13.10.2014

UniversitätenRebellen auf dem Campus

Aufbruch in eine goldene Ära der Bildung oder Niedergang der Tradition? In Amerika ist eine Debatte über Onlinekurse entbrannt.
Ein Vierteljahrhundert lang hat Anant Agarwal Prozessoren entwickelt, in seinem ersten, braven Leben als Computerexperte am Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Cambridge. Jetzt, in seinem zweiten Leben, hat er eine Revolution angezettelt: Der Mann will die Universität neu erfinden.
Den Aufbruch ins "goldene Zeitalter der Bildung" plant Agarwal von einem lichtdurchfluteten Büro unweit des Technology Square aus - dort, wo viele Start-ups aus der Biotech- und IT-Branche Quartier bezogen haben. Agarwals großes Versprechen prangt gleich am Empfang neben einer wandfüllenden Weltkarte: "Bildung überall und für jedermann". Rechts unten findet sich das rot-grau-blaue Logo der Organisation: edX.
Ganz anders die Szenerie knapp drei Kilometer weiter westlich: Fußwege führen zwischen altem Baumbestand und ehrwürdigen Backsteinbauten hindurch - ein Bildungsidyll, in dem Peter Burgard residiert. Er ist Germanist, umgeben von den Werken Nietzsches, Freuds und Manns forscht und lehrt auch er seit einem Vierteljahrhundert in Cambridge - an einer Universität, für die er "tiefe Liebe" empfinde: Harvard.
Genau dieses Paradies sieht Burgard durch Agarwals Revolution bedroht. "Die Zukunft der amerikanischen Universität und damit in gewissem Sinne die Zukunft unserer Nation" stehe auf dem Spiel. Deshalb leistet Burgard Widerstand gegen die "technokratische Euphorie" der Bildungsrevolutionäre, die im Begriff seien, "etwas sehr Schätzenswertes zu zerstören".
Ein Kulturkampf hat Amerikas Universitäten erfasst, Burgard und Agarwal sind Vertreter verfeindeter Fraktionen. Oberflächlich geht es um das rasch zunehmende Angebot von Onlinekursen, die Elite-Hochschulen wie Harvard und das MIT ins Netz stellen. Dahinter aber steht eine Debatte um die Rolle der Universitäten schlechthin.
"MOOC" (gesprochen: muhk) ist das Zauberwort, um MOOC dreht sich alles. Die Abkürzung steht für "massive open online course". Die Grundidee: Koryphäen von Weltrang präsentieren ihre Vorlesungen im Netz, und jeder, der über einen Computer und einen Internetzugang verfügt, kann sie kostenlos besuchen.
Seit die Onlineplattform edX als Gemeinschaftsgründung von Harvard und MIT im Mai 2012 an den Start ging, ist Geschäftsführer Agarwal im MOOC-Rausch: "In praktisch jeder Hinsicht wurden unsere Erwartungen übertroffen", sagt er. 2,7 Millionen Interessenten hätten sich für inzwischen 306 verschiedene Kurse eingeschrieben, "und zwar buchstäblich aus jedem einzelnen Land der Welt".
Burgard dagegen glaubt, bereits Anzeichen einer MOOC-Dämmerung zu erkennen. Seine Hoffnung gilt den Protesten, die sich an vielen Universitäten regen. Allein in Harvard fanden sich 58 Professoren, die einen Brandbrief gegen die überstürzte Einführung der MOOCs unterzeichnet haben.
Dabei war Agarwal mit edX vergleichsweise spät dran. An der Westküste hatte Sebastian Thrun, berühmt als Vater des führerlosen Google-Autos, im Februar 2012 eine Onlineuniversität namens Udacity eröffnet. Zwei Professoren der Stanford University zogen nur Wochen später mit der Onlineplattform Coursera nach.
Um nicht ins Hintertreffen zu geraten, wollten MIT und Harvard dem etwas entgegensetzen. Die Zeit schien reif: Zum einen drängte die Facebook-Generation an die Universitäten, für die Chat-Groups und interaktive Übungen natürliche Lernformen sind. Zum anderen lieferten Video-Streaming und Cloud-Computing die technischen Voraussetzungen, die den einfachen Zugriff auf multimediale Lernmaterialien erst möglich machten.
Harvard und das MIT statteten edX jeweils mit einem Startkapital von 30 Millionen Dollar aus. Agarwals Kurs ging als erster online: "Schaltkreise und Elektronik" - der Titel klang nicht gerade sexy. Trotzdem schrieben sich 155 000 Interessenten ein. "Das sind fast so viele, wie das MIT in seiner 150-jährigen Geschichte Absolventen hat", sagt Agarwal stolz.
Auf dem Bildungssektor, so verkündet er, sei das Onlinestudium die erste maßgebliche Innovation seit Jahrhunderten. "Der Verkehr, der Handel, die Kommunikation - alles hat sich grundlegend verändert", sagt er. "Ein Hörsaal dagegen sieht heute noch genauso aus wie vor 50 Jahren." Solange es Universitäten gibt, habe ein Professor stets nur jene kleine Schar von Studenten erreichen können, die er vor sich hatte. Jetzt aber könne er vor ein Publikum von Zigtausenden treten.
"In E-Mails schreiben mir Kursteilnehmer: ,Herr Professor, es ist, als säßen Sie neben mir'", erzählt Agarwal. Er ist überzeugt: Der Lernstoff lässt sich auf dem neuen Weg sogar besser vermitteln als auf dem alten. Zudem lieferten die MOOCs gleichsam nebenbei das Handwerkszeug zur steten Verbesserung der Lehre. Denn auf den edX-Servern sammelt sich ein einzigartiger Schatz von Daten, die Aufschluss über das Wesen des Lernens selbst zu geben versprechen.
Um welche Uhrzeit lernen die Studenten? An welchen Stellen brechen sie das Video ab? Wie intensiv üben sie vor Klausuren? Wie oft kommunizieren sie dabei miteinander? Auf all diese Fragen gibt es plötzlich Antworten.
Mit Erstaunen stellte Agarwal zum Beispiel fest, wie kurz die Aufmerksamkeitsspanne der Studenten ist: "Wir sollten uns auf sehr kurze Einheiten beschränken", sagt er. "Die optimale Länge liegt bei nur sechs Minuten."
Häppchenlernen im Sechsminutentakt - da packt Germanist Burgard das Grauen. Die direkte Beziehung des Professors zu seinen Studenten steht für ihn im Mittelpunkt der Lehre. Niemals könne eine aufgezeichnete Vorlesung einen Ersatz dafür bieten.
Die Harvard University habe einen Bildungsauftrag, sagt Burgard, und die Aufgabe der Fakultätsmitglieder sei es, diesen zu erfüllen. Deshalb empört es ihn, dass edX gestartet wurde, ohne die Professoren zu konsultieren. Jetzt fragt er sich: "Zahlen Eltern der Harvard-Studenten 60 000 Dollar im Jahr, damit die Professoren ihre Zeit mit der Produktion von MOOCs verbringen?" In einem Fall, erzählt er, sei es den Studenten sogar verboten worden, während der Vorlesung Fragen zu stellen, weil die Veranstaltung für eine spätere Verwendung als MOOC aufgezeichnet wurde.
Langfristig, so argumentiert Burgard, könne die Virtualisierung des Hörsaals sogar der Universität als solcher den Garaus machen: "Zuerst ersetzen die kleineren Colleges und die ärmeren Universitäten ihre Kurse durch MOOCs, um so Dozentenstellen einzusparen", sagt er. "Das aber führt dazu, dass es die frisch Promovierten schwerer haben, eine akademische Stelle zu finden." Schritt um Schritt werde so der akademische Arbeitsmarkt ausgehöhlt, bis die Krise zuletzt auch die Elite-Universitäten erreichen werde.
Burgard ist nicht allein mit seiner Sorge. Der Princeton-Soziologe Mitchell Duneier, einst einer der MOOC-Stars, zog sich von der Coursera-Plattform zurück. Der Siegeszug der Onlinekurse, so fürchtet er, befördere die Kürzung staatlicher Universitätsbudgets. Das elitäre Amherst College in Massachusetts stimmte gegen eine Teilnahme an Agarwals edX. Das Kollegium sah die Vielfalt der Bildungslandschaft in Gefahr. Und an der kalifornischen San José State University begehrten Professoren gegen die Einführung von "JusticeX" auf, dem Onlinekurs des berühmten politischen Philosophen Michael Sandel.
In einem offenen Brief an den Star aus Harvard klagten sie: "Es gibt bei uns kein pädagogisches Problem, das ,JusticeX' löst." Die MOOCs, so glauben die Rebellen aus San José, führten direkt in eine neue akademische Zweiklassengesellschaft: "Privilegierte Studenten der reichen Colleges haben ihre eigenen, realen Professoren, während der Rest mit Videokonserven abgespeist wird."
Einen besonders empfindlichen Rückschlag versetzte der Onlinebewegung der Sinneswandel von Sebastian Thrun. Ende vergangenen Jahres gestand der MOOC-Visionär in einem Interview mit dem Blatt Fast Company, sein Unternehmen Udacity liefere ein "lausiges Produkt". Seither hat sich die Firma aus den Universitäten zurückgezogen und widmet sich nun der Fortbildung in Unternehmen.
Selbst Agarwal leugnet nicht, dass es Probleme gibt. Ihn stört zum Beispiel, dass rund 70 Prozent aller edX-Nutzer bereits einen Studienabschluss haben. Künftig werde die Plattform deshalb auch einfachere Kurse anbieten, um die weniger vorgebildete Kundschaft anzulocken. "Wir wollen uns mehr um die anderen 30 Prozent kümmern", sagt Agarwal.
Auch die Zahl der Abbrecher ist zu hoch. Einer neuen Studie zufolge halten gerade einmal fünf Prozent der Onlinestudenten bis zur Abschlussklausur durch. Das, meint Agarwal, dürfe man zwar nicht mit den Abbrecherquoten im regulären Studium vergleichen. "Viele kommen nur aus Neugier und haben gar nicht vor, den Kurs abzuschließen." Trotzdem hofft er, die Verweildauer der Studenten durch eine Verbesserung der Kurse erhöhen zu können.
Agarwal setzt dabei besonders auf die Vermischung von Online- und Campuskursen. An vielen Universitäten, meint er, würden die MOOCs schon heute in den Unterricht eingebunden. "Der MOOC ist die Hausaufgabe, und anschließend bespricht der Professor den Stoff mit seinen Studenten", so erklärt er das Prinzip.
"Diese Lernform gibt es doch längst", spottet Germanist Burgard. "Wir nennen sie ,Seminar'." Er könne nur einen Unterschied erkennen: "Statt einer Videokonserve empfehle ich lieber ein Buch."
Von Johann Grolle

DER SPIEGEL 42/2014
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