13.10.2014

KommentarLieber naiv

Mit großer Gleichgültigkeit nimmt die Welt die Hiobsbotschaften der 12. Biodiversitätskonferenz im südkoreanischen Pyeongchang zur Kenntnis: Die Vernichtung der Vielfalt geht fast ungebremst weiter. Keinesfalls wird es gelingen, wie geplant bis 2020 den Verlust an Artenvielfalt zu stoppen. Innerhalb von nur 40 Jahren sind die Wirbeltierpopulationen der Erde um die Hälfte geschrumpft, warnt der WWF. Die Versauerung der Ozeane bedroht das gesamte Meeresökosystem. Doch dringlich findet das offenbar niemand. Ein fataler Fehler. Denn der Verlust der Biodiversität ist die einzige wirklich irreversible globale Umweltveränderung. Und ohne Vielfalt stirbt auf lange Sicht auch der Mensch. Beispiel Ernährung: China hat jetzt schon 90 Prozent weniger Weizensorten als noch vor 60 Jahren, Indien 90 Prozent weniger Reissorten. Mangelt es jedoch an genetischen Varianten, können Pflanzen Naturkatastrophen oder Krankheiten nicht überstehen. Ganze Landwirtschaftszweige sind zudem bedroht, wenn Käfer, Bienen oder Schmetterlinge fehlen, die mehr als drei Viertel der wichtigsten Nutzpflanzen bestäuben, von Kürbissen über Äpfel bis zum Klee für die Nutztiere. Ob es neue Wirkstoffe für die Medizin sind, Enzyme und Mikroorganismen für die Biotechnologie oder neue Materialien wie etwa Spinnenseide - oft ist Vielfalt der Schlüssel zum Fortschritt. Und intakte Ökosysteme wirken auch als Ganzes. So wie in New York, wo die Catskill Mountains sauberes Trinkwasser bereitstellen. Oder auf den Philippinen, wo nur intakte Mangrovenwälder die Küste vor Tsunamis schützen können. Dabei kommt es auf jede Art an. Denn Ökosysteme sind wie Netze. Sie reißen, wenn zu viele Maschen fehlen.
Der Zyniker zuckt mit den Schultern. Dann soll sich der Mensch eben ausrotten. Die Natur wird überdauern - in welcher Form auch immer. Ja, auch das ist richtig. Ich will aber kein Zyniker sein. Lieber schlage ich mich auf die Seite der vermeintlich Naiven. Ich will daran glauben, dass wir weitsichtiger, schlauer sind, dass wir noch längst nicht unser Bestes geben. Und ich will noch nicht einmal von der Hoffnung lassen, dass wir die Vielfalt aus einem ganz einfachen Grund erhalten werden: um ihrer selbst willen.
Von Philip Bethge

DER SPIEGEL 42/2014
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