dass alle zu dir kommen und klagen, mit Kohl gewinnen wir nicht mehr, und keiner sagt's ihm. Also hab ich irgendwann erklärt: Ich red mit ihm. Ich kannte ihn so lange, ich war der Engste vom Kohl, ich wusste, dass unser Verhältnis damit zerstört sein würde. Eines Montagmorgens bin ich zu ihm hin und habe gesagt: 'Helmut, wir verlieren die Wahl mit dir.' Ich hatte erwartet, dass Kohl antworten würde: Mit wem soll's denn sonst gehen? Etwa mit dir? Darauf hätte ich erwidert: das auch nicht, aber wir würden weniger hoch verlieren. Aber er sagte einfach: 'Das glaube ich nicht, wir werden nicht verlieren.' Das war's."
Den endgültigen Bruch brachte aber dann nicht die Wahlniederlage 1998, sondern die Spendenaffäre ein gutes Jahr später. Am 18. Januar 2000 besuchte Schäuble Kohl in dessen Bundestagsbüro. Er wollte ihn überreden, die Namen der anonymen Spender offenzulegen oder sein Mandat als Abgeordneter zurückzugeben. Kohl dachte nicht daran, stattdessen fragte er Schäuble, der selbst unter Druck stand, direkt auf den Kopf zu: "Trittst du zurück?" Es kam zu einem heftigen Wortwechsel, am Ende rollte Schäuble zur Tür und schnaubte: "Dieses Büro werde ich in meinem Leben nie wieder betreten."
"Diese Szene zählt zu den schlimmsten Erfahrungen meines Lebens", notierte Kohl in seinem "Tagebuch" und klagte über den Schmerz, den ihm der Verlust des langjährigen Freundes bereite. Im Gespräch mit Schwan allerdings sieht er die Sache deutlich nüchterner. In den Memoiren müsse herausgestellt werden, dass Schäuble, "ob durch Unfähigkeit oder Absicht in der Spendengeschichte alle Feinde eingeladen hat zu diesem Vernichtungsfeldzug, der ihn dann selbst mitgerissen hat". Kohl überlegte kurz, dann schob er nach: "Doch, das kann man schon machen."
Noch ist unklar, was künftig mit den Kellergesprächen geschehen soll. Schwan hatte vorgeschlagen, dass sie von der Konrad-Adenauer-Stiftung verwahrt werden sollen, das lehnten der Altkanzler und seine Gattin ab. Nun hat voraussichtlich der Bundesgerichtshof das letzte Wort, er wird in nächster Zeit darüber entscheiden, ob er sich der Sache annimmt.
Es geht dabei um mehr als die Frage, wem die Audiokassetten gehören, auf denen Schwan die Gespräche mit Kohl aufgezeichnet hat. Seit einem Unfall im Jahr 2008 kann sich Kohl nur noch eingeschränkt artikulieren. Der Altkanzler stolperte damals auf einer Treppe im Oggersheimer Bungalow und zog sich ein Schädel-Hirn-Trauma zu.
Auch das macht die Bänder so wertvoll. Für Historiker sind sie eine einzigartige Quelle, wenn es darum geht, wie der Elefant der Christdemokratie auf seine Zeit blickt. Deswegen fordert nicht nur Bernhard Vogel, der Ehrenvorsitzende der Konrad-Adenauer-Stiftung, dass sie eines Tages der Wissenschaft zur Verfügung gestellt werden müssen. Auch Hubertus Nolte, der am Kölner Oberlandesgericht über die Kohl-Protokolle zu entscheiden hatte, sagte vor der Urteilsverkündung: "Diese Tonbänder sollten nicht in irgendwelchen Privatkellern liegen."
Bei aller Häme und Bitterkeit, die in den Gesprächen stecken: Von der Kanzlerschaft Kohl wird bleiben, dass die deutsche Einheit gelang und er danach wie kein anderer Politiker die Einbettung der Bundesrepublik in die Europäische Union vorantrieb. Wer allerdings hofft, dass der Altkanzler in dem Keller sein größtes Geheimnis preisgegeben hätte, wird enttäuscht. Natürlich hat Schwan auch nach anonymen Geldgebern gefragt. Er werde sein Wissen mit ins Grab nehmen, erwiderte Kohl: "Kein Mensch wird es je erfahren."
Von René Pfister

DER SPIEGEL 41/2014
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