06.10.2014

4. November 1989#8239"Vorwärts nach hinten“

In Ostberlin gehen Hunderttausende auf die Straße. Die Demonstration zeigt, dass die vom neuen Parteichef Egon Krenz ausgerufene „Wende“ gescheitert ist. Hilflos und überfordert müssen die Genossen zusehen, wie das Volk ihnen die Macht abnimmt.
Am Mittag des 4. November 1989 wird der Dramatiker Heiner Müller dabei beobachtet, wie er im Café Espresso einen Schnaps hinunterstürzt. Er muss seine aufgerauten Nerven beruhigen. Vor dem "Haus des Reisens", an der nordöstlichen Ecke des Berliner Alexanderplatzes, steht ein zusammengezimmertes Holzpodium auf der Ladefläche eines Lkw. Dort soll Müller gleich reden. Er ist aufgeregt.
Mit seiner sozialistischen Brutalo-Architektur zählt der Alex zu den hässlichsten Plätzen der westlichen Hemisphäre. Um diese Jahreszeit pfeift meist ein eisiger Wind über das kahle Betonplateau, doch heute ist der Platz schwarz vor Menschen. Keiner weiß, wie viele gekommen sind, die Schätzungen reichen von mehreren Hunderttausend bis zu einer Million. Es ist die größte genehmigte Protestdemonstration in der Geschichte der DDR.
Am Morgen ist das Kommando der Landstreitkräfte in Potsdam-Geltow vorsorglich in Alarmbereitschaft versetzt worden. Bewaffnete Geheimpolizisten haben vom Marx-Engels-Platz bis zum Brandenburger Tor Posten bezogen, um einen Sturm auf die Mauer zu verhindern. Im Palast der Republik hält sich eine ideologische Eingreifreserve der Partei bereit. Stasi und die Berliner SED-Organisation haben dafür gesorgt, dass im Demonstrationszug zuverlässige "gesellschaftliche Kräfte" mitmarschieren.
Und doch stehen die Machtverhältnisse an diesem Tag kopf. Die Parteiführer sind es gewohnt, den vorbeidefilierenden Massen von der Ehrentribüne huldvoll zuzuwinken. Heute aber müssen sich die Mitglieder des Politbüros im Gebäude des Zentralkomitees verschanzen. Von den Fenstern aus sehen sie zu, wie Hunderttausende an ihnen vorbeimarschieren und Meinungs- und Pressefreiheit fordern, freie Wahlen, Reisefreiheit und die Abschaffung aller Privilegien der SED-Nomenklatura. Die Genossen haben Angst.
Dabei entwickelt sich unten auf der Straße der Protestzug zu einem fröhlichen Happening. Einige singen "So ein Tag, so wunderschön wie heute". Die Menschen halten ihre selbst gedichteten Losungen hoch, die sie am Abend zuvor auf Bettlaken gepinselt haben: "Demokratie auf dem Papier, darauf scheißen wir" oder "Die Zeit ist abgelaufen, uns für dumm zu verkaufen". Am vergitterten Eingang des Staatsratsgebäudes hat einer ein Schild angebracht: "Nicht füttern". Ein Bühnenbildner hält ein riesiges Plakat hoch, auf dem ein grinsender Egon Krenz mit Schlafmütze im Bett zu sehen ist: "Großmutter, warum hast du so große Zähne?"
Das Café Espresso, in dem die Redner auf ihren Auftritt warten, liegt in einem abgesperrten Areal, das als Versammlungs- und Rückzugsort dient. Der Bürgerrechtler Jens Reich wird später berichten, dort habe sich an diesem Tag die "bunteste Gesellschaft versammelt, die die DDR jemals hervorbringen konnte": Schriftsteller, Schauspieler, Wissenschaftler, Spione, Oppositionelle, Künstler, Journalisten, Pastoren, Bonzen.
Auch Jan Josef Liefers, Jungschauspieler am Deutschen Theater, wartet dort auf seinen Einsatz. Ein großer, gut aussehender älterer Herr kommt auf ihn zu, zeigt auf einen kleinen Tisch mit Kaffee und Gebäck und bietet Liefers ein Stück Pflaumenkuchen an. Es ist Markus Wolf, von 1952 bis 1986 der Spionagechef der DDR. Später wird die Bürgerrechtlerin Marianne Birthler beobachten, wie der pensionierte Generaloberst neben der Autorin Christa Wolf sitzt, angeregt in ein Gespräch vertieft. Die beiden duzen sich.
Birthler ist irritiert. Wie passt das zusammen: die schöne Rede der Schriftstellerin über die Befreiung der Sprache in diesen Revolutionstagen und ihre Vertrautheit mit dem Stasi-Mann? Aber vieles passt an diesem Tag nicht zusammen. Warum verteidigt der Wittenberger Prediger Friedrich Schorlemmer, eine der bekanntesten Stimmen der Opposition, den neuen SED-Generalsekretär Krenz?
Und warum dürfen mit Chefspion Wolf und dem Berliner Parteiboss Günter Schabowski zwei der prominentesten Vertreter der untergehenden Macht zu jenen Menschen sprechen, die doch gegen diese Macht auf die Straße gehen?
Bevor Schabowski auf das Podium klettert, klapst ihm Schorlemmer aufmunternd auf die Schulter. "Ich steig ja nicht aufs Schafott", murmelt der SED-Mann, der fünf Tage später Weltgeschichte schreiben wird, als er mit einem einzigen verstammelten Satz die Berliner Mauer öffnet.
Noch glaubt Schabowski, sich an die Spitze der Protestbewegung stellen und die "Wende", die sein Chef Krenz bei seinem Amtsantritt wenige Tage zuvor ausgerufen hat, für die SED reklamieren zu können. Minuten später wird er eines Besseren belehrt. Millionen sind dabei, als Schabowski öffentlich gedemütigt wird. Das DDR-Fernsehen überträgt die Demonstration entgegen den eigenen Planungen live. Die Entscheidung haben die Mitarbeiter getroffen, ohne ihre Vorgesetzten zu fragen.
Schabowskis seifige Wende-Rede - "Wir lernen unverdrossen" - geht in einem gellenden Pfeifkonzert unter: "Aufhören, aufhören!" Der Moderator Henning Schaller vom Maxim-Gorki-Theater muss dem bedrängten Genossen beispringen. Ausgerechnet Schaller, der von der Stasi als "politisch-negativ" eingeschätzt wird.
"Ich stand neben ihm und konnte den plötzlichen totalen Verfall seiner Gesichtszüge beobachten", so wird Jens Reich diesen Moment später beschreiben: "Das war für ihn das Ende. Er resignierte. Ein Politiker wie Helmut Kohl steckt massenhafte Pfiffe weg und schreibt sie dem ,Pöbel' und mangelnder Vorbereitung der Demonstration seitens der Jungen Union zu. Aber für einen Marxisten war dies das Ende: Das Volk geht auf die Straße. Das war die Petrograder Revolution von 1917, jetzt war es aus."
An diesem 4. November 1989 haben viele dieses Gefühl. "Es ist", ruft der Schriftsteller Stefan Heym den Demonstranten zu, "als habe einer die Fenster aufgestoßen nach all den Jahren der Stagnation, der geistigen, wirtschaftlichen, politischen, den Jahren von Dumpfheit und Mief, von Phrasengedresch und bürokratischer Willkür."
Marianne Birthler, die mittags noch mit weichen Knien auf das Podium gestiegen ist, sitzt abends, als die Kehrmaschinen kreuz und quer über den mittlerweile leeren Alex fahren, mit ihrem Freund an einer Bushaltestelle, und beide sind sich sicher: "Das waren die Gesichter von Menschen, die ihre Angst hinter sich gelassen haben. Diese Leute wollen nicht mehr zurück, sie haben ihre Kraft gespürt, verlangen mehr."

Die gescheiterte Wende

Mit der großen Demonstration in Berlin ist die Macht nun auf die Straße übergegangen. Das macht das Besondere dieses Datums aus. Die Volksbewegung hat die politische Initiative übernommen, die SED ist nur noch Zuschauer. Der 4. November leitet die letzte Phase ihres Machtverfalls ein, der durch den Fall der Mauer fünf Tage später besiegelt wird.
Die drei Wochen zwischen dem Amtsantritt des neuen Generalsekretärs Egon Krenz am 18. Oktober und der Grenzöffnung am 9. November entscheiden das Schicksal der Staatspartei. In diesen wenigen Tagen, in denen sich die politischen Ereignisse wie im Zeitraffer verdichten, wird aus den bisherigen Unruhen endgültig eine Revolution, und das verhasste SED-Regime kollabiert.
Dass er als Generalsekretär eine Fehlbesetzung ist, beweist Egon Krenz schon an seinem ersten Arbeitstag. Am Abend des 18. Oktober wendet er sich im DDR-Fernsehen zum ersten Mal direkt an die Menschen. Die Einschaltquote ist gigantisch: fast 40 Prozent. Doch schon sein erster Satz - "Liebe Genossinnen, liebe Genossen" - zeigt, dass er nichts verstanden hat.
Es ist die gleiche Ansprache, die er am Nachmittag vor dem Zentralkomitee gehalten hat. Wort für Wort, inklusive des merkwürdigen letzten Satzes: "Ich danke euch." Krenz hat erfolgreich seinen politischen Ziehvater Erich Honecker aus dem Amt geputscht, aber nun reicht die Kraft nicht mehr, um eine Rede an das Volk vorzubereiten. Sein Fernsehauftritt wird "zum Selbsttor", wie er später einräumt.
Aber inhaltlich hat der Neue ja auch wenig zu bieten. Die SED, die bislang hilflos den Ereignissen hinterherhinkt, will sich jetzt an die Spitze der Bewegung setzen. Man werde eine "Wende einleiten" und die "politische und ideologische Offensive" wiedererlangen, kündigt Krenz an. Damit benutzt er zum ersten Mal den Begriff, der später zur Chiffre der friedlichen Revolution in der DDR wird. Das Wort von der "Wende", urteilt der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk, ist "eine geschichtspolitisch bis in die Gegenwart nachwirkende Umdeutung dessen, was Gesellschaft und Staat in diesen Tagen und Wochen erlebten".
Die Reaktionen auf den neuen Parteichef sind verheerend. Überall in der DDR gehen Zehntausende auf die Straße, um gegen den neuen Generalsekretär zu protestieren. Dass nun ausgerechnet der Hauptverantwortliche für die Fälschungen der Kommunalwahlen im Mai an die Spitze der Partei gerückt ist, können die Menschen nicht fassen. "Zu dumm zum Addieren - aber ein ganzes Land regieren", heißt es auf Flugblättern.
Der Liedermacher Wolf Biermann, den die SED 13 Jahre zuvor ausgebürgert hat, fasst die Stimmung im Land auf seine Weise zusammen. Krenz, dieser "versoffene FDJ-Veteran, der Jubelperser des Politbüros, der optimistische Idiot, das ewig lachende Gebiss", sei "der mieseste aller möglichen Kandidaten", lästert er und prophezeit: "Es geht also erst mal mächtig vorwärts nach hinten."
Eine Botschaft immerhin ist neu. Die Partei, versichert Krenz in seiner Jungfernrede, lasse sich von der "festen Überzeugung leiten, dass alle Probleme in unserer Gesellschaft politisch lösbar" seien. Stasi-Chef Erich Mielke realisiert sofort, was das bedeutet. Auf Staatsfeinde aus den "antisozialistischen Sammlungsbewegungen" könne man nun bedauerlicherweise nicht mehr so reagieren, wie es "diese Kräfte" eigentlich verdienten, erläutert er am 21. Oktober vor 74 Generälen und Obersten die neue Linie, an die sich alle zu halten hätten, "bis zur letzten Konsequenz".
Auch der alternde Innenminister Friedrich Dickel folgt widerwillig dem neuen Kurs. "Ich würde am liebsten hingehen und diese Halunken zusammenschlagen, dass ihnen keine Jacke mehr passt", wütet der frühere Spanien-Kämpfer zwar vor den Chefs der Volkspolizei über die "weiße Brut" der Konterrevolutionäre, "dieses faschistische Kroppzeug". Aber die Zeiten hätten sich leider geändert: "Schießen, liebe Genossen, und dass die Panzer dann vor der Bezirksleitung stehen und vor dem ZK, das wäre noch die einfachste Sache. Aber solch eine komplizierte Situation nach 40 Jahren DDR?"
Offene Gewalt gegen Regimegegner ist ab sofort nur noch in Ausnahmefällen zulässig, doch gleichzeitig wird die Beschnüffelung des politischen Gegners ausgeweitet. Nun gehe es darum, in die oppositionellen Gruppen "verstärkt auch solche IM einzubauen, die Einfluss auf die Richtung des Vorgehens solcher Gruppierungen ausüben können", ordnet Mielke an.
Hilfreich sei dabei, "dass sich diese Gruppierungen - sie verstehen sich ja als Sammelbecken - weitgehend geöffnet haben und ihre Arbeitsweise praktisch keinen konspirativen Charakter trägt". Das stimmt. Die offene, wenig hierarchische Struktur der DDR-Oppositionsgruppen macht sie anfällig für Unterwanderung, immunisiert sie aber zugleich gegen politische Kaperungsversuche durch Einzelne.
Auch die "Dialogpolitik", die Krenz ausgerufen hat, erweist sich als Rohrkrepierer. Die führenden Genossen, die nun in die Betriebe geschickt werden, um für die sozialistische Sache zu argumentieren, sind überfordert. Als Funktionäre sind sie es gewohnt, Anweisungen entgegenzunehmen und weiterzuleiten. Noch nie in ihrem politischen Leben haben sie argumentieren müssen. Jetzt, wo es darauf ankommt, können sie es nicht.
Der Historiker Hans-Hermann Hertle zitiert in seinem Buch "Der Fall der Mauer" aus einem Bericht der SED-Bezirksleitung Berlin, der den Dialog des 79-jährigen Politbüromitglieds Alfred Neumann mit einem Arbeiter des Berliner Reichsbahnausbesserungswerks widergibt:
Arbeiter: Du hast seit Jahren nichts bewegt. Es müssen Leute ran, die etwas bewegen, und nicht solche, die schon 80 sind und schon jahrelang nichts mehr gekonnt haben. Hör auf, und setz dich zur Ruhe. Du hast genug geleistet.
Neumann: Das Alter spielt keine Rolle. Ob alter oder junger Esel - Esel bleibt Esel.
Arbeiter: Wenn bei uns einer 60 wird, dann wird er vom Medizinischen Dienst obligatorisch untersucht, ob er für seinen Arbeitsplatz noch die Voraussetzungen hat. Wirst du auch medizinisch untersucht?
Neumann: Die Jugend läuft ja weg, wir müssen bleiben.
Arbeiter: Die Jugend rennt, weil ihr sie nicht mehr versteht. In komplizierter Lage muss man Konsequenzen ziehen. Du hast seit Jahren nichts bewegt. Hör doch auf. Ihr müsst im Politbüro aufgefrischt und verjüngt werden.
Neumann: Wir hören nicht auf. Das Alter ist nicht entscheidend. Adenauer wurde auch gewählt, als er fast 90 war, und Ludendorff war 87.
Arbeiter: Wir lassen uns nicht mehr verarschen. Ich bin Arbeiter und mach meine Arbeit. Du hast deine zu machen. Ich habe dafür Rechenschaft zu legen. Tu du es auch.
Die Offensive des Parteichefs fährt auch an einer anderen Front fest. In Verkennung der Stimmung im Volk versucht die SED, den Oppositionsgruppen die Straße streitig zu machen. In Schwerin will die Parteiführung ein Signal gegen die Leipziger Montagsdemonstrationen setzen. Als das Neue Forum für den 23. Oktober zu Protesten im Stadtzentrum aufruft, setzt die SED-Bezirksleitung eine Großkundgebung im Alten Garten an - zum selben Termin.
Die Stasi meldet, 5000 "gesellschaftliche Kräfte" seien mobilisiert worden: "klassenbewusste Arbeiter, mutige Agitatoren und Propagandisten der Partei". Mit Bussen werden sie als Claqueure aus dem ganzen Bezirk nach Schwerin gebracht, doch nicht alle wollen sich so schamlos instrumentalisieren lassen. Einzelne "Kämpfer", berichtet die Stasi resigniert, hätten "politisch-ideologisch kapituliert".
Viele der SED-Funktionäre erscheinen zum "Dialog" auf der Straße sicherheitshalber mit Dienstpistole. Das nun folgende Desaster können sie aber nicht verhindern. Als der SED-Bezirkssekretär zu seiner inhaltsarmen Kurzansprache ansetzt, antworten ihm die Demonstranten zunächst mit einem gellenden Pfeifkonzert. Dann löst sich die offizielle Kundgebung klammheimlich auf - um sich der Demonstration des Neuen Forums anzuschließen. Das Volk hat sich entschieden.
Ende Oktober breitet sich die Protestbewegung auf das ganze Land aus. Längst gehen die Menschen auch in der Provinz auf die Straße. In der letzten Oktoberwoche zählt das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) 540 000 Teilnehmer an 145 Demonstrationen. Der Erste Sekretär der SED-Bezirksleitung Potsdam kabelt an die Kreisleitungen seines Bezirks, die Dialogstrategie der Parteiführung sei gescheitert: "Mit solchen Massendialogen, die der Gegner von vorneherein beherrscht und bei denen unsere Funktionäre durch emotionsgeladene Massen aufgerieben werden, ist Schluss zu machen."
Die treuen Parteikader verstehen die Welt nicht mehr. Am 24. Oktober schneidet ein Techniker heimlich die Sitzung der SED-Volkskammerfraktion mit und spielt das Tonband der Opposition zu. Es ist ein beispielloses Dokument der Hilflosigkeit, das in den folgenden Tagen in der Ostberliner Gethsemane-Kirche vorgespielt wird.
"Beim Anhören des Bandes stellt sich eindrucksvoll das Bild einer führenden Partei dar, die vollständig erledigt ist", kommentiert die Untergrundzeitung telegraph: "Ein Schweriner erzählt lallend, wie er in den Fünfzigerjahren plündernde Bauern mit seiner Dienstpistole zurückgeschlagen habe, eine Leipziger Genossin, die das Sentimentale vertritt, glaubt das Vertrauen der Bevölkerung durch die Wiederherausgabe des Kinderbuches ,Vorwärts Egon' neu beleben zu können."
Ende Oktober fordert die friedliche Revolution die ersten Todesopfer. Heillos überfordert und resigniert erschießen sich Funktionäre mit der Dienstwaffe, erhängen sich oder greifen zu Tabletten. Noch mehr enden im Suff. Insgesamt bringen sich in den Revolutionsmonaten etwa 50 Funktionäre um, darunter drei Erste Sekretäre von SED-Kreisleitungen, mehrere hohe Stasi-Offiziere, die stellvertretende Chefin des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes und der Bauminister.

Das Reisegesetz

Die "Wende" des Egon Krenz treibt immer mehr Menschen aus ihrem Land. Die Zahl der Ausreiseanträge nimmt Tag für Tag um etwa tausend zu. Das MfS meldet Ende Oktober 188 180 Anträge; der Staat genehmigt mehr denn je, "zur Verringerung des von diesem Potenzial ausgehenden Drucks auf die staatlichen Organe und zur Abwendung außenpolitischen Schadens für die DDR", wie es in einer Vorlage für das Politbüro heißt.
Die Situation ist dramatisch. 50 000 Menschen haben die DDR in den ersten neun Monaten illegal verlassen, die Zahl der Grenzdurchbrüche schnellt nach oben, immer weniger Menschen akzeptieren, dass der Staat sie einsperrt. Das Innenministerium klagt, nur "unter Aufbietung aller physischen und psychischen Kräfte" gelinge den "Genossinnen und Genossen des Pass- und Meldewesens" noch die Bewältigung ihrer Aufgaben.
Schon in seiner Antrittsrede hat Krenz angekündigt, "einen Gesetzentwurf über Reisen ins Ausland vorzubereiten". Doch die zuständige Arbeitsgruppe unter der Führung von Wolfgang Herger, dem Abteilungsleiter für Sicherheitsfragen im Zentralkomitee (ZK), steht vor zwei unlösbaren Problemen. Wie verhindert man das Ausbluten der Republik im Fall einer großzügigeren Reiseregelung? Allein für das laufende Jahr wird der Produktionsausfall durch Abwanderung auf zwei Milliarden Ostmark geschätzt.
Auch das zweite Problem hat es in sich: Sollen die Reisenden, die in die DDR zurückkehren wollen, nicht auf die Barmherzigkeit ihrer Gastgeber angewiesen sein, müssen sie mit Westgeld ausgestattet werden. Doch Devisen sind in der DDR so rar wie Bananen. Die Experten rechnen durch, wie viel es kosten würde, wenn man die entsprechenden Auslandsreiseregelungen der sozialistischen Bruderländer übernehmen würde. Das Ergebnis ist ernüchternd. Das ungarische Modell würde 3,9 Milliarden, das tschechische 4,7 Milliarden "Valutamark" kosten. Unbezahlbar.
Am Ende entscheidet sich das Politbüro für die Discount-Variante: den Bürgern einmal im Jahr 15 Mark West gegen 15 Mark Ost einzutauschen. Allein das würde sich auf 400 Millionen Valutamark summieren. "Pinkelgeld", spotten die DDR-Bürger, weil die 15 Westmark gerade für den Kaffee unterwegs und die letzten Buskilometer zum Zielort reichen würden.
Als der angekündigte Entwurf des Reisegesetzes am 6. November veröffentlicht wird, reagiert die Bevölkerung empört. Wenige Wochen zuvor wäre das Gesetz noch eine Sensation gewesen, jetzt kritisieren selbst SED-Funktionäre die Regelung, die den Bürgern gerade einmal 30 Tage pro Jahr im Ausland gewährt und der Obrigkeit jederzeit vorbehält, die Reisen zu verbieten, wann immer der "Schutz der öffentlichen Ordnung" es erfordert.
"In 30 Tagen um die Welt, ohne Geld", höhnen die Menschen bei der Montagsdemonstration in Leipzig. Und bestätigen damit Alexis de Tocqueville, den großen konservativen Denker, der 1856 über die Französische Revolution festgestellt hatte: "Das Leiden, das man geduldig als unausweichlich ertragen hat, wird unerträglich, wenn seine Beseitigung plötzlich denkbar erscheint."

Der Bankrott

Bereits einen Tag nach dem Amtsantritt des neuen Generalsekretärs versucht die DDR-Führung, ein wenig Dampf aus dem Kessel zu lassen. Am 19. Oktober beschließt der Ministerrat, die miserable Versorgungslage kurzfristig durch Importe und Bereitstellungen aus der Staatsreserve zu verbessern.
Südfrüchte, Schokolade, eine Million Jeans aus Syrien, zwei Millionen Kaffeefiltertüten, 100 000 Sanitärarmaturen, Batterien, Autoreifen, 2360 zusätzliche Trabis, 600 000 Uhren, Geschirr, 2000 Farbfernseher, Kühlschränke, Waschmaschinen, Kohlebadeöfen, Videorekorder, Taschenrechner, Motorräder, Brillen und fünf Millionen Rasierklingen werden zusätzlich an die Geschäfte geliefert.
Es ist pure Kosmetik. Dass die wirtschaftliche Lage der DDR katastrophal ist, wissen die Mitglieder des Politbüros seit Langem. Dass der SED-Staat in Wahrheit ökonomisch am Ende ist, erfahren sie am 31. Oktober. Eine Kommission unter Leitung von Gerhard Schürer, dem Chef der Staatlichen Plankommission, legt ihnen eine schonungslose "Analyse der ökonomischen Lage der DDR mit Schlussfolgerungen" vor.
Die Schlussfolgerungen sind dürftig, die Analyse aber ist eine Bankrotterklärung: "Im internationalen Vergleich der Arbeitsproduktivität liegt die DDR gegenwärtig um 40 Prozent hinter der BRD zurück ... Die Verschuldung im nichtsozialistischen Wirtschaftsgebiet ist ... auf eine Höhe gestiegen, die die Zahlungsfähigkeit der DDR infrage stellt."
Die Investitionen in die Mikroelektronik seien ein Milliardengrab, erklärt die Kommission, die Verkehrsinfrastruktur sei vernachlässigt worden, die Konzentration auf den Wohnungsneubau führe dazu, dass die Altbauten verrotten, der "Verschleißgrad" in der Industrie liege teilweise bei über 60 Prozent, die Sozialpolitik werde durch westliche Kredite finanziert.
Die Verschuldung liege so hoch, schreibt Schürers Expertenrat in einer als "Geheime Kommandosache" deklarierten Zusatzinformation, dass die DDR international als zahlungsunfähig gelten würde, wenn die Daten bekannt würden. Üblich sei eine Schuldendienstrate von nicht mehr als 25 Prozent, die DDR aber liege bei 150. Die Lage werde sich im kommenden Jahr sogar noch verschärfen. Allein ein "Stoppen der Verschuldung würde im Jahr 1990 eine Senkung des Lebensstandards um 25 bis 30 Prozent erfordern und die DDR unregierbar machen".
Erlösung von diesem Übel erwartet sich die Schürer-Truppe vom Klassenfeind in Bonn. Es sei unerlässlich, "mit der Regierung der BRD über Finanzkredite in Höhe von zwei bis drei Milliarden Valutamark über bisherige Kreditlinien hinaus zu verhandeln".
Zwar schließe die DDR "jede Idee von Wiedervereinigung mit der BRD oder der Schaffung einer Konföderation aus", aber man könne der BRD ja anbieten, dass sie den Schaden in Höhe von etwa hundert Milliarden Mark begleiche, der "unserem Land in der Zeit der offenen Staatsgrenze laut Einschätzung eines Wirtschaftsinstituts der BRD" entstanden sei.
Und noch etwas: Als "Zeichen der Hoffnung" könne man doch 1995 prüfen, "ob sich die Hauptstadt der DDR und Berlin (West) um die gemeinsame Durchführung der Olympischen Spiele im Jahre 2004 bewerben sollten".

Letzte Hoffnung Moskau und Bonn

Am Abend nach der Politbürositzung landet Krenz mit einer Sondermaschine der Interflug im Moskauer Schneeregen. Vier Stunden lang trifft er sich am nächsten Tag mit Michail Gorbatschow. Ausführlich schildert er dem sowjetischen Parteichef die Lage der DDR-Wirtschaft. Der gibt sich erstaunt und fragt nach, "ob diese Zahlen exakt seien. So prekär habe er sich die Lage nicht vorgestellt".
Doch von den Sowjets ist keine Hilfe zu erwarten. Ihnen geht es noch viel schlechter. Das Land wird im vierten Jahr von Glasnost und Perestroika von einer schweren Versorgungskrise gepeinigt, zu Almosen an die bedrängten Bruderstaaten sieht sich die sozialistische Führungsmacht außerstande. So gibt Gorbatschow dem Genossen Krenz am Ende nur einen bescheidenen Rat mit auf den Weg: Man müsse "jetzt in allgemeiner Form einen Weg finden, um der Bevölkerung mitzuteilen, dass man in den letzten Jahren über seine Verhältnisse gelebt habe".
Und auch in der anderen Frage, die Krenz umtreibt, bekommt er keine Gewissheit. Wie steht Gorbatschow zu einer möglichen Wiedervereinigung Deutschlands? Der KPdSU-Generalsekretär antwortet ausweichend und verweist auf die angeblich skeptischen Amerikaner. Krenz notiert: "Interessant, denke ich, sie reden mit den USA über die deutsche Einheit, nicht aber mit der DDR."
Von Moskau ist keine Hilfe zu erwarten, aber vielleicht von Bonn? Diesen Part übernimmt Alexander Schalck-Golodkowski, als Leiter des geheimen Bereichs für Kommerzielle Koordinierung zuständig für den inoffiziellen Handel mit dem kapitalistischen Ausland. Am 24. Oktober trifft sich der Stasi-"Offizier im besonderen Einsatz" im Bonner Kanzleramt mit Rudolf Seiters und Wolfgang Schäuble, den Vertrauten von Kanzler Helmut Kohl.
Vorsichtig tasten sich beide Seiten ab. Schalck kündigt weitgehende Reformen an, macht aber deutlich, dass an der Führungsrolle der SED und der sozialistischen Ordnung nicht gerüttelt werden solle. Der unbegrenzte Reiseverkehr, wie ihn die DDR anstrebe, werde teuer werden, sodass im Interesse der Menschen "für einen Ausgleich der zusätzlichen ökonomischen Belastungen gemeinsame Lösungen gefunden werden" sollten.
Seiters und Schäuble signalisieren, dass man über finanzielle Zuschüsse für die neue Reiseregelung nachdenken könne, doch ansonsten vertrösten sie ihren Gast. Sie haben Zeit, das SED-Regime nicht. Als Schalck am 6. November erneut anreist, hat sich seine Verhandlungsposition weiter verschlechtert.
Dieses Mal geht er aufs Ganze. Die DDR sei bereit, in den nächsten zwei Jahren "objektgebunden langfristige Kredite ... bis zur Höhe von zehn Milliarden" Mark aufzunehmen, bietet er an. Nun wissen Seiters und Schäuble, dass die ökonomische Lage in der DDR dramatisch sein muss.
Zwei Tage später ist es der Kanzler selbst, der im Bundestag die Bedingungen für "eine völlig neue Dimension unserer wirtschaftlichen Hilfe" nennt. Für die SED sind sie unerfüllbar: Verzicht der Partei auf ihr Machtmonopol, die Zulassung unabhängiger Parteien und freie Wahlen.

Der 9. November

Seit neun Uhr tagt im Ministerium des Inneren in der Ostberliner Mauerstraße eine kleine Arbeitsgruppe: zwei Obristen des MfS und zwei hohe Offiziere des Innenministeriums. Die Spezialisten sollen eine knifflige Aufgabe lösen. Die Parteiführung hat sie beauftragt, eine Regelung für alle DDR-Bürger zu finden, die das Land für immer verlassen wollen. Die Vorgabe ist absurd: An alle, die nur kurz in den Westen wollen, ist nicht gedacht worden.
Und so legen sie den bisherigen Entwurf - "Unverzügliche Visaerteilung für ständige Ausreisen" - beiseite und formulieren eine Regelung über "Privatreisen nach dem Ausland", die ohne "Vorliegen von Voraussetzungen" beantragt werden sollen. Wer ins Ausland reisen will, egal wie lange, muss dann nur noch ein Visum beantragen.
Seit dem Morgen ist auch das Zentralkomitee zu einer Klausurtagung zusammengekommen. Mittags, in der Raucherpause, liest Krenz den Entwurf der Experten einigen zufällig anwesenden Mitgliedern des Politbüros vor, die ihn abnicken. Dann geht die Vorlage in den Ministerrat.
Gegen 16 Uhr ergreift Krenz im ZK-Plenum das Wort, um ein Problem anzusprechen, "das uns alle belastet: die Frage der Ausreisen ... Was wir auch machen in dieser Situation, wir machen einen falschen Schritt". Schabowski, der Pressesprecher des neuen Politbüros, ist nicht anwesend, als Krenz die neue Regelung vorliest.
Er taucht erst kurz vor der Pressekonferenz wieder auf, die er am Abend geben soll. Krenz drückt ihm die neue Reiseregelung in die Hand. "Ich bin ins Pressezentrum gefahren und habe mir das Papier nicht mehr durchgelesen", wird Schabowski wenige Monate später sagen. Da hat er bereits Weltgeschichte geschrieben. Indem er unabsichtlich am Abend des 9. November die Berliner Mauer öffnete.
Im nächsten Heft:
9. November 1989
Die Nacht der großen Gefühle: Für Zigtausende Ostberliner erfüllt sich ein Traum; sie flanieren durch den Westen der Stadt.
Von Konstantin von Hammerstein

DER SPIEGEL 41/2014
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