06.10.2014

TiereDer Haistreichler

Jean-Marie Ghislain war Playboy und mäßig erfolgreicher Geschäftsmann. Dann krempelte er sein Leben um: Der Belgier überwand seine Angst vor dem Meer - und ging auf Tuchfühlung mit den gefährlichsten Bewohnern der Unterwasserwelt.
Lucy ist eine dieser Frauen, die einen mit Haut und Haar fressen können. Dominanter Charakter, Typ Wuchtbrumme. Aber irgendwie hat Jean-Marie Ghislain die Begegnung mit ihr dann doch überstanden.
Knapp anderthalb Stunden waren sie beisammen: Lucy, Nachname Carcharodon carcharias, allgemein bekannt als Weißer Hai, zeigte sich bei dieser Gelegenheit von ihrer Schokoladenseite. Wenn diese Naturgewalt von fünf Meter Körperlänge auch nur zärtlich an Ghislains Ohr geknabbert hätte, wäre sein Kopf weg gewesen.
Die Begegnung zwischen Mensch und Raubfisch ereignete sich gegen alle Wahrscheinlichkeit: Ghislain hegte seit seiner Kindheit eine ausgemachte Abneigung gegen das Meer und seine Bewohner.
Viele Jahre lang war der Belgier als unbehauster Charakter ziellos durch die Welt getrudelt, als Sohn eines trinkenden und prügelnden Vaters und einer erzkatholischen Mutter, die sich in einer Zisterne ertränkte, als ihr Mann sich scheiden ließ. Ghislain pendelte zwischen wenig ausfüllenden Jobs und diversen Frauen, mit denen er sich zur Abwechslung vergnügte.
Erst spät fand er seine Bestimmung - zuvor versuchte er lange vergebens, sich von seiner panischen Angst vor dem Meer zu kurieren. Innerhalb von wenigen Monaten brachte sich Ghislain das Surfen bei.
Kurz darauf heuerte er sogar als Trainer der Nationalmannschaft von Haiti an. Doch diese Episode endete im Fiasko: Während eines Wellenritts näherte sich seinem Surfbrett aus der Tiefe ein großer dunkler Schatten. Ghislain sah sein letztes Stündlein gekommen und fiel schockiert ins Wasser.
Dann erschien der Kopf einer Schildkröte an der Wasseroberfläche.
Später versuchte der Lebemann, seine Wasserscheu mit einem ausgedehnten Segeltörn in den Griff zu bekommen - ebenfalls mit mäßigem Erfolg. Erst das Tauchen änderte alles.
Nun hat der Haiphobiker seine Biografie vorgelegt, das Dokument einer faszinierenden Wandlung(*). Mehr und mehr begab sich Ghislain in einen Lebensraum, den er bis dahin nur aus seinen Albträumen kannte: in das Reich der gefährlichsten Meeresräuber der Welt.
Schon vor ihm haben Tierfotografen Bildbände über Haie veröffentlicht. Viele entdecken ihr Herz für jene gefürchteten Räuber, deren Image so schlecht ist, dass
sie vielerorts ohne Skrupel gejagt werden. Doch nur wenige von ihnen sind so wagemutig wie Ghislain.
Viel Zeit hat der Belgier im Meer verbracht und ist dabei zum begeisterten Haistreichler konvertiert, der die zärtliche Berührung der markanten Rückflosse in Dreiecksform geradezu sucht. Offenkundig gelang ihm dabei ein neuer Blick auf die geheimnisvolle Unterwasserwelt - seine Fotografien wirken so, als gingen eigensinnige Bewohner von Hai City ihren Geschäften nach, ohne sich von dem Gast mit dem Fotoapparat irritieren zu lassen: hier ein karibischer Riffhai, der gähnend sein Maul aufreißt, als käme er von einer langen Partynacht nach Hause; dort ein missmutig dreinblickender Weißer Hai, kurz vor Schichtbeginn.
Zum Hasardeur taugt der Fotograf nicht. "Ich mag Haie, aber ich würde ihnen nicht den Rücken zudrehen", sagt Ghislain. Aber ihm geht es mit den Raubfischen nicht anders als mit den meisten Menschen: "Es gibt sehr freundliche, verspielte Charaktere. Und es gibt fiese Typen, vor denen man sich in Acht nehmen muss."
Seine Exkursionen basieren auf Erfahrungen, durch die der Aufenthalt im fremden Element für ihn berechenbarer geworden ist. Regel Nummer eins: Anders als es die außer Rand und Band geratene Fressmaschine in Steven Spielbergs Horrorfilm "Der Weiße Hai" suggeriert, ist das Verhalten der Tiere "in 99 Prozent der Fälle erklärbar", meint Ghislain.
Regel Nummer zwei: Menschen sind keine ideale Beute für einen Hai, weil sie vergleichsweise fettarm sind und dem Hochleistungsschwimmer kaum Energie liefern.
Nur: Weiß das auch der Hai?
Glücklicherweise nähert sich selbst ein unangefochtener Jäger wie der Weiße Hai einer potenziellen Beute mit planvoller Vorsicht. "Die Chronologie eines Angriffs ist immer gleich: riechen, berühren, beißen", berichtet Ghislain. Häufiger schon musste er sich in der Anstubsphase mit dem Gehäuse seiner Kamera zur Wehr setzen. Eine erfolgreiche Taktik: "Der Hai denkt dann, dass mein ganzer Körper so hart ist, und dreht ab."
Regel Nummer drei: "Wenn der Hai dich wirklich angreifen will, gibt es nicht viel, was du tun kannst", sagt der Fotograf.
Probleme entstehen meist, wenn Taucher sich ungeschickt in den Fressgründen des Hais tummeln; die Räuber leben nach einem einfachen Prinzip: "Wer zuerst kommt, mahlt zuerst", so Ghislain. Wenn sie Sorge haben, dass ihnen eine Mahlzeit streitig gemacht wird, reagieren sie unangenehm.
Der Mensch stellt für den Hai vor allem ein Kuriosum dar - für gewöhnlich treffen Fische nicht auf Lebewesen, die senkrecht im Wasser stehen. "Dennoch weiß der Hai alles über dich", hat Ghislain beobachtet. Wie ein Röntgenapparat durchleuchte der Raubfisch sein Gegenüber. "Er kennt deinen Herzschlag, deine Atemfrequenz und deine Gemütsverfassung."
Einmal, während einer Exkursion vor der mexikanischen Insel Guadalupe, war der Fotograf mit einigen Tauchern unterwegs, als plötzlich ein übellauniger Weißer Hai des Weges kam. Zielsicher habe sich der Räuber den schwächsten Taucher aus der Gruppe ausgesucht, um ihn zu bedrängen.
"Dieser Mann war noch im Vorjahr total cool mit den Haien", berichtet Ghislain. In der Zwischenzeit aber habe seine Frau ein Baby bekommen. "Das hat seine Einstellung verändert; er hatte jetzt etwas zu verlieren. Und das hat der Hai sofort gemerkt."
* Jean-Marie Ghislain: "Schönheit besiegt Angst". Elisabeth Sandmann Verlag, München; 160 Seiten; 19,95 Euro.
Von Frank Thadeusz

DER SPIEGEL 41/2014
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