20.10.2014

TerrorBabo geht kämpfen

Eine Familie aus dem Irak glaubt, in Oldenburg Frieden gefunden zu haben. Dann beginnt der Horror des IS. Der Vater zieht in den Krieg, der Sohn führt seinen Kampf im Internet. Aus dem Alltag kurdischer Einwanderer in Deutschland. Von Özlem Gezer
Wenn Paruar Bako mit dem Mercedes-Kombi seines Vaters durch Oldenburg fahren will, dann klingelt auf einem Berg im Nordirak das Telefon. Am anderen Ende der Leitung sitzt Ali Bako, er ist Paruars Vater, er legt dann die Kalaschnikow zur Seite und regelt den Alltag seiner Familie, 3200 Kilometer entfernt.
"Babo, darf ich das Auto haben?", fragt Paruar Bako mit leiser Stimme, er fragt auf Kurdisch. "Bitte, nur heute."
Ali Bako mag es nicht, wenn Paruar seinen Mercedes fährt; ausnahmsweise, sagt er, und dass der Sohn aufpassen solle, nicht zu spät nach Hause zu kommen.
Seit der Vater in den Krieg gezogen ist, um gegen den "Islamischen Staat" zu kämpfen, ist von ihm nur die Stimme im Wohnzimmer geblieben. Wenn er nicht im Gefecht steht, ruft er an, einmal morgens, einmal abends. Ali Bako ist ein guter Kämpfer. Er ist ein strenger Vater.
Paruar sitzt auf einem schweren, mit braunem Samt bezogenen Sofa im Wohnzimmer der Familie, er legt das Telefon auf den Couchtisch und macht den Eindruck, als habe er eben eine unangenehme Aufgabe hinter sich gebracht. Der Vater ist im Krieg. Der Sohn will das Auto. Es ist die Wirklichkeit in diesen Tagen, bei den Bakos. "Gib den Schlüssel her", sagt Paruar zu Schino, seinem jüngeren Bruder.
Watfa, ihre Mutter, sitzt stumm daneben, sie mischt sich selten ein, wenn ihre Kinder streiten, sie hat fünf Söhne und viele Sorgen, seit ihr Mann im Krieg ist. Die Heizung ist kaputt, das Telefon funktioniert nicht richtig, der Rasen ist nicht gemäht. Watfa hält eine Fernbedienung in der Hand, sie schaltet durch die Programme, von Al Jazeera zu Kurdistan TV.
Paruar hat seinen Laptop aufgeklappt und postet gerade auf Facebook ein Video, er schreibt Sätze, löscht sie wieder, schreibt sie neu: "Es mangelt an Essen und Kleidung. Es gibt kaum Treibstoff und Gas. Aus Folien von abgeworfenen Hilfsgütern der US machen sie Decken. Die IS ist nur wenige KM entfernt. Macht euch selbst einen Eindruck. Support. Share. Share. Share." Er bekommt dafür 482 Likes.
Auch Paruar Bako kämpft gegen den "Islamischen Staat", wie sein Vater, doch seine Waffen sind andere. Paruar ist 21 Jahre alt, er führt seinen Kampf auf Facebook.
Eigentlich studiert Paruar Bako Wirtschaftsrecht in Osnabrück. Aber in den Semesterferien ist er durch den Irak gefahren, mit seinem Smartphone dokumentierte er die Flucht der Menschen vor den Terroristen, er begleitete die kurdischen Widerstandskämpfer auf das Sindschar-Gebirge, wo sein Vater heute kämpft.
Paruar zeigt seinem Bruder Schino die Videos aus dem Irak. Er hat sie in Ordner sortiert, sie liegen unter seinem Vorlesungsverzeichnis. Verdurstende Kinder, vergewaltigte Frauen, verletzte Krieger.
Schino fragt: "Du hast voll abgenommen. Gab's auf dem Berg nichts zu essen?"
"Nur trockenes Brot und Käse."
"War es kalt?"
"Nachts."
"Hast du den IS gesehen?"
"Nur gehört. Ihre Schüsse."
Über den Brüdern, an der Wohnzimmerwand, hängt ein Bild von Mullah Mustafa Barsani, einer Symbolfigur der kurdischen Unabhängigkeitsbewegung im Irak. Die Eltern haben ihren Helden in Gold gerahmt mitgebracht aus dem Irak, damals, im März 1994, als sie aus ihrer Heimat fliehen mussten.
Jetzt leben sie mit ihren Kindern im niedersächsischen Oldenburg, eine Familie, die ihren Frieden will, aber keinen Frieden findet. Sie sind kurdische Jesiden, eine religiöse Minderheit, auch in der Heimat, unter Muslimen und Arabern. Ewig Verfolgte, als "Teufelsanbeter" Verachtete, weil sie das Wort Teufel nicht aussprechen, weil sie keine Hölle kennen, nur die Wiedergeburt, weil sie nicht an Propheten glauben, nur an Engel. Sie sind Gläubige, die kein Gotteshaus haben, keine Bibel, keinen Koran, nur mündliche Überlieferungen, seit Jahrhunderten, bei den Osmanen als Geheimreligion verfolgt, bei Karl May als "Edelmenschen" beschrieben. Die Verfolgung hat nie aufgehört, bis heute nicht.
Vater Bako war Kommunist, als er noch im Irak lebte, er verweigerte den Wehrdienst, wurde Freiheitskämpfer und zog sich zurück ins Sindschar-Gebirge, in die heilige Stätte der Jesiden. Damals hieß der Gegner Saddam Hussein. Ali Bako bekämpfte ihn zehn Jahre lang.
Sein Kampf begann Ende der Achtzigerjahre, als Saddam seine Soldaten in die kurdischen Dörfer im Nordirak schickte und einen Genozid begann, bei dem 100 000 Kurden ermordet wurden, viele erstickt im Giftgas. Die Operation hieß "Anfal", "Beute"; benannt nach der achten Sure im Koran.
Während Ali Bako kämpfte, ließ Saddam sein Heimatdorf überfallen, Alis Frau und seine Kinder starben, 27 Menschen aus seiner Familie wurden lebendig begraben. Das war Ali Bakos erste Familie.
Er wurde festgenommen, sollte gehängt werden, saß im Gefängnis in Bagdad, floh. Einer seiner Kampfkumpane nahm ihn mit nach Hause, in ein kleines Dorf nahe der Stadt Dohuk, im Norden des Irak. Dort traf Ali Bako Watfa, sie war ein paar Jahre jünger als er; sie sagte, du stinkst, sie wusch sein Hemd, sie verliebten sich. Ali Bako heiratete ein zweites Mal. Den ersten Sohn, Jamal, gebar Watfa in einem Pick-up auf einer steinigen Straße, Paruar kam zu Hause auf die Welt, Schino war im Bauch, als sie aus dem Irak flohen, über Syrien in die Türkei, von dort nach Deutschland. Sie beantragten Asyl, wurden deutsche Staatsbürger. Zwei Söhne folgten, in Oldenburg.
In Oldenburg fuhr Ali Bako Taxi. Er kaufte seiner Familie ein Haus, 165 Quadratmeter Frieden, in einer Sackgasse. Es ist eine leise Gegend, verkehrsberuhigt, mit gestutzten Hecken und grünen Zäunen. Ein weißer Klinkerbau, gebaut von Deutschen, mit Einbauküche aus den Siebzigerjahren. Mit eigener Garage und Geranien, gemähtem Rasen und einer deutschen Flagge, die im Vorgarten der Nachbarn weht. Hinten pflanzte Ali Bako Tomaten, scharfe Paprika, Kürbisse und Pfefferminze. Vorn Deutschland. Hinten Irak. Hier wuchs Paruar Bako auf.
Paruar und seine Brüder sollten nicht verfolgt werden, weil sie Kurden waren, nicht irgendwann auf den Berg gehen, um zu kämpfen. Sie sollten in deutsche Schulen, in richtige Kindergärten. Es war Ruhe eingekehrt in das Leben der Familie Bako. Der älteste Sohn verliebte sich im Irak in seine Cousine Salma, er brachte sie mit nach Oldenburg, heute haben sie zwei Söhne, auch sie wohnen im Haus. Ali Bakos Jüngster wurde Norddeutscher Meister im Boxen. Paruar, Sohn eines Freiheitskämpfers und einer Bauerntochter, wurde der erste Bako an einer deutschen Universität.
Die Vergangenheit, sein Leben auf dem Berg, den Freiheitskampf, die ermordete Familie, tippte Ali Bako nachts in seinen Laptop. Vier Sticks, mit goldverzierter Nummerierung: 1, 2, 3, 4. Eine Art Therapie auf USB. Ali Bako dachte nicht mehr ans Kämpfen.
Bis zum 3. August, es war eine Sonntagnacht, in der die Bilder aus dem Nordirak um die Welt gingen. Der neue Gegner waren die Dschihadisten vom "Islamischen Staat".
IS hatte eine Offensive gegen die Stadt Sindschar gestartet, die kurdischen Streitkräfte waren geflohen und mit ihnen mehr als hunderttausend Menschen. IS vertrieb Christen und Jesiden aus ihren Dörfern, vergewaltigte ihre Frauen, schnitt den Männern den Hals durch. Ließ sie in Reihen knien und schoss ihnen in den Hinterkopf. Kurdistan TV brachte die Bilder aus der Heimat in das Wohnzimmer nach Oldenburg. Ali Bako saß auf dem braunen Samtsofa und rauchte. Er hörte auf zu essen. Wenn der Fernseher aus war, klickte er sich durchs Netz. Schino zerstörte das Modem, er wollte, dass sein Vater damit aufhörte. Er hörte nicht auf. "Meine Leute", sagte der Vater immer wieder und weinte.
Es gibt nicht so viele von ihnen, 800 000 Jesiden auf der ganzen Welt, die größte Exilgemeinde lebt in Deutschland, 100 000 sind es, verteilt in Celle, Bremen, Bad Oeynhausen oder Oldenburg.
Paruar kennt alle Jesiden in Oldenburg, und die meisten kennen ihn. In der Gemeinde nennen sie ihn den "Anwalt ohne Koffer". Seine Mutter ist stolz auf ihn, weil er sich um die Jesiden kümmert. Seit seiner Kindheit begleitet er sie zum Jugendamt, füllt im Jobcenter ihre Anträge aus, übersetzt vor Gericht und beim Elternabend. Paruar Bako hat Deutschland verstanden. Er ist ein guter Wortführer, einer, der immer wissen will, was los ist, einer, der gern wichtig ist.
Als die Bilder der Vertriebenen in das Wohnzimmer der Familie kamen, wollte Paruar helfen, und das hieß, er wollte hin. Sein Vater sagte: "Du gehst dort nicht hin." Paruar fragte nicht ein zweites Mal.
Monate zuvor hatte er einen Urlaub gebucht, er wollte nach Spanien, zum Chillen. Es war eine gute Gelegenheit, unauffällig zu verschwinden. Paruar flog mit einem Kumpel nach Lloret de Mar, trank und schlief ein paar Tage am Strand, flog weiter nach Griechenland und von da in die türkische Grenzstadt Diyarbakır. Ein Freund aus dem Irak holte ihn ab, Paruar fuhr mit ihm durch Syrien in den Irak, den er bis dahin nur aus dem Urlaub kannte, wo er abends nie rausdurfte, weil es immer zu gefährlich war.
Auf der Reise traf er Frauen, die barfuß durch die Flüchtlingslager liefen und ihre Kinder suchten; angeschossene Kämpfer, die in verlassenen Baustellen lagen; junge Männer aus Deutschland, die sich um Schutzwesten stritten. Er trank Wasser aus angebundenen Tassen, weil es nur eine Tasse gab für das ganze Lager. Er sah, wie ein Auto vor ihnen detonierte, er schlief im Gebirge, in einer Nacht griff eine Katze ein Huhn an, Taschenlampen gingen an, weil die Menschen dachten, IS sei da.
In der Zwischenzeit war sein Vater aus Oldenburg nach Arbil geflogen. Paruar wusste, wo sich sein Vater aufhielt. Der Vater saß in einem Zimmer mit anderen alten Männern, sie redeten über ihre Strategie, als sich die Tür öffnete und Paruar einfach dastand. Paruar sagt, er habe wahnsinnige Angst vor diesem Moment gehabt. Der Vater stand auf, ging auf seinen Sohn zu und sagte: Wir sprechen uns noch. Dann zeigte Paruar die Videos, die er unterwegs gedreht hatte - und blieb.
Ein paar Tage lang sah er seinem Vater beim Kämpfen zu. Ali Bako hatte sich einer Einheit angeschlossen, die Kalaschnikows bei sich trägt und die verbliebenen Dorfbewohner vor den Angriffen des IS schützen will. Die meisten Männer dieser Einheit sind alte, erfahrene Kämpfer. Viele sind aus Deutschland angereist. Manche haben ihre Söhne und ihre Neffen mitgenommen.
Vor zwei Jahrzehnten haben sie ihre Heimat verlassen, um ihre Familien zu retten, heute kehren sie in die Heimat zurück, um ihr Volk zu retten. Zu Hause, in ihren jesidischen Gemeinden, werden sie "Löwen" genannt. Wenn Paruar durch Oldenburg läuft, dann begrüßen sie ihn mit dem Satz: "Da ist der Sohn des Löwen."
Der Sohn des Löwen sitzt nun meistens im Wohnzimmer und bewacht die Telefone. Eins davon, das irakische, funktioniert über das Internet, und wenn es klingelt, wird Kurdistan TV leiser gedreht. Wenn es klingelt, ist Babo dran.
Das andere Telefon hängt am deutschen Festnetz, es klingelt ständig. Es rufen jesidische Frauen aus Hannover an, die Kinder adoptieren wollen. Es rufen Deutsche an, die Hilfsgüter rüberschicken wollen. Paruar nennt Adressen, nennt Namen von Kontaktpersonen, telefoniert mit Anwälten und Lokalpolitikern. Er kann schnell reden.
Einmal ruft jemand auf dem irakischen Telefon an, Paruar sagt seiner Schwägerin, dass die zwei kleinen Neffen schnell aus dem Wohnzimmer müssen. Er schließt die Tür, nimmt Stift und Block in die Hand, schaltet den Lautsprecher an, sagt: "Ich höre."
Er hört eine Männerstimme, die sagt: "Sie haben meinem Sohn den Kopf abgeschnitten, meine Frau und Tochter verschleppt. Ich weiß nicht, wo ich suchen soll, hilf uns, Paruar, du musst sie finden."
Paruar notiert die Namen, er will sie den Kämpfern an der Front durchgeben. Er sagt: "Ich kann dir nichts versprechen." Er redet wie ein Politiker.
Mutter Watfa hat Tränen in den Augen, sie wischt sich mit der Hand durchs Gesicht und sagt: "Paruar, entschuldige dich bei den Menschen bitte für dein schlechtes Kurdisch."
"Ich spreche gut Kurdisch."
"Das kann ich besser beurteilen, entschuldige dich einfach, das ist höflich."
Paruar klappt seinen Laptop auf, er öffnet seine Facebook-Seite und lädt ein Video hoch von dem Telefonat, das er eben geführt hat. Sein Freund Haitham hat ihn dabei gefilmt.
"Sie haben meinem Sohn den Kopf abgeschnitten, meine Frau und Tochter verschleppt. Ich weiß nicht, wo ich suchen soll, hilf uns, Paruar, du musst sie finden."
Support. Share. Share. Share. 760 Likes.
Paruar und sein Freund klicken sich jetzt gemeinsam durch Facebook. Sehen nun auch abgetrennte Köpfe von IS-Kämpfern. Paruar klickt auf das Bild einer jungen Mutter, die sich in die Luft gesprengt hat. "Krass, wie mutig", sagt er. "Nur für ihr Volk, so traurig."
Sie klicken weiter, lesen die neuen Kommentare unter Paruars Videos: "Ich wünsche mir, dass du das kurdische Volk irgendwann mal im Parlament repräsentierst."
"Mahatma Gandhi style."
"Paruar Bako for Präsident."
"Er ist ein Ehrenmann!!"
Mutter Watfa steht am Herd, sie kocht Reis und Fleisch und hört mit, "Paruar, du machst dein Studium kaputt", sagt sie. "Jungs, ihr müsst euch rasieren, ihr seht aus wie Salafisten, entschuldigt, aber das gefällt mir nicht." Seit die Islamisten die Jesiden ermorden, rasiert sich Paruar oft. Er lässt sich die Augenbrauen mit Faden zupfen, die Wangen mit Feuer rasieren, damit die Barthaare langsamer nachwachsen.
Er bekommt einen Teller mit Fleisch und Reis von der Mutter und erzählt, dass er jetzt jesidische Waisenkinder nach Deutschland bringen will. Er hat einen Professor im Irak beauftragt, ihre Namen nach Dringlichkeit zu erfassen und zu sortieren, sie haben der Bundesregierung einen Brief geschrieben. Sie warten auf Antwort. Aber Paruar will nicht warten, keine Zeit, sagt er. Er hat jetzt ein Patenschaftsprojekt. Eine Brücke zwischen Kurdistan und Deutschland nennt er es. Er hat Anwälte gefunden, die ihm helfen, einen Verein zu gründen.
Haitham fragt: "Wie willst du deinen Verein eigentlich nennen? Bako e. V.?"
"Irgendwas mit ,Save a life' oder so ähnlich."
"Paruar, nicht vergessen und dick unterstreichen: Jesidische Kinder dürfen nur von Jesiden adoptiert werden."
"Wenn es keine jesidische Familie gibt, habe ich kein Problem damit, wenn das Kind in eine andere Familie kommt."
"Wenn das Kind in keine jesidische Familie kommen kann, soll es gefälligst zurück. Dann ist deine ganze Sache umsonst. Bei uns gibt es nicht hier und da. Du darfst doch auch nur eine Jesidin heiraten."
"Willst du, dass die Kinder dort verrecken?"
"Sie sind stolz genug, um nicht zu konvertieren, sie fliehen vor den Muslimen, und du willst sie retten und dann in muslimische Familien packen? Die würden lieber den Tod nehmen. Versprech ich dir." "Gib mir einen Kuss, Bruder, und entspann dich, ich liebe dich, ich mach so, wie du willst. Lass chillen gehen."
Sie klappen den Laptop zu, steigen in den Mercedes von Babo und fahren in die Bar "La Shisha". Sie gehört einem kurdischen Jesiden in Oldenburg.
Paruar und Haitham sitzen auf Puffkissen, rauchen Traube-Minze in der Pfeife, trinken Jacky-Cola. Seit Paruar zurück ist, wollen ihm alle die Hand schütteln, sie sagen, hast du super gemacht, wir sind stolz auf dich. Wie war's? Sie sagen, du bist braun geworden. Manche umarmen ihn, andere weinen, einer küsst ihm die Hand, aus Respekt. Sie sagen: "Paruar, du hast jetzt mehr Fame als Goethe oder Kafka."
Es kommen junge Männer auf Paruar zu, die erzählen, dass sie ihren Job gekündigt haben, weil sie bald loswollen, in den Krieg gegen IS. Sie sagen, wenn wir irgendwann ausgerottet sind, dann bereuen wir, dass wir nicht losgefahren sind.
Sie haben Angst vor dem Aussterben. Und mit der Angst ergeben die Regeln, die sie von ihren Eltern gelernt haben, endlich einen Sinn. Untereinander bleiben, nur unter Jesiden heiraten, viele Kinder bekommen, eine gute Jesidin bekommt fünf bis sieben.
Paruar sagt, seit das ist mit diesem Krieg, beschäftige er sich viel mehr mit Religion. Er zieht an seiner Shisha und redet darüber, warum Jesiden mittwochs nicht duschen dürfen. Er erklärt, dass man nur als Jeside geboren werden kann, dass man nicht konvertieren kann, dass man mit Nicht-Jesiden schlafen, aber keine Kinder zeugen darf, "man darf das Blut nicht mischen, wenn doch, bist du kein Jeside mehr".
Einer seiner Freunde sagt, "wenn man sich verliebt, kann man ja nichts dafür, klingt vielleicht krass, aber einfach nicht heiraten, daran müssen wir uns halten, jetzt erst recht". Sie reden über ihre Kasten wie über Popgruppen, Sheikh, Pir, Merit, so heißen die Kasten. Heiraten dürfen sie nur innerhalb ihrer Kaste, Paruar sagt, er und seine Jungs hätten Glück. Sie sind Merits, unterste Kaste, von ihnen gibt es viele. Wenn sie Mädchen treffen, ist die erste Frage: Was bist du? Sheikh? Pir? Merit? Wenn die Mädchen keine Antwort geben, fragen die Jungs ihre Mütter. Die jesidischen Familien in Deutschland kennen sich untereinander. Ganz unkompliziert, sagt Paruar. 80 Prozent Trefferquote.
Im Hintergrund läuft "South Park", ab und zu gucken sie hoch, dann reden sie wieder über ihre Religion, als wäre sie ein elitärer Golfklub, der streng auf Etikette achtet und keine neuen Mitglieder aufnimmt. Paruar sagt: "Familiär, tolerant, warm, geschlossen."
Er muss los, zurück ins Wohnzimmer, er hat viel zu tun. Er darf nicht nachlassen als Held. Es lebt sich gut als Held, besser als früher, als er, noch nicht mal volljährig, neue Freunde fand, die rauchten und klauten, sie waren keine Jesiden, 400 Strafstunden hatte ihn diese Freundschaft gekostet und sein Ansehen. Er hatte eine deutsche Freundin, er war auf dem falschen Weg.
Das alles ist anders geworden, seit er zurück ist aus dem Irak. Er hält Ansprachen vor der jesidischen Gemeinde, er sitzt neben Abgeordneten aus dem Irak, er nimmt auf Demonstrationen das Mikrofon in die Hand und schreit: "Ich war gerade in der Heimat, unser Volk verblutet."
Die Videos lädt er auf seine FacebookSeite. Support. Share. Share. Share. 1471 Likes.
Paruar schreibt: "Es existiert keine Verbindlichkeit, die uns von der Straße abhält. Wir sterben alle lebendig." 464 Likes.
"Paruar, pass auf, die Salafisten kennen jetzt dein Gesicht, ich mache mir Sorgen", schreibt ihm ein Mädchen. Paruar kennt sie nicht. "Finde ich lieb, dass du an mich denkst", schreibt er zurück. Seit Krieg ist, schreiben ihm viele Mädchen. Seine Follower-Zahl steigt jeden Tag, er hat inzwischen knapp 14 000. Seit Tagen trägt Paruar ein Messer um seinen Hals.
Paruar und Haitham klicken sich durch neue Nachrichten: Kobane brennt. In Bremen haben Jesiden den Flughafen besetzt. In Brüssel sind Kurden ins Parlament eingedrungen. In Celle gehen Salafisten und Jesiden aufeinander los, Treffpunkt: Hauptbahnhof. "Wir müssen nach Celle", sagt Paruar.
Seine Mutter hört das Wort "Salafisten", sie kommt ins Zimmer und sagt: "Paruar, du darfst nicht raus. Salafisten kennen keinen Gott, keine Polizei. Das sind keine Menschen, das sind Tiere", sagt sie.
"Ja, Frau Bako."
"Du machst alles hinter meinem Rücken. Wenn du fährst, rufe ich die Polizei."
"Ja, verstanden, mal gucken."
"Paruar, wenn du fährst, ich schwöre dir, ich rufe Babo an."
Watfa schläft schlecht seit Tagen. Wenn ihr Mann anruft, dann nur kurz. Er hat sich heute noch immer nicht gemeldet. Kurdistan TV läuft, sie dreht die Lautstärke hoch, "ich muss gucken, wo der IS ist", sagt sie. Sie versteht nicht, warum das nicht aufhören kann. Ihre Kinder gehen nachts auf Demonstrationen, ihr Mann ist auf dem Berg. "Warum machen diese Bakterien das, warum töten sie Menschen in Kobane, die sind doch alle Muslime wie sie?" Dann sagt sie: "Eine Scheißbakterie ist dieser IS."
Es ist ihr zu viel. Zu viel Krieg in ihrem Haus.
Das irakische Telefon klingelt, die Mutter nimmt den Hörer in die Hand, sie ahnt, dass es ihr Mann ist. Ali Bako hat Pause auf dem Berg, und er erzählt seiner Frau, dass IS gerade drei Dörfer eingenommen hat, dass sie nur noch wenige Kilometer entfernt sind, dass er ihre Schüsse hört. Er sagt, sie sind schlimmer als Mussolini oder Saddam. Überall liegen Köpfe, zurück lassen sie nur Hunde und das Vieh. Er sagt, dass er keine Zigaretten mehr hat, nur noch irakischen Tabak raucht, dass sein Asthma zurückkommt, dass er viel laufen musste in den vergangenen Stunden. Er sagt, dass seine Bandscheiben wehtun und dass die Terroristen jetzt alle Zufahrtsstraßen zum Berg übernommen haben. Wir sind umzingelt.
Das Gespräch dauert ein paar Minuten, dann legt Watfa Bako das Telefon weg und setzt sich aufs Sofa, neben ihren Sohn. Für einen Moment hört man keine Stimme in diesem Wohnzimmer.
Dann sagt Paruar: "Irgendwann klingelt das Telefon, und jemand sagt uns, euer Vater ist tot. Bald vielleicht, Mama. Babo wird nicht zurückkommen, stell dich drauf ein. Sei dann nicht traurig, er ist schon fast 60, was soll er sonst noch machen? Wir werden sagen, er ist für sein Volk gestorben."
Von Özlem Gezer

DER SPIEGEL 43/2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 43/2014
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Terror:
Babo geht kämpfen

Video 05:00

Filmstarts der Woche "Hi, ich bin Frank Zappa"

  • Video "Filmstarts der Woche: Hi, ich bin Frank Zappa" Video 05:00
    Filmstarts der Woche: "Hi, ich bin Frank Zappa"
  • Video "Slackline-Weltrekord: Wackelpartie in 247 Meter Höhe" Video 01:07
    Slackline-Weltrekord: Wackelpartie in 247 Meter Höhe
  • Video "Basketball-Kunststück: Korb aus 178 Meter Höhe" Video 00:58
    Basketball-Kunststück: Korb aus 178 Meter Höhe
  • Video "Syrische Flüchtlinge: Justin Trudeau - zu Tränen gerührt" Video 01:15
    Syrische Flüchtlinge: Justin Trudeau - zu Tränen gerührt
  • Video "Boxkampf mit Känguru: Video sorgt für Empörung" Video 00:52
    Boxkampf mit Känguru: Video sorgt für Empörung
  • Video "Cabrio-U-Boot: Oben ohne unter Wasser" Video 00:46
    Cabrio-U-Boot: Oben ohne unter Wasser
  • Video "Glatteis-Unfall: Massenkarambolage im Zeitlupentempo" Video 01:48
    Glatteis-Unfall: Massenkarambolage im Zeitlupentempo
  • Video "Barack Obama: Letzte Rede zur nationalen Sicherheit" Video 01:54
    Barack Obama: Letzte Rede zur nationalen Sicherheit
  • Video "Werbevideo der US-Polizei: May you be with the force" Video 01:28
    Werbevideo der US-Polizei: "May you be with the force"
  • Video "Kanzlerin begegnet 360-Grad-Kamera: Merkel will's wissen" Video 00:52
    Kanzlerin begegnet 360-Grad-Kamera: Merkel will's wissen
  • Video "Musik mit Knalleffekt: Solo auf der Schrotflinte" Video 00:43
    Musik mit Knalleffekt: Solo auf der Schrotflinte
  • Video "Facebook im Wahlkampf: Haben Likes Trump zum Präsidenten gemacht?" Video 01:44
    Facebook im Wahlkampf: Haben Likes Trump zum Präsidenten gemacht?
  • Video "Videoanalyse zum Nein in Italien: Bankenkrise könnte sich verschärfen" Video 02:08
    Videoanalyse zum "Nein" in Italien: "Bankenkrise könnte sich verschärfen"
  • Video "Erfolg für Naturschützer: US-Armee stoppt Pipeline-Bau durch Ureinwohner-Reservat" Video 01:37
    Erfolg für Naturschützer: US-Armee stoppt Pipeline-Bau durch Ureinwohner-Reservat
  • Video "Amateurvideos aus Sotschi: Riesenwellen treffen Olympiastadt" Video 01:01
    Amateurvideos aus Sotschi: Riesenwellen treffen Olympiastadt