06.10.2014

WaffenhändlerMeister der Camouflage

Branchengrößen wie Sig Sauer sind im Visier von Staatsanwälten. Nun zeigt das Beispiel einer Krefelder Firma, wie auch kleine Unternehmen am Rande der Legalität operieren.
Es ist schwül an jenem 27. Juni 2011, als in einem Krefelder Industriegebiet eine geheimnisvolle Delegation auftaucht. Die Herren - mehrere tragen den in ihrer Heimat üblichen Oberlippenbart - sind auf Shoppingtour für ihren Arbeitgeber, den irakischen Geheimdienst Inis.
Das Ziel der Mission ist die Schmeisser GmbH, die in der Nähe des Rheinufers unter anderem Sturmgewehre fertigt. Stolz führen die Unternehmensmanager den Gästen ihr Schießeisen-Sortiment vor. Die Iraker sind interessiert: Nach dem Besuch richten sie ein Dankeschön aus - und bitten um ein Angebot.
Ein bemerkenswerter Vorgang. Denn zum einen gilt für den Irak seit Jahren ein Waffenexportembargo, das nur wenige Ausnahmen zulässt. Zum anderen gilt dieser irakische Geheimdienst als ein Trupp, der sich in den vergangenen Jahren dem Westen eher ab- und Iran zugewandt hat.
Will man mit solchen Geheimdiensten Geschäfte machen? Schmeisser wollte.
Die Firma erstellte den Irakern Lieferangebote in einem Volumen von rund 40 Millionen Dollar, darunter für 5000 Sturmgewehre des Modells Solid 2, einer Sonderausfertigung für Spezialkräfte, samt Schalldämpfer. Es ist nicht bekannt, ob der Deal jemals zustande gekommen ist.
Die Offerte für die Iraker ist aber nicht das einzige Beispiel für das Geschäftsgebaren des Waffenherstellers vom Niederrhein, der sich auf internationalen Messen wie in Paris oder Abu Dhabi als seriöses Hightech-Unternehmen präsentiert - und sich in Deutschland um öffentliche Aufträge von Bundeswehr und Polizei bemüht.
Wie firmeninterne Dokumente belegen, haben die Firmenchefs Andreas Schumacher, 53, und Thomas Hoff, 49, offenkundig keine Skrupel, mit autoritären Regimen Waffendeals anzubahnen. Manche ihrer Geschäfte spielen sich in einem Graubereich ab, bisweilen aber womöglich auch jenseits der Grenze zum strafrechtlich Relevanten. Manche erscheinen so zwielichtig, dass in den USA das für die Rüstungsexportkontrolle zuständige State Department Hinweise prüft, wonach die Schmeisser-Chefs gegen amerikanische Exportvorschriften verstoßen haben könnten.
Auch deutsche Behörden interessierten sich bereits für die Krefelder Firma: Das Bundeskriminalamt (BKA) untersuchte einige Monate lang alle Handelsgeschäfte. Erfolglos. Es empfiehlt der Staatsanwaltschaft, nicht weiter gegen die Firma vorzugehen.
So zeigt die Geschichte von Thomas Hoff und Andreas Schumacher auch, wie schwierig der Handel mit Kleinwaffen zu kontrollieren ist, wie groß die juristischen Freiräume sind und wie hilflos die Politik agiert.
Immer wieder tauchen Handfeuerwaffen made in Germany in den Krisengebieten dieser Welt auf. In mexikanischen Unruheregionen wie Chiapas landeten Tausende Sturmgewehre von Heckler & Koch, die kolumbianische Polizei erhielt über verschlungene Wege Pistolen und Scharfschützengewehre von Sig Sauer. Politiker, die sich mit dem Waffenhandel auskennen, zweifeln längst an der Wirksamkeit der Exportüberwachung. "Eine echte Kontrolle findet nicht statt", urteilt der Linken-Abgeordnete Jan van Aken, "Waffenexporte werden in Deutschland nur verwaltet, fast immer durchgewinkt."
Der zuständige Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) konzentriert sich in Fragen der Exportkontrolle lieber medienwirksam auf Kampfpanzer und Haubitzen. Dabei sterben stündlich etwa 90 Menschen durch Kleinwaffen. Dass im vorigen Jahr der Wert der Genehmigungen für Kleinwaffenexporte auf ein Rekordniveau stieg, schiebt er gern dem Vorgänger in die Schuhe. So hilflos kann Rüstungspolitik sein.
Die laxe Kontrolle gilt für Branchengrößen wie Heckler & Koch oder Sig Sauer, aber ebenso für eher kleine Händler vom Schlage Schumacher und Hoff. Seit vielen Jahren bewegen sich die beiden in dem Revier. Und dass sie sich dort so lange gehalten haben, liegt wohl auch an ihrer zupackenden, bodenständigen Art. Der eine, Schumacher, lernte einst den Beruf des Maurers und stieg zum Polier auf. Der andere, Hoff, wurde Elektriker, spezialisierte sich auf Starkstrom. Ihr Verdienst reichte jedoch offenbar nicht aus, extravagante Hobbys zu finanzieren: Die beiden Männer fahren leidenschaftlich Harley Davidson und ballern gern mit teuren Waffen.
So machte Hoff seine Liebhaberei zum Beruf und stieg in den Handel mit Militärantiquitäten ein. Als 1989 der Ostblock zusammenbrach, erlebte die Branche einen Boom. Jenseits der ehemaligen Grenze waren noch viele Militaria aus der Nazi-Zeit zu holen, der Handel mit Uniformen, Messern und alten Pistolen spülte ordentlich Geld in die Kasse.
Es bildete den Grundstock, um zusammen mit Kumpel Schumacher im internationalen Waffenhandel mitzumischen. 1995 gründeten sie ihre erste gemeinsame Firma, die Waffen Schumacher GmbH. Später sicherten sie sich die Namensrechte von Hugo Schmeisser - und landeten damit einen Marketingcoup. Denn Schmeisser ist eine Legende in der Welt der Waffenfreunde. Der Konstrukteur aus Thüringen, der 1953 in Erfurt starb, hatte in den Dreißigerjahren das erste deutsche Sturmgewehr entwickelt. Das StG 44 der Wehrmacht soll sogar als Inspiration für die berühmte Kalaschnikow gedient haben.
Mit Schmeisser hatten Hoff und Schumacher den idealen Namen, um künftig selbst Waffen herzustellen. Ihr Vorzeigeprodukt sollte ein modernes Sturmgewehr "made in Germany" werden - ein Hugo Schmeisser für das 21. Jahrhundert.
Ein eigens angestellter Waffentechniker bastelte drei Jahre lang an dem Prototyp. 2010 präsentierten Schumacher und Hoff ihren Schmeisser-Selbstlader erstmals auf einer Messe. Er ist dem berühmten amerikanischen Sturmgewehr AR-15 nachempfunden - ein martialisch aussehender Schießprügel, der dem Publikum aus Hollywood-Produktionen wie "Rambo" vertraut ist. Das Kampfgerät ist zu einem Symbol der Weltpolizei geworden, seit es in der US-Army unter dem Namen M16 von Vietnam bis in den Irak zum Einsatz kam.
Schmeisser brachte sein Gewehr in zwei Versionen auf den Markt: als Sturmgewehr für Armee und Polizei und als halbautomatisches Zivilmodell für private Sicherheitsunternehmen und Freaks, die auf dem Schießstand Rambo spielen möchten.
Die Krefelder hatten ihre Novität allerdings nicht selbst produziert, sondern aus vielen eingekauften Komponenten zusammengeschraubt. Die deutschen Waffenfreunde schätzten die Büchse dennoch, die Fachmagazine waren angetan, schwärmten vom "starken Kampfzwerg", der "heiß wie Wüstensand" sei.
Die Einzelteile des AR-15 kamen mal aus Taiwan, mal aus Deutschland, aber auch aus den USA - was umgehend die Aufmerksamkeit amerikanischer Behörden erregte. Im Februar 2010 meldete sich die US-Botschaft in Krefeld: Ob man die Waffen denn auch exportieren wolle? Nein, lautete die Antwort, es gehe lediglich um den Bau von Sport- und Jagdwaffen für den heimischen Markt.
Die Amerikaner, die unter allen Umständen verhindern wollen, dass ihre Soldaten irgendwo in der Welt mit Waffenteilen "made in USA" getötet werden, nahmen die Erklärung zur Kenntnis. Schmeisser versicherte in "Endverbleibserklärungen", dass die Teile die Bundesrepublik nicht verlassen. Auch deutsche Importkontrolleure segneten den Deal ab und erteilten Einfuhrbescheinigungen aus den USA für Zehntausende Teile im Wert von mehreren Millionen Dollar.
Wirtschaftlich schoss das AR-15 jedoch nicht so scharf wie erhofft. Nur einige Tausend Exemplare fanden bisher Käufer. Auf dem deutschen Markt allein ist mit dem Gewehr offenbar kein zufriedenstellender Reibach zu machen.
Neue Märkte mussten her - zum Beispiel in Russland. Wie Firmenunterlagen belegen, lieferten die Krefelder in den vergangenen Jahren sowohl komplette AR-15-Gewehre als auch Tausende Einzelteile gen Osten. Diese Komponenten montierte dann die Firma Molot, eine der bekanntesten Waffenschmieden Russlands, zu kompletten Gewehren. Auf den Exportdokumenten steht: "Origin Germany", Ursprungsland Deutschland. Auf Waffenmessen präsentierten die Russen dann Gewehre, auf denen Schmeisser- und Molot-Logos eingraviert waren.
Doch manche der nach Russland gelieferten Bauteile stammten offenbar aus den USA. Das legen Firmendokumente aus Krefeld nahe, und das bekräftigen eidesstattliche Erklärungen von Zeugen. Doch für einen solchen Re-Export hätten US-Behörden ausdrücklich ihre Erlaubnis geben müssen. Bei Verstößen können die Amerikaner auch gegen ausländische Firmen vorgehen.
Konkrete Fragen des SPIEGEL zum Russland-Geschäft beantworteten Hoff und Schumacher nicht. Sie betonen, sie hätten lediglich 300 Teilesätze auf Grundlage einer Exportgenehmigung an Molot geliefert. Sollten Dokumente etwas anderes aussagen, müssten diese gefälscht sein.
Zumindest scheinen sich die Schmeisser-Chefs damit auszukennen, wie sich die Herkunft von Waffenteilen verschleiern lässt. In einer E-Mail an einen russischen Geschäftspartner empfehlen sie in einem anderen Zusammenhang: Falls US-Behörden ein Problem damit hätten, Produkte aus Russland nach Amerika zu lassen, könne man sie vielleicht erst als Teile-Sätze nach Krefeld schicken, dort ein paar Kleinigkeiten hinzubauen und dann als "German made" in die USA exportieren.
Für die Meister der Camouflage gehörte diese Art von Ost-West-Handel offenbar zur Routine. Ein Zeuge berichtet, wie sich Schumacher seiner Kontakte nach Russland rühmte. Die Kreml-Garde ist ein Teil des Föderalen Schutzdienstes, der für die Sicherheit des Regierungssitzes zuständig ist und von Wladimir Putin für Aufklärung und Spionageabwehr eingesetzt wird.
Die Krefelder Waffenhändler trauten sich auch, Angela Merkels Administration hinters Licht zu führen; interne Dokumente belegen das.
Im Sommer 2009 erschienen Hoff und Schumacher mit ihrem Anwalt im Kanzleramt, Referat 221, zuständig für Wehrverwaltung und Rüstung. Wie später im firmeneigenen Protokoll des Treffens festgehalten wurde, sprach ein Regierungsvertreter auch Exporte nach Pakistan an, die den deutschen Behörden gar nicht passten. Es ging dabei um sogenannte Lookalikes, die bis ins Detail aussehen wie Maschinenpistolen des Typs MP5 von Heckler & Koch. Da sie im Unterschied zum Original nicht vollautomatisch feuern und lediglich Kleinkaliberpatronen abschießen, gelten sie als Sportwaffen - und konnten damals problemlos ausgeführt werden.
Laut Protokoll ließen Merkels Beamte Hoff und Schumacher aber wissen, dass in Zukunft ein Export der Replicas nach Pakistan unerwünscht sei - wegen der "optischen Verwechselbarkeit mit den originalen Maschinenpistolen des Typs H & K MP5". Es sei nicht auszuschließen, dass deutsche Soldaten im benachbarten Afghanistan mit solchen Kopien angegriffen würden. Tödlich können auch diese wirken.
Zwei Wochen nach dem Treffen fragte ein Beamter des Wirtschaftsministeriums nach, ob die Ausfuhranträge für Pakistan hinfällig seien. "Pakistan hat sich für uns erledigt", ließ Hoff über seinen Anwalt ausrichten. "Wir stehen zu unserem Wort!"
Was Hoff verschwieg: In der Zwischenzeit hatte er kaufwilligen Händlern mitgeteilt, dass die Bundesrepublik den Export solcher Waffen nicht gern sehe - es in Europa aber noch eine andere Firma gebe, die die Replicas verkaufe: LuxDefTec in Luxemburg. "Wenn ich Sie wäre, würde ich so schnell wie möglich so viel wie möglich bestellen", schrieb Hoff den Pakistanern in holprigem Englisch.
Fast zur selben Zeit hatten Hoff und Schumacher still und leise die Anteilsmehrheit von LuxDefTec übernommen. Der Geschäftsführer des Luxemburger Unternehmens reagierte auf eine Anfrage des SPIEGEL nicht.
Mit ihren scharfen Knarren, ihrem traditionsreichen Namen und ihren kühnen Plänen zogen die Schmeisser-Chefs Kaufinteressenten aus der ganzen Welt an. 2010 bahnte sich ein Großdeal mit Saudi-Arabien an. Dumm nur, dass kurz darauf das autoritäre Königreich dem Nachbarland Bahrain half, einen Demokratieaufstand niederzuschlagen. Die Bundesregierung ließ alle Exporte in die Region stoppen, und die Krefelder zogen den Antrag vorübergehend zurück. In einer E-Mail beklagt sich ein Schmeisser-Mitarbeiter gegenüber einem Geschäftspartner über die "Probleme mit unserer verrückten Regierung".
Im August 2012, als sich die Wogen auf der Arabischen Halbinsel geglättet hatten, beantragte Schmeisser beim Wirtschaftsminister eine Musterlieferung nach Saudi-Arabien - und erhielt prompt die Genehmigung für den Export von 20 vollautomatischen Maschinenpistolen, Kaliber 9 mm, Typ "Solid 2" nach Riad. Die "Royal Guard" des Königreichs sollte sie zum Zweck von "Tests und Erprobung" erhalten, wie es in der Ausfuhrgenehmigung hieß. Als besonderer Clou sollte jede einzelne Waffe das Bild eines saudischen Scheichs zieren.
Irak, Pakistan, Saudi-Arabien - als internationaler Waffenhändler kann man sich Skrupel nicht leisten. In Hoffs und Schumachers Firma zirkuliert, mit oder ohne Wissen der beiden Geschäftsführer, das Logo einer lachenden Sonne, wie es Kernkraftgegner verwenden. Dazu der Slogan: "Gutmenschen? Nein danke!"
So schreckten die beiden Handwerker vom Niederrhein auch vor Geschäften mit Turkmenistan nicht zurück. Das Regime der früheren Sowjetrepublik gilt als eines der repressivsten der Welt, von Menschenrechten halten die Herrscher des zentralasiatischen Landes nicht viel.
Hoff und Schumacher betrieben einen gehörigen Aufwand, um die deutschen Behörden von der Notwendigkeit von Waffenlieferungen an das turkmenische Innenministerium zu überzeugen. Dort war man unter anderem an Granatwerfern, Maschinenpistolen und Zubehörteilen zur Modernisierung des Kalaschnikow-Sturmgewehrs interessiert.
Auch über dieses Thema sprachen Hoff und Schumacher, als sie 2009 im Kanzleramt waren. Der Plan sei, so heißt es in einem Gesprächsprotokoll der Krefelder Delegation, die turkmenischen "Anti-Terror-Einheiten an westliche Standards in der Ausrüstung und Bewaffnung heranzuführen". Ein Vertreter aus dem Kanzleramt äußerte jedoch Bedenken. Turkmenistan sei ein sogenanntes "Istan-Land", in dem die "Frage der Beachtung der Menschenrechte noch im Aufbau" sei.
Monatelang betrieben die Krefelder Schurkenstaat-Freunde und die turkmenische Regierung Lobbying - doch nicht mal die Beteiligung der wirtschaftsnahen FDP an der neuen Koalition fruchtete. Im Herbst 2010 teilte Schumacher dem Innenminister Turkmenistans mit, dass die Bundesrepublik keine Ausfuhr von Equipment für Sicherheitsbehörden genehmige.
Damit war die Liaison zwischen Krefeld und dem Kaspischen Meer aber nicht zu Ende: Wenig später bot die Firma LuxDefTec, die heimliche Luxemburger Dependance von Hoff und Schumacher, den Turkmenen - mit oder ohne Wissen und Wollen der Geschäftsführer Hoff und Schumacher - ebenfalls Granatwerfer, Gewehre und Waffenteile an - die Offerte war mit dem Schmeisser-Angebot in großen Teilen identisch. Eigenartig auch: Die Rechnungssumme entspricht auf den Cent genau einem früheren Angebot der Krefelder - 803 381,52 Euro.
Die Firma äußerte sich nicht, was aus diesem Deal wurde. Laut Dokumenten, die dem SPIEGEL vorliegen, erhielt LuxDefTec im November 2010 vom Großherzogtum Luxemburg aber eine Exportgenehmigung für die Lieferung mehrerer Pistolen und Gewehre nach Turkmenistan.
Im Zusammenspiel mit der ominösen Firma in Luxemburg haben Schumacher und Hoff auch das wohl wichtigste Geschäft ihrer Unternehmensgeschichte an Land ziehen können: einen Millionenauftrag der Bundeswehr.
Vor knapp drei Jahren sicherten sie sich einen Beschaffungsvertrag mit der Nummer B D32B BB071 BL361. Sie waren damit offizieller Zulieferer der Bundeswehr - was in der Waffenbranche als eine Art Gütesiegel verstanden wird. Schmeisser sollte neue Gehäuse für das in die Jahre gekommene Maschinengewehr MG3 liefern. Immer wieder hatten sich Bundeswehreinheiten im Kampfeinsatz über das alte Schießeisen beschwert. Durch bloße Erschütterungen hätten sich besonders auf den holprigen Wegen Afghanistans bereits unbeabsichtigt Schüsse des vor knapp 50 Jahren entwickelten Maschinengewehrs gelöst.
Den Zuschlag über die Lieferung von 3000 Gehäusen bekam die Firma Schmeisser, weil sie um mehr als 600 Euro pro Stück unter dem Angebot der Konkurrenz lag. Für die Verhandlungen mit dem Bundesamt für Wehrtechnik und Beschaffung hatte das Unternehmen einen namhaften Berater: Kurt Rossmanith. Der Allgäuer saß bis zu seinem Ausscheiden 2009 fast 30 Jahre lang für die CSU im Bundestag, unter anderem war er Vorsitzender des Verteidigungsausschusses. Laut dem im Dezember 2011 geschlossenen Vertrag bekam Rossmanith monatlich 5000 Euro, gegebenenfalls plus Erfolgshonorar, um die Schmeisser GmbH "strategisch bei wehrtechnischen und politischen Angelegenheiten zu beraten".
Doch so kompetent Rossmanith die Firma auch unterstützte, ein gravierendes Problem konnte der Unionspolitiker nicht lösen: Schmeissers Gehäuse für die Bundeswehr waren anfangs praktisch unbrauchbar.
Wenn Waffenfirmen keine eigenen Produktionslinien besitzen, kaufen sie die Einzelteile irgendwo auf dem Weltmarkt. Die Krefelder wurden in Pakistan fündig, wo das MG3 noch in Lizenz gefertigt wurde. Über ihre luxemburgische Firma LuxDefTec erwarben sie bei der Pakistan Ordnance Factory (POF) Waren für rund zwei Millionen Dollar. Von der Bundeswehr sollte Schmeisser laut Vertrag 4,28 Millionen Euro bekommen. Ein gutes Geschäft - wenn denn alles glattgelaufen wäre.
Im April 2012 schickten die Pakistaner eine erste Lieferung mit rund 200 Gehäusen nach Deutschland. Die Teile waren derart schlecht gefertigt, dass Schmeisser sie nicht mal der Bundeswehr zur Güteprüfung vorlegte. Mehrmals schickte die Firma Qualitätsmanager nach Pakistan - doch es gab immer wieder Rückschläge. Bei einem Dauertest löste sich ein wichtiges Teil, das sogenannte Kurvenstück, nach 3000 Schüssen. Akzeptabel wäre ein Verschleiß nach 8000 Schüssen gewesen.
Trotz diverser Nachbesserungen hat Schmeisser bis heute die Bundeswehr nicht mit allen 3000 MG3-Gehäusen beliefern können. Die Firma ist eineinhalb Jahre in Verzug. Ökonomisch war der Deal also wohl eher enttäuschend.
Das Privileg, quasi ein Hoflieferant des Verteidigungsministeriums zu sein, machte dennoch Hoffnung auf weitere Geschäfte im boomenden "Law Enforcement"-Markt. Damit ist die Versorgung von Polizei und Militär mit Waffen, Munition und Zubehör gemeint.
Ordentliche Umsätze können Händler auch mit von Armeen oder Polizeieinheiten ausrangierten Waffen erzielen. Solche "Surplus"-Ware ist zwar unmodern und alt, aber sie kann schießen und töten - und wird auch angesichts der zahlreichen Konfliktherde in der Welt stark nachgefragt.
Hoff und Schumacher kauften in Osteuropa einige Tausend Waffen des Typs Simonow SKS-45 auf. Das seit den Vierzigerjahren gebaute Gewehr stammt aus der UdSSR, die Sowjetarmee ersetzte es später durch die Kalaschnikow.
In Krefeld stapelten sich die Holzkisten mit den Uraltbüchsen bis unter die Decke - bis sie mit Genehmigung deutscher Behörden, offiziell umgebaut und als Sport- oder Jagdwaffe deklariert, vorwiegend nach Kanada exportiert wurden. Allein 2013 verkaufte die Waffen-Schumacher GmbH laut einer Meldung an das Bundesamt für Wirtschaft 16 000 SKS.
Merkwürdig erschien Insidern nur, dass es in Kanada für solche Mengen an alten Schießprügeln keinen Markt gibt. Sollten die SKS direkt weitergereicht worden sein? Auf zwei Anfragen von Bundestagsabgeordneten der Linken bestätigte die Bundesregierung im Juni den Handel mit SKS-Waffen. Ausfuhren seien für Kanada, die Schweiz und die Tschechische Republik genehmigt worden.
Wo also sind die Schumacher-Waffen gelandet? Den Verdacht, dass Kanada als Transitland diente, nährt auch die Munition, die tonnenweise nach Übersee geschickt wurde. Die Stahlkerngeschosse osteuropäischer Herkunft können sogar Eisenplatten durchdringen.
Anfang des Jahres durchleuchtete das BKA die Geschäfte der Krefelder. Mitarbeiter wurden stundenlang gehört, Telefone überwacht, Geschäftsräume durchsucht. Der Anwalt von Hoff und Schumacher verweist darauf, dass das BKA der Staatsanwaltschaft Krefeld empfohlen habe, das Ermittlungsverfahren einzustellen. Das BKA habe "alle Verdachtsmomente gegen unsere Mandanten als entkräftet bestätigt". Das Unternehmen beteuert, stets nach Recht und Gesetz gehandelt zu haben.
Wie dem auch sei: Zumindest ein lukrativer Deal birgt noch politischen Sprengstoff. 2011 wollten Hoff und Schumacher für rund 900 000 Dollar in Serbien 10 772 vollautomatische M70 erwerben. Die Sturmgewehre sind eine jugoslawische Variante der Kalaschnikow. Das Bundesministerium für Wirtschaft genehmigte den Antrag, demzufolge die Gewehre noch in Serbien zerteilt werden sollten. Die Läufe und Gehäuse sollten später in Schweden verschrottet werden; der Rest durfte als Ersatzteile in die USA geliefert werden.
Laut eidesstattlichen Erklärungen von Zeugen, die dem SPIEGEL vorliegen, stellt sich die Frage, ob die Waffen tatsächlich komplett in Serbien zerteilt worden waren. Auch der Export in die USA lief offenbar anders als beantragt ab. Dabei folgte man angeblich dem Rat eines Vertreters des Bundeswirtschaftsministeriums. Der Beamte empfahl bei einer Unterredung in Bonn, so steht es in einem firmeninternen Protokoll, den Schlagbolzen aus dem Verschluss der Waffe zu entfernen. Dann falle der Verschluss der M70 nicht mehr unter das Kriegswaffenkontrollgesetz. Und in der Tat: Laut Firmenpapieren und Zeugenaussagen wurden die Bolzen fast zeitgleich separat in die USA gesandt.
Ein Ministerialer, der Waffenhändlern hilft, die Gesetze zu umgehen? Sigmar Gabriels Ministerium weist den Vorwurf zurück, ein Beamter habe einen Tipp gegeben. Dennoch nimmt man den Vorhalt ernst.
Dem SPIEGEL liegen eine Rechnung und eine Versandliste von Waffen-Schumacher an eine US-Firma über 2460 Bolzen vor. Unklar ist, ob die Ermittler alle entsprechenden Unterlagen untersucht haben. Hoff und Schumacher äußerten sich auch in diesem Punkt auf eine schriftliche Anfrage des SPIEGEL nicht.
Sollten die Schlagbolzen tatsächlich separat geliefert worden sein, so das Berliner Wirtschaftsministerium, wäre dies ein klarer Verstoß gegen das Kriegswaffenkontrollgesetz. Dann müsste sich die Staatsanwaltschaft doch noch mit der Krefelder Firma beschäftigen.
Aus rechtlichen Gründen wurde dieser Artikel nachträglich bearbeitet.
"Dezember 2014, Nachtrag der Redaktion: Die Staatsanwaltschaft Krefeld hat das Ermittlungsverfahren nach Veröffentlichung gemäß § 170 Absatz 2 StPO eingestellt."
Von Udo Ludwig, Jörg Schmitt und Wolf Wiedmann-Schmidt

DER SPIEGEL 41/2014
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