20.10.2014

BrasilienDilmas sterbender Fluss

Die Regierung steckt Milliarden in umstrittene Megaprojekte wie die Umleitung des Rio São Francisco - doch der Strom trocknet aus. Auch deshalb ist die Wiederwahl der Präsidentin ungewiss.
Seit sieben Jahren wartet der Ziegenhirte Luíz Cordeiro dos Santos auf den Tag, an dem er mit Expräsident Lula auf ein Glas Wasser aus dem Rio São Francisco anstoßen kann.
Das Wasser habe ihnen Luiz Inácio Lula da Silva versprochen, als er noch Präsident war, erzählt Cordeiro. Seine Nachfolgerin Dilma Rousseff erneuerte das Versprechen: Spätestens bis 2012 sollte die staubtrockene kleine Landarbeitersiedlung Curralinho dos Anjos im Bundesstaat Pernambuco eine Leitung aus dem 20 Kilometer entfernten Fluss erhalten.
Doch das Wasser kam nie. Stattdessen herrscht hier im Sertão, dem heißen Herzen des brasilianischen Nordostens, seit vier Jahren extreme Dürre.
Die Luft flimmert vor Hitze. Luíz Cordeiro tätschelt sein Pferd und schiebt seinen Lederhut in die Stirn. Die Hälfte der über hundert Ziegen, Schafe und Rinder sei bereits verdurstet, sagt er. Das einzige Wasserloch ist nahezu ausgetrocknet, seit Mai hat es nicht geregnet. Das Wasser vom Fluss, sagt Luíz Cordeiro, sei ihre letzte Hoffnung. Doch er wartet wohl vergebens.
Am kommenden Sonntag ist in Brasilien Präsidentenwahl. Dilma Rousseff, die Amtsinhaberin, steht in der Stichwahl ihrem sozialdemokratischen Herausforderer Aécio Neves gegenüber. Einige Umfragen sehen Neves vorn. Sollte Rousseff nicht wiedergewählt werden, dann liegt das auch an der Geschichte vom Wasser des Rio São Francisco. Denn viele Wähler sind enttäuscht von der technokratischen Präsidentin und ihrer von Korruptionsskandalen erschütterten Arbeiterpartei.
Im August war Lula mit Rousseff in der Gegend gewesen, um Wahlkampf für die Präsidentin zu machen. Luíz Cordeiro und seine Nachbarn fuhren hin, sie wollten Lula fragen, wann das Wasser endlich komme. Doch sie wurden nicht vorgelassen. "Die Zuschauer waren handverlesen, angeblich aus Sicherheitsgründen", sagt Cordeiro. "Wir hatten ja keine Einladung."
Cordeiro war einst ein Landloser gewesen, er hatte in Verschlägen aus Plastikplanen am Straßenrand gehaust. Vor acht Jahren besetzte er dann mit seiner Frau und 40 weiteren Familien dieses Grundstück in der Caatinga, dem Buschwald des Nordostens. Nach langem Kampf sprachen ihnen die Behörden den Boden zu.
Das Gelände hatten die Besetzer mit Bedacht gewählt, es liegt zwei Kilometer von einer der größten Baustellen Brasiliens entfernt. Dort errichtet ein Konsortium von Baufirmen zusammen mit dem Militär die östliche Achse eines gigantischen Bewässerungssystems. Über zwei riesige Kanäle soll das Wasser des Rio São Francisco 700 Kilometer weit in die Dürregebiete des Nordostens umgeleitet werden.
Doch es wird immer unwahrscheinlicher, dass Luíz Cordeiro seine Ziegen je mit dem Wasser aus dem Fluss tränken wird. Das Megaprojekt krankt an Fehlplanungen und endlosen Verzögerungen - und zu alldem kommt nun noch hinzu, dass dem Rio São Francisco das Wasser ausgeht. Weite Teile Brasiliens leiden unter der längsten Dürre seit über hundert Jahren. In vielen Städten des Bundesstaats São Paulo wird Wasser rationiert, die Kapazität des Reservoirs, das die größte Metropole Südamerikas versorgt, ist auf 4,5 Prozent gesunken. Und der Pegel des Rio São Francisco steht so niedrig wie noch nie.
Wenn es nicht bald ausgiebig regnet, könnte der Fluss über weite Strecken austrocknen. An der Hauptquelle ist es bereits so weit, Waldbrände haben das Gebiet in den Bergen des Bundesstaats Minas Gerais verwüstet. Die Zuflüsse führen jeden Tag weniger Wasser, am Mittellauf ist der Strom über weite Strecken versandet, die Schifffahrt wurde eingestellt. Den Anrainergemeinden droht ein wirtschaftliches und ökologisches Desaster. Das Bewässerungsprojekt der Regierung könnte sich als Milliardengrab erweisen.
Der Ziegenhirte Luíz Cordeiro, der noch immer vom Wasser träumt, will trotz allem Dilma Rousseff wählen. "Sie ist für uns Arme die einzige Hoffnung", sagt er. Doch in weiten Teilen der Bevölkerung wächst der Frust über das Megavorhaben, das schon rund drei Milliarden Euro verschlungen hat - ursprünglich waren die Kosten auf die Hälfte dieser Summe veranschlagt.
Es ist eines der vielen Beispiele für die Megalomanie von Dilma Rousseffs Vorgänger, der ihr 2010 ins Amt verholfen hatte. Denn Lula wollte als der Präsident in die Geschichte eingehen, der den Bewohnern des Nordostens das Wasser brachte. Seine Nachfolgerin sollte das Bauwerk einweihen und ihm den Weg zu einem Comeback bei den Wahlen im Jahr 2018 ebnen.
Der austrocknende Strom ist nicht nur ein politisches Problem für Rousseff und Lula, er ist eine Katastrophe für das ganze Land. Dem Rio São Francisco kommt in Brasilien mythische Bedeutung zu. Kein anderer Fluss wird so besungen und verehrt. "Alter Franz", auf Portugiesisch "Velho Chico", nennen ihn die Brasilianer. 2914 Kilometer ist er lang, er durchfließt fünf Bundesstaaten. Amerigo Vespucci entdeckte die Mündung am 4. Oktober 1501, dem Gedenktag des Heiligen Franziskus, daher der Name. Über den Rio São Francisco wurden große Teile des Landesinneren erschlossen, er ist untrennbar mit der Geschichte Brasiliens verwoben.
Der Strom verbindet den reichen Südosten mit dem armen Nordosten. Er versorgt das Land mit Wasser und Energie, an seinen Gestaden florieren Weingüter und Bananenplantagen. Sojapflanzer und Maisbauern nutzen ihn als Verkehrsweg. Rund 40 Millionen Menschen sind wirtschaftlich vom Rio São Francisco abhängig.
Lula war nicht der Erste, der Großes mit dem Fluss im Sinn hatte: Schon Kaiser Pedro II. wollte im 19. Jahrhundert den Nordosten begrünen. Doch erst Lula, selbst dort geboren, wischte alle wirtschaftlichen und ökologischen Bedenken beiseite. Im Jahr 2007 weihte er die Baustelle ein.
Der Volkstribun Lula und seine Nachfolgerin Rousseff lieben Superlative: Die Umleitung des Rio São Francisco gehöre zu den 50 größten Infrastrukturprojekten der Welt, schwärmt die Regierung. Zwölf Millionen Menschen sollten davon profitieren. Und weil Wasser im Norden Wählerstimmen bedeutet, wagt es auch Rousseffs Rivale Aécio Neves nicht, das Projekt offen zu kritisieren.
Dabei gäbe es viel zu kritisieren: Über ein Jahr lang ruhten die Bauarbeiten. Unregelmäßigkeiten bei den Ausschreibungen, Korruptionsvorwürfe und technische Probleme blockierten das Projekt. In der Zwischenzeit platzte der Beton in den trockenen Kanälen auf, die Ränder erodierten, Anwohner protestierten.
Rechtzeitig vor den Wahlen nahmen die Firmen die Arbeiten wieder auf. Bis Ende 2016 soll die erste Phase des Bauwerks fertig werden. Experten halten das für Augenwischerei. "Wenn die Dürre anhält, wird es keine Einweihung geben", sagt Anivaldo Miranda, Präsident des Beirats für die Wasserversorgung am Rio São Francisco.
Bislang galt Wasser in Brasilien als unerschöpflich. Das Land verfügt über die größten Süßwasservorräte der Welt, allein der Amazonas spült jede Sekunde durchschnittlich 212 000 Kubikmeter ins Meer. Aus Gewohnheit waschen viele Hausbesitzer den Gehweg weiterhin mit Trinkwasser.
Doch seit Längerem lässt sich beobachten, dass sich das Klima verändert: Die Regenzeit setzt jedes Jahr später ein, die Niederschlagsmengen gehen zurück. Ein Grund ist die Abholzung des Amazonas-Regenwalds, was sich auf die Wasserversorgung im Südosten auswirkt: Normalerweise ziehen zur Regenzeit prall gefüllte Wolkenfelder aus dem Urwald gen Süden. Doch diese "fliegenden Flüsse" bleiben immer öfter aus.
"Der Rio São Francisco ist tot", befindet der Biologe José Alves de Siqueira Filho, Professor an der Universität von Petrolina und Autor eines preisgekrönten Buchs über den Fluss. Bis vor zwei Jahren gehörte er einer staatlichen Kommission an, die untersuchen sollte, wie sich die Umleitungsprojekte auf Flora und Fauna auswirken. "Das Projekt ist unverantwortlich", sagt Alves. "Es zerstört die Artenvielfalt und beschleunigt die Erosion."
Gern rühmt sich die Regierung damit, dass Brasilien rund 80 Prozent seiner Energie aus Wasserkraft bezieht. Doch das Land zerstört damit seine Flüsse. Neun Wasserkraftwerke unterbrechen den Lauf des Rio São Francisco. "Er ist zu einem Kanal für die Elektrizitäts- und Wasserversorgung verkommen", klagt Alves.
Der Stausee des Kraftwerks Três Marias am Oberlauf, einer der wichtigsten des Landes, ist durch die Dürre weitgehend ausgetrocknet. Beim hundert Kilometer entfernten Städtchen Pirapora, einst ein beliebtes Ausflugsziel, kann man jetzt im Flussbett Fahrrad fahren.
Das Drama setzt sich bis zur Mündung rund 2000 Kilometer nordöstlich fort, wo der Rio São Francisco in den Atlantik fließt. An den Ufern des Deltas lässt sich das Sterben des Flusses beobachten. Fast täglich tauchen neue Sandbänke und Inseln auf. Die Strömung ist so schwach, dass das Meer immer weiter in die Mündung vordringt. "20 Kilometer flussaufwärts fangen wir jetzt Meeresfische", sagt der Fischer Arisvaldo Júnior.
Das Dorf, in dem der Fischer mit seiner Familie wohnte, gibt es nicht mehr: Es lag auf einer Landzunge an der Flussmündung, die vom hineinströmenden Meerwasser weggespült wurde.
Von Glüsing, Jens

DER SPIEGEL 43/2014
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