06.10.2014

Migration„Wie viel Vielfalt ertragen wir?“

Der Ökonom Paul Collier fordert, die Einwanderungspolitik radikal zu verändern, um sowohl die armen Herkunftsländer als auch die Länder Europas zu schützen.
Seit über drei Jahrzehnten forscht der britische Ökonom Collier, 61, über afrikanische Volkswirtschaften. Er lehrt an der Universität Oxford, außerdem berät er den Internationalen Währungsfonds und die Weltbank. Sein 2007 veröffentlichtes Werk "Die unterste Milliarde", in dem er die Ursachen von Armut in scheiternden Staaten aufzeigt, machte ihn berühmt. In seinem vergangene Woche auf Deutsch erschienenen Buch "Exodus" befasst er sich mit den Folgen von Migration(*). Er wolle, so schreibt er, ein Tabu brechen, denn Einwanderungspolitik sei ein "mit vergifteten Assoziationen überladenes Phänomen". Seine Thesen wurden kritisiert, er konzentriere sich zu sehr auf die sozialen Kosten und zu wenig auf die Vorteile von Einwanderung. Collier ist selbst Nachfahre von Emigranten. Sein Großvater stammt aus Ernsbach bei Stuttgart, von wo er Anfang des 20. Jahrhunderts nach England aufbrach, um der Armut zu entfliehen.
SPIEGEL: Professor Collier, fast wöchentlich sterben Flüchtlinge im Mittelmeer bei dem Versuch, nach Europa zu gelangen. Wie lässt sich diese Tragödie beenden?
Collier: Tausende sind in den vergangenen Jahren bei der Überfahrt ertrunken, das
ist verrückt und furchtbar. Sie riskieren trotzdem weiterhin ihr Leben, weil sie durch unsere verquere Rechtsstruktur einen besseren Status als ihre Landsleute zu Hause erhalten, wenn sie illegal in Europa landen. Wir bieten diesen Menschen einen Anreiz, ihr Leben wie beim russischen Roulette aufs Spiel zu setzen. Denn sobald ein Flüchtling einen Fuß auf den Strand von Lampedusa setzt, hat er mehr Rechte, als wenn er die Reise nicht angetreten hätte.
SPIEGEL: Was ist die Alternative?
Collier: Wir müssen denjenigen, die sich in ihrem Heimatland um einen Aufenthalt in Europa bemühen, die gleichen Rechte einräumen wie jenen, die illegal kommen. Bislang verführt unser Rechtssystem die Menschen dazu, Schleuser zu bezahlen und ein hohes Risiko auf sich zu nehmen.
SPIEGEL: Was für Menschen gehen dieses Risiko ein?
Collier: All jene, die einige Tausend Dollar für die Überfahrt haben, also nicht die Ärmsten. Die Bedürftigsten werden in diesem System von vornherein ausgeschlossen. Im Moment geben wir unfreiwillig den Risikobereiten den Vorzug, die etwas Geld besitzen. Sind das diejenigen, die wir haben wollen? Ich glaube nicht.
SPIEGEL: Aber sie kommen trotzdem, ob wir sie wollen oder nicht. Wie sollen wir denn mit ihnen umgehen?
Collier: Wir müssen sie zurück in ihre Heimat schicken und dadurch die illegalen Routen nach Europa so unattraktiv wie möglich machen, auch wenn das hart klingt. Der einzige Weg nach Europa muss der legale Weg sein. Wenn wir das nicht tun, werden weiterhin Tausende ertrinken.
SPIEGEL: Ist es unmoralisch, über die Begrenzung der Einwanderung zu reden?
Collier: Natürlich nicht. Wir müssen über Immigration endlich rational sprechen, um die Probleme zu lösen.
SPIEGEL: In "Exodus" schreiben Sie, Einwanderung sei in Europa ein politisches Tabu. Warum ist das so?
Collier: Unsere Vergangenheit ist behaftet mit Rassismus und brutalem Nationalismus. Deswegen tun wir uns mit diesem Thema so schwer. Das trug auch dazu bei, dass wir Einwanderungspolitik in den vergangenen Jahrzehnten mit Einwandererpolitik verwechselt haben. Das sind aber zwei unterschiedliche Dinge: Bei dem einen geht es um die Steuerung von Immigration, bei dem anderen um die Menschen, die bereits im Land leben. Beides sollten wir voneinander trennen, denn natürlich müssen die Einwanderer, die unter uns leben, wie alle anderen Bürger behandelt werden. Leider haben Parteien und Gruppen am rechten Rand das Thema Immigration für die großen Parteien vergiftet.
SPIEGEL: Sie schreiben, es sei irrelevant, ob Immigration gut oder schlecht sei. Was meinen Sie damit?
Collier: Ich will von der Frage loskommen, ob Einwanderung positiv oder negativ für eine Gesellschaft ist. Wir müssen die Debatte entgiften, erst dann können wir über die Kosten und Nutzen sprechen. In "Exodus" betone ich die Wichtigkeit gegenseitiger Rücksichtnahme in einer Gesellschaft. Das erleichtert die Kooperation miteinander und fördert die Großzügigkeit gegenüber den Armen. Mit zunehmender Vielfalt innerhalb eines Landes nimmt der Zusammenhalt jedoch ab. Die bessere Frage lautet: Wie viel Vielfalt wollen und ertragen wir? An diese Antwort müssen wir die Einwanderung anpassen.
SPIEGEL: Was ist denn ein gutes, erträgliches Maß an Vielfalt?
Collier: Viele Menschen sagen, sie hätten Angst vor Einwanderung. Mein Verdacht ist: Sie fürchten sich davor, dass die Vielfalt unkontrolliert zunimmt und schließlich den inneren Zusammenhalt ihrer Gesellschaft beschädigt. Wir Ökonomen können die Beziehung zwischen der Vielfalt innerhalb einer Gesellschaft und deren Wohlstand messen. Die Kurve beschreibt ein umgedrehtes U: Bis zu einem gewissen Grad steigt der Wohlstand mit zunehmender Diversität, nimmt aber dann rapide ab. Es gibt ein optimales Maß an Vielfalt, das auch davon abhängt, wie schnell Einwanderer von der jeweiligen Gesellschaft aufgenommen werden.
SPIEGEL: Gibt es denn Beispiele, wo genau das gelungen ist?
Collier: Es gibt Länder, die über Einwanderung offener diskutieren als andere. Kanada und Australien, zwei moderne Immigrationsstaaten, stellen hohe Anforderungen an Einwanderer und haben früh ein Bildungspunktesystem eingeführt, über das sie Migration steuern. Aber was dort funktioniert, muss für Deutschland nicht unbedingt gut sein. In den USA herrscht zwar mehr Vielfalt als in Europa, auch weil die Menschen dort mit einem geringeren sozialen Zusammenhalt und weniger staatlicher Freigebigkeit zurechtkommen. Aber es ist zugleich eine viel individualistischere Gesellschaft, die bereit ist, Ungleichheit zu ertragen. Am anderen Ende des Spektrums stehen die skandinavischen Länder, mit einer homogenen Gesellschaft und einem hohen Niveau gegenseitiger Rücksichtnahme. Die Japaner wiederum verabscheuen Vielfalt. Jede Gesellschaft muss definieren, wie viel Einwanderung sie zulässt.
SPIEGEL: Warum befassen Sie sich als Ökonom ausgerechnet mit Migration?
Collier: Ich habe mich mit armen Ländern beschäftigt und wollte wissen, wie sie mit den Folgen von Auswanderung umgehen. Im Grunde gilt da dasselbe wie für die reichen Aufnahmeländer: Etwas Migration ist nützlich, zu viel ist schlecht. Es gab eine Phase, in der mehr sudanesische Ärzte in London praktizierten als im Sudan. Das ist gut für die Ärzte und für London, aber schlecht für die Menschen im Sudan. Ähnliches geschieht gerade in Paris mit rumänischen Medizinern. Mir ging es vor allem darum, den Fokus der Debatte vom Menschenrecht des einzelnen Migranten hin auf das Recht von Gesellschaften zu lenken. Denn eines ist sicher: Wir werden das Problem der Armut niemals durch Migration in den Griff bekommen.
SPIEGEL: Ab wann wird Auswanderung zur Belastung für arme Staaten?
Collier: Länder wie Haiti, in denen 85 Prozent der gebildeten Menschen abwandern, sind politisch, wirtschaftlich und gesellschaftlich gelähmt. Wenn begabte junge Menschen in wohlhabendere Staaten ziehen, ist das für sie selbst und auch für das Aufnahmeland hilfreich. Für ihre Heimat hat das jedoch katastrophale Folgen.
SPIEGEL: Wie wollen Sie diese jungen Menschen dazu bringen, in ihrer Heimat zu bleiben oder zurückzukehren?
Collier: Ich unterrichte an der Blavatnik School of Government in Oxford vor allem Studenten aus armen Ländern. Viele fragen mich: "Wann soll ich zurückgehen?" Ich rate ihnen dazu, so viel Erfahrung zu sammeln, dass sie in ihrer Heimat nicht mehr herumgeschubst werden. Sie dürfen aber nicht so lange bleiben, bis sie Kinder haben und nicht mehr wegwollen.
SPIEGEL: Eine brutale Entscheidung, wenn man aus Nepal oder Nigeria kommt.
Collier: Es ist hart, ich weiß. Aber die ärmsten Gesellschaften müssen wirtschaftlich und politisch aufholen, daran führt kein Weg vorbei. Dafür brauchen sie Leute mit Mut, Entschlossenheit und Wissen. Der Aufbruch muss von innen kommen, von außen lässt er sich nur bedingt anstoßen. Wir müssen deshalb dringend mehr Studenten aus armen Ländern aufnehmen, wir brauchen mehr Stipendien. Die Bedingung muss aber sein, dass diese Studenten in ihre Heimat zurückkehren.
SPIEGEL: Sollten wir die Menschen auswählen, die zu uns kommen dürfen?
Collier: Das machen wir doch längst, bewusst und unbewusst. Jede Gesellschaft will die hoch motivierten, begabten, arbeitsfähigen jungen Leute haben. Wir machen das durch Punktesysteme und ähnliche Methoden, mit denen wir hoch qualifizierte Migranten auswählen. Es gibt aber einen Konflikt zwischen dem, was gut für uns ist, und dem, was armen Ländern hilft. Deshalb müssen wir einen Ausgleich schaffen, indem wir zugleich schlaue Leute ausbilden und in ihre Heimat zurückschicken.
SPIEGEL: Wie muss eine europäische Immigrationspolitik aussehen?
Collier: Sie muss auf jeden Fall kollektiv organisiert werden. Es bringt nichts, wenn Italien seine Einwanderer in den Norden schickt, in der Hoffnung, dass sie dort Arbeit finden. Die Einwanderungspolitik muss verhindern, dass die Migrationsrate zu sehr ansteigt, weil das sowohl den Zurückgebliebenen als auch den Menschen im Aufnahmeland schadet. Vieles spricht daher für eine Obergrenze der Migrationsrate. Aus der Sozialwissenschaft kennen wir die "Tragödie des Allgemeinguts", die das Dilemma öffentlicher Ressourcen beschreibt. Sie sind begrenzt, gleichzeitig haben aber viele darauf Zugriff. Etwas Ähnliches erleben wir gegenwärtig in der EU, mit merkwürdigen Auswüchsen. Wenn man als Nicht-EU-Ausländer zum Beispiel in Portugal eine Immobilie für mindestens eine halbe Million Euro kauft, erwirbt man einen Aufenthaltstitel und dazu das Recht, seine Kinder nachzuholen. Die dürfen überall im Schengen-Raum zur Schule gehen. Ich finde seltsam, dass man das Recht, in Deutschland eine Ausbildung zu genießen, in Portugal verkaufen kann. Eine Einwanderungspolitik muss auch festlegen, wo die Einwanderer leben können.
SPIEGEL: Die Wirtschaft wächst in Teilen Asiens und Afrikas schneller als in Europa. Ist ein Ende der Migration absehbar?
Collier: Auswanderung ist eine Investition. Kurzfristig wird deshalb bei steigenden Einkommen in armen Staaten die Migration zunehmen, weil mehr Menschen sich die Reise leisten können. Wir leben in einer Phase des Ungleichgewichts, die Einkommensunterschiede zwischen Europa und dem Rest der Welt sind gigantisch. Erst wenn sich der Wohlstand angleicht, werden weniger Menschen ihre Heimat verlassen. Aber das werde ich nicht mehr erleben.
Interview: Christoph Scheuermann
* Paul Collier: "Exodus: Warum wir Einwanderung neu regeln müssen". Siedler Verlag, München; 320 Seiten; 22,99 Euro.
Von Christoph Scheuermann

DER SPIEGEL 41/2014
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