20.10.2014

KinoKaputt machen

Ein Spielfilm über die Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen 1992 zeigt, wie Jugendliche zu Kriegern werden - verstörend und aktuell.
Jungs ziehen in den Krieg. Sie wissen nicht genau, was sie da sollen. Sie könnten auch in den Freizeitpark fahren, für ein bisschen Abwechslung. Eigentlich aber wollen sie aufstehen, arbeiten, Abend essen, Bierchen, mit der Freundin schlafen, Alltag.
Doch der Alltag ist nicht da, denn die Welt um sie herum ist eine andere geworden, wenig da zum Festhalten. Die Welt dreht sich kaum. Sie müssen also selbst ran und ihr ein bisschen Schwung geben. "Wir machen einfach alles kaputt", sagt einer. Ist ja sowieso kaum etwas heile.
Der das sagt, heißt Robbie (Joel Basman). Robbie ist drahtig, picklig, unruhig und unberechenbar. Er schmeißt mit Sprüchen um sich, wenn ihm ein Gefühl zu nah kommt, und er schmeißt Steine, wenn die Bullen kommen. Robbie ist jemand, den man ein paar Jahre später mit Ritalin behandelt hätte. Er ist eine Figur aus einem Spielfilm, der im August 1992 spielt und diese Woche als Eröffnungsfilm der Hofer Filmtage Premiere hat: "Wir sind jung. Wir sind stark".
Robbie ist jung, ja, Robbie ist aber nicht stark: Robbie ist ein Hänfling. Vor Robbie muss man keine Angst haben, denkt man, spätestens am Ende des Films weiß man, dass man das doch muss. Und man weiß auch: So einen wie Robbie gibt es nicht nur in einem Spielfilm über den August 1992.
Robbie war mal in einem Jugendklub, der ist nun aber zu, also machen er, Stefan (Jonas Nay) und die anderen ihren eigenen Klub. Sie trinken Bier, fummeln ein bisschen an den Mädchen rum, fahren an den Strand, einer malt dem anderen mit Sonnencreme ein Hakenkreuz auf die Stirn, die Haut bleibt hell. Und dann ist da der Älteste von ihnen, der Anführer, der sagt, das Land müsse sich mehr um seine Landsleute kümmern als um diese Kanaken, die völkische Revolution werde beginnen: "Eins versprech ich euch, morgen um dieselbe Zeit ist Rostock ausländerfrei."
Deutschland im August 1992: Die friedliche Revolution ist drei Jahre her, und im Rostocker Stadtteil Lichtenhagen beginnt ein Bürgerkrieg.
Der Unmut richtet sich gegen die Zentrale Aufnahmestelle für Asylbewerber. Behörden sind überfordert, Politiker sind es auch. Die Aufnahmestelle soll nicht geräumt werden, wird dann doch geräumt. Die Flüchtlinge sind weg, aber die Wut ist noch da, und auch die ehemaligen DDR-Vertragsarbeiter aus Vietnam sind noch da, sie wohnen nebenan, auf sie entlädt sich die Wut.
"Deutschland den Deutschen, Ausländer raus", bis zu 3000 skandieren das, Anwohner, Rechtsextreme, Jugendliche. Es gibt Bier und Bratwurst. Politiker sind nicht zu erreichen, Polizisten ziehen sich zurück. Jungs schmeißen Steine, schmeißen Molotowcocktails. Die 120 Menschen in dem Wohnhaus können sich gerade so auf das Dach retten. Dass keiner starb, war die gute Nachricht aus diesen Tagen 1992, als Jungs zu Kriegern wurden.
Burhan Qurbani, 33, der Regisseur des Films, sah die Bilder im Fernsehen, er war elf Jahre alt. Er ist Deutscher, dachte er, doch eigentlich hatte er sich vorher nie darüber Gedanken gemacht. Es war ja klar: 1980 geboren in Erkelenz, seine Eltern waren ein Jahr zuvor aus Afghanistan geflohen. Nun fühlte er sich fremd, Leute sagten "Schlitzauge" und "Sching Schang Schong" zu ihm, er fühlte sich wie ein Außerirdischer. Das Gefühl blieb, die Bil-
der aus Lichtenhagen blieben und die Fragen - vor allem: Warum haben die in Lichtenhagen das gemacht?
Qurbani hat viel recherchiert, auch in Lichtenhagen, und mit seinem Drehbuchschreiber ein Dossier verfasst, 73 Seiten lang, wie eine Bachelorarbeit liest es sich. Sie schreiben darin vom Zusammenwirken vieler Faktoren und vieler Akteure.
In seinem Film konzentriert sich Qurbani ein bisschen auf die Sicht der Politiker und ein bisschen auf die Sicht der Vietnamesen; was er nicht richtig schlecht macht, aber auch nicht richtig gut, er macht es ein bisschen nebenbei. Denn vor allem, und das ist großartig, erzählt er die Sicht der Jugendlichen: Er skizziert sie als Jungs, die vom Leben gar nicht viel wollen, doch weil sie auch das nicht bekommen, radikalisieren sie sich, sie werden politisch, ohne wirklich politisch zu sein.
"Diese Kinder sind keine Nazis", sagt Qurbani, "dies ist kein Film über Nazis" - bewusst nicht. Es wäre ihm zu einfach gewesen zu sagen: Klar, die Nazis waren es. Qurbani wollte erzählen, wie in Umbruchzeiten auch andere, Kinder aus bürgerlichem Haus, zu Monstern werden.
Die Jugendlichen sitzen im Kleinbus, einer von ihnen schaltet ein Lied ein, "Deutschland, ein Volk stirbt aus". Robbie stellt immer wieder um, auf den Song "Live is Life". Später, auf dem Nachhauseweg, ist es Robbie, der singt "Deutschland, ein Volk stirbt aus", und die anderen singen "Völker, hört die Signale". Qurbani schaut ihnen zu, wie sie nach Luft schnappen, ins Leere greifen, einen klaren Feind suchen und schließlich zum Kampf aufbrechen.
Wenn man sich diese Bilder aus Lichtenhagen heute ansieht, kann man sich so einen Gewaltexzess kaum mehr vorstellen. Was man sich aber vorstellen muss: dass es heute Jungs sind wie diese, unideologisch, unberechenbar, auf der Suche nach Orientierung und Halt, die den Bürgern in Deutschland Bilder aus einem Krieg mitbringen, heute heißt der Krieg Dschihad.
* Mit Joel Basman (vorn).
Von Sonja Hartwig

DER SPIEGEL 43/2014
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