27.10.2014

SPIEGEL-Gespräch„Es war mein innerliches Ende“

Der Fotograf Sebastião Salgado war ein Chronist der Katastrophen und Krisen dieser Welt. Ein Film von Wim Wenders erzählt nun Salgados Leben, das ihn schließlich dazu zwang, die Hoffnung auf den Menschen aufzugeben.
Es ist gerade erst Mittag, doch Sebastião Salgado betritt schon jetzt das International Center of Photography in Manhattan. Am Abend wird er hier seine gigantische Ausstellung "Genesis" eröffnen, 250 Fotografien, für die er acht Jahre gebraucht hat, von 2004 bis 2012. Jetzt möchte er ein paar Journalisten und ausgewählte Gäste durch die Räume führen und seine Fotos erklären. Es sind merkwürdige Bilder. Menschen sind auf ihnen kaum zu sehen, stattdessen Flüsse, Meere, Eisberge, Urwälder und Tiere, oft in stilisierter Schönheit. Wenn doch Menschen gezeigt sind, dann sind es Angehörige von Stämmen und Völkern aus den hintersten
Winkeln dieser Erde, dort, wo die Zivilisation noch nicht angekommen ist.
Trotzdem sind diese Bilder keine Naturfotografie, dafür wirken sie zu überästhetisiert. Hier möchte jemand die Welt zeigen, wie sie vielleicht ist, wie wir sie aber nicht sehen können, weil die meisten Menschen, wie Salgado offenbar glaubt, das Gucken verlernt haben (allerdings auch, weil man als normaler Mensch an diese Orte, an denen Salgado seine Fotos zu machen pflegt, gar nicht hinkäme und, wenn doch, man dort nicht lange überleben würde).
Dabei waren es gerade seine Bilder von Menschen, die Sebastião Salgado zu einem der bedeutendsten Fotografen gemacht haben. Seine Schwarz-Weiß-Fotografien von den Goldminenarbeitern in Brasilien erzählen von menschlicher Verzweiflung, Auszehrung und Gier, und obwohl die Bilder von 1986 sind, sind sie zeitlich nicht mehr zuzuordnen, sie könnten auch die Schlacht bei den Thermopylen zeigen. In den Neunzigerjahren hat Salgado von Armut vertriebene oder vom Krieg gebeutelte Menschen porträtiert, oft jahrelang, in Afrika, Südamerika, Indien oder Pakistan. Weil die Fotos gleichermaßen schockierend wie schön waren, erlangten sie große Bedeutung, und Salgado wurde, wie die Zeitschrift New Yorker einmal schrieb, so etwas wie der Bono der Fotografie.
Jahrzehntelang, sagt Salgado nun, als er durch die Ausstellung führt, habe er nur ein einziges Tier fotografiert: Das sei der Mensch gewesen, doch der habe ihn frustriert. Eine Hierarchie in der Natur scheint Salgado nicht mehr zu akzeptieren, jetzt, wo er acht Jahre lang unterwegs war bei Gorillas in Zentralafrika, bei den Pinguinen auf den Galápagosinseln - oder bei Menschen mit Reptilienhaut in Äthiopien. "Sie streuen sich heiße Asche in offene Wunden", erklärt Salgado, vor seiner Fotografie stehend, "das führt zu Infektionen, die diese wulstigen Narben hervorrufen, die auf größerer Fläche dann aussehen wie Reptilienhaut." Es seien sehr starke Menschen, und man spürt, dass Salgado von diesen Reptilienkriegern mehr Achtung hat als vor all den Kunstkritikern im Raum.
Der Filmemacher Wim Wenders hat zusammen mit Salgados Sohn Juliano das Leben des Fotografen verfilmt. "Das Salz der Erde" heißt der Film, der diese Woche in den deutschen Kinos anläuft. Der Regisseur und der Fotograf haben sich gut verstanden, was auch daran liegen kann, dass beide ein relativ unverkrampftes Verhältnis zu Pathos haben.
Zwei von Salgados berühmtesten Bildern, sagt Wenders, eines aus der Goldmine in Serra Pelada sowie eine blinde Tuareg-Frau aus der Sahelzone, hingen bis heute über seinem Schreibtisch. Für ihn seien sie Ausdruck tiefster Menschlichkeit.
SPIEGEL: Herr Salgado, wo sind die Menschen auf Ihren Bildern geblieben?
Salgado: Das ist eine lange und traurige Geschichte.
SPIEGEL: Erzählen Sie, bitte.
Salgado: Mitte der Neunzigerjahre ging es mir nicht gut. Ich hörte auf zu fotografieren und ging nach Brasilien zurück, wo ich 25 Jahre lang nicht gelebt hatte.
SPIEGEL: Was war passiert?
Salgado: Sie werden sehen. Ich kam also zurück nach Brasilien. Meine Eltern waren alt geworden. Mein Vater hatte eine Farm im Südosten des Landes. Er hatte immer gewollt, dass ich sie übernehme, denn sonst hatte ich nur sieben Schwestern. Aber ich war in der Welt unterwegs gewesen. Jetzt, wo es mir schlecht ging, dachte ich, die Farm würde mir guttun. Hier hatte ich als Kind gelebt. Damals kam es mir vor wie ein Paradies. Aber die Farm war völlig zerstört, alle Bäume gerodet, der Boden ausgetrocknet. Jetzt war es die Hölle. Ich war enttäuscht. Mein Leben schien misslungen, meine Gesundheit kaputt. Ich habe dann mit meiner Frau begonnen, den Regenwald wieder aufzuforsten. Wir sorgten für Wasser, pflanzten die ersten Bäume, die Vögel kamen zurück. Mein Konzept von Leben begann sich zu ändern. Ich begann zu begreifen, dass Menschen nicht so wichtig sind, wie ich geglaubt hatte. Ich wäre vorher fast gestorben für unsere Gattung, die Menschen. Aber so hart es klingt, unsere Gattung verdient es nicht, dass wir für sie sterben.
SPIEGEL: Warum?
Salgado: Es hat Momente in meinem Leben gegeben - beim Irakkrieg, im ehemaligen Jugoslawien, vor allem in Ruanda, Kongo oder Burundi -, in denen ich unvorstellbare Brutalität erlebt habe. Mehr und mehr bekam ich Gewissheit, dass uns Menschen ein großer Fehler unterlaufen ist. Immer wieder wird uns erklärt, dass wir einander lieben sollen: Wir stellen Regeln auf für ein Gemeinwesen. Sokrates, Platon, Sie wissen schon. Ich glaube inzwischen, dass da der Fehler liegt. Ich glaube inzwischen, unsere wahre Bestimmung ist es, dass wir uns bewaffnen. Und dass wir uns gegenseitig töten bis zum Ende.
SPIEGEL: Wirklich? Dann wäre alles hoffnungslos. Dann können wir hier im Grunde aufhören, uns zu unterhalten.
Salgado: Dieses Wissen über uns Menschen, das ich durch mein Leben als Fotograf erlangt habe - ich sage Ihnen, dieses Wissen ist kaum auszuhalten. Ich habe den Glauben an uns verloren.
SPIEGEL: Was für Erlebnisse waren es, die Sie dahin gebracht haben?
Salgado: Als ich 1994 im Kongo war, starben die Leute vor meinen Augen. 12 000 am Tag, manchmal 15 000. Die Hutus waren nach ihrem Völkermord an den Tutsis aus Ruanda geflohen. Sie starben in den Flüchtlingslagern an Krankheiten, Diarrhö, Cholera. Die Überlebenden hatten keine Kraft, ein Loch zu graben und die Verstorbenen zu begraben. Da waren Berge von Leichen. Manche Haufen waren 150 Meter lang, 5 Meter breit, 4 bis 5 Meter hoch. Drei davon hintereinander, das machte 40 000 Leichen. Einmal, als ich da fotografierte, kam ein Mann. Er hielt seinen toten Sohn in den Armen. Und schmiss ihn auf den Haufen mit den Leichen. Da lagen aber schon 15 000. Jetzt lag da einer mehr. Ich sprach den Mann an, er konnte Französisch. Er erzählte mir, dass sein Sohn am Morgen gestorben war, als berichte er mir von einem Fußballspiel. Es war in diesem Moment, dass ich begriff: Die größte Stärke unserer Intelligenz ist die Fähigkeit, uns jeder Situation anzupassen. Der Mann ließ seinen Sohn dort auf dem Haufen liegen. Und würde selbst losgehen, um zu töten. Es war dieser Moment, an dem ich selbst begann zu sterben.
SPIEGEL: Was meinen Sie mit sterben?
Salgado: Als ich nach Hause nach Paris kam und dort mit meiner Frau schlief, ejakulierte ich kein Sperma, sondern Blut.
SPIEGEL: Das kann eine Entzündung sein oder eine innere Verletzung.
Salgado: Ich bin zum Arzt gegangen. Ich hatte vier oder fünf offene Infektionen auf meinem Körper, eine zwischen meinen Hoden. Ich glaubte zunächst, wie Sie, ich hätte mir eine Infektion eingefangen. Kann passieren in Afrika. Ein Freund schickte mich zu verschiedenen Ärzten, in verschiedene Labors. Ich glaubte, meine Prostata sei hinüber. Nein, sagten die Ärzte, die Prostata ist komplett gesund. Die Infektionen kommen von Ihnen selbst. Sie werden von Ihrem eigenen Körper angegriffen.
SPIEGEL: Was bedeutete das?
Salgado: Das fragte ich auch. Der Arzt sagte: Es bedeutet, dass Sie sterben. Sie haben so viel Tod gesehen, dass Ihr Körper sich daran gewöhnt hat. Sie müssen aufhören damit. Sonst sind Sie in kurzer Zeit tot.
SPIEGEL: Mit Verlaub: Haben Sie das geglaubt?
Salgado: Ja.
SPIEGEL: Sie arbeiteten damals ja schon seit einiger Zeit als Fotograf in Krisengebieten. Es heißt immer, man stumpfe ab. Waren Sie nicht gewohnt an solche Bilder?
Salgado: Nicht in diesem Ausmaß. Überall hatte ich noch den Rest eines Gemeinschaftsgedankens gefunden. Im Kongo und in Ruanda nicht mehr.
SPIEGEL: Waren Sie vielleicht nur deprimiert und ausgebrannt?
Salgado: Ach. Eine Depression? Es war mehr. Es war mein innerliches Ende.
SPIEGEL: Verzeihen Sie, ist das nicht zu dramatisch?
Salgado: Nehmen Sie die Bilder aus "Genesis", die wir eben gemeinsam angesehen haben: Das ist das Leben. Die Leute sagen, ich sei ein Dokumentarfotograf. Manche sagen sogar, ich sei ein Aktivist. Nichts davon stimmt. Die Fotografien spiegeln immer das Leben wider, das der Fotograf führt. Damals waren mein Verhalten und mein Leben verbunden mit dieser Gewalt.
SPIEGEL: Egal in welch gewalttätigem Umfeld Ihre Bilder entstanden, sie waren immer ästhetisch. Sollte der Krieg, das Böse, das Elend nicht besser hässlich aussehen?
Salgado: Ich wurde dafür immer kritisiert, ja. Dass meine Arbeiten zu schön seien, von den Minenarbeitern oder von hungernden Menschen. Aber ich kann keine anderen Fotos. Fotografie ist eine sehr formale Sprache. Sie haben einen Ausschnitt, einen Raum und das Licht. Bei "Genesis" war es das Ziel, die Schönheit des Planeten zu entdecken. Um sie zu finden, muss man durchs Eismeer fahren. Manchmal muss man lange warten, bei minus 40 Grad, sieben, acht Stunden für ein einziges Bild, manchmal auch Tage. Die Dinge passieren nicht einfach vor Ihnen.
SPIEGEL: Geht es Ihnen möglicherweise auch darum, unter diesen Bedingungen zu bestehen? In den Kriegen waren es vor allem die psychischen Härten, die es durchzustehen galt. Jetzt setzen Sie sich körperlichen Härten aus.
Salgado: Nein. Es war natürlich nicht einfach. Ich bin 70 Jahre alt. Ich hatte Erschöpfungszustände. Man kriegt Malaria. Andere Krankheiten. Aber man kann sich daran gewöhnen. Das würden Sie auch.
SPIEGEL: Waren die Stammesmitglieder auch so begeistert, Sie zu treffen, wie Sie begeistert waren? Versteht man sich?
Salgado: Kein Problem. Wenn Sie in diese Gruppen kommen, kommen Sie zu sich selbst. Sie kommen in eine Gemeinschaft von Menschen. Natürlich bin ich 10 000 Jahre von denen entfernt, denn die leben in der Steinzeit. Doch man merkt schnell, dass man die gleichen Prioritäten hat. Die lieben auch ihre Frauen. Sie lieben ihre Kinder. Sie essen gern. Es dauert nur ein paar Stunden, sich dort einzufinden. Ich komme nicht in eine Gemeinschaft von Raubkatzen oder so. Ich komme in eine Gemeinschaft meiner Art. Man berührt sich. Man lacht.
SPIEGEL: Eine Fotografie aus "Genesis" zeigt die Krallen einer Meerechse. Sie ist als solche aber kaum erkennbar, sondern erinnert an eine menschliche Hand in einem Strasshandschuh. Geht es Ihnen möglicherweise gar nicht unbedingt darum, eine faktische Wirklichkeit abzubilden?
Salgado: Faktisch, was soll das sein?
SPIEGEL: Glauben Sie, dass in einer ästhetischen Zuspitzung eine tiefere Wahrheit liegen kann?
Salgado: Wahrheit, mein junger Freund, gibt es ohnehin nicht. Weder das eine Bild noch das andere ist wahr. Auch die Fotos, die Ihr Kollege jetzt gerade von mir schießt, sind die wahr? Vielleicht. Sind sie objektiv? Natürlich nicht. Sie sind seine Art, die Wahrheit zu sagen. Am Anfang des Films sitze ich in Brasilien auf der Farm in diesem unglaublichen Licht. Mein Vater hat mich als Kind dort immer hingebracht. Und wenn im Herbst die Stürme kamen, saß ich dort und beobachtete den Himmel, wie er sich verfinsterte. Das war für mich die Welt. Diese Bilder sind bis heute in mir. Und wenn ich in einem Bruchteil einer Sekunde auf den Auslöser drücke, ist all dies in dem Foto.
SPIEGEL: Warum haben Sie 1969 Ihre Eltern und ihr Heimatland verlassen?
Salgado: Ich konnte nicht bleiben. Ich hatte an der Universität von São Paulo Wirtschaftswissenschaften studiert. Ich war natürlich Marxist und hatte starke Verbindungen zur linken Widerstandsbewegung, die gegen die Militärdiktatur kämpfte. Nach dem Studium hatte ich zwei Jobs. Morgens habe ich im Finanzministerium des Staates São Paulo gearbeitet, nachmittags bei einer Firma für wirtschaftliche Entwicklung. Das Gehalt des zweiten Jobs habe ich an die ALN, eine militante Widerstandsgruppe, gespendet.
SPIEGEL: Der Anführer Carlos Marighella war einer der Begründer der Stadtguerilla.
Salgado: Hat ihm nichts genützt. Er wurde 1969 vom Militär in einen Hinterhalt gelockt und getötet. Ich hatte ihn vorher einmal getroffen. Der Druck der Junta wurde irgendwann so hoch, dass fast alle meine Bekannten im Gefängnis saßen und gefoltert wurden. Jede Nacht lagen meine Frau Lélia und ich wach und warteten, abgeholt zu werden. Ich war zu 100 Prozent Idealist.
SPIEGEL: Kann man heute nicht mehr sagen.
Salgado: Irgendwann stand ich vor der Wahl, das Land zu verlassen oder in den Untergrund zu gehen mit einer Waffe in meiner Hand. Aber wir waren zu jung. Lélia war 22, ich war 24. Als wir Brasilien verließen, haben sie uns unsere Pässe weggenommen. Elf Jahre lang konnten wir nicht zurück, konnten unsere Eltern nicht mehr sehen. In Paris begann ich zu promovieren, Lélia studierte Architektur. Sie musste dafür eine Kamera anschaffen, um Gebäude zu fotografieren. Aber die lag meistens herum. Im Juni 1970 machte ich das erste Foto meines Lebens.
SPIEGEL: Was haben Sie fotografiert?
Salgado: Lélia. Es veränderte mein Leben. Als ich gerade meine Doktorarbeit beenden wollte, bekam ich ein Stellenangebot in der Investmentabteilung der International Coffee Organisation in London. Sie schickten mich häufig nach Afrika. Ruanda war das erste Land, das ich besuchte, dann Kenia, Uganda. Ich nahm die Kamera mit, machte Aufnahmen. Zurück in London entwickelte ich die Bilder in der Küche. Sie gaben mir so viel mehr Befriedigung als die Wirtschaftsberichte, die ich schrieb. Bald hatte ich ein Angebot von der Weltbank. Hier war ich, ein junger Ökonom von einer Farm in Brasilien, der in Paris studiert hatte, seinen Doktor machte und ein Angebot der Weltbank in der Tasche hatte. Ich ging mit Lélia im Hyde Park rudern. Was sollte ich tun? Alles aufgeben und fotografieren?
SPIEGEL: Sie haben gekündigt.
Salgado: Und von dem Geld, das ich verdient hatte, kaufte ich mir eine Fotoausrüstung. Ich bekam erste Aufträge in Paris für Gewerkschafts- und Kirchenzeitungen, machte Sozialreportagen und solche Sachen, es funktionierte. 1973 gab es eine große Hungersnot in Niger. Ich kannte einen Brasilianer dort, der für Entwicklungshilfe zuständig war. So konnte ich mit den Hilfskonvois mitfahren, mit den Flugzeugen der Belgier mitfliegen. Meine Bilder wurden überall gedruckt, die großen Blätter, Paris Match, Newsweek. Damit waren die Türen offen. 1979 kam ich zu der Agentur Magnum. Es ergab sich ein Auftrag nach dem anderen, ich bereiste alle Länder, blieb manchmal monatelang weg.
SPIEGEL: In dem Film ist Ihr Sohn Juliano neben Wenders Koregisseur. Es geht auch darum, dass Ihr Sohn Sie erstmals richtig kennenlernt. Als er aufwuchs, waren sie kaum da.
Salgado: Meine beiden Söhne - ich habe noch einen zweiten, Rodrigo, der am Downsyndrom leidet - wuchsen in meinem Herzen auf. Aber die Dinge, die ich zu fotografieren hatte, passierten nicht vor meiner Haustür in Paris. Ja, ich bin immer wieder gegangen. Lélia war immer da. Sie hat mir den Rücken freigehalten.
SPIEGEL: Heute undenkbar. Zwei Kinder, eins mit Downsyndrom. Und der Vater fotografiert Hungersnöte und Kriege am anderen Ende der Welt.
Salgado: Wir waren Migranten. Wir hatten nur wenige Freunde. Deswegen wussten wir, dass wir zusammengehören. Und ich musste viel Geld verdienen. Wir brauchten es für Rodrigo. Niemand ist auf so etwas vorbereitet. Wenn ich keine Zeit hatte, meine Bilder zu beschriften, hat Lélia es für mich getan. Sie hat die Fotos auf ihrer Vespa in die Redaktionen gefahren. Ich bin mit Lélia in diesem Jahr seit 50 Jahren zusammen. Sie ist auch heute hier.
SPIEGEL: Für viele Kriegsfotografen ist der Beruf auch eine Flucht vor einem geregelten Leben, vor dem Alltag, vor sich selbst.
Salgado: Das stimmt. Aber ich habe diese Kriege fotografiert, weil ich es für eine weltanschauliche Berufung hielt. Der schönste Moment war allerdings immer, wenn ich das letzte Taxi zum letzten Flugzeug bekam, um nach Hause zu fahren.
SPIEGEL: Ihr Sohn hat Sie nun für den Film auf einigen Ihrer Expeditionen begleitet. Waren diese Extrembedingungen nötig, damit Sie sich kennenlernen?
Salgado: Vielleicht. Ich konnte auf diesen Expeditionen endlich wie ein Vater sein und mein Wissen an ihn weitergeben. So wie es mein Vater mit mir getan hat.
SPIEGEL: In dem Film sieht man, wie Sie mit Ihrem Sohn auf einer Insel im Nordpolarmeer Walrosse fotografieren und dabei auf einen Eisbären stoßen. Ihnen scheint das große Befriedigung zu verschaffen, alle anderen frieren und haben Angst.
Salgado: Der Bär war hungrig. Wir hatten Angst. Aber ich wollte sein Foto. Wir haben uns in einer Hütte verschanzt, haben uns mit Holz eingemauert. Der Bär stand draußen direkt vor uns. Aber es war kein Foto. Es wäre nur ein Bär auf einem Bild gewesen, kein Hintergrund, keine Kontraste, keine Bewegung. Ich zeigte Juliano, wie man über den Boden robbt, ohne dass der Bär uns bemerkte.
SPIEGEL: Oje.
Salgado: Nach uns kam ein BBC-Team. Denen hat er ihr Schneemobil zertrümmert.
SPIEGEL: Sehen Sie? Die Bären sind auch nicht besser als die Menschen. Was ist jetzt mit den Menschen? Haben Sie wirklich die Hoffnung verloren?
Salgado: Ich versuche, darüber nicht mehr nachzudenken.
SPIEGEL: Herr Salgado, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
Das Gespräch führte der Redakteur Philipp Oehmke.
Von Philipp Oehmke

DER SPIEGEL 44/2014
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