06.10.2014

SPIEGEL-Gespräch„Nichts wie weg“

Hans Magnus Enzensberger ist einer der großen Intellektuellen des Landes. Nun, im Alter von 85 Jahren, blickt er zurück auf seine Sechzigerjahre, das Jahrzehnt der Revolte, und fragt sich: Wer war ich? Und wer bin ich heute?
Hans Magnus Enzensberger wird 85 im November und ist wahrscheinlich der fröhlichste Raucher, den man sich vorstellen kann. Er ist, auch das, ein ziemlich professioneller Raucher. In den dreieinhalb gemeinsamen Stunden in seiner Arbeitswohnung in Alt-Schwabing, der Englische Garten ein paar Meter entfernt, holt er sich immer wieder Zigaretten aus einem Silberetui und steckt sie an. Fünf, sechs, vielleicht auch sieben. Eh egal.
Er trägt ein rosafarbenes Hemd, eine schmal geschnittene Anzughose. Draußen scheint die Sonne, in der Wohnung ist es noch wärmer, die Fenster sind geschlossen. Eine Kanne Kaffee steht in der Küche bereit. Während des Gesprächs schraubt er beim Sitzen sein linkes Bein um sein rechtes, was sogar 30-Jährige kaum schaffen. Er ist bester Dinge. Ein fröhlicher Herr.
Demnächst erscheint im Suhrkamp Verlag ein neues Buch, in dem er seine Erlebnisse in den Sechzigerjahren beschreibt. Bislang hatte er es immer abgelehnt, sich an seine Memoiren zu setzen. Auch "Tumult" ist nun eher eine Collage: Berichte und Aufzeichnungen von Reisen aus den Jahren 1963 und 1966. Die Jahre von 1967 bis 1970, die tausend Tage der Berliner Revolution, lässt er in einem Selbstgespräch Revue passieren. Die Jahre danach werden in Miniaturen verhandelt. Wilde Zeiten.
Das Buch erzählt auch die Liebesgeschichte zu einer jungen Russin namens Maria Alexandrowna Makarowa, die er 1966 auf einem Friedenskongress des sowjetischen Schriftstellerverbands in Baku kennengelernt hat. Mascha ist erst 23 Jahre alt, studiert amerikanische Literatur. Ihr Englisch, so schreibt er, klingt wie von Schallplatten gelernt. Sie hat grün schimmernde Augen, Enzensberger, damals 36, findet sie bezaubernd. Maschas Eltern sind Schriftsteller, ihr Vater Alexander Fadejew hat sich 1956 umgebracht. Sie ist eine brillante Person, aber auch schwierig, eine Frau, die den Sowjetmenschen in sich loswerden will, wurzellos, durchaus bipolar. Er verlässt seine norwegische Ehefrau Dagrun. Mascha und Enzensberger heiraten 1967. Beide gehen gemeinsam von Berlin aus in die USA, später nach Kuba und schließlich zurück nach Europa. Es ist eine verrückte Liebe in verrückten Zeiten, eine Liebe wie in einem Tschechow-Stück. Enzensberger schreibt auch, dass er sich wundert, Mascha nicht eines Tages beim Morgengrauen erwürgt zu haben.
Die beiden trennen sich Anfang der Siebzigerjahre. 1979 sehen sie sich ein letztes Mal in London. 1991 nimmt sich Mascha das Leben. Einer der letzten Sätze in "Tumult" lautet: "Der amour fou ist ein Kampf, bei dem es keinen Besiegten und keinen Sieger geben kann."
Neben Jürgen Habermas, Günter Grass und Martin Walser gehört Enzensberger zu einer noch in den Zwanzigerjahren geborenen Generation von Intellektuellen, die dieses Land bis heute prägen, involviert in die Kämpfe der Sechzigerjahre, in die Neuerfindung eines Landes in den Jahrzehnten danach, in das Aufarbeiten der Vergangenheit und in die Kritik der Verhältnisse damals und heute. Sie alle haben ihre Rollen: Grass als aufrechter Sozialdemokrat, Habermas, der weise Philosoph aus Frankfurt, Walser als sprachwütiger Außenseiter. Und Enzensberger?
Er ist sicherlich der wendigste in diesem Quartett, derjenige mit dem Charme und dem Humor. Ein Dandy ohne Zwang zur Konsequenz. Ein Spieler ohne Verantwortungsgefühl. Einer, auf den man sich nicht verlassen kann. Ein Dichter, der 1957 mit seinem ersten Gedichtband gleich berühmt wird, auf Großschreibung verzichtet, schwarze Rollkragenpullover und Pepitaanzüge trägt. In den Sechzigerjahren wird der damalige Marxist zu einem der wichtigsten Anführer der Studentenrebellion. Er gibt das legendäre Kursbuch heraus, er schreibt Essays in allen großen Medien des Landes, sein Bruder Ulrich gehört zu den Gründern der Kommune 1. Enzensberger ist überall dabei und nirgends. Ein deutscher Revolutionär, der in der ganzen Welt unterwegs war und alle, Feinde wie Freunde, mit ständigen Positionswechseln überraschte. Bis zum heutigen Tag.
SPIEGEL: Herr Enzensberger, verzeihen Sie die indiskrete Frage, aber was hat Ihre jetzige Ehefrau dazu gesagt, dass Sie Ihre Sechzigerjahre als Amour fou erzählen?
Enzensberger: Sie sagte: Ja, mach das doch! Warum denn nicht?
SPIEGEL: Ehefrauen können in diesen Dingen schwierig sein.
Enzensberger: Nein, nein, das ist ja alles wahnsinnig lange her. Sie sagte, ohne Mascha würde das Buch auseinanderfallen.
SPIEGEL: Was ist das denn nun für ein Buch?
Enzensberger: Also erstens habe ich ein schwaches autobiografisches Gedächtnis. Wenn Sie mich fragen: "Sie waren doch mal in Berlin im Wissenschaftskolleg?" Dann kann ich nur antworten: Keine Ahnung, wann das war. Die biografischen Details meiner Vergangenheit interessieren mich nicht. Außerdem: Das Genre Autobiografie ist ja sowieso hochverdächtig, die Memoiren sind noch viel schlimmer.
SPIEGEL: Warum?
Enzensberger: Wenn jemand von heute aus erzählt, wie das damals war, dann steckt das voller Tücken und Selbstverschönerungen. Meinetwegen auch voller Selbstbezichtigungen, wie es Rousseau gemacht hat. Das macht die Sache nicht besser.
SPIEGEL: Warum gibt es dann dieses Buch?
Enzensberger: Ein Zufallsfund. Ich schmeiße fast alles weg, ein bisschen was aber landet im Keller, unsortiert in Schachteln. Eines Tages kamen zwei Herren vom Marbacher Literaturarchiv. Ich gab den beiden den Kellerschlüssel: Meinetwegen könnt ihr euch diesen Komposthaufen gern anschauen. Die haben dort zwei Tage lang gestöbert. Es stellte sich heraus: So blöd war der gar nicht, der diese Notizen geschrieben hat. Ziemlich scharf beobachtet! Auch das Material meiner Russland-Reisen 1963 und 1966 war dabei, das ich nachts im Hotel auf diesen sonderbaren Reisen hingekritzelt habe. Solche Aufzeichnungen haben einen Vorteil: Es fehlt ihnen die Hinterher-Klugheit.
SPIEGEL: Authentisches Material also. Geradezu historische Quellen.
Enzensberger: So kam ich auf die Idee, aus alldem eine Collage zu montieren.
SPIEGEL: Und die Jahre ab 1967?
Enzensberger: Da herrschte das Chaos, nicht nur in den Papieren, sondern auch in der Realität. Der Vietnamkrieg, die sogenannte Apo, die Roten Khmer, Nixon in China, der Prager Frühling. Es war eine einzige turbulente Bewegung. Dies als Kontinuum zu erzählen hat sich als unmöglich erwiesen. Es ist zu viel gleichzeitig passiert, und ich war ... überall.
SPIEGEL: In Ihrem Buch beschreiben Sie sich als Billardkugel.
Enzensberger: Ursprünglich dachte ich, dass man diese politisch interessanten Vorgänge, die verschiedenen Zivilisationen, in denen ich unterwegs war, auch die Stilistik der Diktaturen, ganz cool und möglichst objektiv darstellen müsste. Das ging nicht, ohne etwas vom eigenen Leben zu erzählen. Ohne die private Seite wäre das Tohuwabohu ganz unverständlich geblieben.
SPIEGEL: Sie haben unfassbar viel geschrieben in Ihrem Leben, aber selten Privates.
Enzensberger: Na ja, Bekenntnisse sind nicht meine starke Seite. Es liegt mir fern, meine Seelenlandschaft vor der Öffentlichkeit auszubreiten. Aber leider ging es in diesem Fall nicht ohne den russischen Roman mit einer Dame.
SPIEGEL: Sie haben dann zu einem Enzensberger-Trick gegriffen.
Enzensberger: Ich habe einen Streit mit mir selbst angefangen. Zwischen diesem fast 85 Jahre alten Herrn und dem Burschen von damals. Die Leitfrage des Alten lautet: Sag mal, was hast du dir eigentlich dabei gedacht? Das war eine Art, um für die Widersprüche der Geschichte eine formale Lösung zu finden.
SPIEGEL: Ein bisschen kokett vielleicht.
Enzensberger: Es war ein Versuch, Distanz herzustellen, sich von sich selbst zu distanzieren. Der jüngere Enzensberger sagt zum alten: So wie du wollte ich nie werden. Wir geben einander allerhand aufs Maul. Der Alte fragt den Jungen: Kannst du das Chaos nicht mal ein bisschen in Ordnung bringen? Der Junge antwortet: Das ist nicht in Ordnung zu bringen. Das ist Unordnung. Das war so. Tut mir leid.
SPIEGEL: Die Frage, wer war ich damals und wie wurde ich zu dem, der ich heute bin, impliziert eine viel größere Frage: Ist mein Leben gelungen?
Enzensberger: Das ist mir zu hoch. Es gibt doch Stufen der Selbstreflexion, die sich nur im Kreis drehen. Manche Romane beschäftigen sich damit: Die berufliche Karriere ist schiefgegangen, die Freundin ist weg, die Mutter war kalt. Ich überlasse das gern anderen.
SPIEGEL: Ihr Wunsch nach Selbstreflexion spielt keine Rolle?
Enzensberger: Ich habe mal ein Buch geschrieben über den General Hammerstein. Da ist eine große Fallhöhe gegeben, da gibt es Dramen, Rätsel, wahnsinnige Geschichten mit Moskau, mit Spionage, mit dem Widerstand gegen Hitler. Das hat mich nicht losgelassen. Im Vergleich dazu ist der eigene Lebensstoff eher unergiebig.
SPIEGEL: Ihre Geschichte der Sechzigerjahre hat einiges zu bieten: ein Bad im Schwarzen Meer mit Chruschtschow, die Liebe zu einer schönverrückten Russin, die Revolution in Berlin, den Weg in den Terror, das Aufräumen eines ganzen Landes vom Unrat der Vergangenheit.
Enzensberger: Das gibt ja noch einiges her. Aber schauen Sie sich hier im Zimmer um - da ist nicht viel los. Ich sitze am Schreibtisch, telefoniere ein bisschen herum, fahre irgendwohin und komme zurück. Eine stabile Familie habe ich auch. Großer Stoff ist das nicht.
SPIEGEL: Sie haben Ihre Rolle als "teilnehmender Beobachter" beschrieben, der "mit den Eingeborenen isst, tanzt und mit ihnen ins Bett geht".
Enzensberger: Diese Rolle des teilnehmenden Beobachters könnte man auch als ein Defizit betrachten.
SPIEGEL: Ein Defizit?
Enzensberger: Von einem, der sich so verhält, könnte man sagen, dass aus ihm nie ein guter Genosse werden kann. Verstehen Sie?
SPIEGEL: Na ja.
Enzensberger: Der schaut immer nur zu, was die anderen machen, obwohl er dabei ist und mitgeht. Warum haut er nicht einfach ab und sagt: Interessiert mich nicht? Aber nein - dazu ist er zu neugierig. Manche, die eine Witterung für so etwas hatten, haben das damals bemerkt und gesagt: Dieser Typ ist immer gleichzeitig drinnen und draußen. Komisch!
SPIEGEL: Woher kommt das?
Enzensberger: Das hängt wahrscheinlich mit der Sozialisation durch die Nazi-Zeit zusammen, mit der Diktatur und dem Krieg. Ich hatte Glück mit meinen Eltern. Die waren zwar keine Widerstandskämpfer, aber eben auch keine Nazis. Damit hatte ich von Anfang an einen anderen Blick auf die sogenannte Volksgemeinschaft. Ich will meinen Vater wahrhaftig nicht zu einem antifaschistischen Helden stilisieren, obwohl er am Ende des Krieges wegen Wehrkraftzersetzung eingesperrt worden ist. Aber er wusste instinktiv, dass er nicht dazugehörte.
SPIEGEL: In der Enzensberger-Biografie des Journalisten Jörg Lau aus dem Jahr 1999 gibt es eine Szene, wie Sie als junger Bursche auf einer Wiese liegen und in den Himmel gucken. Normalerweise schauen Jungs den Vögeln nach, den Wolken, den Schmetterlingen, aber Sie sehen die Flugzeuge der Alliierten.
Enzensberger: Die Bomberflotten, ja.
SPIEGEL: Und Sie sehnen sich nach der Vernichtung, die die Flugzeuge bringen.
Enzensberger: Merkwürdig, nicht wahr?
SPIEGEL: Nachts hockten Sie im Keller, um sich vor ihren Bomben zu schützen.
Enzensberger: Jaja. Nürnberg, das war die Stadt der Reichsparteitage. Das war alles sehr lästig, weil man in dieser Zeit dauernd herumkommandiert wurde. Mit 15 ist das politische Bewusstsein sehr beschränkt. Aber der Widerwille war stärker als der Glaube an die Uniform. Ich eigne mich einfach nicht zum Helden. Natürlich gibt es auch positive Helden, die man bewundern kann. Aber das sind Ausnahmen. Auch Heilige gibt es relativ wenige auf dieser Erde.
SPIEGEL: Sondern?
Enzensberger: Meistens haben wir es mit Grautönen zu tun, mit Abstufungen, Mischungen, moralischen Amalgamen. Gut, weiter kann man darüber nichts sagen.
SPIEGEL: Sie lachen. Man kann sagen, wenn man versucht, einen positiven Blick auf dieses Land heute zu werfen, dass niemand mehr so richtig gläubig ist.
Enzensberger: Heute möchten die meisten Deutschen nichts mehr mit Dogmen und Doktrinen zu tun haben. Je nachdem, wann und wo ein Mensch geboren ist, schleppt er ein bestimmtes historisches Gepäck mit sich herum. Die jüdische Herkunft, die Exilerfahrung, die Vertreibung, den Krieg, niemand wird das jemals los. Niemand fängt mit dem Nullpunkt an. Den gibt es nicht. Es gab nie ein Jahr null.
SPIEGEL: Schade eigentlich.
Enzensberger: Kann es nicht geben, nein.
SPIEGEL: Dass Sie nicht zu einem Gläubigen der 68er-Bewegung wurden, hat vielleicht auch damit zu tun, dass Sie älter waren als die anderen Protagonisten.
Enzensberger: Natürlich war ich viel zu alt.
SPIEGEL: 15, 20 Jahre Unterschied, das postpubertäre Feuer war erloschen?
Enzensberger: Wer weiß. Auch allerhand Echos spielten dabei eine Rolle. Mein Verhältnis zur DDR zum Beispiel war geprägt von der Erinnerung an frühere Paraden und frühere Uniformen. Der Stechschritt der Nationalen Volksarmee kam mir bekannt vor. Es gab untergründige Deformationen, die mit älteren Mentalitäten zu tun hatten. Das war doch evident!
SPIEGEL: Ein Marxist waren Sie trotzdem?
Enzensberger: Sogar ein gelernter Marxist. Die blauen Bände gehören nach wie vor zu meinem Werkzeugkasten. Manches davon ist brauchbar, den Rest kann man weglassen. Übrigens habe ich, glaube ich, sämtliche Staaten des sogenannten sozialistischen Lagers besucht, außer Albanien und Nordkorea. Manche Schriftsteller müssen alles anfassen, sie müssen wissen, wie eine Gegend sich anfühlt. Wer so arbeitet, der muss selbst hin, der muss mit eigenen Augen sehen, der muss alles anfassen, der muss wissen, wie sich das anfühlt. In Bulgarien, in China, in Kuba, wie ist es da beim Arzt? Wie ist es in den Läden? Womit spielen die Kinder? Das alles erfährt man nicht in einem Seminar.
SPIEGEL: Andererseits sind Sie auch immer wieder aus der Rolle des Beobachters, des Ungläubigen gefallen. Auf einer Kundgebung zur Notstandsgesetzgebung 1966 auf dem Frankfurter Römerberg hatten Sie Ihren großen Auftritt als Revolutionär.
Enzensberger: Das war furchtbar. Ich bin kein großer Redner, aber ich habe gemerkt, wie man eine aufgeheizte Menge am Nasenring führen kann, wenn man den richtigen Ton anschlägt. Das kann bis zur Aufhetzung gehen. Auf einmal verwandelt man sich in einen Propagandisten. Und selbst wenn man in der Sache recht hat, ist das etwas ganz Fatales. Als ich das auf der Kundgebung merkte, wurde mir ganz zweierlei.
SPIEGEL: Auch, weil man die eigene Verführbarkeit spürt?
Enzensberger: Eben.
SPIEGEL: Das Besoffensein an sich selbst, wow, wie toll bin ich denn?
Enzensberger: Danach war ich völlig deprimiert. So etwas, sagte ich mir, machst du nie wieder!
SPIEGEL: In dem Selbstgespräch in Ihrem Buch sprechen Sie von Peinlichkeiten.
Enzensberger: An denen hat es nicht gefehlt.
SPIEGEL: Zum Beispiel hatten Sie 1968 Ihren Gastaufenthalt an der Wesleyan University in Connecticut vorzeitig beendet. Sie schrieben einen Brief an den Uni-Präsidenten, in dem es ungefähr hieß, sie würden sich in den USA fühlen wie ein Kollaborateur eines neuen Faschismus. Junge, Junge.
Enzensberger: Ich glaube, das Wort war eher Imperialismus. Wie auch immer.
SPIEGEL: Sie verglichen die USA mit dem Deutschland der Dreißigerjahre. Was für ein Teufel hat Sie da geritten?
Enzensberger: Genauso drückt sich auch der Alte in meinem Buch aus. Aber der Junge widerspricht ihm: Ihr habt ja keine Vorstellung, was damals los war mitten im Vietnamkrieg. Hunderttausend vor dem Pentagon! Und wir hausten da in Connecticut in einem universitären Paradies, wo kein Hahn danach krähte. Also sagt der Junge sich: In diesem goldenen Käfig kann man es nicht aushalten. Wir wurden verwöhnt, Geld gab es jede Menge. Und was den Imperialismus betrifft: die amerikanische Supermacht auf allen Kontinenten, Stellvertreterkriege in Afrika, die CIA überall, Mossadegh in Persien. Also bitte!
SPIEGEL: Es geht nicht darum, amerikanische Politik schönzureden.
Enzensberger: Der Junge jedenfalls hatte diese Regung: Ich muss hier raus. Das war das Hauptmotiv. Übrigens taucht das Motiv der Flucht in diesem Leben ziemlich oft auf. Damals schien es, als wäre aus dieser Falle nur durch einen kalkulierten Eklat herauszukommen.
SPIEGEL: Sie haben ihn provoziert?
Enzensberger: Ja, aber es war nicht meine Absicht, dass mein Brief in der New York Times Schlagzeilen machte. Ich hatte damit gerechnet, dass diese vornehmen Uni-Leute sich ärgern, aber nicht, dass sie den Brief weitergeben. Ich wollte stillschweigend verschwinden und hoffte, dass sie sagen würden: gut, dass dieser Gast abhaut. Dass ich aber aus den USA nach Kuba übersiedelte, war natürlich eine Provokation.
SPIEGEL: Sie hatten 1966 Mascha in Baku kennengelernt und 1967 geheiratet. Sie sind gemeinsam von Berlin in die USA gegangen. Kann es sein, dass Mascha auch ein Motiv war, die USA zu verlassen?
Enzensberger: Mascha hat es dort gar nicht gefallen. Sie war unzufrieden. Sie war überhaupt selten mit dem Ort zufrieden, an dem sie lebte.
SPIEGEL: Das ahnt man.
Enzensberger: Sie war immer ein wenig wie eine Displaced Person. Ich erinnere mich, wie wir damals in einer Shoppingmall waren, groß wie ein Flugzeughangar. Ihr wurde beinahe schlecht wegen dieser Überfülle. Ich sagte ihr: Du musst das sehen wie ein großes anthropologisches Museum.
SPIEGEL: Diese Leichtigkeit war ihr nicht gegeben. Also nach Kuba.
Enzensberger: Fast ein Jahr lang. Das war ganz spannend. Es war aber für mich auch eine letzte Versuchsanordnung in Sachen Sozialismus. Die Revolution hatte dort ja ohne russische Panzer gesiegt. Die Kubaner hatten ihre eigenen Gründe. Dafür gab es eine Mehrheit im Volk. Ich wollte wissen, was daraus geworden ist. Dieses Abenteuer endete mit einer gründlichen Desillusion.
SPIEGEL: Angeblich wollten Sie später ein Buch über die Verhältnisse dort schreiben.
Enzensberger: Ja, mit dem Gedanken habe ich lange gespielt. Ich habe auch hie und da etwas veröffentlicht über Kuba. Selbstverständlich wurde ich sofort zum Verräter erklärt. Wenn schon! Überall populär zu sein ist auch keine Parole.
SPIEGEL: Sie haben auf das Buch verzichtet. Eine Art Selbstzensur. Sie haben mal gesagt, dass Sie das nicht über das Herz gebracht hätten.
Enzensberger: Ja, mir gefielen Land und Leute. Wir hatten viele Freunde dort, Menschen, die sich auf ganz verschiedene Weise mit der Herrschaft des Fidel Alejandro Castro Ruz arrangiert hatten oder von ihm aus dem Weg geräumt wurden.
SPIEGEL: Mascha hat sich dort gut gefühlt?
Enzensberger: Das hat ihr noch am ehesten gefallen. Sozialismus with a difference: tropisch, nicht kalt und schneeverweht wie in Moskau, nicht so düster, nicht so grau. Außerdem wurde sie dort unglaublich bewundert. Das hat ihr auch gefallen.
SPIEGEL: Sie sind zurück nach Berlin?
Enzensberger: Na ja, gut. Über den russischen Roman wollen wir jetzt gar nicht weiterreden. Was darüber zu sagen ist, steht schon im Buch. Das hat mich genug Überwindung gekostet.
SPIEGEL: Sie meinen jetzt Mascha?
Enzensberger: Jaja.
SPIEGEL: In Ihrem Buch schreiben Sie, dass vor allem die Jahre ab 1967, die Zeit der politischen Radikalisierung, in Ihrer Erinnerung so etwas sind wie ein wilder Experimentalfilm, viele Schnitte, ohne Chronologie, Szenen hier, Szenen dort, Blackouts. Fast so eine Art Drogenfilm.
Enzensberger: Ja, wie auf einem Trip.
SPIEGEL: Haben Sie Drogen genommen?
Enzensberger: Ich bin nicht sehr drogenaffin. Haschisch habe ich eigentlich gern genommen. Allerdings muss ich mich auch noch mit einem anderen Defizit abfinden, das die meisten Künstler scheuen wie der Teufel das Weihwasser: Ich bin nämlich maßvoll. Stellen Sie sich das vor.
SPIEGEL: Herrje!
Enzensberger: Ich betrinke mich nicht. In Russland hatte ich immer Riesenprobleme mit dem Wodka. Mein Magen erträgt das nicht. Einmal habe ich LSD ausprobiert. Das war nichts. Kokain? Paradoxe Reaktion: Ich bin eingeschlafen. Wahrscheinlich muss jeder selbst aussuchen, was zu ihm passt. Für mich sind Kaffee und Tabak gesund. Höchstens mal ein klein wenig Pot. Ich bin kein Suchtmensch. Allenfalls ein bisschen Workaholic. Das kann sein.
SPIEGEL: Über eine Peinlichkeit müssen wir noch sprechen. Sie haben 1967 an einer Aktion der Kommune 1 teilgenommen, anlässlich der Trauerfeier für den ehemaligen Reichstagspräsidenten Paul Löbe, einen Sozialdemokraten, der später ins KZ gesteckt worden war. Kunzelmann hatte sich in einem Sarg versteckt und schmiss Flugblätter in die Menge.
Enzensberger: Aberwitzig. Niemand wusste überhaupt, wer dieser Löbe eigentlich war. Man wollte eigentlich nur stören.
SPIEGEL: Wie sind Sie da überhaupt gelandet?
Enzensberger: Na, durch meinen jüngsten Bruder Ulrich! Der war doch in der Kommune 1. Das war am Anfang noch ein relativ flotter Haufen, der mich interessierte. Diese Bande hatte versucht, sich bei mir einzunisten, aber ich habe sie rausgeschmissen. Sie hatten sich sofort mit den Linken angelegt, weil sie nicht linientreu waren. Ausschluss aus dem SDS, das war die Strafe. Den Kommunarden war das wurscht. Ich bin da an jenem Tag reingeraten. Sie bastelten irgendwelche Kostüme und nagelten einen Sarg zusammen, in dem sie die Berliner Justiz zu Grabe tragen wollten. Das fand ich sehr komisch, also setzte ich mir eine Maske auf und ging mit.
SPIEGEL: Im Flugblatt standen Sätze wie: "Ihr wollt heute Paul Löbe durch den Schornstein feiern." Das ist grauenhaft.
Enzensberger: Entsetzlich.
SPIEGEL: Und weiter: "Wir wollen ein paar smarte Leichen verscharren, die langsam schon zum Himmel stinken."
Enzensberger: Typisch Kunzelmann, der Bombenleger. Ich kannte das Flugblatt vorher nicht. Teufel war der Witzbold, Langhans spielte den Guru, den Weiberhelden, aber Kunzelmann war der eigentlich politisch Gefährliche.
SPIEGEL: Die Linke, oder besser ein Teil davon, hatte einen Hang zum Totalitarismus und Antisemitismus. Wann begann es, dass Sie sich da unwohl fühlten?
Enzensberger: Es gab nicht wenige solcher Geschichten. Der Anschlag zum Beispiel auf das Jüdische Gemeindehaus in der Berliner Fasanenstraße, an dem der Verfassungsschutz nicht unschuldig war. Da war der Punkt erreicht: ohne mich! Man spürt das körperlich. Hier, am Solarplexus. Auch das Gefühl der Peinlichkeit ist wichtig, es sendet unentbehrliche Signale.
SPIEGEL: Auch bei der Löbe-Trauerfeier?
Enzensberger: Später. Erst einmal musste ich schnell weg. Ich wollte ja nicht verhaftet werden.
SPIEGEL: Andreas Baader und Gudrun Ensslin waren übrigens auch dabei.
Enzensberger: Das weiß ich gar nicht mehr.
SPIEGEL: Doch, doch.
Enzensberger: Es gab danach eine Auseinandersetzung mit meinem Bruder, als herauskam, was die da verteilt haben. Mein Bruder war damals ein bisschen ultralinks.
SPIEGEL: Sie beschreiben auch, dass sich in diesen wilden tausend Tagen ab 1967 die Oberhäupter der diversen Fraktionen bei Ihnen in Friedenau im Arbeitszimmer trafen. Dutschke, Salvatore, Semler.
Enzensberger: Jaja.
SPIEGEL: Aber auch die Herren Kunzelmann und Mahler. Man kann sich Ihre Rolle dabei nicht so ganz vorstellen.
Enzensberger: Diese Wohnung war ein merkwürdig neutrales Terrain. Ich habe von Anfang an gesagt: "Hört mal zu, ihr mit euren Fraktionen, ihr werdet von mir keine Stellungnahme zu der Frage hören, welche eurer sechs kommunistischen Parteien die einzig richtige ist. Das geht mir am Arsch vorbei. Aber wenn ihr miteinander verhandeln wollt ... Hier könnt ihr offen sprechen." Es ging darum, wie man Geld für Kampagnen bekommt, oder um irgendein Zweckbündnis. Ich war eigentlich nur eine Art Moderator.
SPIEGEL: Warum sind die zu Ihnen gekommen? Waren Sie so etwas wie, heute würde man sagen: ein väterlicher Coach?
Enzensberger: Ich war damals Herausgeber des Kursbuchs. Das war eine wichtige Plattform, da konnten die Anarchisten, die Maoisten, die Revisionisten, überhaupt alle in diesem bizarren Durcheinander, ihre Positionen darlegen. Alle durften, wenn sie nicht zu blöd waren und wenn sie wenigstens einen halbwegs verständlichen deutschen Satz zustande brachten.
SPIEGEL: Und Sie haben den ganzen Schrott umgeschrieben?
Enzensberger: Das war Karl Markus Michel, der war der unentbehrliche Redakteur, gebildeter, fleißiger und zuverlässiger als ich. Das muss man sich vorstellen: eine unabhängige Zeitschrift, die keine Profite machen sollte, eine Bleiwüste, die es auf Auflagen von 120 000 brachte. Für anderthalb Jahre war das tatsächlich so etwas wie ein Leitmedium.
SPIEGEL: Sie haben in diesen Jahren auch eine Art Doppelleben geführt. Sie waren Herausgeber des Kursbuchs, des Sprachrohrs des Protests, und dennoch ständig unterwegs: USA, Kuba, Norwegen, Sizilien, Rom, Moskau, Prag, Stockholm, Karatschi, Paris, Mailand, San Francisco, San Diego, Adelaide, Singapur, Bangkok, Phnom Penh. In welcher Reihenfolge auch immer. Eine bewusste Flucht?
Enzensberger: Ja, sicher. Sonst hätte ich das alles gar nicht ausgehalten. Das war wie in einer Badewanne, wenn das Wasser abläuft und ein Strudel entsteht. Gerät man dorthinein, landet man im Abfluss. Man muss Abstand von diesem Loch gewinnen.
SPIEGEL: Was war das für eine Angst? Die Angst ums eigene Seelenheil?
Enzensberger: Ach was! Berlin bildet sich immer ein, dort sei der Nabel der Welt. Dabei ist es eben nur Berlin. Das war auch damals so. Es ging um irgendeinen Bürgermeister, den man loswerden musste, um die Bild-Zeitung, um all diese lächerlichen Fraktionen.
SPIEGEL: War die Liebe zu Mascha vielleicht eine Liebe, die sich nur besonders groß anfühlte, wenn die Geliebte woanders war? Denn wenn sie da war, war es doch ziemlich anstrengend?
Enzensberger: Das müssen Sie dem Text des Buchs entnehmen.
SPIEGEL: Feigling. So viel steht da auch nicht drin. Sie lachen wieder.
Enzensberger: Wahrscheinlich interessiert das alles niemanden mehr. Es ist viel zu lange her. Eine ferne, fremdartige Welt. Das sieht ja aus wie in einem alten "Tatort", wo die Männer Koteletten tragen und die Wände orangerot tapeziert sind. Und wie sonderbar alle reden!
SPIEGEL: Andererseits: Wenn man Ihnen zuhört, hat man nicht das Gefühl, dass es wirklich zwei Enzensberger gibt: den von heute und den von damals.
Enzensberger: Es mag Kontinuitäten geben, für die man nichts kann und die man nicht plant. Ich bin eigentlich immer gern abgehauen. Schon mit 7 oder mit 17. Das war nie gezielt, ich will jetzt dahin oder dorthin, ich wollte nur weg! Zum Beispiel 1945 oder 1947. Ich arbeitete damals für die U. S. Army oder für die Royal Air Force als Dolmetscher, Schwarzhändler oder Barkeeper. Durch meine Beziehungen hatte ich die Möglichkeit, ein "travel document in lieu of a passport" zu bekommen. Es gab noch keinen deutschen Staat, der mir einen Reisepass hätte ausstellen können. Ich bin dann mit ein paar Pfund Sterling nach London. Nichts wie weg. Und dieses Gefühl wurde im Laufe der Fünfzigerjahre nicht schwächer. Ich wohnte später sieben Jahre lang in Norwegen, in Rom, in Amerika, in England, in Frankreich. Diese Fluchtversuche waren eine vitale, geradezu körperliche Reaktion auf die deutschen Verhältnisse.
SPIEGEL: Der Solarplexus wieder.
Enzensberger: Erst mal raus, und dann sehen wir weiter. Es war wichtig, um mit dem eigenen Land in ein tragfähiges Verhältnis zu kommen. Sonst bleibt es bei der Obsession. Deutsch sein ist schließlich kein Beruf. Auch die Umkehrung ist keine Lösung. Auch der antideutsche Deutsche ist ein Blödmann.
SPIEGEL: Wie haben Sie aus der Ferne auf Deutschland geguckt?
Enzensberger: Man bemerkt, dass die Welt nicht allein aus den Verbrechen und den fixen Ideen der Nazis besteht. Direkt nach dem Krieg war das natürlich anders. Damals hatte der Richter oder der Ordinarius gewöhnlich enorm viel Dreck am Stecken, der Polizeipräsident auch. Sogar in der SPIEGEL-Redaktion gab es SS-Leute.
SPIEGEL: Leider ja.
Enzensberger: Das war schon sehr unhygienisch. Das ging erst aus biologischen Gründen allmählich zu Ende, weil diese Personen in die Rente gingen oder starben. So trat eine langsame Entgiftung des Landes ein. Ich habe mich, glaube ich, zum Spezialisten in Transformationsprozessen entwickelt, und die deutsche Transformation, wie es also möglich war, dieses Deutschland wieder in ein zivilisiertes Land zu verwandeln, habe ich durch meine Erfahrungen im Ausland besser verstanden.
SPIEGEL: Was haben Sie dort gelernt?
Enzensberger: Ich war beispielsweise zum ersten Mal 1953 in Spanien. Tiefste Franco-Zeit, Frauen durften nicht allein ins Café gehen. Das war fast wie in einem arabischen Land. Unglaublich, wie schnell sich das in einem Jahrzehnt geändert hat! Ich war in Frankreich während des Algerienkriegs, man wusste von der Folter, man sah Angriffe der Polizei auf die Demonstranten, und man begriff, dass auch andere Länder Probleme hatten, wie die USA mit dem Vietnamkrieg. Andererseits hatte ich Skandinavien im Rücken, wo eine gewisse Stabilität herrschte, weil die Demokratie dort unumstritten war. Diese Unterschiede halfen mir dabei, auch das eigene Land besser zu verstehen. Das war keine Relativierung, aber ich entwickelte mit der Zeit eine Komparatistik der Scheiße.
SPIEGEL: Bitte noch mal.
Enzensberger: Eine vergleichende Wissenschaft der Scheiße.
SPIEGEL: Ihr Kapitel über die Siebzigerjahre beginnt mit den Sätzen: "Eines Tages war alles vorbei. Es überkommt mich, ich weiß nicht warum, eine große Ruhe."
Enzensberger: Es war ja nicht nur die Luft aus der Apo raus. Es gab auch etwas Positives. Viele erlaubten sich plötzlich wieder ihre eigenen Gedanken, nicht nur in der Politik. Ein Arzt durfte sich wieder mit Medizin beschäftigen und ein Schriftsteller mit der Literatur. Das war angenehm. Die Rolle, die den Protagonisten dieser sogenannten Bewegung zugeschrieben wurde, war ja auch übertrieben und auf die Dauer gar nicht einlösbar. Wer die Kapitalisten enteignen oder chinesische Verhältnisse auf europäische Gesellschaften übertragen wollte, litt ja nicht nur an Realitätsverlust, sondern auch an Größenwahn. Ein Haufen von übergeschnappten Leuten nannte sich allen Ernstes Rote Armee Fraktion. Nur dass es nie eine solche Armee gegeben hat.
SPIEGEL: Was hatten Sie eigentlich mit denen zu tun?
Enzensberger: Das war eine Krankheit, mit der ich mich lieber nicht anstecken wollte.
SPIEGEL: Als Ulrike Meinhof den Baader im Mai 1970 aus der Haft befreit hatte, fuhren die zu Ihnen nach Friedenau.
Enzensberger: Ja, das war so.
SPIEGEL: Wirklich?
Enzensberger: Ich kannte die ja fast alle.
SPIEGEL: Es klingelte an der Tür, und da standen die?
Enzensberger: Na ja.
SPIEGEL: Was heißt na ja?
Enzensberger: Ja.
SPIEGEL: Die wollten Unterschlupf?
Enzensberger: Die hatten keine Ahnung, in was sie da hineingeraten waren. Strategisches Denken war nicht ihre Stärke. Nicht einmal taktisch waren sie vorgegangen. Eher aus Versehen.
SPIEGEL: Sie sagten denen, so steht es im Buch: Guckt mal, das Auto da draußen vor der Tür, da sitzt ein Mann vom Verfassungsschutz, ich werde observiert. Wahrscheinlich waren Sie ganz froh darüber.
Enzensberger: Natürlich wollte ich sie loswerden. Die waren in Panik, verstehen Sie? Liefen da mit ihren blöden Knarren rum. Diese Deppen. Ich muss ja leider sagen, dass ich sie nie so richtig ernst nehmen konnte.
SPIEGEL: Sie schreiben, dass Sie die Baader-Meinhof-Leute auch noch später in einer konspirativen Wohnung in Hamburg besucht haben.
Enzensberger: Ja, da gab es noch mal einen Kontaktversuch.
SPIEGEL: Aber was wollten die?
Enzensberger: Ja, mitmachen sollte ich.
SPIEGEL: Wie, mitmachen?
Enzensberger: Unterstützen. Kurier spielen. Quartiere besorgen und so weiter. Das war vor allem Ulrike, die ich noch gut von früher kannte. Mit den anderen verband mich nichts. Dieser Baader war doch eine Drecksau.
SPIEGEL: Warum sind Sie überhaupt hingefahren? Als teilnehmender Beobachter?
Enzensberger: Natürlich wollte ich sehen, wie die hausen, und wissen, wie die sich ihre Minirevolution vorstellen. Sie wollten mich wohl vor eine Art Mutprobe stellen. Wenn du nicht mitmachen willst, bist du ein Feigling - so in diesem Ton.
SPIEGEL: Der Kontakt kam wie zustande? Über einen Mittelsmann?
Enzensberger: Es gab ja Leute, die zwar nicht dabei sein wollten, aber mit ihnen sympathisierten und bereit waren, sie zu decken. Auf diese Art waren sie an diese leere bürgerliche Wohnung irgendwo in Hamburg gekommen. Ein bisschen Kriminalität hatten sie da bereits dazugelernt, wie man Schlüssel nachmacht oder Waffen besorgt. Anhand von Filmen hatten sie sich mühsam beigebracht, wie man eine Bank ausraubt. Eigentlich waren sie, kann man vielleicht sagen, blutige Amateure. Im doppelten Sinne.
SPIEGEL: Und Sie dachten in dieser Wohnung wieder: raus hier.
Enzensberger: Nichts wie weg!
SPIEGEL: In den Siebzigerjahren haben Sie sich immer stärker mit der Linken selbst auseinandergesetzt.
Enzensberger: Es gab ein paar Essays, über die sich die linken Freunde ein bisschen geärgert haben. Einer davon handelte vom realen Sozialismus als der höchsten Stufe der Unterentwicklung. Aber das war so. Ich wusste das, weil ich doch da gewesen war, Herrgott noch mal! Ich war nicht auf Sardinien, um dort Marx zu lesen. Man muss vielleicht auch festhalten, dass der Horror und die Tragik manchmal umkippen. Dieses Durcheinander, der Tumult, bringt manchmal eine unfreiwillige Komik hervor: Da schwärmt auf einmal ein liebes, kleines Mädchen, gerade 17, blonde Haare, lange Wimpern, für Stalin. Ausgerechnet! Auch die Tragikomödie ist eine literarische Kategorie.
SPIEGEL: Es hatte auch etwas Exorzistisches. Am Ende ist dieses Deutschland heute ein ganz angenehmes Land, weil die 68er es verändert haben.
Enzensberger: Man kann sagen, dass etwas Derartiges fällig war. Man darf aber nicht vergessen, dass es bei solchen Bewegungen immer Leute gibt, die unter die Räder kommen. Ohnesorg zum Beispiel, ein völlig harmloser Mann. Eigentlich darf man das nicht laut sagen, aber wir hatten neulich Gäste aus dem Ausland, und wir sprachen darüber, dass man die Krauts, diese Deutschen, nicht unterschätzen sollte. Da gibt es irgendetwas an ihnen, das es ihnen ermöglicht, sich wieder rauszurappeln aus der größten selbst verschuldeten Katastrophe ihrer Geschichte. Das überrascht andere Völker, aber es beunruhigt sie auch.
SPIEGEL: Es ist ihnen ein wenig unheimlich.
Enzensberger: Manchmal ist auch eine widerwillige Bewunderung zu spüren.
SPIEGEL: Mitte der Sechzigerjahre hatten Sie einen heftigen Streit mit der Philosophin Hannah Arendt, die 1933 aus Deutschland emigriert war, später eine Theorie des Totalitarismus entwickelte und als Beobachterin des Eichmann-Prozesses von der "Banalität des Bösen" schrieb.
Enzensberger: Richtig. Ja.
SPIEGEL: Sie hatten geschrieben, Auschwitz sei keine deutsche Spezialität, der Mensch als solcher sei zu allem fähig. Und sie haben auch den Megatod durch die Atombombe mit der Endlösung verglichen.
Enzensberger: So etwas darf ein Deutscher nicht sagen, das war Hannah Arendts Meinung. Ich habe ihr geantwortet: Liebe, verehrte Frau Arendt, das ist ein sehr schlechtes Argument. Das nennt man ad personam. Und Sie sind Philosophin genug, um zu wissen, dass es nicht sehr tragfähig ist zu sagen: Der darf das nicht sagen, weil er einen deutschen Pass hat. Sie hat zwei knappe Zeilen geantwortet, dann war Ruhe.
SPIEGEL: Dass Auschwitz nicht nur deutsch sei, sondern mit der Natur des Menschen zu tun habe, klingt entschuldigend.
Enzensberger: Ich habe nur gesagt, dass man leider nicht davon ausgehen kann, der Völkermord sei eine Spezialität der Deutschen. Der Genozid kann wieder kommen, und das muss nicht unbedingt in Berlin sein. Und dass auch Atombomben, wer immer über sie verfügt, eingesetzt werden könnten zum Völkermord.
SPIEGEL: Dazu stehen Sie noch heute?
Enzensberger: Ich würde es vielleicht etwas genauer formulieren. Denn wahr ist auch, dass uns die Atombombe über Jahrzehnte hinweg vor dem dritten Weltkrieg bewahrt hat. Mein Argument war vielleicht etwas grobschlächtig, und hätte Hannah Arendt dies kritisiert, wäre es zu einem Dialog gekommen.
SPIEGEL: Sie sind immer noch zornig.
Enzensberger: Ich habe diese Frau wahnsinnig bewundert. Ich verdanke ihr sehr viel, einen Teil meiner politischen Erziehung. Sie war natürlich auch eine intellektuelle Domina.
SPIEGEL: Wir haben über den Beitrag der 68er zu diesem Land gesprochen. Die Systemkritik und den Faschismusvorwurf an diese Gesellschaft durch die 68er haben Sie als "self-refuting prophecy" bezeichnet, als eine Prophezeiung, die sich selbst widerlegt.
Enzensberger: Das spricht für die enorme Lernfähigkeit moderner Systeme, die die Rebellion absorbieren können, die Aufsässigkeit. Die Verdauungsfähigkeit solcher Systeme ist groß genug, um ihr eigenes Überleben zu gewährleisten. Das ist ein kompliziertes Spiel von Kraft und Gegenkraft, von Ausgrenzung und Vereinnahmung.
SPIEGEL: Würden Sie sagen, dass Sie heute noch ein Linker sind?
Enzensberger: Bitte? So etwas nenne ich binäre Fragen. Sind sie Optimist oder Pessimist? Was antwortet man denn auf so etwas?
SPIEGEL: Würde es trotzdem gern wissen.
Enzensberger: Sie kennen doch diese berühmten Worte von Jandl: "Lechts und rinks kann man nicht velwechsern."
SPIEGEL: Sie haben ab den Neunzigerjahren Positionen vertreten, die nicht unbedingt links waren. Sie haben für die beiden Irakkriege Amerikas Position bezogen.
Enzensberger: Es gibt ja nicht nur Peinlichkeiten, sondern auch richtige Fehler. Man kann nicht immer recht haben. Es wäre mir übrigens unangenehm, wenn ich ständig recht behielte. Wenn Sie wollen, kann ich Ihnen jede Menge Fehler aufzählen.
SPIEGEL: Bitte.
Enzensberger: Mein Fehleinschätzung der UÇK, der albanischen Befreiungsarmee im Kosovo, die eine wesentlich trübere Truppe war, als ich es vermutet habe. Ich kannte Albanien nicht. Man soll nicht über etwas sprechen, das man nicht kennt. Man macht also Fehler. Man kann sie aber auch zugeben. Das ist nicht so schwer.
SPIEGEL: Verletzt es Sie, wenn Leute sagen, der Enzensberger ist ein Renegat?
Enzensberger: Ich war ja auch mal Chefideologe oder Kryptokommunist, und ich weiß nicht, was sonst noch alles. Das ist nicht schlimm. Ein Bergmann kann eine Staublunge bekommen. Ein Bleisetzer kann sich vergiften. Ein Arzt kann Kunstfehler machen. Das alles sind Berufsrisiken, die viel schlimmer sind als solche Nachreden.
SPIEGEL: Woher kommt Ihr Talent zur Unernsthaftigkeit?
Enzensberger: Früher sprach man vom Charakter einer Person, von ihrem Temperament. Jetzt sollen es nur die Gene sein. Jedenfalls gehört so etwas zur Ausrüstung eines Menschen. So, jetzt haben wir, glaube ich, genug für ein Interview.
SPIEGEL: Ein bisschen noch? Zu Ihrem Temperament gehört auch der funktionierende Solarplexus, dieses Gefühl im Bauch, oder habe ich das falsch verstanden?
Enzensberger: Man sagt von manchen Männern, dass sie sich immer in Frauen verlieben, die ihnen nicht guttun, oder umgekehrt. Das sei instinktlos. Ein solches Warnsystem ist schlecht ausgebildet. Sehen Sie, wir haben noch ganz andere Ausrüstungen als unsere Vernunft. Warum frisst eine Kuh plötzlich dieses eine Gras nicht mehr?
SPIEGEL: Warum?
Enzensberger: Sie weiß eben, dass ihr das nicht bekommt. Zu 100 Prozent ist so etwas nicht verlässlich. Fehler passieren.
SPIEGEL: Ihr Werk ist wie ein Tsunami. Mehr als tausend Gedichte, Hunderte Artikel, Dutzende Bücher.
Enzensberger: Hoffentlich nicht. Als ich jünger war, hatte ich immer die Vorstellung, ich könnte auch etwas ganz anderes machen. Chemie wäre doch auch ganz interessant oder vielleicht Topologie. Aber irgendwann war klar, das bringst du nicht mehr. Du bist nicht begabt genug. Also bin ich auf meinem Spielfeld geblieben und probiere darauf herum. Ich möchte mich nicht langweilen. Man muss jedoch aufpassen, denn sobald man etwas allzu gut kann, droht die Routine, die im Brumm, Brumm, Brumm endet.
SPIEGEL: Das Schreiben fällt Ihnen leicht?
Enzensberger: Das Leiden unter Schreibblockaden scheint üblich zu sein. Ich habe diese Beschwerden nicht. Manche Sachen sind mühselig und zeitraubend, andere gehen schnell.
SPIEGEL: Keine Blockaden, keine Depressionen?
Enzensberger: Ach, Depressionen hat jeder mal. Ein bisschen Depression ist in Ordnung, solange es nicht klinisch ist. Die flache Depression ist sogar ganz nützlich. Sie sagt: Gib mal Ruhe. Dann muss man mit der Depression verhandeln und sagen: Hör mal zu, ich verstehe, dass auch du gewissermaßen ein Lebensrecht hast. Aber heute ist der 12. des Monats, und am 22. muss ich in Berlin sein. Zehn Tage Depression sind okay, aber dann muss leider Schluss damit sein.
SPIEGEL: Sie verhandeln mit sich selbst?
Enzensberger: Genauso mit der Grippe: Grippe, wenn du willst, lege ich mich sogar ins Bett, aber nur begrenzt.
SPIEGEL: Im November werden Sie 85.
Enzensberger: Dabei ist dieser blöde Geburtstag noch nicht einmal ein runder. Die Medien haben einen Kalender, der auch als Ersatz für eine Idee dienen kann. Der Verlag will auch ein bisschen Tamtam machen, aber ob einer 84 oder 89 ist, bleibt völlig wurscht.
SPIEGEL: Die Öffentlichkeit hat vielleicht Angst, jemanden zu verlieren, und will Sie deswegen lebend feiern.
Enzensberger: Das glaube ich nicht.
SPIEGEL: Ach!
Enzensberger: Ich habe eine andere Hypothese. Wir kennen doch alle diese alten Kämpen. Ich will keine Namen nennen, aber Sie wissen schon.
SPIEGEL: Nobelpreisträger-Kämpen?
Enzensberger: Die sind immer ein bisschen lästig. Sie machen einfach weiter, auf welche Weise, wollen wir jetzt nicht diskutieren. Dann heißt es: Ach, der schon wieder! Was mich betrifft, da sagen sich inzwischen manche Kritiker, na gut, den kriegen wir jetzt nicht mehr weg, egal, ob wir seine Bücher mögen oder nicht oder ob wir ihm politisch am Zeug flicken wollen. Also Geduld, lange wird er es nicht mehr machen. Man schimpft nicht mehr. Früher wurde ich öfter in die Mangel genommen. Aber das war nicht weiter schlimm. Wenn Ruhe mein Ziel gewesen wäre, hätte ich nur den Mund zu halten brauchen.
SPIEGEL: Jemand, der 85 wird, dessen Zeit auf Erden hat bald ihre Grenzen erreicht.
Enzensberger: Das weiß ich selbst am besten. Es gibt Schriftsteller, die treiben eine gewisse Vorsorge, was ihre Nachwelt betrifft. Das finde ich rührend. Das erste Ge-
setz, was die Nachwelt betrifft: Sie macht, was sie will. Das ist ihr gutes Recht. Letztwillige Verfügungen haben ihre Grenzen. Ich kann vielleicht sagen, dieses eine Bild soll meine Tochter haben. Was sie damit anstellt, ob sie es auf die Auktion gibt oder in eine Berghütte hängt, wo es kaputtgeht, das ist ihre Sache.
SPIEGEL: Auch wurscht.
Enzensberger: Ja.
SPIEGEL: In Ihrem Buch über die Sechzigerjahre sprechen Sie auch von denen, die jetzt tot sind, von den Verschwundenen, die in den Irrenanstalten gelandet sind, im Drogensumpf, im Gefängnis.
Enzensberger: Einmal haben wir auf Initiative von Antje Vollmer versucht, Leute zurückzuholen, die im Gefängnis saßen. Terroristen. Ich habe mich um zwei Kandidaten gekümmert, einen davon konnte ich überzeugen. Wir haben uns langsam angenähert, ich habe ihm erzählt, was ich mache und wie das Leben jetzt ist außerhalb des Gefängnisses, was sich alles da draußen verändert hat. Ich habe langsam sein Vertrauen gewonnen, wir fingen an, gemeinsam zu lachen. Heute lebt er als Gärtner irgendwo in der Provinz. Ganz gut, oder?
SPIEGEL: Wer ist das?
Enzensberger: Unwichtig. Ich habe das mal "faux frais" genannt. Das sind Unkosten, Geschäftsunkosten. Die gibt es auch in der politischen Sphäre. Sie können sehr hoch ausfallen.
SPIEGEL: Mascha verschwindet aus Ihrem Buch, wie sie auch aus diesem Gespräch verschwunden ist. Sie haben sie 1972 noch mal zu einer letzten Liebesbegegnung getroffen. Sie lebte schon länger in England und war dort ein Darling der Neuen Linken. 1991 hat sie sich umgebracht. Sie schreiben: "Ich muss mir vorwerfen, dass ich nie verstanden hatte, wie gefährdet meine Geliebte war." Haben Sie sich jemals vorgeworfen, dass Sie diese Frau, die gerettet werden wollte vor ihren Dämonen, nicht retten konnten?
Enzensberger: Ich habe mich mit ihrer Mutter verbündet, einer wunderbaren Frau. Wir haben es beide vergebens versucht. Und trotzdem bin ich weit davon entfernt, diese Geschichte in irgendeiner Weise zu bereuen. Das wäre banal und albern.
SPIEGEL: Trauern Sie ihr nach?
Enzensberger: Ich möchte es mir mit keiner Frau, der ich nahestand, verderben, egal, wie die Geschichte ausgegangen ist. An jeder von ihnen muss etwas dran gewesen sein, sonst hätte uns die Energie dazu gefehlt. Aus dieser Nähe zu den Frauen entsteht etwas Wunderbares. Man lernt von jeder Liebesgeschichte etwas, was man allein nie kapieren würde. Man muss seinen Frauen dankbar sein.
SPIEGEL: Herr Enzensberger, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
Das Gespräch führte der Redakteur Lothar Gorris.
Suhrkamp Verlag, Berlin; 288 Seiten; 21,95 Euro. Erscheint am 20. Oktober.
Von Gorris, Lothar

DER SPIEGEL 41/2014
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